Florian Heinemann: OMR Reviews, Etsy Bewertung, PR für VCs, Christoph Werner Feedback

Florian Heinemann ist DER Kassenzone.de Podcast Stammgast. Er kommentiert monatlich die Entwicklungen am Markt und bespricht mit mir auch die Podcastgäste von Kassenzone. In dieser Folge reden wir kurz zu einem der Kandidaten der letzten Folge: Thrasio, wir gehen auf die aktuellen Top Konferenzen im Oktober ein, bewerten die Zahlen von ETSY und beantworten für Philipp Kloeckner wir gute PR für VCs heute aussehen muss. Die nächste Folge mit Florian wird übrigens live ausgestrahlt am 27.11. 16:30 und auf diversen Kanälen ausgespielt. Mit dabei ist auch der neue Kassenzone Twitch Kanal mit dem ich Knossi Konkurrenz machen werde. Willkommen in der Welt des Homeshoppings für E-Commerce Content 🙂

  • Wie viele Thrasio Klone gibt es in Deutschland?
  • Warum sollte man zur Project A Konferenz gehen?
  • Wie hat sich ETSY entwickelt? E-Commerce Buch 2019 vs. Zahlen 2020
  • Wie funktioniert VC PR?
  • Wann wird Project A zum PE?
  • Was hält er von den Aussagen vom DM Chef Christoph Werner aus dem letzten Kassenzone Podcast?

Kassenzone-Spezial mit Florian Heinemann, Kassenzone-Stammgast von Project A Ventures

Seit Jahresanfang ist Florian Heinemann von Project-A-Ventures bei Alex „unter Vertrag“ – als Kassenzone-Kommentator, der monatlich mit Alex das Marktgeschehen generell und die Auftritte der Podcastgäste insbesondere aus seiner Sicht als Investor bewertet. In diesem vierten Heinemann-Spezial geht es wie im dritten einmal mehr um Thrasio sowie unter anderem um die vielen Konferenzen des vergangenen Oktober-Monats, die Zahlen von Etsy und PR für VCs. Ebenfalls wie in der dritten Folge: Rumverkostung!

„Erstmal muss man sich fragen: Was ist eigentlich der Markt eines Wagniskapitalgebers?“

3:45

Alex: Also, Thomas von Old Man Sprits. hat den letzten Podcast mit uns beiden gehört und dir aus Mitleid eine Flasche „Project One“ – dem besten Rum der Welt – geschickt. Die Flasche hat du jetzt aber nicht mitgebracht. Die können wir also nicht verkosten.

Florian: Nein, können wir leider – leider – nicht. Ich wollte den auch lieber gemeinsam mit meiner Frau aufmachen, die genauso (un)gern Rum trinkt, wie ich. Es wurde auch ein Rumglas der Flasche beigelegt – Thomas, vielen Dank noch einmal an der Stelle! – und das habe ich noch nicht gewaschen…

Alex: Dann mache ich die Verkostung heute ohne dich. Hier habe eine Marke von denen, die ich noch nicht kenne: Flensburg Rum Company, davon die Varianten Jamaika und Barbados. Wie bei jedem fassgelagerten Getränk kann man sagen: „Farbe Bernstein!“

(Alex schenkt sich ein und nimmt einen ersten Schluck.)

Ein Traum! Damit komme ich durch die Corona-Krise!

So, zum Geschäftlichen! Philip Westermeyer hat sich überlegt, das er ein zweites – oder vielleicht eher schon ein drittes – Standbein neben Content und Events aufbauen will: Reviews. Analystenfirmen wie Gartner und Forrester kennen wir alle; daneben gibt es Reviewplattformen wie G2, TrustRadius etc. Und da hat der Philip gesagt: „Was die können, das können wir auch. Und es gibt keine strukturierte Übersicht über Software-Anbieter – etwa über Shop-, E-Commerce-, CRM-Systeme.“ Philip will jetzt damit ein Unicorn bauen. Was hältst du davon?

