Aufmerksamkeitsökonomie

Imagine they delete Instagram, and boom! You´re not a model anymore.” Diese und ähnliche tiefgründige Zitate füllen die sozialen Medien, Instagram eingeschlossen. Fühlt sich irgendwie gut an dieser Spruch, aber darüber werden tausende Influencer, erfolgreiche D2C Brands und Co. nur lachen. Ich will in diesem Artikel gar nicht auf das Für und Wider der Plattformen eingehen, wie es z.B. Nena Schink in ihrem neuen Buch Unfollow gemacht hat. Mir geht es eher darum, was diese Medien (-plattformen) für Medien, Händler und Marken bedeuten und wie man sich verhalten kann. Wie kann man heute noch Meinungsführer für ein bestimmtes Thema werden? Sollte ich einen Podcast starten, oder ein Blog? Wie wichtig ist eigentlich Video? Warum brauche ich eine Whatsapp Gruppe? Was soll man tun, wenn dir potenzielle Neukunden bei Instagram und Co. nur noch 2-5 Sekunden ihrer Aufmerksamkeit schenken?

Seit ein paar Jahren messe ich den „Erfolg“ der Kassenzone mit dem Faktor „Konsumzeit“. Wie lange, wie intensiv und wie oft verbringt die Zielgruppe mit den diversen Formaten Zeit. Je mehr Zeit verbracht wird, desto besser ist das für die Aufmerksamkeit für meine Themen. Wenn man dafür eine Formal sucht, dann wäre das in etwas: f(Aufmerksamkeit) = Anzahl/Zielgruppe * Zeit * Intensität. Je intensiver und ablenkungsfreier Content konsumiert wird, desto besser. 5 Minuten Podcast Konsum sind aus meiner Sicht wertvoller als 5 Minuten Insta TV. Je stärker die sozialen Plattformen werden, desto eher muss ich als Contentanbieter dort für die Aufmerksamkeit der Nutzer zahlen in Form von Geld oder Zeit. Warum eigentlich?

„Soziale Medien sind keine (News) Kanäle.“

Ein Blick zurück führt uns ins Jahr 2008, das Jahr (in meiner Erinnerung) in dem Twitter und Facebook in Deutschland langsam relevante Größenordnungen erreicht haben. Twitter hat sich sehr früh als Medium präsentiert, dass es den Nutzern einfach gemacht hat externe Quellen zu teilen, zu kommentieren und in Form von 140 Zeichen eigenen „Content“ zu erstellen. Ich kann mich noch an die Flurgespräche im Büro erinnern, in denen Twitter für Neueinsteiger als eine Art „SMS, aber online und jeder kann mitlesen“ vorgestellt wurde. Das ist rückblickend totaler Quatsch, aber so ist das eben, wenn man Analogien für Powerpointfolien erzeugen muss. Schließlich ist der ein oder andere Onlineshop eines Multichannelhändlers auch eine Art „Onlinefiliale“. Auch das ist Quatsch, aber das wissen die meisten Leser hier natürlich. Facebook hingegen hat 2008 schon versucht selbst zur Contentplattform zu werden und das über das Konzept der „Gruppen“ gepusht. Für jedes Thema gab es eine Gruppe und wir dachten damals mit 100.000 oder gar mit einer Million Gruppenteilnehmern werden wir bald reich – quasi wie ein sehr großes Forum, nur auf Facebook. Auch totaler Quatsch, wie wir heute wissen, aber so war das vor grob zehn Jahren eben. Aufmerksamkeit gab es mit etwas Facebook SEO quasi geschenkt. Obwohl beide Medien ihre Eigenarten hatten, haben die Medienschaffenden wie z.B. Zeitungen oder eben ich mit kassenzone.de auf diese Plattformen geblickt wie wir damals auch das RSS Protokoll gesehen haben – neue Wege, um „unseren“ Content unter das Volk zu bringen. Uns ging es beim Verständnis von Kanälen immer nur ums SENDEN von Informationen, um die damit generierte Aufmerksamkeit in unseren eigenen Kanal zu lenken. Die (neuen) sozialen Medien belohnen aber fast nur noch diejenigen die das SENDEN nutzen, um im gleichen Kanal zu kommunizieren, Feedback zu erhalten, Diskussionen anzustoßen und ihr Netzwerk zu pflegen.

Erst mit etwas Zeit hat sich das Verständnis über diese neuen Plattformen entwickelt, mit dem wir heute durchaus sagen können, dass die Plattformen sich selbst nie als „Kanal“ verstanden haben, sondern immer als Medium mit eigenen Inhalten, um die Kunden und deren Aufmerksamkeit dort zu halten, um diese dann zu monetarisieren. Die Regeln der Plattformökonomie gelten für soziale Netzwerke genauso wie für Amazon & Co.

