Wo stehen Gorillas & Co. mit Udo Kießlich und Piran Asci

Es passiert jede Woche so viel im Lebensmittelhandel online – da würde sich schon bald ein eigener Podcast lohnen. Ich nutze die Gelegenheit mit Udo Kießlich und Piran Asci die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Eigentlich wollten wir das auf Clubhouse machen, aber da geht ja schon jetzt nix mehr. Wir besprechen wie nachhaltig profutabel Gorillas und Co. sein können, was Piran daraus lernt für sein neues Business und wie wohl die Zukunft des LEH in den Großstädten aussieht. Was wird aus Picnic? Wer kann und muss jetzt noch in den Markt einsteigen. Wir nehmen mit den Aussagen aus dem Podcast bereits einige Erkenntnisse der großen LEH Studie vorweg.

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Diese Podcast Transkription wird unterstützt von Gardena, die mit ihrem Smart System die Gartenarbeit revolutioniert haben. Im Sommer gibt es kaum eine zweite App mit der ich so viel Spaß habe im Garten – vom Mähroboter bis zum Pumpstation.

Online-LEH Status quo mit E-Food-Experte Udo Kiesslich und Piran Acsi von KoRo

Das Turbo-Wachstum von Gorillas, die Unterschiede zwischen Picnic und den Schnelllieferdiensten sowie jede Menge andere E-Food-Entwicklungen: Darüber unterhält sich Alex in diesem Podcast mit Online-LEH Dauergast Udo Kiesslich und Piran Acsi, Geschäftsführer von Korodrogerie.de. Zwar liegt das letzte Update zum Thema E-Food erst wenige Monate zurück. Doch entwickelt sich der Markt gerade in einem so rasanten Tempo, dass schon wieder eine fachkundige Markteinschätzung durch ausgewiesenen E-Food-Kenner Udo fällig wird. Mit von der Partie ist Piran schon deswegen, weil Korodrogerie im Onilne-LEH eine feste Größe ist. Zudem ist er an einer neuen Gründung dran, die ebenfalls im boomenden E-Food-Segment mitmischen will…

„Bei Gorillas stehen alle Zeichen auf Expansion!“

4:00

Alex: Udo, du sagst, der E-Food-Markt hat sich im letzten Quartal sehr verändert und typische Restaurant-Lieferdienste wie Lieferando haben das Nachsehen, weil alle sich jetzt von Gorillas Zutaten liefern lassen, anstatt Gerichte nach Hause zu bestellen.

Udo: Es macht sich eine Schere auf. Entweder haben die Leute Burger, Pizza und Curry satt und wollen etwas höherwertiges nach Hause geliefert bekommen. Da kommt Volt ins Spiel. Oder sie haben keine Lust mehr, 40 Minuten auf besagte Burger & Co. zu warten und lassen sich die Zutaten für ein gesundes, selbst zubereitetes Essen binnen 10 Minuten nach Hause liefern. Da profitiert Gorillas.

Alex: Piran, wie sieht es bei dir aus? Wir haben zuletzt Ende 2020 gesprochen. Vermutlich ist das erste Quartal 2021 für Korodrogerie sehr gut gewesen, oder?

Piran: Korrekt! Viel Arbeit – mit das härteste Quartal, das wir bislang gehabt haben – und starkes Wachstum. Zwischen September und Mai wachsen wir nämlich immer am Stärksten, bevor im Sommer eine kleine Stagnation einsetzt. Derzeit beschäftige ich mich zu 80% mit Sortimentserweiterungen: Wir wollen nämlich „zurück zu den Wurzeln“ und wieder mehr Drogerieprodukte anbieten, während wir das Food-Segment immer weiter ausbauen. Und wir haben Gründer für ein neues Lieferdienstmodell gefunden, das wir vorantreiben wollten. Was wir übrigens merken: Es gibt keinen Abbruch nach Corona. Die Leute bestellen immer noch wie verrückt.

