Was wünscht sich Florian Heinemann zu Weihnachten?

In der neunten Ausgabe mit Florian Heinemann geht es mal wieder um das Thema Recuitment und Standorte, weil es dazu in der letzten Zeit viele Nachfragen gab. Außerdem habe ich Florian alle Fragen gestellt, die uns für diese Ausgabe in der Whatsapp Gruppe zugetragen worden sind. Was wünscht er sich z.B. zu Weihnachten? Beim Thema Rewcruitment kommen wir übrigens zu der Erkenntnis, dass die Nachfrage nach Digital „Fachleute“ viel stärker steigt als das Angebot. Die Auswirkungen sind in München und Stuttgart schon lange bekannt, aber auch in Berlin sieht die Lage mittlerweile nicht viel besser aus. Wir befinden uns damit in einem Marktumfeld bei der Unternehmen alles dafür tun müssen bei den begehrten Arbeitskräften besonders attraktiv zu sein, um überhaupt eine Chance zu haben. Das Gehalt ist dabei offenbar nur ein Hygienefaktor. Wichtiger für die meisten Leute aus meinem Netzwerk ist es bei Themen dabei zu sein, die vorankommen. Unternehmen mit den goldenen Digitalstrategiehandbüchern 2025 aber Null Umsetzungskompetenz dürften es also schwer haben. Für Unterrnehmen ganz ohne (Digital) Strategie, wie z.B. Hermes, ist der Drops damit wahrscheinlich gelutscht.  

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Was wünscht sich Florian Heinemann zu Weihnachten?

In der mittlerweile neunten Folge mit Florian Heinemann stellt er sich nicht nur Alex‘ Fragen, sondern auch denen einiger Zuhörer. Bevor er aber verrät, was für ihn unterm Weihnachtsbaum liegen wird, geht der 42-jährige Mitgründer des hauptsächlich in Europa agierenden Investors Project A Ventures noch einmal näher auf die Themen Rekrutierung und Standortentwicklung ein und erläutert, weshalb die nunmehr populäre These aus Folge 173 – „Auch in Essen gibt es Entwickler“ – seinem Verständnis nach trotz einiger ernüchternder Beobachtungen nach wie vor gilt.

 

„Geld allein ist nicht die Lösung“

03:55

Alex: In einer der spannendsten Folgen in diesem Jahr haben wir besprochen, wie große Unternehmen heute vorgehen, wenn sie Teams aufbauen wollen. Mittlerweile hat sich aber gezeigt: Ganz so einfach, wie wir es damals formuliert haben, ist es nicht. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem das Abwerben selbst an attraktiven Standorten ungesunde Züge annimmt und auch ein normaler Produktmanager deutlich fünf-, wenn nicht sogar sechsstellige Gehälter einfordert. Das verändert die Sicht auf das Thema Recruiting noch einmal, weil es zeigt, dass sich das Aufgebot von Entwicklern und anderen Fachkräften nicht annähernd so schnell entwickelt, wie es die Nachfrage gerade tut.

Bevor wir gleich in die Zuhörerfragen einsteigen, wollen wir deshalb noch einmal ein kleines Update geben, wie du das mittlerweile wahrnimmst. Gibt es da einen neuen Workaround?

Florian: Eine interessante Frage! Ich glaube, es gibt tatsächlich noch Menschen, die generell – aus welchen Gründen auch immer – gerne in Aachen oder Essen oder irgendwo bleiben wollen. Wir brauchen uns nur SAP anzuschauen: Die sitzen in Waldorf und denen gelingt es auch, dort attraktiv zu sein und eine Reihe von Entwicklern zu finden. Es bleibt trotzdem die Frage: Wie geht man damit um? Denn die Wahrnehmung, die du hast, haben wir grundsätzlich auch. Der Wettbewerb um Mitarbeiter nimmt zu und dementsprechend steigen auch die Gehälter. Was macht man also, wenn nicht ganz so attraktiv ist?

