Update Lebensmittel online 2019 mit Udo. Was kommt von Aldi & Co.?

Die größte Enttäuschung im Lebensmittelhandel online 2018 in Deutschland war sicherlich Amazon, während Picnic mit seinem Geschäftsmodell wirklich alle überrascht hat und nun das führende Modell in diesem Segment darstellt. Mit dem LEH Experten Udo Kiesslich spreche ich in der nun bereits vierten Ausgabe was wir 2019 vom wem erwarten können und wie die Entwicklungen 2018 einzuschätzen sind. So langsam wird es spannend im 200 Mrd. Markt (Food Umsatz Deutschland), der erst mit 1-2 Mrd. Onlineumsätzen aufwarten kann. Es geht zwar langsamer als erwartet voran, aber wenn ihr genau hingehört habt beim Picnic Interview, dann könnt ihr euch daran erinnern, dass Picnic nach zwei Jahren einen 10% Marktanteil in den Regionen zu erwarten hat in denen sie ausliefern. Das ist enorm! 

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Online-Lebensmittelhandel 2019 mit Udo Kiesslich, E-Food-Experte und -Berater

Fünf Jahre lang war Udo Kiesslich einer der Geschäftsführern des Online-Lebensmittel-Vollsortimenters AllyouneedFresh. Noch in dieser Funktion eruierte er Januar 2017 mit Alex erstmals die Frage: Wie groß wird der Lebensmittelhandel online bis 2020? Seitdem war Udo – zwischendurch als freier Berater im Segment E-Food unter anderem bei eTribes tätig – zwei weitere Male bei Alex zu Gast, um die jüngsten Entwicklungen im Markt zu besprechen. Seit Herbst 2018 entwickelt Udo eine neue Getränkeplattform namens kollex, hat aber Zeit gefunden für einen vierten Podcast, in dem mit Alex die Überraschungen des Jahres 2018 und die Vorhersage für die Marktteilnehmer beziehungsweise Nichtteilnehmer 2019 bespricht.

 „Mindestbestellwert: 25 Euro. Das versteht selbst meine Mutter.

04:30

Alex: Vor einem Jahr im Januar 2018 hatten wir festgestellt, dass die Größenordnung des E-Food-Markts in Deutschland noch relativ überschaubar ist. Zudem hatten wir die Player taxiert: REWE hatten wir bei 150 Millionen eingeschätzt, Real mit relativ kleinem Umsatz, Bringmeister (Schätzung: 25 Millionen). Gemessen am gesamten Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland im Wert von rund 200 Milliarden sind das sehr kleine Umfänge.

2018 hat dann Picnic aus den Niederlanden extrem groß aufgeschlagen – und da hattest das schon vorher bei uns aufgedeckt und auf die Agenda gebracht. Jetzt wollen wir uns angucken, was passiert ist – und haben auch aus der WhatsApp-Gruppe Fragen gesammelt. Danach wollen wir herausfinden, ob das Thema E-Food 2019 endlich richtig durchstartet, oder ob es noch einmal ein Jahr des Wartens und Vorbereitens wird. Fangen wir mit einer Zusammenfassung aus deiner Perspektive an, was 2018 passiert ist und wie es 2019 weitergeht, bevor wir uns einzelne Player angucken.

Udo: 2018 war ganz abwechslungsreich. Wir haben sowohl Markteintritte und technologische Entwicklungen als auch Marktwachstum erlebt. In den letzten Jahren ist E-Food immer rund 20% gewachsen. Der Penetrationsgrad hinkt zwar hinter dem von Büchern oder Fashion her und liegt bei 1-2%, aber Lebensmittel sind der am schnellsten wachsende Vertical. Ich sehe keinen Grund, warum diese Entwicklung nicht auch 2019 weitergehen sollte.

Picnic wird dieses Jahr in Deutschland sicher richtig Gas geben, während REWE jetzt sein neues vollautomatisiertes Lager bei Köln in Betrieb genommen hat. Die anderen Player – kleinere Marktteilnehmer, Seiteneinsteiger – werden dabei sicher auch wachsen. Was man übrigens nicht vergessen darf: Es handelt sich hier vom Wesen her um ein natürliches Bedürfnis der Menschen. Das ist nicht wie Matratzen, Sexspielzeug oder sonst etwas, wofür Nachfrage kreiert werden muss. Insofern muss man nur interessanten Service an den Markt bringen.