Das Thema Kundenzugang verkaufen statt Assets verkaufen spielt sich aus meiner Sicht in anderen Industrien analog ab. Unternehmen die bisher davon gelebt haben ein konkretes Gut zu handeln (Bei Banken z.B. Geld) und dieses mit Aufschlag an Kunden weiterzuverkaufen, haben erhebliche Probleme dieses Modell in die Plattformökonomie zu überführen.

Für mich selbst war 2016 ein Artikel auf Buzzfeed.com lehrreich, der das damals neue Phänomen Snapchat untersucht hat. Der schreibende Journalist hat seine „kleine“ Schwester dabei beobachtet wie sie die Plattform nutzt. Entgegen seiner (und meiner) Vorstellung ging es ihr dabei gar nicht so sehr um den Austausch von Informationen, sondern um das Erreichen bestimmter Feedbacks in Form von Antworten und Likes. Die Verbreitung von Informationen war komplett nebensächlich, das Anstoßen von (für uns) relevanten Diskussionen ebenfalls.

I just need to mention this: While I was talking to Brooke, she mentioned that she has 700 unanswered texts “just from today.” Brooke is usually the first person to look at anything I post on Snapchat. I can confirm that she is on there ALL DAY.

Der Autor hat auch nach der Geschichte noch versucht bei Snapchat erfolgreich zu werden. Es hat leider nicht funktioniert. Für mich war seine Beobachtung allerdings bahnbrechend.

Wir können die Medien verstehen, aber deshalb können wir sie noch lange nicht bedienen.

Eine Hürde beim Verständnis der neuen Medien ist sicherlich die zunehmend sinkende Altershürde unser Alter. Im Vergleich zu Snapchat ist Twitter ein Netzwerk alter Männer und Frauen. Auf Twitter dürfte die Eintrittsbarriere (für uns) für die Teilnahme an Diskussionen vergleichsweise gering sein. Halbwegs intelligente Menschen können dort mit etwas Übung sinnvolle oder eben weniger sinnvolle Inhalte hinterlassen, lernen schnell wie man „retweetet“ und man einen eigenen Thread aufbaut – altersgerecht eben. In den letzten Jahren konnte man auch durch diverse Seminare lernen, wie man letztendlich auch auf den neuen Kanälen erfolgreich sein konnte. Eines der dort immer wieder gezeigten Beispiele ist der Instagram Account von Gary Vaynerchuck, ein B2B Superinfluencer, der seine eigene Marketingstrategie permanent in Form von diversen Videos und Text-Bild Postings reproduziert. In seinem 86 seitigen Marketingdeck lässt sich das sogar nachlesen. Er fasst die Strategie wie folgt zusammen:

Personally, I create a ton of content. I publish a new episode everyday on the GaryVee Video Experience, which is distributed on my YouTube channel, Facebook Watch Page, and IGTV. I then also have a daily podcast called the GaryVee Audio Experience, which is distributed on my iTunes, Overcast, and Stitcher, amongst some other platforms. In addition to what I just mentioned, I continually post “micro content”, that is distributed to my Instagram, Snapchat, LinkedIn, Quora, and many of my other social channels. “Micro content” is created from each episode and is used to drive awareness back to the original long-form content. Long story short, I am constantly creating and posting as much content as possible and in a way that is contextual to each platform.

Der aufmerksame Leser wird merken, dass es gar nicht mehr um Inhalte geht oder gar um echte Diskussionen & Feedback, sondern nur darum maximal viel Aufmerksamkeit der Leser, Hörer, Zuschauer zu erlangen, um diese dann zu monetarisieren, z.B. indem man Marketingseminare verkauft, die erklären wie man zu mehr Aufmerksamkeit erlangt.

Armin Müller hat diese Strategie in einem Facebook Post passend zusammengefasst:

Zusammenfassung des legendären 86 Seiten Gary Vee Marketing Decks (seiner Meinung nach ist das mindestens 10k wert). Jetzt die Key Essenz daraus ganz allein nur für euch –> „ERZEUGE SOGENANNTEN „PILLAR“ CONTENT. DAS KANN EIN LANGES VIDEO SEIN, Z.B. EINE AUFNAHME EINER KEYNOTE. LADE ES AUF FACEBOOK UND YOUTUBE HOCH. NIMM DIE AUDIO SPUR UND MACH DARAUS EINEN PODCAST. DANN MACH AUS DEM PILLAR CONTENT MICRO CONTENT UND DANN DELIVER DAS ZEUG AUF GANZ VIELEN KANÄLEN. DARAUF LIES DIR DIE KOMMENTARE DURCH UND MACHE AUS DEREN INHALTEN WEITEREN MICRO CONTENT FÜR GAAAAAANZ VIELE KANÄLE.“ / So das machst Du jetzt und bald bist Du 160Mio$ schwer, wie Gary Vee himself. Nicht zu vergessen: Work your fucking face off – um im Gary Slang zu bleiben.