(Piran rekapituliert auf Alex‘ Anfrage kurz die Premium-Eigenmarkenstrategie von KoRo. Dann geht es auch kurz darum, dass für dieses Gespräch eigentlich eine Clubhouse-Übertragung geplant war. Alle drei hätten aber gemerkt, dass Clubhouse nach dem kurzen Hype im Frühjahr kartenhausmäßig in sich gefallen sei. Daher jetzt das Gespräch als klassischer Podcast – mit dem Vorzug, dass es auch so etwas wie Links und, ja, eine Transkription gibt!)

8:15

Alex: Fangen wir mal mit Gorillas an! Im Vorfeld hast du uns einen Artikel aus dem Manager Magazin weitergeleitet, in dem es um die Online-Supermärkte und auch um Lieferdienste Gorillas geht. Tenor: In Berlin gibt es bereits an jeder zweiten Ecke ein Gorillas-Lager…

Udo: Allein an der Anzahl der neuen Länder und Städte, in denen Gorillas präsent ist, kann man schon das starke Wachstum ablesen: London, Paris, mehrere Städte in Holland – und dann diverse neue Viertel in Hamburg, Berlin usw. Angeblich haben die schon über 100.000 Leute und haben zudem eine große Finanzierungsrunde hinter sich. Alle Zeichen stehen also auf Expansion!

Auch beim Produkt hat sich einiges gebessert. Aus den grauen Papiertüten sind Papiertüten mit  Gorillas-Logos geworden. Jeder Lieferung liegt eine handgeschriebene Postkarte bei. Ich weiß, das sind Kleinigkeiten, aber sie sind wichtig. Und sowieso wurde in der App die usability erhöht und neue Zahlungsmöglichkeiten hinzugefügt. Beim Sortiment gibt es neuerdings auch Frischfleisch.

Allerdings haben sie natürlich mit Kinderkrankheiten zu kämpfen. Und: Es gibt eine Reihe von etablierten Konkurrenten, die jetzt ins neue Segment mit viel Geld reingehen. Und es kommt der erste gesellschaftliche Gegenwind auf: „Sind solche Depots in der Innenstadt wirklich eine geeignete Nutzung von Ladenfläche? Ist es in Ordnung, wenn da ständig 10 Fahrradfahren vor der Tür warten und den Gehweg womöglich blockieren?“

10:55

Alex: Piran, du wohnst ebenfalls in Berlin. Bist du auch ein Gorillas-Nutzer?

Piran: Absolut! Ich bin vor zwei oder drei Monate Kunde geworden und bin total begeistert. Ich wohne in Steglitz: Dorthin liefern sie nämlich auch mittlerweile.

Alex: Ersetzt das einen Einkauf bei Rewe/Edeka/ALDI oder ergänzt ihn das?

Piran: Das ist bislang eher so gewesen, dass man abends was trinken will und kein Tonic-Water zu Hause mehr hat. Allerdings habe ich glatt so eine Flasche Monkey-Gin mitbestellt, was für Gorillas bestimmt profitabel war! Sonst ist das eher experience-getrieben: Ich gucke mir, was sie Cooles im Sortiment haben – etwa so eine Zimtschnecke von „Zeit für Brot“, die man eigentlich nur in Mitte bekommt. Ich müsste mich aber erst einmal selber daran gewöhnen, dass ich auch die Dinge bei Gorillas kaufen könnte, die ich sonst immer beim Einkaufen im Supermarkt hole. Das ist bei mir noch nicht so drin. Zum ersten Mal vorgestern habe ich tatsächlich mehr bestellt – so einen halben Monatseinkauf mit so Sachen wie Artischocken und Erdnussbutter. Das war aber auch gut teuer! Aber Fazit: Wird immer mehr – und wird immer besser.