Geld allein ist da nicht die Lösung. Die Grundaussage, dass man einen sehr qualifizierten, im Markt sehr visiblen Architekten braucht, der so ein Tech-Team leitet und auch in der Lage ist, mit den neusten Technologien zu arbeiten, halte ich immer noch für richtig. Und das gilt eben auch für Corporates und vermeintliche Nicht-Tech-Unternehmen, wie Zalando. Man denkt sich, das sei doch eine E-Commerce-Bude. Die verstehen sich im Grunde aber eher als Technologiefirma, die auch noch einige andere Sachen macht, und haben präsente CTOs, die für sie aktiv kommunizieren, warum die Arbeit dort sehr attraktiv ist.

Nichtsdestotrotz muss man in zwei Dingen aktiver werden: Das eine ist die aktive Rekrutierung von Leuten außerhalb des Berliner Arbeitsmarktes, denn ich glaube, die Chance, talentierte Leute aus Spanien oder Italien nach Berlin oder Essen zu holen, wird bundesweit noch viel zu wenig genutzt. Traditionelle Personalabteilungen sind jedoch häufig nicht in der Lage, so zu rekrutieren, weil ihre Prozesse gar nicht darauf ausgerichtet sind. Oft mangelt es an geeigneten Kommunikations- und Rekrutierungsmaßnahmen, die zudem digital gestützt werden sollten. Ein anderer Ansatz, den wir heute auch häufig sehen, besteht darin, das Team vor Ort um Teams in der Ukraine, in Tschechien, Rumänien, Portugal oder vielleicht auch in Vietnam zu ergänzen. Dabei geht es nicht darum, sich in der Ukraine mit irgendwelchen Dienstleistern ein komplettes Team aufzubauen – das funktioniert so nicht. Die Architektur und ein hohes Maß an Kompetenz müssen vor Ort und auch nahe am Business sitzen, sonst kann man keine glaubwürdige Tech-Firma werden, davon bin ich fest überzeugt.

12:35

Alex: Das kann ich mir für mittelgroße Digitalisierungsvorhaben gut vorstellen. Es gibt ja aber auch noch viel, viel größere Bewegungen – VW hat zum Beispiel angekündigt, einen Großteil seiner Entwicklung nach Lissabon auszulagern. Da reden wir immerhin nicht über 50, sondern über 3.000 oder 5.000 Leute – und die gibt’s da einfach nicht.

Siehst du denn noch intelligentere Möglichkeiten, wie eine Umschulung der eigenen Leute, um dieses Problem zu lösen? Zum Beispiel gibt es da ja die CODE University von Thomas Bachem, durch die man das Problem erst einmal grundsätzlich angeht. Wären mehr Gründungen wie solche Akademien eine sinnvolle Lösung – von den Headhunter-Gründungen, die jeden Tag in meiner Inbox landen, mal abgesehen?

Florian: Ich finde so eine CODE University super – aber die löst natürlich kein „VW braucht 3.000 Leute“-Problem. Der größte Verdienst einer solchen Einrichtung könnte eher sein, dass die staatlichen Hochschulen einmal darüber nachdenken, wie sie ihre Informatikausbildung verändern müssten und könnten, um Schritt zu halten. Da hätte man einen ganz anderen Hebel. Wenn du heute mit jemandem sprichst, der Informatik studiert, sagt er dir, dass die Lehre sehr abstrakt und praxisfern ist und hohe mathematische Anforderungen mit sich bringt. Zwar ist es schön, wenn es jemanden gibt, der das kann, aber um bei einem N26 einen soliden Job zu machen, brauchst du viele dieser Dinge ehrlicherweise gar nicht. Zumal die Zugänglichkeit zum Programmieren ja zunimmt. Das heißt, auch Menschen mit einem geringeren Abstraktionsvermögen können durchaus sehr leistungsfähige Programmierer sein. In diesem Bereich die Tore noch einmal weiter aufzumachen – vor allem als Unternehmen, das sehr mittelfristig agieren kann – macht meiner Meinung nach total Sinn, denn die Wahrscheinlichkeit, dass man in zehn Jahren weniger Programmierer braucht als heute, ist sehr, sehr gering.