Gary hat allerdings in einer Sache Recht. Um auf einem dieser Medien erfolgreich zu sein braucht es guten (einzigartig, unterhaltsam, edukativ…) Content und starkes Durchhaltevermögen, ggf. über Jahre. Wer das berücksichtigt, wird Erfolg haben. Aber wer hat schon 12h Zeit am Tag über mehrere Jahre, verbunden mit einer guten Idee. Die meisten von uns wollen Erfolg, sofort, und am besten ohne Arbeit. Wer also nicht wie Gary selbst 10-15h am Tag mit der Produktion, Präsentation und dem Management sozialer Medien (er betreibt ca. ein dutzend Kanäle) verbringen will, muss sich etwas anderes ausdenken.

2018 habe ich selbst ein paar Wochen damit verbraucht den @supergraf Instagram Kanal aufzubauen, guten Content zu produzieren. Das war für mich sehr lehrreich und in Summe kaum erfolgreich, obwohl ich mir für das Experiment kompetente Unterstützung besorgt hatte mit Elias Vides (meines Erachtens die beste Social Agentur in Deutschland!). Die Art und Weise wie dort Inhalte präsentiert werden, kommentiert werden und vor allem die Dauer ihrer Relevanz hatte mit all den mir bekannten Kanälen nix zu tun. Abgesehen davon fühlt es sich für mich sehr seltsam an im Instagram Stil Videos aufzunehmen, um innerhalb von 5-9 Sekunden die Zuschauer zu überzeugen, zu binden und ggf. noch zu konvertieren.

Unter diesen Bedingungen muss man nun Videos produzieren, die also in 2-3 Sekunden den Zuschauer fesseln und in den verbleibenden 5 Sekunden davon überzeugen dir bei Instagram zu folgen. „STOP STOP STOP, du kannst aufhören zu lesen, wenn…..“ So in der Art.

Hat sich der Aufwand also gelohnt im Sinne eines „Return on Invest“. Ganz sicher nein. Aber die Lernkurve war wichtig und die Erkenntnis, dass die erfolgreichen Kanäle vieler aktuell gehypter Influencer sehr viel Arbeit bedeuten. Dazu aber später mehr.

Facebook ist (noch) nicht tot

Kaum etwas in den neuen Kanälen nervt so sehr wie die ständigen Regeländerungen durch die Plattformen. Eben noch „goldene“ Strategien zur Reichweitengewinnung werden über Nacht durch die Interessen der Plattform zunichte gemacht. Das für meine Generation prägende Beispiel sind und waren die Facebook Gruppen. In 2010 hatten wir gerade noch die unterhaltsamen „Dicke Kinder sind schwerer zu kidnappen…..“ Gruppen bei StudiVZ hinter uns gelassen, um zwischen 2011 und 2013 zu allen möglichen Themen Gruppen innerhalb des Facebook Netzwerks aufzubauen, weil man da als First Mover dutzende Themen besetzen konnte und die organische Reichweite geschenkt bekommen hatte…… dachten wir. Mit der Professionalisierung des Facebook Werbesystems war es dann aber schnell dahin mit der organischen Reichweite. Die tausenden, hunderttausenden, teilweise Millionen Mitgliedern von diversen Gruppen konnten nicht mehr kostenlos erreicht werden. Nur noch Gruppen mit einer sehr hohen organischen Aktivität erzielten noch respektable Ergebnisse und das ist, wider anderslautenden Aussagen im Netz, noch immer so. Es fühlt sich zwar bei Weitem nicht so intim und sortiert an wie in den großen Zeiten der Onlineforen (ich hatte selber so ein phpbb Forum), aber sie funktionieren. Zwar fühlt sich Facebook im Vergleich zu Instagram und Co. an wie Windows 95, aber für bestimmte Zielgruppen reicht es aus, es funktioniert und es ist mit seinen Forenfunktionen für einige Nischen nur schwer zu ersetzen.

Es funktioniert allerdings nur dann, wenn man den Content innerhalb von Facebook erzeugt, dort moderiert und vor allem die intern verfügbaren Dienste nutzt. Nur so akzeptiert Facebook die Existenz einer Gruppe. Wenn man es so macht wie ich mit der Kassenzone Facebook Gruppe und „nur“ Content teilt, ist die Reichweite irrelevant. Ende 2019 hatte ich das auch mal bemängelt. So ist es nun einmal in der Plattformökonomie. Spiele nach den Regeln der Plattformen oder spiele woanders. Mittlerweile ist die Facebook Gruppe gelöscht.

