Frank Thelen über Freigeist, E-Commerce, Unicorns aus Deutschland, Publicity & Hater

Frank Thelen war bereits in Folge 211 zu Gast bei Kassenzone. „Damals“ haben wir noch über seine Investments in Food Startups geredet, aber in der aktuellen Folge geht es um sein viel stärker ausgeprägtes Interesse in Tech Startups. Außerdem reden wir über sein Ende bei DHDL, seine Publicity und über die Chancen der Unternehmen in Deutschland gegen die übermächtigen Gegner aus den USA und China. Zu dieser Folge haben mich viele Fragen erreicht. Insbesondere meine LinkedIn Ankündigung, hat diverse Fragen initiiert, die ich auch bestmöglich eingebaut habe. Vor allem die Frage zu seinen Kritikern hat das meiste Interesse erzeugt und natürlich haben wir auch darüber gesprochen. Frank und mich verbindet auch ein wichtiges Thema im E-Commerce mit seinem Investment Xentral, das sich anschickt die etablierten ERP ordentlich durchzurütteln. Darüber und vieles mehr spricht er auch auf der Spryker EXCITE Konferenz nächste Woche (22. Oktober) in Berlin. Der Vortrag lässt sich kostenlos im Stream verfolgen.

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Digitalisierung in Deutschland mit Frank Thelen, Geschäftsführer von Freigeist Capital

Frank war schon einmal bei Kassenzone zu Gast: Schwerpunktmäßig ging es mit ihm in der 211. Folge um Food-Start-ups. Auch Thema damals: Warum Alex nicht glaubt, dass Frank einen guten Business-Rucksack entwickeln könnte. 18 Monate sind seitdem vergangen – und die Rucksack-Idee wurde keineswegs begraben. Was daraus geworden ist, fragt Alex, sowie: Warum sich Frank aus „Der Höhle der Löwen“ zurückgezogen hat und wie er mit den hasserfüllten Reaktionen umgeht, die ihm immer wieder entgegenschlagen. Frank zeigt sich gespalten: Einerseits will er Öffentlichkeit, andererseits möchte er sich mehr auf Investitionen fokussieren, die „die Welt besser machen“. Zum Schluss sinniert er mit Alex über die Zukunft von digitalen Events sowie von Deutschland als Start-up-Standort.

„Die Leute haben gemerkt: ‚E-Commerce funktioniert!‘“

3:40

Alex: Du bist zwar Promi, wir müssen aber das Format einhalten: Wer bist du und was machst du?

Frank: Mein Name ist Frank. Ich war früher mal Gründer und bin mit ganz viel Glück – und ganz viel Ungeschick – in die Start-up-Szene gestolpert. Ich habe einige Unternehmen gegründet, wovon viele nicht und eins gut funktioniert hat. Dann wurde ich parallel zum Investor. Heutzutage fokussiere ich mich auf Investitionen in europäische Gründer, die tiefgreifende Innovationen entwickeln.

Alex: In der letzten Folge mit dir unterhielten wir uns viel über die Start-ups im Food-E-Commerce, in die du über „Die Höhle der Löwen“ investiert hattest. Jetzt bist du in der Sendung von Nico Rosberg ersetzt worden. Fiel es dir schwer, dich zurückzuziehen? In meiner Wahrnehmung hat dir die Sendung nämlich entscheidend geholfen, deine heutige Reichweite aufzubauen.

Frank: Ja, das war eine schwierige Entscheidung – vor allem, weil ich das Team auf der Produktionsseite bei Sony wirklich schätze. Auch heute fiebere ich da noch mit! Die Zeit war toll und hat Spaß gemacht. Aber der Ruf war zu stark: „Frank, du musst dich jetzt auf tiefgreifende Technologieänderungen konzentrieren!“ Ich freue mich, dass sie Nico gefunden haben: Ein Nachfolger muss ja Zeit und Geld mitbringen und paar Sätze geradeaussprechen können; da ist es nicht einfach, jemanden zu finden. Der Nico macht das großartig!