Das kurzfristige Problem kriegt man aber nur mit attraktiven Stack-Arbeiten gelöst, das heißt, indem man einen attraktiven Head holt, vielleicht auch für einen absurd hohen Preis, und dann eben diese Möglichkeiten der Zuführung von Arbeitskräften aus externen Märkten und der Arbeit mit Remote Teams ausschöpft. Besonders wichtig ist also, sich zu fragen: Habe ich eigentlich ein für IT-Fachkräfte attraktives Employer Branding? Aber diese Frage muss dem eigentlichen Recruiting vorangestellt werden, denn, selbst wenn man die passenden Leute findet, wie hält man sie dann?

(Am Anfang stehen jedoch die Personaler und die Frage: Sind traditionelle HR-/Personalabteilungen überhaupt in der Lage, die Anforderungen des neu gestalteten Arbeitnehmermarktes kompetent abzubilden? In der Start-Up-Welt, sagt Florian, ist die HR-Funktion eine zentrale Aufgabe des CEO bzw. der Gründer und wird so zum maßgeblichen Vehikel der Unternehmenswertschöpfung. In Sachen Teamaufbau hält Alex einen aggressiven Ansatz für am sinnvollsten und resümiert: „Eine Abkürzung gibt es nicht.“)

23:00

Alex: Das ist zwar keine besonders schöne Schlussfolgerung aus diesem Block, aber vielleicht kriegen wir ein paar schönere Antworten auf die Fragen der Kassenzone-WhatsApp-Nutzer hin. Die erste Frage, die kam, lautet: „Mich würde das Thema Nutzung öffentlicher Fördermittel durch junge, VC-finanzierte Unternehmen interessieren. Ich habe den Eindruck, dass es da ein sehr ambivalentes Verhältnis gibt, wenn die Unternehmen, die in solche VCs investiert haben, jetzt anfangen, groß Fördermittel einzuwerben.“ Wie ist da deine Erfahrung?

Florian: Ambivalentes Verhältnis inwieweit?

Alex: Das ambivalente Verhältnis kommt wahrscheinlich daher, dass es zwar cool ist, mehr Geld im Unternehmen zu haben, aber dass es auch ablenkt, zum Beispiel durch die ganzen Anforderungen, die an Fördermittel gebunden sind, die dann doch nicht beschleunigen, sondern eher behindern.

Florian: Wir sehen das eigentlich neutral. Ich bin überhaupt kein Gegner von Fördermitteln. Wenn man sich anschaut, welche Förderung sich auch große Konzerne sichern, zum Beispiel für Standortentscheidungen wie Zalando in Erfurt, dann finde ich es völlig legitim, dass man auch oder vor allem junge Unternehmen fördert. Das muss natürlich immer seriös und an gewisse Auflagen geknüpft sein, und das ist ja auch okay – Das sind Steuergelder, die sollten eben nicht irgendwie versickern.

Zudem haben wir ganz gute Erfahrungen damit gemacht, wenn Start-Ups das nicht alleine machen, sondern diesbezüglich mit Beratern zusammenarbeiten. Eigentlich gibt es in jeder Stadt ein relativ diversifizierts Netzwerk von Beratern, die einem dabei helfen, den Fördermittel-Dschungel ein bisschen zu lichten und die Antragsstellung durchzuführen. Die gibt es in allen Varianten und Formen, vom Freelancer bis zur Agentur. Zwar sind die Gebühren, die die nehmen, teilweise etwas hoch, aber das ist ein anderes Thema. Schließlich sind die Mittel eben genau dafür gedacht.

Alex: Du hast also kein ambivalentes Verhältnis dazu?

Florian: Nein, alles gut! Und ich stelle auch bei anderen keines fest.