Facebook muss sich allerdings um uns keine Sorgen machen. Dank der Reichweite von Instagram, Whatsapp & Co. haben sie auch in Europa noch eine Menge Reichweite und der Facebook Messenger ist in den USA führend. Dort läuft es also noch mit dem Netzwerk der über 40-jährigen. Vielleicht war es „damals“ auch nicht komplett demokratisch geregelt im Internet, aber heute muss ein Medienanbieter/Influencer schon sehr genau überlegen wen er wo, wie lange erreichen will.

  • Ü40 Jährige in Westeuropa? Facebook
  • U20 Jährige in Westeuropa? TikTok
  • Gamer westliche Welt? Twitch
  • Berufstätig und über 30? LinkedIn
  • Verschwörungstheoretiker? Telegram & Facebook

Diese Einteilungen sind komplett subjektiv und sicher nicht komplett richtig, aber gemäß dieser Einschätzung müsste ich viel Zeit in den Aufbau und die Pflege der Kassenzone Gruppe investieren. Dort sind wir, die potenziellen Empfänger, schön geclustert nach Demographien, Interessen und sozialen Parametern. Gut erreichbar in verschiedensten Ad Systemen, sofort für Geld. Oder halt organisch mit viel Einsatz und Geduld, und das möglicherweise nur temporär bis das Adsystem bzw. die Werbenachfrage stark genug entwickelt ist. Problem für mich: Diese Gruppe gibt es wahrscheinlich in 2-3 Jahren nicht mehr, weil die Plattform kaum noch relevant ist.

Jedes Medium fordert sein eigenes Format (und hält es fest)

Alles gar nicht so leicht mit der schnellen Reichweite und dem Luxusleben als Influencer. Seit meinem Experiment bei Instagram 2018 verfolge ich via Instagram ein paar ausgewählte Accounts, um besser zu verstehen wie diese funktionieren und was an Arbeit dahintersteckt. Besonders beeindruckt bin ich immer wieder von Pamela Reif. Unfassbar in welcher Frequenz sie Content produziert, ihr Leben verfilmt und dabei eine Aktivitätsrate hat (% Likes, Comments…) hat, die von vielen anderen unerreicht ist. Ja, auch den ersten Blick sieht der Account aus wie von jeder anderen Fitness Influencerin, aber das was sie mit dem Miniteam macht ist herausragend. Ja, aber wo ist denn da nun der einzigartige schlaue Content, gemessen an unseren 1990er Standards? Den gibt es nicht bzw. der spielt für sie keine Rolle, weil die Aufmerksamkeitsökonomie in ihrer Zielgruppe so nicht mehr funktioniert.

Sie befolgt dabei die Plattformregeln. Einzigartigen Content produziert auf der Plattform, für die Plattform. Aber auch ihr fällt es schwer die neuen Plattformen zu erobern – in ihrem Fall wäre das TikTok. Diese Plattform erfordert anderen Content, bessere Videos, noch schnellere Erlebnisse und die Nutzer haben noch weniger Zeit. Es fällt der ersten Generation der Influencer enorm schwer dorthinzuwechseln. Pamela gehört schon zur zweiten Generation, die das wahrscheinlich noch meistern kann, um dann noch ein paar Jahre vorne mitmachen zu können.

Zu dem Thema habe ich ein langes Gespräch mit dem bekannten Fitness Influencer Johannes Bartl geführt, der im Podcast mit mir super offen darüber gesprochen hat.

Danach kam bei mir die Wandlung bei den Inhalten. Obwohl ich comedy als Element immer beibehalten werde, wollte ich nicht nur social media comedian sein: Hätte ich da nicht das Gleis gewechselt, hätte ich in der Schiene „lustiger dude von Instagram“ geblieben. So habe ich langsam – und das war auch ganz wichtig: langsam, sachte! – meinen Content schrittweise auf Fitness umgestellt. Damit hat sich meine audience auch geändert: Es sind immer mehr fitness enthusiasts darunter. Dafür gehen welche, die das nicht interessiert. Um nach dem Bogen auf deine Frage eine Antwort zu geben: Meine Followerzahl bleibt ziemlich gleich. An einem Tag verliere ich paar Tausend, an einem anderen gewinne ich paar Tausend dazu. Ich nehme es bewusst in Kauf, weil es Teil der transition ist. Dafür boomt es momentan anderswo: TikTok. Ich bin da zwar spät eingestiegen, habe aber in nur zwei Wochen von knapp 7.000 auf 92.000 Follower gehen können.