Ein schneller Schwenk über die internationalen Entwicklungen: In Westeuropa, UK und USA war die Hölle los! Ocado – zur Erinnerung: größter gelisteter E-Food-Player, tolles Automatisierungssoftware und -Technik – hat wie wild lizenziert. In Frankreich und Kanada gewann es Partner für das Konzept und stattet in USA 20 Fulfilment-Center von Kroger aus – mit einer 5%-Beteiligung am Konzern. International ist dieses Jahr also mit noch mehr Bewegung als in Deutschland zu rechnen.

8:25

Alex: Du hattest mal eine Tabelle rumgeschickt: Da war Deutschland bei rund 1,3 Milliarden Dollar. 2020 sollen daraus 3-4 Milliarden werden. So wären das ungefähr 2% Online-Anteil. Da frage ich mich, ob das nicht schneller gehen könnte – vor allem mit Picnic. Dann haben wir Märkte wie USA, UK, Japan und China (200 Milliarden bis 2020!), wo alles deutlich weiter ist. Warum ist das so? Verpflegen sie sich so anders?

Udo: Warnhinweis vorweg: Ich bin nicht der absolute Experte für E-Food in China! Was man aber sagen kann: Sie haben den stationären Handel in Teilen übersprungen. In den weiten von Nord- und West-China fangen sie nämlich erst gar nicht an, klassische Supermarktketten aufzubauen. Dazu sind die die Arbeitskosten gering und die chinesischen Konsumenten sehr technologieaffin: Online-Payment und –Delivery ist flexibel und noch nicht so wahnsinnig reguliert. Ich könnte mir vorstellen, dass man da montags bis sonntags seine Bestellung bekommt. Insofern überraschen mich die Zahlen nicht. Südkorea, UK und USA sind hingegen historisch bedingt weiter, weil sie einfach früher angefangen haben.

Alex: Und in Deutschland wird es mit 20% Wachstum im Jahr weitergehen?

Udo: Es mag in einem Jahr mal geringer mit etwa 15% ausfallen, aber überlege mal, wer alles noch nicht dabei ist: Kaufland und Lidl machen noch gar nichts in dem Bereich (oder nicht mehr!). Weder Aldi Nord noch Süd ist vertreten. Edeka kocht nur auf kleiner Flamme und sehr verteilt. Und unter den Drogerie-Märkten gibt eigentlich nur DM Gas. Dazu kommen die Pläne von Picnic. So sind meiner Ansicht nach die 15%-20% jährlich gut gegeben. Kleine Einschränkung: Ich bin überzeugt, dass der Löwenanteil davon in den Ballungsräumen stattfinden wird. Das flache Land wird nicht davon profitieren.

Alex: Warum? Zeigt nicht Picnic mit der „Milchmann-Runde“, dass gerade das flache Land dafür geeignet ist?

Udo: Ich spreche vom ganz ländlichen Gebieten – nicht von mittelgroßen oder B-Städten wie Mönchengladbach und Neuss. Das Konzept von Picnic funktioniert auch in kleineren Städten um 150.000 Einwohner oder in Räumen mit mehreren Städten in dieser Größe oder knapp drunter. Alles was aber deutlich kleiner ist, kann sich nur auf Paketversand freuen. Da kann es höchstens um Vorratsnachschub gehen, wie von Amazon Pantry angeboten: Müsli, Snacks, Klopapier – aber kein Vollsortiment.

(Alex lobt Udo für seine gute Vorbereitung: Er habe Alex so viel Material vorab zugeschickt, dass die Leitung unter der Datenlast spürbar ächzte. Auf dieser Basis will er nun auf einzelne Player eingehen.)

13:05

Alex: Im Frühjahr 2017 startete Amazon Fresh. Hat sich das bemerkbar gemacht?