27:25

Alex: Die zweite Frage, die kam, betrifft Amazon. Amazon hat ja, wie alle Tech-Aktien und Börsen, in den letzten Wochen einen kleinen Hit bekommen – ist die Aktie trotzdem noch spannend für dich?

Florian: Absolut! Ich sehe nicht, was Amazon gefährlich werden sollte, außer irgendwelche größeren regulatorischen Eingriffe.

Alex: Und die würden ja auch eher zum Split führen.

Florian: Eben! Insofern gibt es keinen Grund, warum Amazon in fünf Jahren nicht viel, viel größer und damit auch mehr wert sein sollte als heute. Aber Aktientipps sind eh immer ein heikles Thema!

Alex: Okay. Die nächste Frage baut ansatzweise darauf auf: IBM hat ja jetzt Red Hat gekauft und will damit sein Cloud Business noch einmal stärker pushen. Könnte so eine Entwicklung, so eine Megawette Amazon eventuell gefährlich werden?

Florian: Amazon ist meiner Meinung nach immer noch der Marktführer in diesem Bereich und wächst auch mindestens genauso schnell. Darüber hinaus versuchen Amazon und Google natürlich auch schon mit verschiedenen Features zu punkten, die noch mehr Wertigkeit in der Cloud demonstrieren, zum Beispiel im Hinblick auf das Datenhandling. Die Frage ist also: Wenn man einfach ein vernünftiges Hosting in der Cloud benötigt, sind die ja schon so gut positioniert – warum sollte man andere Anbieter vorziehen?

Alex: Also wird das kein Selbstläufer für IBM?

Florian: Nein. Also, der Schritt ist mutig und schlau und nicht umsonst ist IBM ein Unternehmen, das es in den letzten 30, 40 Jahren immer wieder geschafft hat, hervorragend dazustehen. Wenn man da jetzt mitspielen will, dann geht das nur so, statt durch organische Entwicklung, aber ich tue mich sehr schwer, jetzt eine positive oder negative Beurteilung auszusprechen.

Alex: Okay. Die nächste Frage ist eher privat: „Was wünschst du dir zu Weihnachten?“

Florian: Was wünsche ich mir zu Weihnachten …

Alex: Das fragt mich meine Frau auch immer, und dann weiß ich nicht, was ich sagen soll.

Florian: Ich werde meiner Familie und mir einfach einen schönen Urlaub schenken. Wir schenken ihn uns quasi selbst und werden als Familie eine schöne Zeit zusammen verbringen.

(Frage Nummer vier betrifft den Boom von Bike- und Scooter-Sharing-Konzepten. Ob das The Next Big Thing sei, fragt Alex. Florian, der Leihangebote selbst oft nutzt, sieht immerhin einige Indikatoren, die dafür sprechen würden. Neben dem Geschäftsmodell an sich, das durch das unmittelbare Marketing mit relativ geringen Kundenakquisitionskosten einhergeht, stellt für ihn auch die Entwicklung von Bird & Lime in den USA einen guten Anhaltspunkt dar.)

36:35

Alex: Die nächste Frage sollten wir uns vielleicht für eine ganze Folge aufheben, einer Doppelfolge zum Thema Marketing Automation. Lass uns die am besten direkt für den Januar planen …

Florian: Machen wir!

Alex: Dann lautet die nächste Frage: „Wie schätzt du die ganze Entwicklung der neuen Corporate-Venture-Capitalists ein, die jetzt in den Markt schießen?“ Da gibt es ja ganz viele – Bosch, Siemens, Miele, die sich jetzt das Internet der Dinge aneignen.

Florian: Grundsätzlich glaube ich: Mehr Wagniskapital ist erst einmal gut. Man darf halt nicht versuchen, auf diesem Gebiet irgendwelche strategischen Interessen auszuleben. Da muss man sich sehr stark disziplinieren, denn sonst würde man Start-Ups zu stark einzuschränken, und gerade im industrienahen Bereich ist doch die Nähe zu Unternehmen noch einmal vorteilhafter als im B2C-Bereich.