(Auf Basis des Manager-Magazin-Artikels beleuchten Alex und Gäste das Geschäftsmodell. Das MM will Gorillas-interne Unterlagen gesehen haben, wonach der durchschnittliche Warenkorbwert 21,50 € betrage. Darauf komme die Liefergebühr; davon ab gingen Waren-, Personal- und Lagerkosten sowie Zahlungsgebühren und Marketingkosten. Am Ende stehe -1,50 € pro Bestellung. Laut Udo müsse man angebliche Interna mit einer Prise Salz nehmen. Die unit economicsDas habe er schon im Frühjahr gesagt – seien bei Gorillas vermutlich besser, als sie aussehen. Die Berechnungen könnten einen Portfoliowert darstellen: Die älteren Standorte schrieben aber wohl jetzt schon schwarze Zahlen, während die vielen neuen Lager noch nicht so eine hohe Auslastung haben. Außerdem sei „nur“ 1,50 € Verlust im frühen Stadium sei fast gar nichts. Gorillas mache bereits jetzt fast keine Verluste. Und stiege der Durchschnittsbon nur auf 25 Euro, wäre es schon profitabel.

Alex greift einen weiteren Aspekt aus dem Artikel auf: Klassische Nahversorger wie Rewe oder Edeka. hätten pro Laden hohe Fixkosten, an denen sich kaum etwas ändern lasse und eine entsprechende niedrige Marge von 2%-3%. Würden also nur 10% Umsatz von Herausforderern wie Gorillas rausgezogen, müssten die Supermarktketten anfangen, Filialen zu schließen. Udo stimmt zu: Sobald ein Standort neben einer engmaschigen Versorgung mit stationären Vollsortimentern sowohl „klassische“ E-Food-Anbieter sowie Schnelllieferdienste habe, komme es schon zu einem Verdrängungswettbewerb. Zumal Flaschenpost nun auch noch dabei sei…)

18:20

Alex: Piran, schützt Korodrogerie ihr clevere Direktvertriebsmodell vor dem Angriff von Gorillas, Flink & Co.? Oder seht ihr das anders und versucht möglicherweise, eure Produkte dort listen zu lassen?

Piran: Ja, wir sprechen schon mit denen.

Alex: Und meinst du, eure Superfoods wie Avocado-Mehl (oder was auch immer das war…) verkaufen sich dann gut über Gorillas?

Piran: Alex, „Avocado-Mehl“? Hast ja nichts gelernt aus unserem letzten Podcast! Aber Spaß beiseite: Unser gesamtes Sortiment mit Großpackungen für auf Vorrat werden wir bei ihnen nicht abbilden können – oder wollen. Produkte, die besonders gut oder innovativ sind, wollen wir aber auf jeden Fall dort listen. Gorillas wird uns das Geschäft mit den Großpackungen sowieso nicht streitig machen können. Also tangiert uns das gar nicht so stark.

19:40

Alex: Ihr beiden als Gorillas-Kunden: Ab wann wäret ihr bereit zu wechseln und die Flink-App zu öffnen? Was wäre der Trigger? Da bin ich mir noch gar nicht so sicher, wie es sich hier in diesem Segment mit der Kundentreue verhält.

Piran: Früher – also vor drei oder zwei Jahren – hätte ich gesagt, die Preis müssten zumindest minimal besser sein, um einen Kunden zu einem Wechsel zu bewegen. Aber jetzt sehe ich, dass bei mir ein gewisser lock-in-Effekt vorhanden ist, weil die Gorillas-App eben gut funktioniert und ich keine Lust habe, mich mit einer anderen zu beschäftigen. Ich glaube, dass es vielleicht über die Sortimentsbreite und -verfügbarkeit ginge. Wenn etwas ständig ausverkauft ist bei Gorillas – oder sie listen es einfach nicht – aber Flink das täte, könnte mich das vielleicht weglocken. Was mich eher nicht zu einem Wechsel bewegen würde, wäre eine leicht schnellere Lieferzeit. Da habe ich eh meistens etwas mehr Zeit, wenn ich bestelle. Ob es in 10 oder in 15 Minuten ankommt, ist nicht entscheidend.