Florian: Grundsätzlich kann das gehen. Wie du das letztens festgestellt hast, haben Gartner und Forrester ein hervorragendes Geschäftsmodell. Zuerst bezahlt man, um die Analysten aufzuschlauen. Und anschließend bezahlt man noch einmal, um von den durch die eigenen Bemühungen aufgeschlauten Analysten einen Siegel zu bekommen. Man darf dann noch einmal in die Tasche greifen, wenn man darüber Leads generieren will.

Das ist grundsätzlich sehr attraktiv als Geschäftsgrundlage. Und nach meinem Verständnis ist G2 oder das Projekt von Philip der Versuch, ein Stück weit auf Nutzer und die Crowd bzw. ein Fachpublikum zu setzen, anstatt alles den Analysten zu überlassen. Das ist ein wenig wie Trusted Shops, Trust Pilot oder Amazon-Bewertungen versus die Stiftung Warentest. Obwohl man fairerweise sagen muss, dass die Stiftung Warentest gar Geld von den Unternehmen, deren Produkte getestet werden, bekommt. Das ist bei Gartner und Forrester anders! Also eher ein Morningstar-Moodys-Problem, wie das, was damals die Finanzkrise mitauslöste. Gut, Gartner und Forrester agieren schon etwas eigenständiger aber nichtsdestotrotz glaube ich, dass man mit der Crowd skalierbar und aussagekräftiger raten kann. Die These ist, dass das, was bei Amazon in den Bewertungen funktioniert, auch bei komplexeren Produkten funktionieren kann. G2 zeigt, dass diese Annahme valide zu sein scheint.

(Mit OMR als Hebel würde Philip auch bestimmt schnell die notwendige Reichweite für die neue Plattform generieren können. Die eigentliche Frage sei eher die, ob man das Projekt auf Deutsch oder auf Englisch aufsetze. Alex sieht gerade auf Deutsch eine Marktlücke, da in DACH viele Software-Projekte umgesetzt werden und die Vergleichsplattforme im deutschsprachigen Raum schwach aufgestellt seien. Und da Gartner und Forester an allen Stellen sehr viel Geld verlangen, sei der Bedarf nach anderen Lösungen bestimmt da. Ob man es mit deutschsprachigem Fokus ganz zum Unicorn bringe, lasse Alex zwar dahingestellt. Eine Marktlücke bestehe aber auf jeden Fall und damit könne man schneller und effizienter auf neun Stellen wachsen, als mit vorbereitungsaufwändigen Konferenzen. Die OMR-Plattform sei jedenfalls live gegangen und Alex werde da regelmäßig vorbeischauen. „Hut ab an Philip!“ In der Vertikalisierung zu einem späteren Zeitpunkt sei dann „erst recht Musik darin“.)

15:25

Alex: Unsere Vorbilder für dieses Zweier-Format sind ja ganz eindeutig die Doppelgänger. Davon der Philipp Klöckner tritt doch demnächst bei euch auf der Project-A-Knowledge-Conference auf.

Florian: Ja, am 30.10. – acht Tage nach der Spryker Excite. Da hat man also ein bisschen Zeit, um sich von der geballten Ladung E-Commerce zu erholen. Unser Thema ist operatives Wissen – von Praktikern für Praktikern, mit insgesamt 60 Vorträgen in den Bereichen IT, Marketing, CRM, BI, und Produkt. Die Teilnahme an dieser Online-Veranstaltung ist übrigens kostenlos! Wer dabei sein möchte, kann sich bei uns auf der Seite registrieren und den Code „Kassenzone“ eingeben. Denn wir selektieren schon etwas, um eine gute Zusammensetzung im Publikum zu gewähren. Und wir wissen ja, dass der Kassenzone-Zuhörer an sich überdurchschnittlich begabt ist.

Alex: So kommt ihr an dem tätowierten Online-Türsteher Heinemann vorbei… Habt ihr übrigens dem Klöckner dafür Geld gezahlt, dass er eure Konferenz im Podcast so abgefeiert hat?

Florian: Nee, aber der war schon mehrfach anwesend und kann es also bezeugen. Bisher war es ja eine physische Veranstaltung. Da war er als Gastredner – und war offenbar sehr angetan. Qualität überzeugt halt.

