jet.com und die ganz ganz große Vision

Alexander Graf

Alexander Graf, 35, E-Commerce Unternehmer & Autor, Gelernt und erste M&A-Tätigkeit bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Shop Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

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15 Antworten

  1. Stefan Johannesberg sagt:

    Genau. Das.

  2. Sebastian Ulbrich sagt:

    Hallo Alexander,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich habe mir bei all dem PR Tamtam in den letzten Tagen auch genau die gleichen Fragen wie du gestellt und bei der Recherche dann doch gewundert, dass jet.com mit diesem Geschäftmodell ohne jegliche Kritik als der Amazon-Rivale Nr. 1 betitelt wird.

    Nach Anschauen des 5 (!) minütigen Erklärvideos (https://www.youtube.com/watch?v=TlrSKnMrI10) ist mir ein Gedanke gekommen, auf den bislang noch nicht eingegangen worden ist: Versucht jet.com vielleicht mit Hilfe der „Dingdingdingding“ Smart Cart Bonuses einen Gamification Ansatz ins Shopping zu übertragen? Look & Feel der kleinen „Coins“ und auch die musikalische Untermalung im Video erinnern doch stark an bekannte & erfolgreiche Casual Games. Und legt man einen Smart Cart Artikel in den Warenkorb, sieht man anschließend schön visuell animiert die Preise der restlichen Artikel fallen. Das erinnert mich persönlich doch stark an bekannte Spiele-Ansätze: Sammeln von Bonus-Coins & „Unlocking“ von weiteren Leveln.

    Diesen Ansatz allerdings als das jet.com – „Killer“-Feature zu bezeichnen, so weit würde ich mich dann doch nicht aus dem Fenster lehnen. Zumal es erst einmal eine Einstiegshürde darstellt (nochmal: 5 Minuten Erklärvideo!) und dann genauso frustrieren kann, wenn nämlich genau die gewünschten Artikel eben nicht kombinierbar sind. Aber zumindest ist es ein neuer Ansatz, den ich in dieser Form noch bei keinem anderen Shop gefunden habe. Aber lasse mich hier gerne eines besseren belehren 😉

    • Ja, das kann schon sein. Die Nutzer sollen ja animiert werden mehr als einen Artikel in den Warenkorb zu legen. Je mehr – desto billiger. Das erinnert mich an swoopo und E-Commerce entwickelt sich ja eher so, dass man sogar Produkte für 2€ Warenwert ad hoc bestellt, weil sie kostenlos versendet werden. Der Use Case ist also eher anachronistisch.

      • Sebastian Ulbrich sagt:

        Stimme dir zu, bei heute meist null Euro Versandkosten geht der Trend zu immer kleineren Ad-hoc-Bestellungen. Und schon fällt mir direkt wieder Amazon ein mit den „Dash“-Buttons: Vorrat alle, Button drücken, Ware bestellt.

        Swoopo hatte mit Artikel-Auktionen und Bids auch einen starken spielerischen (um nicht zu sagen glücks-spielerischen) Ansatz – allerdings ging der meines Wissens nicht über den jeweiligen Artikel hinaus, womit kein Upselling erreicht werden konnte.

        Jet.com setzt ja genau auf dieses Upselling, ist also nochmal ein anderer Ansatz. Wobei sie sich da auch selbst wiedersprechen: „Bulk“-Bestellungen mit großen Packungsgrößen werden im Video zu Anfang regelrecht lächerlich gemacht; bei jet.com soll der liebe Kunde aber bitte so viele einzelne kleine Produkte in einer Bestellung unterbringen wie möglich – also eine „Bulk“-Bestellung machen.

        Irgendwie habe ich so beim Kauf ständig das Gefühl, eben *nicht* den günstigsten Preis zu bekommen, wenn ich nicht gerade eine Familien-Sammelbestellung aufgebe.

  3. Ingrid Lommer sagt:

    Vielen Dank, Herr Graf – ich fühlte mich schon unangenehm einsam, weil ich mich die ganze Zeit schon Frage, was bitteschön das wahnsinnig tolle an Jet.com sein soll, außer dass die Gründer die Chuzpe haben, sich selbst zum Amazon-Nachfolger hochzustilisieren. Aber wie Sie richtig schreiben: PR- und Marketing-seitig kann man sicher einiges von Jet.com lernen.