Das heißt zum einen, dass sichergestellt werden muss, dass man als Corporate-Venture-Capitalist über fünf bis zehn Jahre einen verlässlichen Ansprechpartner bietet, der sich in den Meetings auch noch an frühere Absprachen erinnern kann und sich einfach wie ein Good-Corporate-Citizen verhält. Dafür muss man aber auch die entsprechenden Strukturen schaffen und es den Leuten überhaupt erst einmal ermöglichen, die Positionen über einen so langen Zeitraum zu besetzen. Und daran krankt es tatsächlich noch bei einigen. Zum anderen gelingt es Corporate VCs häufig noch nicht so gut, die Vorteilhaftigkeit der eigenen Strukturen auch für Start-Ups in einer praktikablen Form zugänglich zu machen, weil natürlich viele Geschäftseinheiten sagen: „Warum soll ich jetzt irgendeinem Frühphasen-Ding mit 15 Mitarbeitern meinen relevanten Vertriebskontakt bei VW öffnen, wenn ich doch noch nicht einmal weiß, ob die liefern können?“

Dabei spielt es aber auch eine wichtige Rolle, wie man sein Team zusammensetzt. Für ein Corporate VC für Siemens würde ich nie nur ehemalige Siemensianer nehmen. Ein solches Team kann nur dann glaubwürdig sein, wenn ein Teil der Leute die eine Seite und ein Teil der Leute die andere Seite sehr gut kennen. Und diesbezüglich würde es meiner Wahrnehmung nach auch schon helfen, die Gesamteinstellung des Konzerns oder auch das Bewusstsein der Führungskräfte für neue Technologien und Innovation zu schärfen. Aber man sollte nicht meinen, dass das jetzt das alleinige Allheilmittel zum Meistern der Digitalisierung ist.

42:30

Alex: Die nächste Frage ist: „Was ist Florians Meinung zum Thema Affiliate Marketing, im Speziellen Cashback und Gutschein-Spiele?“

Florian: Ich glaube, der ganze Bereich Affiliate hat weiterhin eine gewisse Existenzberechtigung. Aber ist es jetzt für uns der Wachstumsbereich im Online-Marketing? Wahrscheinlich eher nicht. Um in diesen Bereichen sinnvoll mitspielen zu können, braucht man ein relativ tiefgreifendes Verständnis davon, wie man solche Programme handhaben muss – und auch, wie man die Anreize setzen muss. Erst dann kann es auch ein guter, legitimer Weg sein, Neukunden zu gewinnen.

Alex: Es ist ein schwieriges Thema geworden. Die meisten Sachen in diesem Bereich laufen auf Betrug hinaus.

Florian: Aber wie gesagt: Das heißt nicht, dass man das nicht machen kann. Man muss eben nur wissen, was man da tut. Wenn man die Unternehmung und ihre Folgen für das eigene Unternehmen nicht gut einschätzen kann, würde ich davon abraten.

45:20

Alex: Okay. „Was rätst du Studenten, die bei VCs arbeiten wollen?“

Florian: Auch eine gute Frage! Das Problem ist, dass diese Branche eine sehr begrenzte Anzahl an Arbeitsplätzen bietet. In Europa gibt es vielleicht 30 oder 50 ernstzunehmende VCs …

Alex: Ehrlich? Ich hätte gedacht, so viele gibt es allein in Deutschland. Wann kann ich ein VC denn ernstnehmen?

Florian: Ich würde sagen, die liegen zwischen 50 und 100 Millionen. Wenn man sich dafür interessiert, kann ich jedem nur raten: Versucht ein Praktikum bei einem halbwegs vernünftigen VC zu machen. Aber auch da ist natürlich die Anzahl der Plätze sehr begrenzt. Etwas, das bei allen VCs – zumindest in Deutschland und auch in Europa – populärer wird, ist, Leute dazu zu holen, die glaubwürdig Ahnung haben von relevanten Technologien oder Themen wie IoT oder künstlicher Intelligenz und auch in der Lage sind, ihr Wissen verständlich darzustellen. Deshalb würde ich Leuten immer raten, sich in dieser Hinsicht ein eigenes Profil aufzubauen.