(Wie viel wäre die Reichweite durch die Sendung wert, wenn man noch nicht bekannt ist? Was Frank dafür ausgeben würde, fragt Alex. „Keine Ahnung! Interessiert  mich auch nicht,“ antwortet Frank, der beteuert, niemals die Absicht gehabt zu haben, berühmt zu werden…)

7:15

Alex: Du positionierst dich als Tech-Investor, hast aber in „Die Höhle der Löwen“ eher in Food-Konzepte investiert. Zudem sieht man dich viel im Fernsehen, auf Konferenzen, bei Keynotes usw. Etwas ketzerisch gefragt: Bist du überhaupt Tech-Investor oder verdienst du nicht eher mit Vorträgen und secondaries dein Geld?

Frank: Erstens: Klar ging es bei „Die Höhle der Löwen“ viel um Food. In dem Format kannst du auch keine tiefgreifenden Technologien bringen! Stell dir mal vor, so Investments von uns wie Endurosat, Kraftblock oder Smartlane – oder Lilium – wären in die Sendung gekommen: Wer hätte dann in der begrenzten Zeit eine due diligence der hochtechnologisierten Konzepte vornehmen können? Höchstens Elon Musk! „Die Höhle der Löwen“ ist natürlich super, aber man darf das Format jetzt nicht überstrapazieren. Deswegen haben ich mich im Rahmen der Sendung auf Food konzentriert – was ich ja immer kommuniziert habe. Wir haben auch ein sehr erfolgreiches Portfolio aufgebaut: Ankerkraut, Littlelunch, YFood. Das ist verrückt, wie stark sie wachsen!

Aber so sehr ich meine Food-Start-ups auch noch heute unterstütze: Ich will kein Food mehr machen. Ich will tiefgreifende Technologie machen! Deswegen bin ich ausgestiegen. Aber was war nochmal die Frage?

Alex: Ob du dein Geld mit Voträgen und secondaries verdienst…

Frank: Wenn du berühmt wirst und plötzlich Hallen füllst (vor Corona), sitzen auf einmal 10.000 Menschen in einem Raum, weil sie dich hören wollen. Das ist toll fürs Gefühl – und du bekommst, wie ich finde, sehr viel Geld dafür. Ich habe das paarmal gemacht, weil ich das ganz spannend fand. Ich bin aber kein Keynote-Speaker. Das erfüllt mich innerlich nicht. Deswegen habe ich das runtergefahren. Ich habe für mich da so Highlights mitgenommen – etwa mit Barack Obama vor 40.000 Menschen zu reden war eine Ehre, für die ich auch noch bezahlt wurde. Aber: Ich könnte jeden Tag irgendwo sprechen und mache das bewusst nicht.

(Danach äußert sich Frank zum Thema secondaries: hin und wieder komme diese liquiditätsgenerierende Praxis bei Freigeist Capital vor, sei aber keineswegs Kern des Geschäftsmodells.)

10:45

Alex: Deine Tech-Start-ups entwickeln schon Dinge, die unser Leben verändern könnten, oder? Chips, die in der Lage sind, sich mit dem Gehirn zu verbinden… Das geht weit über die nächste Coaching-App hinaus.

Frank: Ja, das sind die Sachen, womit ich mich täglich beschäftige. Das mache ich nicht im Alleingang: Wir haben bei Freigeist ein größeres Team. Gerade schauen wir uns auch viel Biotech an – heute Morgen habe ich bei fünf Sachen in dem Bereich entschieden, ob wir sie weiterverfolgen oder nicht. Für mich ich das total schwierig. Gelernt habe ich eigentlich Software-Ingenieur und Elektrotechniker. Medizinstudium? Fehlanzeige. Bio-Leistungskurs? Ich habe nicht mal mein Abitur geschafft! Ich versuche mich trotzdem da reinzuarbeiten. Das Team wird da aber immer stärker sein.