  4. Christoph Hausmann sagt:

    Gut, das es zumindest wieder einen ambitionierten Versuch gibt. Auch wenn das kein rationales Argument ist, denke ich , daß doch nicht alle potentiellen Onlinehändler dem Beinahe-Monopol von Amazon tatenlos zusehen können. Die Konsumenten mögen eine überschaubare Auswahl an Anbietern, und ev. schafft es ein Marktplatz/Händler sich mit einem guten Konzept als Alternative zu Amazon zu positionieren. Wir wissen doch ohnehin nicht, wie (r)etail in 10 jahren funktioniert, vielleicht kann sich jet.com oder ein anderer Mitbewerber besser auf die dann herrschenden Rahmenbedingungen einstellen oder reagieren( siehe Microsoft vs. Apple). Was passiert, wenn Amazon mal ein paar Jahre richtigen Gegenwind verspürt und dort oder da ein paar Prozentpunkte wegbrechen? Was passiert, wenn die >konsumenten erwachen und sich Amazons trojaner nicht mehr willfährig ins haus liefern lassen?(Sondern lieber welche von neuen Anbietern) Schon aus diesen Gründen bin ich überzeugt, daß die angesprochene Chuzpe auch irgendwann mal belohnt wird. Ob das bei jet.com der fall sein wird, sei dahingestellt. Aber wenn es keiner probiert,…
    Der Vergleich mit Costco ist insofern zulässig, als daß noch Platz für einen anderen Mega-Händler vorhanden ist , wenn er mit einem schlauen Konzept agiert. Was die Verkaufsmethodik angeht, lassen sich keine Analogien schließen.
    Costco ist, wie Alex schon meinte, ein stark auf Kostenoptimierung ausgelegtes Stationärmodell, das im wesentlichen von seinen Mitgliedsbeiträgen lebt und die Operating Costs durch minimales Handling und kleinstmögliche Produktauswahl sogar mit dem Mini -Aufschlag von durchschnittlich 11% hebt. Da im e-commerce jedes paket leider doch einzeln bewegt werden muss und online die auswahl so unglaublich wichtig ist, fallen diese potentiellen skaleneffekte alle weg.
    ( zumal bulk buying ja im video als „weird“ bezeichnet wird.)
    Bleiben für jet.com ein paar nette ansätze übrig, wie den direkten preisvergleich mit amazon und das live „sparen“ direkt wenn ein artikel in den warenkorb gelegt wird oder der Kunde auf „free returns“ z.B verzichten kann. Die Coins sind dann noch ein netter Extra-Bonus – ich denke schon, daß hier so mancher Spieltrieb geweckt werden kann. Die Coin- Geräusche haben mich ehrlich gesagt stark an Las Vegas erinnert und ich hatte mittelalterliche Frauen und Männer vor den Augen die schon lange kein Sonnenlicht mehr gesehen hatten, dafür aber Münze um Münze aus ihrem „coin cup“ in die slot machine werfen. Gut vorstellbar, daß es auch auf jet.com menschen geben wird, die am ende des tages einen 300 € warenkorb bestellen und sich darüber freuen, ihn während der letzten 8 stunden um „dingdingdingding“ 70 € ( im vergleich zu was eigentlich ? ) optimiert zu haben.

  5. Die „echte“ Konkurrenz von Amazon wird wohl eher bei den etablierten traditionellen Einzelhändlern zu finden sein.

    Die großen amerikanischen Einzelhändler besinnen sich gerade langsam auf ihre Wurzeln und beginnen zu verstehen, was E-Commerce für sie bedeutet und welche Innovationskraft diesem innewohnt. Dieser Transformationsprozess, der im Übrigen auf allen gesellschaftlichen Ebenen stattfindet, ist keine Einbahnstraße und schon gar nicht einfach zu bewältigen.

    Bezos hat während einer Produktpräsentation einmal sinngemäß gesagt: „Wir sind so erfolgreich, weil wir sehr schwierige und komplizierte Dinge nicht nur einmal gut machen, sondern immer und immer und immer wieder.“

    Im Bezug auf die traditionellen Einzelhändler kann es im Rahmen eines Transformationsprozesses nicht darum gehen, das Alte zu verteufeln oder gar einzumotten und sich nur noch auf das tolle, hippe und shiny Neue zu stürzen.

    Macys, Target, Walmart und wie sie alle heißen, haben sich gerade auf den Weg gemacht, zu erkennen, was E-Commerce für sie bedeutet. Aus dieser Erkenntnis kann eine Balance zwischen Altem und Neuem entstehen, aus der etwas (vielleicht nicht ganz) völlig Anderes emergieren kann. Vielleicht lernt das irgendwann sogar auch der deutsche Buchhandel noch.

  6. Stefan Grimm sagt:

    Erinnert mich an letsbuyit.com aus den 90ern… Die hatten Ameisen in ihren Werbespots und dadurch, dass der Händler so wenig kalkuliert und sich alle Konsumenten mit Sammelbestellungen zusammentun, kommt ein guter Preis raus.