Alex: So wie der Elias Vides.

Florian: Genau! Und das ist ja nicht nur für VCs relevant, sondern auch für Start-Ups. Und wenn es bei Ersteren nicht klappt, bewirbt man sich halt bei sehr, sehr guten Start-Ups und versucht dann, sich in dieser Szene weiterzuentwickeln. Immerhin man kann auch durchaus kontrovers diskutieren, ob der direkte VC-Weg der beste Weg ist.

(Die drittletzte Frage in dieser Folge greift das Thema Kundenbindung bei Unternehmen wie Picnic auf. Während Picnic in den Niederlanden gar nicht so schnell wachsen kann, wie es allein durch die Nachfrage wachsen könnte, werden Florian kaum Pläne für ähnliche Vorhaben vorgelegt. Einen Grund dafür sieht er in der grundsätzlichen Skepsis im Bereich Lebensmittel: „Das ist etwas für große Jungs und Mädels wie REWE und Amazon Fresh, aber nichts für ein Start-Up.“)

53:15

Alex: Jetzt haben wir noch zwei Fragen übrig und dann sind wir auch schon wieder am Ende des Inlandsfluges angekommen. Der nächste Fragensteller hat den Eindruck, dass sich immer noch viele Unternehmen stark auf den Bereich Online-Modelle konzentrieren, während nur wenige Digitalinvestments in neue, moderne Hotel- oder Produktionskonzepte oder auch Transport- oder Logistikmodelle vorgenommen werden. Wie siehst du das?

Florian: Ich würde sagen, im Logistikbereich passiert schon eine ganze Menge. Und über die Kritik an Hotelkonzepten lässt sich streiten. Man könnte immerhin sagen, Airbnb sei schlussendlich auch nichts anderes als ein Unterbringungskonzept. Vielleicht werden die Anbahnung und die Wertschöpfung in diesem Bereich etwas vernachlässigt, aber an sich geht da schon viel vor sich. Wo ich die Meinung des Fragestellers teilen würde, wäre die Schnittstelle Produktion/Digital. Wir beobachten aber auch, dass einige VCs und generell mehr Firmen da mittlerweile sehr aktiv sind, und haben selbst auch schon investiert.

Meines Erachtens passiert in diesem industrienahen Digitalisierungsbereich zwar eine Menge, aber nichts oder nur wenig davon steht im Handelsblatt oder – und das muss man auch leider sagen – wird auf Gründerszene oder ähnlichen Seiten thematisiert. Die konzentrieren sich noch relativ stark auf Modelle, die man einfacher versteht, wie die Projekte aus „Höhle der Löwen“, weil die Geschichten gut sind. Dafür habe ich natürlich auch Verständnis, weil es aus Sicht der Reichweitengenerierung attraktiver ist, aber ich glaube, da stimmen die Dinge, die objektiv passieren, und die öffentliche Wahrnehmung einfach nicht überein.

58:15

Alex: Gut, dann kommt jetzt die vorerst letzte Frage: „Welchen Online-Marketingkanal würdest du heute empfehlen, wenn man sich auf einen Kanal fokussieren muss, und was empfiehlst du den neuen Project A-Mitarbeitern, wenn sie sich in Adwords einarbeiten sollen?“

Florian: Aus meiner Sicht wäre das generell das Facebook-Universum, inklusive Instagram und inklusive des Facebook Messengers, wo ja auch immer mehr Möglichkeiten bestehen.

Alex: Also bietet Facebook doch die höchsten Arbitrage-Möglichkeiten?