Insofern würde ich schätzen, dass es sich für Gorillas lohnen könnte, die Lieferkreise etwas größer zu fassen und eine leicht höhere Lieferzeit in Kauf zu nehmen, um mit einer größeren Kundenbasis und einem größeren Lager mehr Sortimentsbreite anzubieten.

Alex: Und was wäre mit Picnic, wenn es das in Steglitz gäbe?

Piran: Nee, das dauert mir zu lange! Und da müsste ich eher wöchentlich planen.

Alex: Musst du auch, kriegst aber ein volles Sortiment zu Discountpreisen nach Hause geliefert.

Piran: Stimmt zwar, aber ich denke einfach zu wenig darüber nach, was ich eigentlich morgen einkaufen müsste. Mir fällt es eher spontan ein, dass ich jetzt etwas einkaufen muss und ich springe direkt in den Rewe bei mir gegenüber – oder bestelle dann bei Gorillas. Bei Picnic wäre also der convenience factor, dass ich nicht in den Laden, dadurch verschlugen, dass ich vorausplanen müsste.

Udo: Eingangsvoraussetzung für einen Wechsel ist ja immer, eine Alternative hat. Bei mir ist es so, dass es neben Gorillas nur Flink gibt. Alle anderen sind zwar in Berlin, aber nicht in meiner Ecke. So kann ich die alle noch nicht gegeneinander benchmarken. Aber wann würde ich wechseln? Was ich an mir selber festgestellt habe, ist eine Abhängigkeit von zwei operativen Sachen. Das eine hat Piran auch erwähnt: Kommt es sehr oft dazu, dass zu viele Artikel gerade ausverkauft sind, wäre es nervig. Wie letztens, als mich jemand aus dem Gorillas-Lager anrief und sagte: „Es tut mir leid, das gewürzte Tomatenmark ist gerade aus!“ Das andere ist das, was ich als perfect order beschreibe: Wenn ich 50 Sachen bestelle, müssen 98% davon richtig und vollständig ankommen. Bei Gorillas hatte ich es in den letzten Wochen ein paarmal, dass bei größeren Bestellungen einige Artikel gefehlt haben oder falsch waren. Wiederholt sich das zu häufig, wäre ich natürlich geneigt, die Alternativen zu testen – vor allem, wenn sie mit 20-Euro-Gutscheinen um sich werfen (was zugegebenermaßen ein teurer Spaß ist…).

Alex: Und wie sähe es bei dir mit Picnic aus: Würdest du die dazu nehmen?

Udo: In Berlin oder anderen Großstädten sind sie noch nicht. Sie fangen ja eher in den mittelgroßen Städten an. Aber ich glaube, ich würde sie dazu nehmen. Denn den klassischen Familieneinkauf am Wochenende kriegst du bei den Schnelllieferdiensten einfach nicht abgedeckt: Die Sortimentsbreite können sie aus verschiedenen Gründen eben nicht abbilden. Was ich mir vorstellen kann: Man hat so einen quick-service-Anbieter für unter der Woche, wenn mal was fehlt, kauft aber jeden Donnerstag oder Freitag groß bei Picnic oder eben Rewe-Online groß ein.

25:20

Alex: Und nun zur Schattenseite von Gorillas: Letztens im Supermarktblog hieß es „Genervte Nachbarn, blockierte Gehwege: Entpuppt sich Gorillas Standortvorteil als Nachteil?“ Seht ihr da die Gefahr, dass ein schlechter Leumund oder Nachbarschaftsklagen das Wachstum von Konzepten wie Gorillas ausbremsen könnte?