17:30

Alex: Du, wir haben uns ja ein neues Format ausgedacht. Und zwar hatte ich mich ja für die Neuauflage des E-Commerce Buchs letztes Jahr mit Holger Schneider durch Tausende Seiten Geschäftsberichte gefräst, um die 50 Fallstudien zu verschiedenen Unternehmen zu erstellen. Nun wollen wir zusammen in jedem Podcast eins der Modelle noch einmal unter die Lupe nehmen, um zu sehen, ob die Bewertung von damals eigentlich richtig war. Heute trifft es Etsy – drittes Kapitel, Seite 246 für diejenigen, die zufällig das Buch gerade zur Hand haben, Titel: „Longtail-Goldgrube im Bereich Handgemachtes“. Wettbewerber in Deutschland war Dawanda: Betonung auf „war“, denn „das deutsche Etsy“ ist ja jetzt unfreiwilligerweise Teil von Etsy geworden.

Das haben wir letztes Jahr noch zu Etsy geschrieben: „Etsy ist ein Marktplatz, der weltweit Käufer und Verkäufer von handgefertigten und Vintageprodukten, Kunst und Künstlerbedarf zusammenbringt. Dabei liegt ein spezieller Fokus darauf, dass Hobbykünstler und Kleinunternehmer den bequemen Absatzkanal nutzen und eine Marke aufbauen können. Die meisten der Produkte werden vom Verkäufer persönlich handgefertigt und können so in vielen Fällen auch personalisiert werden.“ Weltweiter Umsatz 2018 war 604 Millionen Dollar gewesen und Mitarbeiter gab es zu dem Zeitpunkt knapp 1.000.

Was meinst du, wie wir das Geschäftsmodell damals bewertet haben? Eher positiv oder negativ?

Florian: Ich würde vermuten: leicht positiv. Die Produkte sind ja Einzelstücke und das Sortiment kann daher gewissermaßen gut verteidigt werden. Ihr werdet aber bestimmt kritisiert haben, dass das nicht ganz so einfach zu skalieren ist.

Alex: Ich lese aus dem Abschnitt „Bewertung und Perspektive aus Sicht der Autoren“ vor: „Wenn wir danach gefragt werden, welche Geschäftsmodelle uns bekannt sind, die nicht von Amazon betroffen sind, dann ist Etsy ein Name, der uns besonders oft einfällt. Ein Marktplatz, der selbstgemachten Produkten die richtige Bühne bietet – das ist innovativ genug, und das ist nichts, was Amazon gut kann. Die letzten beiden Jahre hat Etsy allerdings versucht, dieses Geschäftsmodell in neue Richtungen zu entwickeln, und hat dafür den Kern seiner Community etwas aufgegeben. Leider haben sich die neuen strategischen Optionen bisher nicht bewährt, während gleichzeitig neue Plattformen und Technologien die alten Kunden Etsys umgarnen. So entstehen mehr und mehr einfache Shoplösungen für Einsteiger, sodass die Produkte von den Kreativen selbst angeboten werden können. Ein schönes Beispiel dafür, dass man den Status quo eines Geschäftsmodells nicht überbewerten darf.“

Richtig geraten also! Grundsätzlich positiv, aber nicht in der Lage, die hohen Wachstumserwartungen, die ein Börsengang mit sich bringt, zu erfüllen.

Wo steht denn Etsy heute? Du hast ja in den Geschäftsbericht reingeschaut.

Florian: Ja, und den kann ich jedem nur ans Herz legen. Findet man ja bei Investor Relations von Etsy. Für das Jahr 2020 haben sie bislang 2.7 Milliarden Dollar GMV (sie nennen es „GMS“). Das entspricht einer Wachstumsrate von 147%! Was sie daraus an Umsatz – Provision, vermutlich paar Werbeerlöse – rausziehen, summiert sich auf 429 Millionen Dollar. Sie haben also eine take-rate von rund 16%.