Lernen wir also, die Aufmerksamkeitsökonomie produziert Content- und Meinungsführer auf Zeit. Eine gute Gelegenheit mal nachzuschauen was aus den bisher größten TikTok Influencer geworden ist, die im Zenit ihrer Reichweite mal eben so den Account gelöscht haben. LISA UND LENA!

Vielleicht fehlt in ihrem emotionalen Abschiedspost auch deshalb eine Andeutung darauf, was die Zukunft für sie und ihre Abonnenten bereithält. Vielleicht sind die beiden selbst noch auf der Suche, fernab von Kameras und rotem Teppich. Würde man ihnen wünschen, mit 16.

Noch so ein Trend, der für mich schwer verdaubar ist. Warum löscht man solche Accounts, während Heerscharen an Agenturen für ihre Kunden versuchen solche Reichweiten für viel Geld aufzubauen. Sogar die Lochis haben Schluss gemacht. Um es kurz zu machen: Dieses Phänomen habe ich noch nicht verstanden. Es kann etwas damit zu tun haben, dass sich solche Influencer, ähnlich wie Promis, mehr Privatheit wünschen, aber das eine geht mit dem anderen nun mal nicht zusammen.

Update: Kaum bin ich fertig mit dem Artikel, sind Lisa & Lena doch wieder da. Hat scheinbar nicht geklappt mit der Generierung von Aufmerksamkeit auf anderen Kanälen.

@lisaandlena

Guess who’s back…?🥳

♬ original sound – lisaandlena

Own before earned before paid! Wirklich?

Die Aufmerksamkeitsökonomie rüttelt heftig an einigen meiner Grundsätze. Ich bin mit dem Spruch aufgewachsen, dass owned media (eigenes Blog) immer besser ist als earned media (Anzahl Facebookfan), aber das immerhin noch besser ist als paid media (Adsystem Google, FB…). Nach dieser Regel hätte ich mit Kassenzone.de, dem dazugehörigen Podcast und ein paar Twitter Followern alles richtig gemacht. Kassenzone kann stolz behaupten noch nie Werbegeld für Reichweite bezahlt zu haben. Aber war das richtig? Hätte ich nicht schon frühzeitig versuchen müssen bei Instagram Einfluss aufzubauen, um neue Kassenzone Follower zu erreichen – Menschen die mit dem Begriff „Blog“ gar nichts mehr anfangen können? Frei nach dem Businesslion sage ich da immer, dass Tierarten nur aussterben, weil ihnen das richtige Mindset fehlt. Möglicherweise reicht eine Prise Zynismus aber nicht aus, um bei Instagram groß zu werden.

Frank Thelen macht es richtig, er füllt eine Nische aus, die ich persönlich sehr anstrengend zu bespielen finde und er ist sich auch für die Kalendersprüche nicht zu schade. Ich suche derweil nur die „Retweeten mit Kommentar“ Funktion bei Instagram, um solche Poste zu kommentieren, aber das geht leider nicht. Ist wahrscheinlich auch besser so. Was soll ich also den Leuten raten, die mich danach fragen was sie HEUTE tun sollen, um in ihrer Nische zu Meinungsführer zu werden. Ich muss ihnen das Gleiche wie Gary Vaynerchuk. Nutze alle Kanäle so viel du kannst, biete guten Content, sei konsistent, plane 2-3 Jahre ein, um erste Erfolge zu sehen. Starte ggf. mit einem Blog an und entwickle dieses zu einem Podcast weiter. Vielleicht stehen ich hier aber auch auf dem Schlauch und ein „junger Alex“ hätte eine viel bessere Idee, die mehr „nachhaltige“ Reichweite verspricht.

Und nun?

Die Gedanken rund um die Aufmerksamkeitsökonomie verfolgt mich seit dem Aufkommen der Social Media Kanäle und hin und wieder diskutiere ich die Effekte auch in meinem Netzwerk. Der Artikel ist im ersten Schritt nur eine Sammlung dieser Fragen und Gedanken, um für mich Folgendes zu entscheiden:

Und was ist mit Podcasts?