Worin ich gut bin: Die Dinge miteinander zu verknüpfen. Was passiert, wenn Quantum-Computer – die ich noch relativ gut verstehe – auf DNA-Sequenzen treffen? Da entsteht irgendwie Magie! Das hat mit Lilium angefangen, wo uns alle für verrückt erklärten. Da arbeiten heute 600 Leute und die Technologie darf man ruhig als „weltweit führend“ bezeichnen. Wir sind auch stolz darauf, welche weitere Investoren wir dafür gewonnen haben. Mit Kraftblock arbeiten wir an einem wirklich revolutionären Energiespeicher und mit Endurosat haben wir viele Satelliten im Weltall, die wichtige Informationen übermitteln. Von beiden wird es bald große Updates geben. So sind wir tiefgreifend und mit einer großen Leidenschaft für Technologie unterwegs – und machen nur noch das!

(Frank erklärt auf Anfrage von Alex etwas eingängiger das Konzept von Kraftblock, das Frank als „fehlendes Puzzle-Stück in der Energiewende“ bezeichnet. Und allemal besser als Wasserstoff!)

15:15

Alex: Du bist ja stark im Fernsehen vertreten. Zum Beispiel guckt meine Frau „Inas Welt“…

Frank: „Inas Nacht“ heißt das.

Alex: Da musstest du die zotigen Witze von Ina Müller ertragen…

Frank: Ich fand‘ die immer gut!

Alex: „Die norddeutsche Barbara Schöneberger“ sozusagen. Jedenfalls machst du dich sehr präsent und sehr transparent, weswegen viele sich an dir abarbeiten. Zudem sitzt du im „Innovation Council“ der Bundesregierung. Wie viel Prozent deiner Zeit nimmt diese Art der Öffentlichkeitsarbeit eigentlich ein – versus die Zeit, die du mit Investitionsarbeit verbringst?

Frank: Gute Frage – die wir im Team immer wieder besprechen. Vorteilhaft an so einem Bekanntheitsgrad ist, dass ich einen direkten Draht und – so glaube ich – ein gutes Vertrauensverhältnis habe zu Ministern und zu anderen Investoren. Das hilft auf einer HR-Ebene, Talente zu gewinnen. Nachteilig: Während ich bei Ina sitze, kann ich nicht mein Team unterstützen.

Schwierig Sache also! Wir fahren das ja gerade stark runter und ich mache es ausgewählter. Diesen Podcast zum Beispiel haben wir im Team besprochen: Soll ich mir wirklich die Stunde nehmen? Immerhin wird das übers Netz aufgenommen, keine Anfahrt also. Große Formate – Maischberger, Anne Will, Markus Lanz – werde ich immer wieder machen. Kleinere Dinge aber nicht mehr. Lena, unsere Head of Communications, wird das in Zukunft sofort raussieben. „Sorry!“ jetzt an dieser Stelle an alle, die demnächst Absagen erhalten werden!

(Kein Abschied von der Öffentlichkeit also – Frank finde es wichtig, sich meinungsstark zu positionieren – aber eine Eingrenzung auf weniger Auftritte. Ob nicht all die ständigen Querelen wie etwa mit Sven Schmidt, die man als Figur des öffentlichen Lebens ausstehen muss, nerven, will Alex wissen? Frank gibt sich gelassen: „Die Hater, die haten. Ich würde mich freuen, wenn Sven mal wieder mehr Energie reinstecken würde, Investments zu machen. Wenn er denn welches hat.“)