Piran: Ich kann mir schon mal vorstellen, dass da etwas passiert. Wenn immer ich am Gorillas-Lager vorbeifahre, ist da immer sehr laut Musik an zum Beispiel. Das wird, glaube ich, ein bisschen zurückgehen. Die kriegen da bestimmt paar Auflagen. Aber im Endeffekt spielt es für die Anwohner eigentlich gar keine Rolle, ob da eine Supermarktfiliale oder ein Gorillas-Lager steht: Lieferverkehr und Gedränge wird es da geben.

So ein Lager ist zudem nur begrenzt skalierbar. Viel größer können die nicht werden: Irgendwann ist es effizienter, ein zweites Lager aufzumachen. Ich glaube also eher nicht, dass es zu einem wirklich großen Problem werden wird.

Udo: Ich habe ja ein Unternehmerherz und viel Freude am Aufbau, weshalb ich dazu tendieren würde, das unter „Kinderkrankheiten“ zu verbuchen. Zumal: Kreuzberg ist nicht Berlin und Berlin ist schon gar nicht Deutschland! Ein paar der Kritikpunkte sind gewiss berechtigt. Sie ließen sich aber mit ein wenig guten Willen und guter Öffentlichkeitsarbeit lösen.

Zudem werden sie mit der Zeit bestimmt auch schlauer werden. Nachdem sie ein halbes Jahr lang in London, Paris und Berlin jeweils 5 bis 15 Lager betrieben haben, werden sie analysieren, ob die Kleinlagerstrategie auch die richtige ist: Ist es wirklich der Königsweg, immer einen kleinen Laden an einer Einkaufsstraße aufzumachen? Oder suchen sie sich für die nächste Welle an Neueröffnungen etwas andere Standorte wie Garagen oder alte Kaufhäuser…? Sie werden genauso zentral liegen, dafür aber weniger Stress mit Anwohnern haben wollen.

(„Also: Gorillas, die letzte Hoffnung für Karstadt?“ fragt Alex schelmisch. Klar, antwortet Udo: innenstädtisch gelegen, gute Infrastruktur wie Lieferrampen für LKW usw. Letzte Frage zu Gorillas: Habe Gorillas nicht wie Picnic eigentlich denselben, für kleinere Großstädten wie Kiel interessanten Vorteil, dass es keine allzu große Zahl an Haushalten brauche, damit man einen Standort gewinnbringend betreiben könne? Zumal kleinere Großstädte sich für E-Scooter-Anbieter wie Tier als sehr profitabel erwiesen haben, weil dort die Konkurrenz meistens fehlt. Udo nimmt Alex die Hoffnung, allzu bald in einem Gorillas-Liefergebiet zu wohnen: Warum schon die Fälle mit höchstens Grenznutzen angehen, wenn man erst gerade in der 600.000-Stadt Leipzig aufgemacht habe…? Gorillas habe ja auch eine Europa-, nicht bloß eine Deutschlandkarte aufgemacht. Kiel komme daher eher erst in 12 Monaten, nachdem Kopenhagen daran war…)

32:30

Alex: Jetzt mal was anderes. Ich habe letztens einen Podcast mit Pavel Orlov vom russischen E-Food-Anbieter Magnit aufgenommen. Das Spannende an osteuropäischen Ländern ist ja immer, dass die meisten Firmen erst nach der Wende gegründet wurden. 1990 fehlten ja die ganz großen Etablierten aus 100 Jahren Kapitalismus. Aus seiner Perspektive ist in Russland gerade ein goldenes Zeitalter für E-Commerce angebrochen, seitdem Ozon – das russische Amazon – an die Börse gegangen ist und alle verstanden haben, das Online-Geschäftsmodelle viel höher bewerten werden sollten. Jetzt werde investiert wie verrückt.

Mittlerweile ist Dreistunden-Lieferung auch in mittelgroßen Städten abseits von Moskau und St. Petersburg Standard. Alles, was drüber liegt, wird gar nicht mehr angenommen. Express wird also zu Standard: Wer ein bisschen Zeit hat, nimmt „medium express“ mit rund 45 Minuten Wartezeit. Habt ihr da reingehört? Wie fandet ihr das?