Alex: Ich verkaufe also einen selbstgehäkelten Topflappen auf der Plattform für 10 Euro und gebe rund 1,60 € davon an Etsy ab.

Florian: Genau. Das kennt man von eBay und ähnlichen Modellen. Aber 16%! Zwar ist das weniger als bei Amazon. Aber das ist schon ordentlich. Dann kommt ein ziemlicher Knüller: 150 Millionen EBITDA! Marge: 30-35%! Das sieht man allerdings bei allen Marktplätzen, die sich eingeschwungen haben: Alle haben eine Profitabilität von über 20%.

Alex: Aber nicht alle wachsen so stark wie Etsy.

Florian: Keineswegs! Etsy ist ein starker Covid-Gewinner: Alleine mit handgemachten Masken wurden 346 Millionen GMS erzielt! Das heißt im Umkehrschluss, das Etsy ohne die Masken „nur“ um knapp 100% gewachsen wäre. Und in den Quartalen der Vorjahre nahm sich das Wachstum nicht so hoch aus: eher um die 20% pro Quartal. Aber selbst 30% ist in der Größe ganz ordentlich, geschweige denn 100% oder beinahe 150%! Das ist echt beeindruckend.

(Der Börsenkurs, so Alex, sei von rund 50 Euro vor Corona auf über 100 Euro angestiegen, schwanke aber relativ stark. Alex überlegt mit Florian, ob Shopify für Etsy eine Gefahr darstelle: Könnte der Anbieter vom einfachen Shop-System für Kleinhändler nicht gerade die Etsy-Merchants zu Direktvertrieb verhelfen, die nennenswerten Umsatz machen? Florian glaubt: eher nicht. Solange die Kunden auf Marktplätzen wie Etsy zu finden seien, würden Händler dort verkaufen – Stichworte: Aggregation, Netzwerk-Effekt. Und dass ein unabhängiger Händler eine so niedrige Marketingkostenquote wie die von Etsy – geringe 4% – hätte, sei fast auszuschließen. Mit Etsy sei also dauerhaft zu rechnen, so Florian.

Angesichts des erwartenden GMS für 2020 von über 5 Milliarden kommt Alex die Börsenbewertung von bloß 17 Milliarden niedrig vor. Zumal bei der hohen Profitabilität. Ist Etsy unterbewertet? Florian führt diesen Umstand darauf zurück, dass Analysten von einem Corona-Einmaleffekt ausgehen. Dabei tätigten laut Geschäftsbericht 4 Millionen Kunden mehr als sechs Einkäufe im Jahr. Nichtsdestotrotz glaubt auch Florian, dass das Wachstum zwar anhalten, aber längerfristig zurückgehen werde. Daher sei die Bewertung nachvollziehbar.)

32:00

Alex: Florian, glaubst du, dass es einen Markt für neuartigen Anbieter von Marktforschung wie den Sponsor dieser Folge Appinio gibt?

Florian: Absolut! Herkömmliche Marktforschungsprozesse dauern sehr lange und die Preise sind unfassbar hoch. Dabei ist die Stichprobengröße teilweise recht klein. Umfrageteilnehmer anzusprechen und die Ergebnisse auszuwerten, dauert lange. Firmen wie Appinio oder auch Quantilope und Cint wenden schnellere Methoden an – und haben gute Aussichten, da in der Marktforschung noch sehr viel Geld mit nicht vollständig digitalisierten Methoden verdient wird.

Denn aus Sicht von Marketeers ist es ja so, dass man derzeit viel beobachtet: Tracking und die Auswertung von Nutzerverhalten sind sehr akkurat. Worüber man allerdings noch herzlich wenig weiß: Warum Nutzer gewisse Dinge tun. Das unterliegt immer der Spekulation. Hier könnte zeitnahe Online-Forschung es ermöglichen, Nutzerverhalten zu verstehen.

Da ist großes Potenzial. Und wenn man guckt, was so ein Nielsen oder GfK oder andere traditionelle Marktforschungsunternehmen anbieten – und welche Preise sie etwa für ihre Dauer-Panel-Abos abrufen… Gesprochen mit Jeff Bezos: „Your margin is my opportunity!“ Da gibt es eine Menge zu holen!