20:45

Alex: Letztens gerietst du bei Maischberger mit Sahra Wagenknecht über die Digitalisierung aneinander. Verkürzt lief das so: Zu Tesla sagtest du, Elon Musk wolle den Markt verändern und der breiten Masse das E-Auto anbieten. Sahra Wagenknecht beharrte auf ihren Standpunkt, dass die Batterieherstellung gar nicht nachhaltig sei und dass es Musk allein darum ging, Nobelkarossen für Reiche zu bauen. Hätte er nämlich echtes ökologisches Interesse, würde er kleinere Autos mit geringeren Reichweite für Arme bauen…

Frank: Die Sendung fand ich enttäuschend. Das Format habe ich mir vorher nicht angesehen, weil ich kein Medienprofi bin, aber das Gespräch war viel zu kurz. Ich wollte nicht dieser Frau ständig ins Wort fallen, aber sie hat den größten Blödsinn erzählt: „Die machen nur diese superteure Model-S…“ Jetzt, wo ich Zeit habe, kann ich da etwas ausholen: Ja, das haben sie am Anfang gemacht – um Cashflow aufzubauen! Das Ziel war aber immer, ein mehrheitsfähiges Model 3 zu bauen. Elon steht komplett für die Mission der Massen-E-Mobilität. Es steht auch der Battery Day an (Anmerkung der Redaktion: Der Battery Day fand dann am 22.09. statt.). Da wird er zeigen, wie stark er von den problematischen seltenen Erden – die ja wegen Verschmutzung und Krieg echt Scheiße sind! – wegkommt, wie viel mehr Ladungszyklen es geben wird, wie er ins Recycling geht…

Ich habe mir auf der Hinfahrt im Rücksitz ihren YouTube-Kanal angesehen und eins kann ich sagen: Zu Wasserstoff und Batterietechnik erzählt Sahra Wagenknecht einen solchen Unsinn… Holy moly! Da könnte ich genauso gut anfangen, irgendeinen Scheiß über die Einzelheiten des Coronavirus zu erzählen. Die hat überhaupt keine Ahnung! Das gleiche hat sie ja auch zur App gesagt: „Ich weiß ja nicht, welche Daten die saugen.“ Naja: schonmal was von „open source“ gehört? Der Quelltext liegt offen! Die erzählt einfach groben Mist.

(Würde Frank es rückblickend anders machen und weniger im Fernsehen sein? Frank verneint: Wer zur Marke werden will, muss viel und lange in der Öffentlichkeit sein. Nur drei Staffeln DHDL und dann Schluss? Hätte vermutlich nicht gereicht. Jetzt sei aber da angekommen, wo er wählerischer sein dürfe – und trotzdem seine Stimme für seine Start-ups lautmachen könne.

Alex gibt sich geehrt, dass sich Frank auch bei der Reduzierung seiner Auftritte bei Kassenzone blicken lässt. „Natürlich rede ich gern mit dir Alex,“ sagt Frank, aber der eigentliche Grund sei die gute Zusammenarbeit zwischen Spryker und einem seiner Start-ups xentral.

Übrigens sei TikTok ein gutes Beispiel der Dynamik im Medienaufbau: TikTok sei anfangs auf Frank zugekommen und baten ihn, Inhalte zu Tech anzubieten. Eigentlich hatte er keine Lust. Aber die Investition habe sich ausgezahlt: Er sei jetzt groß auf TikTok. „Würde ich aber erst heute damit starten, wäre ich da ein toter Fisch.“ Alex: „Hätte mich TikTok gefragt, hätte ich’s auch gemacht!“)

26:35

Alex: Offenes Thema aus dem letzten Podcast: Dein Business-Rucksack! Da hattest nämlich so einige Verbesserungsvorschläge für Salzen & Co. Ich war damals nicht überzeugt, dass der Markt einen Rucksack mit neuen nischigen Features braucht. Jetzt habe ich aber mit Nils and Tarek in Oak25 investiert: Die Säcke und Taschen reflektieren. Wie ist bei dir der Stand?