Udo: Sehr interessanter Podcast! Ein besonders spannender Punkt: Die Muttergesellschaft von Magnit fordert diese immer schnellere Lieferzeiten, weil sie sieht, dass die Konkurrenz das anbietet – und deswegen höher bewertet wird. Sie machen es also nicht aus Überzeugung, sondern um den Börsenwert hochzutreiben. Einerseits ein tolles Argument. Andererseits kann es sehr schnell schiefgehen, wenn die Börsenkurse doch in den Keller rutschen sollten und alle nüchtern sich die Zahlen anschauen…

Ein zweiter Punkt, der mir auffiel: Der russische Markt ist anders strukturiert und offenkundig ist Discount dort gar nicht so ausgeprägt wie hierzulande. Das Thema ist eher convenience für die gehobene Mittelschicht. Es wird spannend sein, zu sehen, ob das nur für Ost-, oder auch für Westeuropa gilt.

Der dritte Punkt hängt damit zusammen – und den hattest du letztens mit Florian Heinemann: Eine Einkommensschere, die stark auseinandergeht, scheint solche convenience-getriebene Modelle zu begünstigen. Da gibt es nämlich am einen Ende der Einkommensskala hinreichend Kaufkraft und am anderen Ende genug Arbeitskräfte für Lager und letzte Meile.

(Danach stellt Alex die Frage in Raum, wie es Gorillas, Flink & Co. schaffen, so schnell so viele neue Standorte zu eröffnen. Von den dreien hat keiner konkrete Informationen, wie genau die Protagonisten vorgehen. Alex fühlt sich an die Expansionen von Rocket und Groupon erinnert: „Wir gehen nächste Woche in Portugal live! Hier ist eine Liste von Telefonnummern…“ Udo macht das Nadelöhr beim Personal aus. Leerstehende Ladenfläche und Fahrräder gebe es wohl genug. Allerdings sei das ganze gar nicht so komplex. Gorillas arbeite vermutlich mit einer Art Drehbuch und betreibe eine Standort-Pipeline, wo andere eine Sales-Pipeline haben. Alex hegt auf Basis dieser Aussage doch noch Hoffnung für Kiel…)

39:05

Alex: Piran, du hast dich von den rasanten Veränderungen im Lieferservice und Kundenverhalten im E-Food inspirieren lassen…

Piran: Das ist noch nicht alles in trockenen Tüchern, aber ich erzähle euch mal ein bisschen was zu den Überlegungen dahinter. Bei Lieferando ist es ja so, dass man 30 bis 40 Minuten auf sein Essen wartet, dass dann halb zermatscht ankommt. 90% von dem, was auf der Plattform ist, ist nicht sonderlich gesund – und wenn man dort was wirklich Gutes haben will, kostet es dann schnell 15 Euro.

Und wer kennt das nicht? Man ist im Büro und hat nur 20 Minuten zwischen Terminen. Da lohnt es sich nicht, loszugehen und was zu holen: 10 Minuten hin, 10 Minuten warten, 10 Minuten zurück. Bestelle ich was, kommt das eh viel zu spät an. Das kann doch nicht sein! Ich kann mir mittlerweile einen Einkauf in 10 Minuten liefern lassen, aber kein warmes Essen.

Also haben wir uns was überlegt – und Udo, du warst der Erste, mit dem wir das Konzept besprochen haben. Es soll eine Art Gorillas für warmes Essen sein. Wir wollen beim Geschäftsmodell und beim Betrieb möglichst weg von Lieferando, weil mir das sehr ineffizient erscheint: jedes Essen in einer anderen Küchen pro Einzelperson zubereitet? Ein Fahrradfahrer für das eine Essen für die eine Person…? Die Fahrradflotte ist nicht profitabel ausgelastet.