Alex: Mich bezahlt Appinio dafür, dass ich das sage. Aber Florian könnt ihr vertrauen!

35:00

Alex: Die eine Hälfte der Doppelgänger Philipp Klöckner hat uns zwei Fragen eingereicht. Nummer Eins: „Lieber Florian, was bleibt für einen VC als Kommunikationsplattform mit dem Gesamtmarkt? Twitter, Medium, oder Podcasts?“

Florian: Erstmal muss man sich fragen: Was ist eigentlich der Markt eines Wagniskapitalgebers? Der ist klein, besteht aber aus zwei Zielgruppen. Die eine Gruppe sind potenzielle Gründer und Unternehmer auf der Suche nach Geld. Die andere Gruppe sind Geldanleger, die im VC-Bereich investieren. Beide müssen wir überzeugen. Für eine Firma Project A kommt dazu, dass wir ein Auge aufs Recruiting haben. Denn wir versuchen, unseren Portfolio-Unternehmen nicht nur Geld zu geben, sondern auch geeignetes Personal zu vermitteln.

Aus diesen drei Gruppen ist für uns der Hauptadressat der Gründer. Da sagt mir mein Gefühl, dass Podcasts schon ein gutes Medium sind, Gründer anzusprechen. Muss das ein eigener Podcast sein? Bei Project A haben wir einen: thematisch breit aufgestellt; mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Obwohl wir da alle zwei Wochen was hochladen und obwohl die Inhalte gut sind, merken wir allerdings, dass es nicht ganz einfach ist, Reichweite zu generieren – wahrscheinlich wegen der Fülle an Themen und der Mehrsprachigkeit.

(Es entspinnt sich eine Analyse des Vorzüge von Podcasts im VC-Bereich wie Twenty Minute VC. Da Wagniskapital ein komplexes Thema sei, böten Podcasts genug Raum, in die Tiefe zu gehen. Zudem könne man die Menschen dahinter gut kennenlernen – was angesichts des „eheänlichen Zustands“ des Investments wichtig sei. Selbst wenn also der eigene Podcast sich nicht so entwickele, wie gewünscht, bleiben Auftritte bei anderen wichtig.

Medium sei eine relevante Möglichkeit, vor allem im anglo-amerikanischen Bereich Reichweite zu generieren. Das sei, korrigiert Florian nach einem Einwurf von Alex, mehr als einfach nur ein Blog, da es auf Medium gerade rund um Investment-Themen eine große Community. Ein weiterer relevanter Kanal sei LinkedIn – gerade, wenn man nur kurz Nachrichten kommentieren wolle. Medium sei ja eher für längere Lesestücke gedacht.

Alex probiere gerade sehr viel selbst bei LinkedIn aus, sagt er. Der gegenwärtige Podcast werde auch dort zuerst beworben! Und gibt Florian eine Podcast-Idee mit auf dem Weg: Warum nicht eine erfolgreiche Wagniskapitalgeberin zur Project-A-Partnerin machen und sie damit beauftragen, die Szene zu kommentieren? Das wäre mal etwas neues und dafür gebe es bestimmt Zuhörer. Florian nimmt die Anregung mit: Das habe Cherry Ventures etwa sehr gut mit Sophia Bendz hinbekommen. Man müsse nur generell darauf achten, nicht seine Kommunikationsformate auf Kosten der Substanz zu skalieren.)

43:55

Alex: Zweite Frage: Im Doppelgänger-Podcast wurde letztens sinniert, dass die Top-VCs in fünf Jahren eigentlich ins Private-Equity-Geschäft gewechselt sein werden. Da gebe es nämlich einen viel attraktiveren Fremdkapitalhebel und weniger „Erziehungsarbeit“ mit den blutjungen Gründern… Ihr gehört mit zu den ersten großen VCs in Deutschland, seid schon seit acht Jahren aktiv. Wird also euer nächster Fond ein PE-Fond sein?