Podcasts ist für mich das Überraschungsformat der letzten Jahre, weil es eben keine neue Plattform ist. Es ist ein für sich stehendes „owned media“ Format, mit dem man intensiver und besser als bisher Menschen erreichen kann. Es gehört (bisher) keiner Plattform und wird damit etwas länger der demokratischen Grundidee des Internets folgen, bis wir dann irgendwann mal nur noch zwei bis drei große Audioanbieter haben (z.B. Spotify) die uns den freien Zugang zu dieser Art von Content mit ihren Adsystemen verwehren. Bis dahin ist es noch ein langer Weg der in den letzten Jahren geflügelte Spruch, Podcasts 2020 sind wie Webseiten 2000, ist in vielerlei Hinsicht korrekt. Die Formel f(Aufmerksamkeit) = Anzahl/Zielgruppe * Zeit * Intensität wird mit keinem anderem Medium so optimal bedient und ist dabei so gut gegen Plattformen zu verteidigen wie andere „Kanäle“. Jeder Podcasthörer ist mir also das Hundertfache wert im Vergleich zu einem Instagram Follower. Trotzdem: Auch als Podcaster muss ich einzigartigen, unterhaltsamen…. Content produzieren, um wahrgenommen zu werden. Außerdem sollte man viel Zeit mitbringen, sehr viel Zeit. Eine Abkürzung kann man sich bei diesem Medium aus meiner Sicht nicht erkaufen, ganz ähnlich wie es bei Videos auf Youtube der Fall ist. Entweder ist der Content gut und dann kommen langfristig auch die Nutzer, oder er ist nicht weiter relevant. Dann schaut sich auch keiner die Videos an.

Brauche ich als Unternehmen/Influencer einen Instagram Account?

Kommt drauf an. Um dort Meinungsführer zu werden wahrscheinlich nicht, aber er kann viele andere Zwecke erfüllen – im Falle von Spryker ist es z.B. eine gute Plattform für HR Kommunikation. Gewinnen wir dadurch neue Kunden? Eher nein. Dafür gibt es bessere Kanäle.

Was sollte ich mit meiner Facebookseite tun?

Wenn es läuft und die Nutzer aktiv sind, kann das eine super Plattform sein. Die Plattform ist aber nicht beständig und in ein paar Jahren ggf. nicht mehr (für deine Nische) da. Bis dahin nutze es, so gut es geht. Oder lösche die Seite eben, wenn die organische Reichweite nach Null ist, wie bei Kassenzone.

War die Umstellung von Whatsapp (Plattform) auf SMS (owned Media) eine gute Entscheidung?

In der Theorie schon, aber in der Praxis ist die Antwortrate dort eher gering und die Klickrate nur ok. Nun „owne“ ich den Channel zwar, aber im Vergleich mit Insta und Co. ist er relativ träge.

Müsste ich nicht viel mehr Zeit mit der Produktion von besseren Videos verbringen (siehe TikTok & Co) und versuchen die Inhalte in 20 Sekunden Teasern zu promoten?

Wahrscheinlich schon, wenn meine Zielgruppe nicht komplett durchaltern soll, aber die Zeit (Lernkurve) dafür ist lang und das Innovationsniveau im Bereich Video schon sehr hoch. Ggf. warte ich noch mal zwei Jahre. Dann ist mein Sohn 12 Jahre und dann kann er das für mich machen 😊.

Braucht es überhaupt noch die langen Texte auf Kassenzone.de?

Zur Lesergewinnung wahrscheinlich nicht, aber um Leser zu halten ja. Fünf bis acht Sekunden Aufmerksamkeit reichen nicht aus, um die Inhalte auf kassenzone.de zu verstehen. In der Zeit haben die meisten Leute noch nicht mal die Überschrift verstanden. Aber ich bin hin und wieder hingerissen die Überschriften zu modernisieren. Also statt „Kann man mit 100 Millionen Euro „kleine“, profitable Plattformen kaufen? Eugen Russ, CEO“ lieber „Wie dieser Verlagserbe mit 100 Millionen den Nischen E-Commerce in Osteuropa dominiert.“ 

Und was ist mit Instagram?

Ich müsste wahrscheinlich meinen Content, die Videos, die Podcasts in kleine Teile schneiden, kommentieren, Kurzbeschreibungen darüberlegen usw., damit ich dort neue „Leser“ gewinnen kann. Problem dabei: Sie bleiben bei Instagram und folgen mir wahrscheinlich nicht auf kassenzone.de, aber Es gäbe genug Möglichkeiten dort relevante Aufmerksamkeit zu generieren. Bis dahin folge ich vor allem dem Business Lion.

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16 Antworten

  1. Avatar K/A sagt:

    Ich hatte sehr viel Freude am lesen. Sehr guter Artikel. Vielen Dank dafür.

    • Danke dir. Seit langer Zeit mal wieder ein Kommentar hier. Das hat sich leider auch stark auf LinkedIn & Co. verlagert.

      • Avatar Jannis sagt:

        Starker Artikel und gutes Format der beantworteten Fragen!
        Vielleicht die Hürden einen Kommentar zu hinterlassen verringern und populärer einblenden.
        Mich würde noch deine Meinung zu Xing vs Linkedin in Deutschland interessieren, werden beide bestehen oder wen siehst du warum vorn?