Udo: Das ist eine Achterbahn gewesen! Kurz nochmal die Aufstellung der Amazon-Food-Konzepte: Erstens Pantry – Trockenware im Paket. Das läuft anscheinend ganz gut, ist aber nicht so sexy. Zweitens Prime Now – ganz kleines Sortiment (1.500-2000 Artikel) für den Spontankauf bei hoher Zahlungsbereitschaft, nur Berlin und München. Ich habe gehört, das kommt ganz gut an und ist ein bisschen wie früher „Ich gehe mal zur Tanke“: Da kauft man eine Kiste Bier, eine Pizza und ein Eis. Drittens Amazon Fresh – klassisches Vollsortiment. Das fing vielversprechend an mit großem Portfolio an beliebten Marken und Eigenmarken. Der Shop war auch optisch toll und best in class personalisiert.

Danach ging es aber gefühlt nur noch abwärts – und ich weiß nicht warum. Ich würde tippen, dass die Kosten aus dem Ruder gelaufen sind und dass sich Amazon durch den Zukauf von WholeFoods erstmal sortieren musste. Zudem hatten sie hier Fremdhändler eingebunden – exklusive Wurstläden und schicke Käsehändler – was aber mangels Erfolg teilweise zurückgefahren wurde. Die Händler haben hier die Reißleine gezogen. Aus Testkäufen habe ich das Gefühl, dass das Sortiment kleiner wurde. Dann hat sich die Abdeckung seit Anfang nicht großartig erweitert: es ist bei Berlin & Potsdam, München und Hamburg geblieben. Und die Last-Mile-Experience hat sicherlich keinen „Wow!“-Faktor: Sie nutzen DHL und können sich daher nicht differenzieren. Was man auch sagen muss: Ich finde es gefühlt recht teuer – und dann kommt hinzu, dass man als Kunde noch 10 Euro monatlich als nutzungsgebühr bezahlt. De facto sind das 5 Euro Liefergebühr, wenn man zweimal im Monat dort kauft.

Das heißt: Kein besonderes Service-Level, kein besonderes Sortiment, relativ hohe Preise und nochmal Liefergebühren. Da kann ich mir vorstellen, dass das auf den deutschen Kunden keine so hohe Anziehungskraft entfaltet hat. Ich glaube, Amazon will das eindämpfen und in stabiler Seitenlage halten, bis es ein strategisches Konzept hat.

(Alex sagt, er habe gehört, für viele Lebensmittelhersteller seien die von Amazon angebotenen Konditionen nicht attraktiv genug gewesen. Zudem sei Personal aus der Deutschland-Zentrale in München nach London abgezogen worden. So sei 2018 für Amazon Fresh hierzulande ein verlorenes Jahr. Udo stimmt zu und unterstreicht die mangelnde Differenzierung im Fulfilment: Amazon habe im Gegensatz zu Ocado oder Rewe kein vollautomatisiertes Lager und „kein besonders pfiffigen Last-Mile-Service“ wie Picnic. Das einzige, was Amazon hier habe, sei viel organischen Traffic. Dazu Alex: Otto.de habe auch mal mit diesem Argument Versicherungen auf der Homepage angeboten, hatten aber null Versicherungskompetenz! Es habe dann nicht gereicht.)

19:00

Alex: Erste Erkenntnis für heute: Amazon Fresh hat im deutschen Markt versagt! Aber nur wenige Monate nach unserem letzten Podcast tauchte unser Herzblatt im Online-Lebensmittelhandel in Deutschland auf: Picnic ging in Neuss an den Start. Darüber habe ich schon mit dem Deutschland-Chef einen Podcast gemacht. Auch mit einem der Gründer Michiel Muller habe ich im WimLex-Kanal gesprochen. Wie hast du Picnic im letzten Jahr wahrgenommen?

Udo: Wir hatten ja zu Picnic sowie Ocado letztes Jahr einen Extra-Podcast gemacht, der so unterhaltsam war, dass ich manchmal selber noch mit reinhöre. Da habe ich gesagt, dass Picnic viele Dinge richtig gemacht hat: Sie haben ein modernes, sympathisches, leicht kommunizierbares Konzept. Es ist simpel bedienbar, nur Mobile – und hat den geringsten Mindestbestellwert: 25 Euro. Das versteht selbst meine Mutter! Medial schlugen sie auch durch und es wurde viel berichtet – zu Recht auch. Sie haben sie nicht irgendwo reingekauft, sondern haben sich viel Mühe gegeben, alles zu erklären.