Florian: Was man bei einigen amerikanischen VCs und bei größeren PE-Häusern generell sieht, ist, dass sich Asset-Manager thematisch verbreitern. Also, sie verwenden den Zugang, den sie zu gewissen Geldgerbern haben, um auch in andere Asset-Klassen zu investieren. PEs legen zum Beispiel einen mid-market fund auf. Dann kommt ein large-cap fund, gefolgt von einem Infrastrukturfonds, ein debt funds, von Immobilien usw. Das machen eigentlich alle PEs.

Bislang haben VCs diesem Ansatz nicht in einem vergleichbaren Maße verfolgt. Einige in USA haben neben ihren early-stage fund auch einen growth fund oder haben sich wie Sequoia oder Excel regional diversifiziert. Aber das sind ja Dinge, die gute Geldmanager immer gemacht haben. Zudem würde ich auch anmerken, dass man den Erfolg von solchen Managern immer daran gemessen hat, wie hoch die Beträge sind, die sie im Portfolio haben. Dabei kann man im Wagniskapitalbereich schlecht skalieren, weil man, wenn man den Fonds zu groß macht, seine Renditeerwartung verwässert. Dann hat es eine gewisse Konsequenz, eher dadurch auf Größe gehen zu wollen, dass man in andere Bereiche vordringt.

Das ist allerdings kein so einfacher Schritt. Denn die Kompetenz, Deals zu identifizieren und abzuschließen, natürlich Thema ist. Das ist fundamental anders als bei Wagniskapital. Ebenfalls grundverschiedenen: Wagniskapital einerseits und Schuldenfinanzierung andererseits. Für Letztere braucht ein gewisse Bonität bei Banken. So versucht man als VC etablierte Personen aus dem PE-Bereich zu holen, die die Glaubwürdigkeit haben. Dabei ist das Gehaltsgefüge im VC-Bereich nicht mit dem vom PE zu vergleichen.

Alex: Positiv in deine Richtung?

Florian: Ohne Mitleid erwecken zu wollen: Wem es ums sichere Geldverdienen geht, der findet bessere Bereiche als Wagniskapital!

Alex: Mach jetzt nicht denselben Fehler wie Olaf Scholz…

Florian: Nee, klar! Absolut ist das wahnsinnig viel, was man in VC-Bereich verdient. Aber PE ist nochmal eine andere Kategorie.

(Nicht nur bei den gezahlten Gehältern gingen VC und PE auseinander. Auch die Umstände des PE-Geschäfts seien andere: eine geringere Abhängigkeit von Hits, eine bessere Informationsbasis beim Investieren, weniger Ausfallrisiko. Bei Project A setze man wegen dieser Unterschiede auf Kooperation mit Partner-PEs, anstatt alles selber machen zu wollen. Aber grundsätzlich ergebe eine Erweiterung von VC-Aktivitäten in Richtung PE schon Sinn, sagt Florian. Vor allem deswegen, weil PEs es immer mehr mit Tech zu tun bekämen, da es dort noch Wachstumsaussichten gebe, und teilweise im selben Teich fischten, wie VCs. Alex diagnostiziert eine Konvergenz aufgrund von makoökonomischen Tendenzen und wagt die Prognose, dass Project A in fünf Jahren schon viele PE-Aufgaben übernehmen wird.)

52:50

Alex: Reden wir über ein Geschäftsmodell, das klassischerweise eher für Private-Equity als für Wagniskapital relevant ist: Drogeriemärkte. Da kann man die These aufstellen, dass es eine Menge Luft nach oben in Sachen Digitalisierung gibt – unter anderem eine geringe Online-Kaufquote. Dazu durfte ich mich vor paar Wochen mit Christoph Werner von DM austauschen. Da hast du reingehört. Säßest du im Digitalrat von DM, was würdest du Christoph raten?

Florian: Eins vorweg: Ich bin DM-Kunde – sowohl stationär als auch online.

Alex: Click-&-Collect? Und nicht so lachen: Das ist ja deren wichtigster Online-Kanal!