Florian: Das weiß ich nicht. Mir geht es dabei weniger um die Arbitrage-Möglichkeiten. Ich glaube einfach: Wenn man verstehen will, wie Marketingsysteme in Zukunft aussehen werden, ist wahrscheinlich Facebook, gefolgt von Google, der Trendsetter. Die waren die Ersten, die mit Custom Audience angefangen und diese Prinzipien auf die Gewinnung von Neukunden und den Umgang mit Bestandskunden angewendet haben. Solche Vorgänge und Merkmale wie die Targeting-Möglichkeiten oder die indirekte Werbewirkung helfen einem, die Gesamtentwicklung zu verstehen und ein Gefühl für die relevanten Fragestellungen zu entwickeln, die man dann vielleicht auch außerhalb des Facebook-Universums übergreifend für sich selbst löst. Und im zweiten Teil der Frage ging es um Adwords, richtig?

Alex: Ja, aber den Teil können wir überspringen, denn deine Antwort passt da auch schon ganz gut. Im Grunde empfiehlst du, dass man sich vor der Auseinandersetzung mit Adwords in Facebook einarbeitet. Das ist übrigens auch eine sehr gute Überleitung zu Folge 10 mit dir, dem Marketing-Automation-Podcast. Vielen Dank für diese sehr ausführliche Folge und die weihnachtlichen Aussagen!

Florian: Es war sehr besinnlich, vielen Dank!

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Alexander Graf, 38, E-Commerce Unternehmer & Analyst, Gelernt bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Commerce Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: [email protected] || Tel: +49 (40) 3289 29690

2 Antworten

  1. Alexander sagt:

    Auch Start Ups und Konzerne sollten aus meiner Sicht über das Duale System mehr in die Ausbildung investieren. Mit 2-3 Jahren Ausbildungszeit braucht man durchhalte Vermögen. Aber dann hat man Entwickler die über eben jene 2-3 Jahre auch schon das Unternehmen kennengelernt haben. Alles auf die Universitäre Ausbildung zu schieben wird nicht reichen.

    • Sabine sagt:

      Ich würde da noch wesentlich weiter gehen. Die duale Berufsausbildung hat Deutschland groß und wohlhabend gemacht, nach dem Krieg aus den Ruinen. Sie wurde, vor dem Akademisierungswahn, passgenau auf alle nur denkbaren Handwerke, später Industrieberufe und kaufmännische Berufe, angepasst und bildet bis heute den die Basis unseres Wohlstands.

      Es gibt keinen triftigen Grund, warum nicht auch die Digitalwirtschaft von der dualen Berufsausbildung profitieren könnte. Aber im sehr anglozentrischen Denken der Branche, was ja auch aus jedem Gespräch mit all den redundanten Anglizismen trieft, kommt das eben nicht vor, sondern nur die universitäre Schiene – weil es im angelsächsischen Raum nur Hilfsarbeiter und Akademiker gibt, keine duale Berufsausbildung in dieser Form.

      Das ist umso bedauerlicher, als dieser Mittelbau die Stärke der hiesigen Digitalwirtschaft sein könnte. Amerika nachäffen wird nicht funktionieren und den hiesigen Standort immer second class (vielleicht dringt man mit einem Anglizismus ja eher durch) sein lassen, second to the US, bestenfalls. Sich stattdessen auf eigene Stärken zu besinnen, die hat Deutschland eben u. a. in der dualen Berufsausbildung, erscheint da wesentlich vielversprechender.

      Und letztlich auch profitabler. Denn das große Geld wird nicht mit Chat und Foto Apps für Privatkunden gemacht, egal wie überbewertet in der aktuellen DotCom Bubble (2.0) viele Unternehmen sind. Sondern das große Geld wird auch in Zukunft mit Geschäftskunden gemacht. Wir haben eine starke Industrie, wesentlich innovativer und exportstärker als die der USA. Die sollte der natürliche Verbundete der deutschen Digitalwirtschaft sein. Und gemeinsam mit der duale Berufsbilder zu definieren und gemeinsamen Nachwuchs zu formen, eigenständig und kompetent in Theorie und Praxis, das könnte unser Alleinstellungsmerkmal sein. Denn das hat so nur der deutschsprachige Raum (DACH).

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