    Kein Plan ist so gut, das er die erste Begegnung mit dem Feind überlebt!

    Im Handel entscheiden die pure Größe, Leistungsfähigkeit, Kundenfreundlichkeit, Verfügbarkeit und Preis – Punkt.

    Alle theoretisch positiven Systeme nutzen einem Anbieter nichts, wenn er selbst mit Sammelbestellungen und tollen Versprechen weniger Volumen auf die Straße bekommt, als ein vorhandener Wettbewerber im regulären Geschäftsbetrieb.

    Weiterhin – was soll zum Teufel positiv oder gut daran sein, wenn ein Händler auf Marge mehr oder weniger komplett verzichtet? Die Marge an sich ist ja nichts negatives, es geht doch um deren Verwendung. Wenn die Marge wie in etablierten deutschen Warenhäusern bei der begrenzt innovationsfreudigen Chefetage und den Investoren versickert, dann bestraft ein solches Vorgehen irgendwann der Markt – wenn die Marge für einen echten und kontinuierlichen Verbesserungsprozess verwendet wird – dann ist das gut für den Kunden und befeuert das Wachstum.

    Ganz ehrlich, warum soll irgendein Hersteller oder eine Marke eine kleine Menge seines Artikels „A“ an Jet liefern und sich damit den Marktpreis ruinieren, wenn die ganze Branche schon über die Preispolitik bei Amazon stöhnt, da aber wenigstens hohe Volumen dahinter stehen?

    Also aus Sicht des Großhandels und der Hersteller sehe ich keinerlei Lock-Effekt an Jet.com zu liefern. Da würde ich – weil die ja mit Ansage so knapp kalkulieren wollen, doch keinesfalls mit dem besten Preis dran gehen, der wird ja ansonsten durchgereicht und macht mir den Markt kaputt.

    Jet müsste hier über bestimmte Eckartikel einkaufsseitig richtig ins Bestandsrisiko gehen und so fette Mengen disponieren, dass sich Hersteller diese Aufträge nicht entgehen lassen wollen. Für mich sieht es aber eher so aus, als würde die Kraft in die Breite des Sortiments gelegt, das kann aber nicht funktionieren, so lange die Volumen nicht stimmen.

    Erinnert mich eher an einen Dropshipper der denkt, wenn er zig tausend Artikel die er nicht am Lager hat in den Shop lädt, dann hat er auf einmal Erfolg. Nein – VOR dem Verkauf stehen die Beschaffung und Bevorratung! Beschaffung funktioniert aber nicht mit Versprechungen und schönen Worten, sondern mit garantierten Abnahmen und Absatzmengen, denn irgendwer muss ja die Presse anwerfen, aus der all die Fernseher, Mixer, Digitalkameras und Wäscheständer fallen, die da verkauft werden sollen.

    Aber die PR war gut…. 🙂

  7. Eric sagt:

    Nun ja, alles kommt wohl irgendwann wieder. Auch Geschäftsmodelle.

    Das dachte ich mir übrigens auch bei Collins, ich sag nur „Yalook“. Hattest du da kein Déjà-vu-Erlebnis?

    • Ich finde jet.com als Geschäfsmodell schon innovativ, aber es ist mE nicht gut. Yalook und Collins sind für mich zwei Welten. Sowohl vom Setup (Team, Ziele, Orga) als auch vom Modell (Ökosystem vs. exklusive Boutique)

      • Eric sagt:

        Ich meinte das „alte“ Yalook, bevor Otto es eingestampft hat (vor ca. 5 Jahren). Was man jetzt unter Yalook.de findet hat damit natürlich nichts mehr zu tun.

  8. Rico Adler sagt:

    Sehr interessanter Artikel!

    Bzgl. der Anmerkung einmal Preise zu vergleichen habe ich etwas auf internetworld gefunden. Um 16000 SKUs selbst zu vergleichen fehlte mir leider Zeit und Muße, daher hier über die Sekundär-Quelle… Also auf geht’s für Jet.com in Richtung Milliardenumsatz mit Tierbesitzern. Zooplus aufgepasst. 🙂

    „Neun Prozent niedriger als bei Amazon und sechs Prozent niedriger als bei Walmart waren die Preise von 16.028 SKUs, die der Pricing-Spezialist Profitero nach dem Start von Jet.com bei dem neuen Amazon-Herausforderer analysierte. Vor allem für Tierbesitzer scheint Jet.com echte Schnäppchen parat zu halten. Im Bereich Lebensmittel war das Startup allerdings teurer als Walmart, aber immer noch günstiger als Amazon.“

    http://www.internetworld.de/e-commerce/e-commerce-trends/ebay-beerdigt-ebay-now-979134.html

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