Unsere Idee ist es daher, effizient in einer Großküche für ein Ballungsgebiet beziehungsweise für bestimmte Bezirke zu produzieren. Dann belädt man eine Flotte an Kleinlastern mit dem Essen – und die Fahrzeuge sind so gebaut, dass der Fahrer, wenn er beim Kunden vorfährt, hinten kurz reingehen und das Essen zusammenstellen kann. Es ist komplett anders gedacht: So ein Curry mit Gemüse kann man nämlich nicht in einer Portion warmhalten, ohne dass es matschig wird; Man kann aber sehr wohl große Töpfe mit Curry und den Reis dazu separat auf Temperatur halten. Erst kurz vor der Haustür des Kunden wird es dann zu einem Gericht konfektioniert.

(Um das Konzept zu verfolgen, habe KoRo eine Stelle folgendermaßen ausgeschrieben: „datenaffiner Naturwissenschaftler für abteilungsübergreifende Stelle“. Denn für junge Techies sei der Bereich Food nicht unbedingt interessant. Und KoRo ging es eher um das Profil, nicht um Affinität für das Thema Essen. Neueinstellung: Elektrotechniker direkt von der Uni, der erst einmal etwas skeptisch war, nach einem Podcast der Doppelgänger zum Thema allerdings überzeugt werden konnte. Wenn es gut läuft, werde das neue Konzept als Tochtergesellschaft von KoRo bald den Betrieb aufnehmen. Köche seien schon in Teilzeit eingestellt, um mit Gerichten zu experimentieren. Und der erste Sprinter sei für den Umbau geleast.)

44:40

Alex: Könntet ihr für das neue Konzept nicht einfach ausgemusterte Food-Trucks nehmen?

Piran: Theoretisch schon, aber es lohnt sich gar nicht. Sie sind super-sperrig, super-teuer und werden aktuell wie verrückt gesucht! Kommen sie auf den Zweitmarkt, sind sie sofort weg. Zudem hätte ich dann vieles darin, was ich gar nicht brauche – etwa die Klappe von der Seite. Ich will ja nicht daraus verkaufen.

Alex: Das erinnert mich leicht an das Hamburger Unternehmen Stadtsalat: Sie kamen auf die Idee, aus Foodtrucks heraus Fahrradkurier fahren zu lassen. Allerdings ist das wohl deutlich teurer: Gehe ich auf deren Seite, bin ich schnell bei 15 Euro für einen Salat. Ich glaube, mit einem Curry-Gericht für alle kannst du da günstiger unterwegs sein, oder?

Piran: Schon. Wir wollen bei 7 oder 8 Euro starten und dann – je nachdem, ob man es mit zusätzlich Tofu, Hähnchen oder Rindfleisch bestellt – mit Preisstufen arbeiten.

Alex: Wird aber so schnell nichts mit Kiel, oder? Nee, dachte ich nicht. Udo, was hältst du davon?

Udo: Gut, ich bin leicht parteiisch – Wohne ich doch in einem Pilotbezirk! Meine Oma hätte gesagt: „Haben Sie auch Kartoffeln?“ Aber Spaß beiseite: Ich finde die Idee gut. Lieferando & Co. haben zwar bestimmt ihre Zweck, aber oft auch viele Defizite. Nicht besonders schnell, relativ teuer, oft ungesund und dann Verpackungen, die nicht gerade ökologisch sind. Insofern: Piran hat eine Marktlücke entdeckt. Die Frage ist dann eher, wie man die operationell gut hinbekommt. Essen die Leute doch meistens zwischen 11 und 14 und dann wieder zwischen 17 und 20 Uhr. Da ist immer die Krux, wie man diese Stoßzeiten optimal nutzt. Aber ich finde: Probieren geht über Studieren!