Jetzt laufen schon die Basics und sie haben selber angekündigt, dass sie dieses Jahr 20 neue Städte anschließen wollen. Da würde ich mal die Prognose wagen, dass das Zentrallager, das sie in Viersen haben, dafür nicht reichen wird. Wink mit dem Zaunpfahl: Sie machen mindestens zwei weitere regionale Cluster auf. Da kann sich der eine oder andere Ballungsraum in Deutschland demnächst auf Picnic freuen.

(Für ihn als Kieler werde es aber noch dauern, sagt Alex: Als holländisches Unternehmen expandiert Picnic vom Westen her. Da bleibe es für ihn wohl noch lange bei REWE-Online… Danach stellt er Fragen aus der WhatsApp-Gruppe an Picnic-Kenner Udo: Wie es beispielsweise mit Kühllogistik aussehe? Obwohl Picnic passive Kühlung einsetze, werde über nach kommissioniert und tagsüber geliefert – und das sei unproblematisch, da man bis zu 24 Stunden mit passiven Kühlungskonzepten überbrücken könne.)

24:10

Alex: Im letzten Jahr ist bei myEnso und Rossmann eine Menge passiert.

Udo: Bei Rossmann ist mir ehrlich gesagt nur der eine legendäre Konferenzauftritt mit dem Schlangenöl im Gedächtnis geblieben. Sie weisen zwar rund 23 Millionen Umsatz im Webshop aus, haben aber auch verlauten lassen, dass sie gar keinen so großen Wert auf Online als Kanal legen beziehungsweise keinen Weg sehen, ihn wirtschaftlich darzustellen. Und wenn man sich den Shop anguckt, zeichnet der sich nicht gerade durch große Nutzerfreundlichkeit aus. Zudem sind die Preisgestaltung, der Mindestbestellwert und die Versandkosten so, dass der Kunde angesprungen wird: „Kauf nicht bei mir!“ Rossmann ist da kein Leuchtturm. Schade eigentlich.

Kleiner Querverweis bei Drogerie: Ich war überrascht, dass DM gesagt hat, sie knacken dieses Jahr die Hundert Millionen online. Wenn’s denn stimmt, ist das ganz ordentlich. Der Shop ist halbwegs okay und sie haben ein günstiges Lager in der Tschechischen Republik sowie flotten Versand und moderne Zahlungsmethoden.

Zu myEnso: Es fällt mir schwer, darüber was Gutes zu sagen! Ich bin vom Konzept nicht überzeugt und würde mich zurückhalten – also Kunde sowie als Investor.

Alex: Und Zooplus?

Udo: Ein-zwei Jahre hatten sie so einen Spin-Off mit einem Kunstnamen, der mir nicht mehr einfällt. Das Konzept war wie Amazon-Pantry: Nur Trockenartikel wie Snacks, Süßigkeiten, Cracker usw. Da wurde im Paketversand mit sehr wenig Personal und einem ganz einfachen Shop verkauft. Das war im Sinne von Testkultur ein sympathischer Ansatz. Sie kommen ja aus der Tierfutterecke und ich habe das so wahrgenommen, dass sie die Kapazitäten, die sie eh schon hatten, nutzen wollten: Traffic, Lager, Einkaufskompetenz. E-Food ist ein Frequenzbringer und ich glaube, sie wollten sehen, was geht.

Und es scheint so erfolgreich gewesen zu sein, dass sie den Shop jetzt komplett neu gemacht haben. Das Sortiment ist etwas größer, besteht aber weiterhin nur aus Trockenware und wird ausschließlich per Paket versandt. Das ist Amazon Pantry im Discount-Segment. Die Idee, mit bestehendem Traffic und einem einfachen Konzept zu arbeiten, ist zwar nicht so spannend, nichts für den Ballungsraum und nichts für junge Familien, ist aber nicht ganz uncharmant. Wenn’s denn funktioniert, warum nicht?

(Eine große Dynamik werde das also nicht entfalten, stellt Alex fest. Udo weist auf den Modellcharakter hin für all diejenigen, die ihre vielen Traffic besser monetarisieren wollen: Lidl, Kaufland, Aldi hätten ja alle Webseiten mit Millionen Besuchern pro Monat, obwohl sie noch nichts Vernünftiges anböten.)