        • Hi – die Frage zu LinkedIn kam auch schon bei Twitter. Ich denke dazu mache ich noch mal einen separaten Beitrag. Also LinkedIn vs. Xing und was ich bei LinkedIn im Speziellen gerade beobachte. Gute Idee!

  2. Danke für den Artikel!

    Ich finde gerade den nicht so reißerischen Stil sehr angenehm. Ist halt eher wie die Zeit oder Krautreporter. Für dich aufwändiger, für mich mehr (Zeit-)Aufwand, aber am Ende nehme ich mehr mit. Eine Zusammenfassung der Podcasts (als Text oder Ton) wäre trotzdem spannend.

    PS: Ich fand Whatapp auch angenehmer als die SMS

  3. Avatar Ralph Ohnemus sagt:

    Vielen Dank, sehr gute nachvollziehbare Insights. Und gleichzeitig sehr charmant, weil Sie offen von Versuch und Irrtum berichten und nicht behaupten, leichtfüssig über das E-Commerce Wasser laufen zu können.

  4. Hi Alex, das ist der erste Artikel von Dir, den ich bisher bis zum Ende gelesen hab.

    Irgendwie freut es mich, dass Du die gleichen Themen hast wie ich. Auf LinkedIn machen sich die „neuen e-Commerce Berater“ breit, weil sie unglaublich viel schreiben. Auf Instagram kommen Motivationssprüche, die ich niemals verteilen könnte und auf Facebook hmmm keine Ahnung. Dazu noch Podcast und mehr. Mir fällt auf, dass ich die Zeit überhaupt nicht mehr aufbringen kann, um diese Kanäle zu bedienen und zu verstehen. Meine Strategie der letzten 15 Jahre „geh dahin wo die Ärsche wackeln“ erscheint mir irgendwie aber noch richtig zu sein. Also nichts selbst aufbauen, sondern meine Inhalte beisteuern. Niemand gründet eine Bild Zeitung, um mal in der Bild Zeitung zu sein.

    Ich fand das Günter Jauch Interview im OMR Podcast ziemlich gut. Günter Jauch würde nach eigener Aussage wohl heute auch nicht mehr so berühmt werden, weil es diese Einschaltquoten auf ein Medium überhaupt nicht mehr gibt. Vielleicht würde meine Arschwackeltaktik heute auch nicht mehr funktionieren, weil auf Bühnen generell keine Experten, sondern eher Kunden, potenzielle Kunde und Sponsoren Vorträge halten.

    Es gibt Influencer die kommen und gehen und es gibt e-Commerce Stars und Sternchen… die allerdings auch fast alle wieder gehen. Am Ende ist die Haltbarkeit der ersten e-Commerce Generation dann doch sehr erstaunlich. Vielleicht sollten wir einfach nichts von diesen vielen Optionen machen.

    • Das freut mit sehr Johannes! Ich fand die Aussagen von Günther Jauch auch super spannend. Auch die Option sich diesen Kanälen zu entziehen erscheint charmant, aber es fühlt sich dann so ein wenig an wie beim Versandhandelskongress in Wiesbaden. Wir klopfen uns dann ggf. vor Ort noch auf die Schulter und wenn genug andere Leute da sind, glauben wir dass wir relevant sind. Gleichzeitig lachen aber die Insta/Whatsapp/WeChat Unternehmer über uns. Aber vielleicht ist das egal, weil wir dann auch in 5-10 Jahren in Rente sind. So oder so, haben die Plattformen gewonnen – und diesmal ist es nicht Amazon.

    • Und ich freue mich, dass du den Kommentar hier hinterlässt und nicht im Facebook Feed!

  5. Avatar Elvis sagt:

    Saustarker Artikel!
    Eine schöne Reality Reise durch Die Zeit und bestehenden Social Kanäle.
    Vielen Dank dafür.

  6. Avatar Sven Rittau sagt:

    Lieber Alex, vielen Dank für die Mühe und die schöne argumentative Struktur Deines Artikels.

    „Ist das eigentlich Arbeit?“ geistert es von Zeit zu Zeit in meinem eigenen mindf*ck durch meine Birne.
    Denn in der Tat stelle ich mir ebenfalls die ganze Zeit die Frage, ob das zeitliche Social Media Investment in Relation zum Ergebnis steht. Ich denke kurzfristig auf keinen Fall.

    So wie auch beim Aufbau eines Unternehmens [unter 5 Jahren brauchst Du gar nicht anzutreten] sollte man im Social Media mind. die von Dir kolportierten 2-3 Jahre mitbringen. Zusätzlich zum geilen Content und dem Durchhaltevermögen braucht es aus meiner eigenen Erfahrung vor allem noch PURPOSE / PASSION / ÜBERZEUGUNG. Nur wenn Du für ein Thema, ein Projekt wirklich brennst und Dich selbiges langfristig fesselt, kann man das durchhalten. Get rich quick? No such thing …!