Frank: Erst einmal finde ich Salzen toll: Die Leute von FondOf geben in Köln Impulse! Sie haben mir auch einen Rucksack geschickt. Vielen Dank dafür an der Stelle! Nur: Die Funktionalität, die ich haben will, ist nicht da. Das heißt nicht, dass für FondOf kein Markt ist – ganz im Gegenteil, sie sind supererfolgreich!

Mit den Jungs von Oak25 habe ich übrigens gesprochen. Eine Warenprobe liegt auch hier bei mir und ich wollte sogar investieren. Nur: Da hat mir mein Team auf die Finger gehauen und mich zu Fokus angemahnt! Völlig richtig! Aber Bock hätte ich schon gehabt, einen eigenen Rucksack zu entwickeln. Vielleicht darf ich euch am Wochenende unentgeltlich unterstützen…?

29:30

Alex: Dem Einzelhandel geht es jetzt schlechter denn je. Was empfiehlst du eigentlich dem Patrick Cloppenburg oder der Tina Müller, wenn sie dir am Düsseldorfer Flughafen über den Weg laufen und fragen: „Frank, was würdest du an meiner Stelle tun?“

Frank: Der Handel wird in den nächsten Jahren nicht mehr so werden, wie er war. Die Innenstädte sind weniger frequentiert. Freunde von mir vermieten Gewerbeimmobilien an große Handelsketten und was sie berichten, ist schon katastrophal. Dann kommt man in eine negative Spirale: Am Wochenende saß ich mit Freunden beim Grillen und der eine meinte, dass er gar keinen Bock mehr habe, in die Stadt zu gehen, weil nichts mehr da sei, man eine Maske anziehen müsse und das Personal zu allem Übel noch unfreundlich sei.

Was wird überleben? Flagship stores – hochwertige Läden mit engagiertem Personal, wo man Lust hat, extra dahinzugehen. Ich glaube, nur einen Teil der Ware wird man mit nach Hause nehmen können. Vielerorts wird es darum gehen, das Produkt im Laden zu erfahren, bevor es zu einem nach Hause geschickt wird – bestenfalls am selben Abend; schlimmstenfalls 24 Stunden später. Ich glaube auch, dass Drogerieketten wie Rossmann stationär überleben werden: Kleinartikel ohne Marge, unmittelbare Bedarfskäufe…

Aber Douglas zum Beispiel? Ich kenne die Kette nicht, aber ich glaube, dass das mit all den Läden in Kleinstädten, die sie noch haben, schwierig wird. Die Leute haben gemerkt: „E-Commerce funktioniert!“ Mein – zugegeben: harter – Rat wäre, die derzeitigen Strukturen zum größten Teil abzuschreiben und zu gucken, welche wenige Läden noch funktionieren könnten. Ich meine: Selbst Flughäfen werden vermutlich nie wieder die Frequenz erfahren, die sie vor Corona hatten. Nicht in den nächsten fünf Jahren jedenfalls. Da muss man auf E-Commerce setzen.

Das sehen wir ja mit Spryker und unserer ERP-Lösung xentral: Das wächst wahnsinnig stark! Wir haben viele neue Kunden, die merken, dass sie jetzt in E-Commerce investieren müssen. Gewerbeimmobilien? Da habe ich kein gutes Gefühl…

(Alex spinnt den Gesprächsfaden weiter: Dass es für den Handel schwierig werden würde, ist nicht erst seit gestern bekannt. Sowohl er als auch Frank predigen seit Jahren zukunftsorientiertes Investieren. Nur setzten es sehr wenige um. „Hast du Hoffnung für diese Unternehmen, jetzt diese digitale Wende zu schaffen?“ Lange Pause, bevor Frank knapp antwortet: „Nein.“ Das habe es schon einmal alles gegeben. Man müsse sich nur die Geschichte der Medien angucken: Da gab es vor 20 Jahren keine Panik, weil alle glaubten, die gedruckte Zeitung würde es immer irgendwie geben. Heute im Handel glauben nach wie vor zu viele, so Frank, dass es weiterhin funktionieren würde. Analogie: Der Frosch im immer heißer werdenden Wasser.)