(Wenn diese ganzen Schnelllieferdienste und Essen-auf-Rädern-Konzepte aufgehen, fragt Alex, hat der McDonalds-Betreiber dann möglicherweise ein Problem? Udo kommt folgende Losung in den Sinn, die er letztens aufgeschnappt habe: „Fried chicken is dead!“

So weit würde Piran nicht gehen – Auf dem Ku’damm werden Leute weiterhin schnell was essen wollen. Aber das es ohne strukturelle Veränderungen geht, glaube er auch nicht: An vielen Stellen werden große Flächen für den Vor-Ort-Verzehr nicht mehr effizient betrieben werden können. Dazu komme die Macht der Plattformen: Perspektivisch werden Lieferdienste zunehmend den Kundenkontakt haben und Restaurantketten wie McDonalds oder KFC zu Lieferanten degradieren – mit entsprechenden Auswirkungen auf ihre Markenbewertung.

Allerdings – schränkt Udo wieder ein – erfreuten sich viele Ketten in USA wie Dominos und Chipotle bester Gesundheit. Sie hätten schnell genug ihr Geschäftsmodell an die erhöhte Nachfrage für Nach-Hause-Lieferung angepasst. In Deutschland sei die Frage, ob Ketten wie Dunkin Donuts und Subway, die gerade bei Volt sind, ihre eigenen Lieferstrukturen aufbauen oder die Kundenbeziehung abgeben und in die Abhängigkeit rutschen.

Wo sich alle einig sind: Der Automatismus „Ich habe Hunger – ich gehe in ein Fast-Food-Lokal“ sei unter Druck geraten.)

52:20

Alex: Anfangs haben wir ja die Zahlen, die über Gorillas kursieren, besprochen. Da hieß es, der Kurier koste 4,90€ pro Lieferung. Der Mindestlohn liegt jetzt bei rund 10,50€ pro Stunde. Wie viele Lieferungen schafft denn so ein Kurier pro Stunde? Beim Kunden ist er in sechs oder sieben Minuten, aber davor hat er noch sein Fahrrad beladen, danach wartet er vorm Laden.

Udo: Über das gesamte Segment der klassischen Lieferandos schaffen die Boten rund drei Gänge pro Stunde – im Schnitt über die ganze Schicht und über alle Standorte. Ich glaube, Gorillas kommt irgendwann auf einen Schnitt von dreieinhalb bis vier. Mehr wird wohl nicht gehen. Aber vergiss nicht: Den 4,90€ Zustellkosten stehen eine Liefergebühr von 1,80€ gegenüber. Die Zustellung kostet also am Ende Gorillas viel weniger – und diese Kosten scheinen das Geschäftsmodell herzugeben.

(Alex fasst es zusammen: 7-8 Lieferung pro Stunde wie Picnic könne man bei Schnelllieferdiensten nicht schaffen, wenn man das Service-Niveau halten wolle. An Gorillas – und an anderen ähnlichen Diensten – werden Alex und Udo dranbleiben, während Piran sein Curry-Konzept aufzieht. Alex‘ Hoffnung für das nächste Update: Über Lieferdienste in Kiel sprechen zu können!)

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Eine Antwort

  1. Maximilian Bockelbrink sagt:

    Bei Gorillas geht es überhaupt nicht ums Essen. Es geht darum eine Platform zu bauen und möglichst schnell, möglichst günstig viele User zu akquirieren, die dann irgendwann einmal zu Geld gemacht werden sollen. Aus internen Unterlagen ist ja jetzt schon zu sehen, dass man bald auch OTC Produkte aus der Apotheke, etc. anbieten möchte. Der Sinn der 10 Minuten Lieferung ist daher die enorme Berichterstattung und free coverage die damit einhergeht. All in all führt das zu einer niedrigeren CAC.
    Was in der aktuellen Geldschwemme und dem VC Pyramid Scheme leider vergessen wird, ist, dass genau dieser exorbitante CAC burn nur bei sehr sehr wenigen Unternehmen jemals funktioniert hat. Wenn Gorillas dann via SPAC mit -500 Mio Ebitda an die Börse geht feiern sich die VCs als Götter wenn sie diesen Schrott an Retail abladen. Ein aktuell sehr ungesundes Ökosystem.

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