    Und ich denke auch, dass es Plattformen gibt, die nativer für eine Generation sind als für eine andere. Dazu kommt, dass es individuelle Präferenzen gibt. Ich oute mich mal: obwohl ich ein old-white social media guy bin, liegt mit twitter derzeit noch nicht so wie LinkedIn und Insta. Und bei Insta ist meine RW zwar absurd klein, aber es macht einfach Spaß. Vielleicht spricht hier auch mehr der Voyeur in mir.

    Zudem liebe ich das Podcasten – auch wenn es so unfassbar viel Arbeit ist. Aber ich bekomme eine persönliche Rendite – nämliche die tiefe Auseinandersetzung mit einer UnternehmerIn und einem tollen Business. Das zieht mich langfristig [s.o.] weiter nach vorne.

    Vor dem Hintergrund bin ich gespannt, wie viele der ganzen Newbies Ihre Aktivitäten auf den diversen Plattformen wirklich durchhalten? Und wenn ich deine Argumente mit denen von Hannes Altmann kombiniere, schließe ich mit der Frage  „Wo wackeln eigentlich die digitalen Ärsche – heute und in Zukunft?“

    Schöne Grüße
    Sven

  7. Avatar Martin Aschoff sagt:

    Anregender Artikel und gut, dass Morgen Feiertag ist, um als Mittfünfziger weiter darüber nachzudenken und meinen zwei Teenagern über die Schulter zu schauen, wie sie Social Media nutzen (ich habe den Eindruck, momentan ist Houseparty schwer angesagt).

  8. Hi Alex,

    sehr spannender Artikel. Super, dass man diesen nun einfach hören konnte.
    Da ich mich kürzlich zu Facebook Gruppen geäußert habe wollte ich hier noch kurz meinen Senf dazu geben.

    Ich kann in deinem Kontext verstehen, dass Facebook Gruppen möglicherweise nicht die beste Wahl ist, deinen Content unter Menschen zu bringen. Dennoch sind meinem Gefühl nach Facebook Gruppen einer der Gründe, warum Facebook immer noch nicht tot ist.
    Mit Anna Yona von Wildling Shoes habe ich kürzlich darüber gesprochen, wie wichtig Facebook Gruppen für unser Community Building und somit auch unser Branding ist. Unsere Gruppenmitglieder sind nicht nur unsere Brand Ambassadors, die Interessenten in Käufer umwandeln, sie sind auch eine große Hilfe für unseren Customer Service, da sie zum Teil schneller und fundierter auf andere Kundenfragen reagieren können. Wiederkehrende Fragen zum Produkt können durch die Suchfunktion leicht gefunden werden und bieten so einen enormen Mehrwert. Hinzu kommt, dass jede Aktivität organisch in den Facebook Feeds der Mitglieder angezeigt wird und wir so sehr präsent sind. Zum Schluss können wir uns durch diese Community von Wettbewerbern absetzen. In Zeiten, wo „Produkte verkaufen“ durch den Wettbewerb mit Amazon und Dropshippern deutlich anspruchsvoller geworden ist, ist dies eine tolle Möglichkeit den Vorteil von Community und Branding auszuspielen. Welcher Kunde würde sich auf Amazon über Whitelabel-Produkte schon leidenschaftlich austauschen?

    Ob dies nun für Spryker eine interessante Option ist weiß ich nicht. Wenn ich aber die Relevanz von Shopify Facebook Gruppen betrachte könnte ich mir auch vorstellen, dass eine Spryker Gruppe auch gewisse Vorteile bieten könnte auch wenn die Zielgruppe vermutlich deutlich kleiner ist.

    Die sechs Vorteile von Facebook Gruppen und wie wir diese gestartet haben habe ich hier zusammengefasst https://www.linkedin.com/pulse/community-building-facebook-groups-paul-blezinger

    Herzliche Grüße
    Paul

  9. Toller Beitrag, der spiegelt auch viele meiner Eindrücke wieder. Denn Hinweis auf owned & Plattform empfand ich als Bestätigung, dessen was ich gerade tue.
    Mir ist es auch lieber guten Content zu erhalten, statt viele Contents.

    Man muss nicht jede KPI ausreizen, sondern lieber das Tun was einem Freude macht & leicht fällt. Denn auch das angestrenckte produzieren um den Algorithmus zu bedienen, spüren auch die Empfänger.

    Dann lieber der Marathon und ich fühle mich mit dem was ich tue wohl, als ein Sprint der nicht das wiedergibt was mich ausmacht.

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