36:40

Alex: Bis vor fünf Jahren haben bei der Ausschreibung für ERP-Lösungen nur ganz große wie SAP, Microsoft Navision & Co. gewonnen. Warum ist ein Unternehmen wie xentral, das relativ neu ist, heute in der Lage, gegen die Großen zu gewinnen? Was hat sich geändert?

Frank: Unsere eigene Reise als Freigeist ist hier lehrreich. Ehrlich gesagt hatte ich nie Bock, in dieses Segment zu investieren. Es ist ja nicht gerade sexy! Aber wir hatten auf einmal das Problem, dass wir 10 Food-Start-ups hatten, die alle auf Amazon, auf Real.de usw. listen und sich an Schnittstellen mit dem Handel – also Edeka, Rewe & Co. – anbinden wollten. Wir haben alles probiert: SAP eingeführt, JTL gemacht, Navision probiert. Aber alles war eine Scheißkatastrophe!

Wir wollten also eigentlich nur das Problem lösen. Und irgendwann steht mein CTO Alex Koch vor mir und sagt: „Frank, ich glaube, ich habe die Software gefunden. Es wird jetzt weniger Stress geben!“ Da war ich einfach nur froh und habe gesagt: „Geil! Mach das.“ Erst abends fiel es mir siedend ein: „Wenn das wirklich funktioniert, dann sollten wir sogar auch investieren!“ So sind wir dazugekommen, in damals Vavision und die Software-Infrastruktur zu investieren. Dann haben wir das in xentral umbenannt.

Das System ist leicht, modern und agil – genau wie Spryker und Shopify. Die derzeitigen Platzhirsche laufen aber teilweise noch auf Windows-Servern vor Ort! Hast du also eine Cloud-Lösung mit einer einigermaßen vernünftigen Interface, einer netten Marke und gutem Support, reicht das heutzutage, um den Markt zu rocken! Es haben einfach alle da geschlafen. Unsere Lösung ist nicht perfekt, aber alle anderen waren so schlecht. Jetzt wollen wir mit Xentral in die nächste Phase gehen: das Team aufstocken, um dann mit KI und anderen Neuerungen einen drauf zu setzen.

Alex: Kann Xentral ein Unicorn werden oder bleibt das ein gesitteter deutscher Mittelständler?

Frank: Unicorn? Das weiß ich nicht. Aber das Unternehmen soll weltweit expandieren und es mindestens auf mehrere Hundert Millionen Umsatz bringen.

(Frank werde neben anderen bekannten Persönlichkeiten wie „dem deutschen Bill Gates“ Marco Börries am 22. Oktober bei der Spryker EXCITE Konferenz erscheinen. Dazu gibt es eine kleine Vorbesprechung – und die Frage, wie Frank die unmittelbare Zukunft von deutlich größeren Veranstaltungen wie DMEXCO, OMR, K5 sieht. Frank: Selbst wenn man künftig wieder guten Gewissens 30.000 Menschen in einer Halle zusammenbringen kann, wird es nicht deswegen einfach zurück zu alten Mustern gehen. Die Menschen haben umgedacht – Frank inklusive. Ob man immer jeden persönlich treffen und dafür so oft im Flugzeug sitzen muss? Alle haben jetzt bessere Kameras und Mikros – und haben sich daran gewöhnt.