Florian: Nein, nicht Click-&-Collect. Ich bin aber ab und zu stationär dort einkaufen, weil – wie du ja weißt – ein DM-Markt direkt gegenüber vom Project-A-Büro liegt. Der ist auch wirklich schön gestaltet.

Alex: Echt? War ich noch nie. Aber wie du gemerkt haben wirst, habe ich mich in der Hinsicht nicht sehr gut auf den Podcast vorbereitet…

Florian: Jedenfalls ist DM sehr erfolgreich, was es sehr schwierig macht, das Unternehmen zu kritisieren. Allerdings habe ich das Gefühl, dass DM – mit den Ressourcen, die es hat – Online-Pure-Play-Modelle konsequenter vorantreiben müsste. Im Podcast bekam man den Eindruck, die DM-Strategie sei es, andere erstmal vorgehen zu lassen und ihnen zu folgen. Darin darf sich aber der Anspruch von einem DM nicht erschöpfen, wie ich finde. Der Herr Werner wirkte in der Kommunikation…

Alex: Christoph.

Florian: Der Christoph wirkte dabei sehr verteidigend. Hätte ich als Mitarbeiter zugehört, wäre das für mich eine klare Botschaft gewesen, weiter so zu machen, wie man das bislang gemacht hat. Die Offenheit Neuem gegenüber, die von DM propagiert wird, habe ich – um es so auszudrücken – in der Kommunikation nicht so ganz wahrgenommen. Bewerten will ich das gar nicht. Aber mein Gefühl sagt: Käme im Drogeriesegment jetzt einer, der das so konsequent wie ein AboutYou oder Zalando macht – oder wenn Picnic jetzt mehr Drogeriesortimente aufnimmt –, müsste man bei DM sicherlich anders agieren. Das ist schade, weil man gerade jetzt noch ohne richtige Konkurrenz einen online-first-Drogeriemarkt aufbauen könnte, der zwar nicht sofort profitabel wäre, aber in fünf bis sechs Jahren allein durch Skalierung eine ganz andere Rentabilität erreichen könnte – und eine uneinholbare Position hätte. Das könnte sich DM auch leisten.

(Zudem nimmt Florian Anstoß daran, dass Christoph Werner die Finanzierung von neuen Geschäftsmodellen durch Fremdkapital negativ darstellte – und erst recht daran, dass er Gabor Steingart und dessen Auslassungen zu Delivery Hero als Argument dafür heranzog! Der dort gezogene Vergleich mit Wirecard hinke.

Alex fragt Florian, was er risikoscheue Firmenlenker wie Christoph entgegne, wenn sie sich mit Verweis auf den „winners‘ bias“ und die Tatsache, dass neue Geschäftsmodelle sehr häufig scheitern, an bisherigen Erfolgsmodellen festklammern. Er bleibt dabei: Jetzt könnte DM mit für seine Firmengröße überschaubaren Mitteln eine starke Online-Position erarbeiten, die noch einmal die Hürde für digitale Herausforderer erhöhte. Und diese werde es mit Sicherheit geben. Denn selbst wo 99 scheitern, kommt immer einer durch. Und in der derzeitig Wirtschaft wird weiterhin viel Geld für solche Versuche zur Verfügung stehen. Für DM sei es also eine rationale Verteidigungsstrategie, jetzt für paar Hundertmillionen es allen Angreifern noch schwerer und kostspieliger zu machen, Fuß zu fassen. Warte man nämlich, bis der Angreifer da ist, sei es dann meistens zu spät. Was Delivery Hero und Picnic zeigten: Selbst in vermeintlich für Online zu niedrigmargigen Bereichen kämen irgendwann funktionierende Konzepte auf.)

1:04:35

Alex: Für all diejenigen, die sich beschweren, sie bekämen nicht genug vom Florian zu hören: Wir nehmen die nächste gemeinsame Folge bald auf – um 10:00 am 27.10. – live im K5 TV! Da greifen wir Fragen auf, die bei LinkedIn oder auf anderen Kanälen reinkommen. Auch die Fragen, die wir bereits haben aber heute nicht angesprochen haben, kommen noch daran.

Florian: Ja: Nichts geht verloren!

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