2 hoch 10

Wachstum, Wachstum, Wachstum, überall geht es nur noch um Wachstum. Nicht um „Profite“ in Form von erwirtschafteten Überschüssen oder um Nachhaltigkeit. Darauf kann man verschiedene Sichten entwickeln, aber grundsätzlich wird Wachstum in Maßen noch sehr positiv wahrgenommen. Unternehmen die 3% wachsen, machen ihren Job ok. Unternehmen mit 10% werden schon als Top Performer wahrgenommen. Enormes Wachstum bei jungen Unternehmen wird sogar erwartet, bei größeren Unternehmen kommt schnell der Schrei nach Regulierung. In Summe ein schwieriges Thema dieses Wachstum, weil es oft zu Lasten anderer Unternehmen geht. Hauptsache nicht zu schnell möchte man meinen. Und wahrscheinlich wäre das für das Wohlempfingen aller etwas besser, wenn es nicht immer so schnell geht. Das hilft aber alles nix, wenn man sich in seinem Markt mit Unternehmen rumschlagen muss, die schnell wachsen.

Genau das war auch mein Thema bei den Omnichannel Days des EHI in der letzten Woche (super Event!). Wenn andere Unternehmen, und für die meisten Betroffenen hier ist das Amazon, über viele Jahr stark wachsen, dann verändern sie Märkte. Betroffene Unternehmen die nicht entsprechend mithalten können, scheiden so aus dem Markt aus. Insofern bin ich sehr skeptisch wenn betroffene (Versand-) Händler Wachstumsquoten von 3/5/8% als großen Erfolg ausweisen, wenn doch schon klar ist, dass das niemals ausreicht. Auch Amazon war mal klein, wie man in folgendem Tweet gut nachlesen kann.

Ich habe auf dem Kongress das Fazit gezogen, dass lineare Strategien und damit verbundenes lineares Wachstum nicht mehr ausreicht. Die wachstumsstarken Unternehmen gewinnen am Ende sehr wahrscheinlich, egal ob das gut ist/gesellschaftlich wünschenswert. Um sich den Amazon Effekt etwas klarer zu machen, muss man sich einen Menschen vorstellen, der mit jedem Schritt seine Schrittlänge verdoppelt (100% Wachstum). Angenommen der erste Schritt ist 2m lang, dann ist der 10. Schritt bereits ein km lang. Beim zweiten und dritten Schritt kann man so einem Menschen noch folgen, oder ihn sehen. Der letzte Schritt erscheint unheinholbar groß, so wie aktuell das Amazonwachstum, was irgendwo zwischen 150 und 200 Millionen Dollar pro Tag liegt (im Vergleich zum Vorjahr). Der EHI betrachtet diese Entwicklung auch regelmäßig im Deutschen Markt und versucht die Dynamik der größten Onlineshops sichtbar zu machen. Die Daten machen deutlich, dass die großen Shops den Markt quasi aufsaugen und den kleineren (Plätze 501-1000) keine Luft mehr lassen. Für das Geschäftsjahr 2016 bedeutet das:

Noch wichtiger ist allerdings die folgende Statistik zum Thema Umsatzdynamik:

Wachstum ist zwar auch auf den „hinteren“ Plätzen noch gut möglich, aber es muss über Jahre durchgehalten werden. Ein Blick auf die reinen Daten sagt mir, Wachstum ist das aktuell überragende Kriterium im Markt, auch wenn das zu Lasten vieler anderer Dinge geht, die wünschenswert wären. So oder so heißt das für mich, dass pro Segment das wachstumsstärkste Unternehmen den Ton angibt in der Plattformökonomie. Wer nicht so stark wächst, wie das stärkste Unternehmen seiner Kategorie, verliert. Wer über mehrere Jahre verliert, ist raus. Mal schauen was die Leute in Österreich dazu sagen beim Handelskongress. Da diskutiere ich die These am Mittwoch.

Nachtrag. Genau aus diesem Grund, finde ich Aussagen wie diese hier vom REWE CEO so brandgefährlich.

„Kein Mensch weiß, wie sich der Online-Handel mit Lebensmitteln in den nächsten Jahren entwickelt. Alle zwei Jahren werden alle Prognosen dazu wieder über den Haufen geworfen“, räumt Souque ein. Sicher sei aber, der Online-Handel mit Lebensmitteln werde nicht so klein bleiben, wie er heute sei. „Er wird wachsen, aber wie schnell und wie stark, das kann keiner sagen.“

Wenn das so klar ist, dann muss REWE am schnellsten wachsen in diesem Markt. Alles andere ist eine Art von Kapitulation.

Neue Beiträge abonnieren

Alexander Graf, 38, E-Commerce Unternehmer & Analyst, Gelernt bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Commerce Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: [email protected] || Tel: +49 (40) 3289 29690

4 Antworten

  1. Axel Metayer sagt:

    Danke dass du hier mal exponentielles Wachstum darstellst. Ich höre in Deutschland oft nur miMimi oder „so schlimm wird es schon nicht werden“ und wenn alles nicht mehr hilft kommt die Gerechtigkeits-Keule „Amazon ist böse und macht schlimme Sachen“…
    Wird mal Zeit der Realität ins Auge zu schauen 🙂

  2. Da können Sie ja dann wunderbar streiten mit Herrn Hensel! Und sich nachher den Schwanda anschaun. lg gh

  3. lala sagt:

    Guter Beitrag – die ersten 2/3 des Artikels.
    Alles über 10% (max 20%) Wachstum ist für viele Entscheider meines Erachtens Voodoo bzw nicht vorstellbar.
    Obwohl es passiert.

    Beim Übergang zu den Ausführungen zum exponentiellen Wachstum sei aber gesagt, dass die E-Commerce Branche meines Erachtens demnächst (dieses Jahr, nächstes Jahr?) voll gegen die „Logistik Wand“ fahren wird.
    Dieses ganze Gerede von Fahrermangel/ Transportprobleme ist nämlich mittlerweile tatsächlich vorhanden.
    Entsprechende Lösungen (höherer Automatisierungsgrad, Fahrerlose Systeme, bessere Laderaumnutzung, kürzere Wege, Letzte Meile Kooperationen, „Abholboxen“, etc pp) kommen nicht schnell genug dem Wachstum hinterher.