Für große Konferenzen werden Produktionsqualität und Übertragung der Stufe Hollywood bzw. Netflix zunehmend entscheidend sein, wenn die Leute für virtuelle Veranstaltungen zahlen sollen. Alex vergleicht künftige Events mit TV-Shows: Einige Hundert Leute vor Ort im Publikum, aber auf der Bühne gucken alle in die Kamera fürs Publikum zu Hause. Vor allem wird die Qualität der Inhalte zunehmen müssen: Mit den Vorträgen der rhetorisch eher durchschnittlich begabten Sales-Manager halte man keinen mehr bei der Stange, wenn Zuhörer im virtuellen Raum still und leise verschwinden können – anstatt mit einem vollen Kaffeebecher an Sitznachbarn vorbei zu müssen…)

45:35

Alex: Wer jetzt ein tolles Konzept hat – vielleicht dazu, wie man mit einer Deep-Tech-Komponente digitale Events abhält – und an dich herantreten möchte, um dich als Investor zu gewinnen: Wie findet er dich?

Frank: Dazu habe ich mir just heute was angesehen: Das war eine AI-Lösung, die smart Menschen erkennen und verfolgen kann und Kameramenschen ersetzten soll. Einfach auf freigeist.com gehen und uns kontaktieren! Allerdings ist die Erfolgswahrscheinlichkeit gering. Wir haben einfach einen starken Fokus auf Produkte, die die Welt besser machen – und wir versuchen uns immer strenger daran zu messen. Also: Wenn virtuelle Events wirklich besser werden, wird weniger gereist und es wird CO2 gespart. Das könnte also ein Produkte sein, das die Welt besser macht. Aber wir sind eher auf der Suche nach dem großen Wurf – eher nach dem Quantencomputer, dem Hyperloop usw.

47:00

Alex: Eine Frage noch zum Schluss: Als wir das letzte Mal gesprochen haben, hattest du noch kein Buch geschrieben – und jetzt ist schon dein zweites „10xDNA“ auf dem Markt. Welche Rolle spielen die Bücher für dich als Marke und für Freigeist?

Frank: Erst einmal: Bücher habe ich total unterschätzt. Das sieht man etwa bei Verena Pausder, die jetzt ein tolles Buch gerade veröffentlicht hat. Sie ist eine Powerfrau, die für die Themen Bildung und Start-up steht – und sie hat wirklich was zu sagen. Und dafür hat sie mit dem Buch berechtigterweise eine tolle Presse bekommen. Dieses Buch hat sie einfach wieder in den Fokus gesetzt: Sie ist damit in jedem Podcast, in jeder Show.

Wenn man also kommunizieren will, dann ist ein Buch wirklich empfehlenswert. Klar, man braucht eine gewisse Flughöhe von sich aus. Was man aber damit erreichen kann, ist viel krasser, als ich das am Anfang eingeschätzt habe. Nachdem das erste Buch „Startup-DNA“ so gut gelaufen war, musste das Zweite eigentlich kein Bestseller werden. Es sollte eher Freigeist 2.0 beschreiben – raus aus DHDL, kein Food mehr, nur Deep-Tech. Was passiert eigentlich mit Quantencomputern, KI, 5G-6G usw? Ich habe gedacht, das interessiert einen Toten. Ist es doch relativ technisch. Und trotzdem – für mich unerklärlicherweise – verkauft sich dieses Buch noch besser als „Startup-DNA“. Das freut mich total! Das heißt nämlich, dass das Thema angekommen ist. Politiker, DAX-Geschäftsführer haben mir dafür Dankesbriefe geschrieben. Es ist gut, dass wir uns Gedanken machen, warum Tesla so erfolgreich ist. Aber als Kommunikationswerkzeug für mich war das eigentlich gar nicht gedacht.

(Allerletzte Frage aus der Community: Wie stehen die Chancen, dass Deutschland in neuen Branchen wieder weltmarktführende Unternehmen hervorbringt? Frank: „Schlecht.“ Radikale Innovationen würden in Deutschland nicht gerade beklatscht – und Finanzierungsschecks in der nötigen neunstellig Höhe würden zu selten geschrieben. Aber sein Traum sei es, dazu beizutragen, dass in Deutschland vielleicht doch noch ein 50-Milliarden-Dollar-Unternehmen entsteht.)

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