29:05

Alex: Mit seinem neuen vollautomatisierten Hochregallager, über das wir im letzten Podcast gesprochen hatten, müsste REWE mittlerweile höchsteffizient Warenkörbe abwickeln und Geld regelrecht drucken! Hört man dazu was?

Udo: Das Lager im Großraum Köln ging im Herbst live und beliefert Kunden in einem Umkreis von rund 50-60km. REWE hat gesagt, das Lager könne 100 Millionen Euro Umsatz abdecken. Da werden sie wohl noch nicht sein – vielleicht erst bei 30%. Ich würde vermuten, dass dadurch das Service-Level in Köln, Düsseldorf und Umgebung bald deutlich besser wird: same-day cut-off times zum Beispiel, sowie eine Reduzierung von Fällen, in denen man Zitronen bestellt und Limetten bekommt. Zudem wird die Kostenstruktur deutlich besser werden, womit sie dann losskalieren können. REWE hat auch angekündigt, weitere Lager zu öffnen. Ob und wo das passiert, wird sich dann zeigen. Sie haben aber jedenfalls 70-80 Millionen Euro investiert und daher sieht es mir nicht so aus, als ob sie in den nächsten ein-zwei Jahren den Markt verlassen werden.

Alex: Selbst wenn dort der eine oder andere Manager das gern tun würden, dürfen sie es jetzt bei den Investitionen nicht mehr! Erkenntnis hier: Der Effekt von so einem Projekt spürt man erst bei den Kosten und dann nachgelagert in den Umsätzen.

Udo: Ja: Zuerst Kosten, dann operative Qualität – und danach Umsatz.

Alex: Dann wurde dein alter Arbeitgeber AllyouneedFresh von der Delitcom-Gruppe übernommen.

Udo: Genau. Sie hatten schon den Feinkostspezialisten Gourmondo im Portfolio sowie Lebensmittel.de – das ist eher ein einfacher Vorratskaufversender. Dann haben sie im November mein altes Team von DHL übernommen. Ich würde sagen: Es ist noch ein bisschen zu früh, um darüber viel zu sagen. Aber zu dieser Aussage lasse ich mich doch noch hinreißen: Es wäre vielleicht für AllyouneedFresh besser gewesen, wenn sie von einem etablierten stationären Lebensmittelhändler übernommen worden wären.

(Alex will die Player mit ihren Umsätzen strukturiert durchgehen, um einen Marktüberblick anzubieten. Rossmann: Raus und kein Interesse. DM: 100 Millionen – wo die herkommen, wolle man in einem Gespräch mit Firmenerbe Christoph Werner bei digital kompakt herausfinden. Über das asset-light Konzept von GetNow und Food.de verliert Udo ein paar Wörter, zeigt sich aber in Summe wenig begeistert: unklare Positionierung, mangelndes Kapital. Vorbild sei InstaCart in USA, aber in der deutschen Arbeitsmarkt- und Regulierungslandschaft sehe er die Möglichkeit nicht.

Danach deklinieren Alex und Udo den Unterschied sowie die Überlappung zwischen Amazon Fresh und Amazon PrimeNow durch. Für Schnelldreher wie TK-Pizza und Häagen Dazs seien bestimmte Kunden bereit einen hohen Aufschlag zu zahlen, um sie binnen Stunden geliefert zu bekommen: 7,99€ für Lieferung innerhalb einer Stunde, 3,99€ für zwei. Eine Umsatzeinschätzungen mag Udo zwar nicht abgeben, tippt aber, dass Amazon Pantry größer als vermutet ausfallen könnte.

Bleiben nur Edeka und REWE: Udos Stand sei 120-150 Millionen für REWE im vergangenen Jahr 2018 mit schneller Aufwärtstendenz 2019. Von REWE könne man aber kommunikative Zurückhaltung erwarten, da sie sich mal mit einem mittelfristigen Umsatzziel von 800 Millionen zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Bei Edeka sei es schwierig einzuschätzen, weil die Kette „ein ganzes Portfolio von Mickey-Mouse-Shops“ betreibe. Keiner von den mehr als 12 Online-Läden sei modern oder wettbewerbsfähig. Schade für den größten Lebensmittelhändler des Landes – der allerdings eine 20%-Beteiligung an Picnic in Deutschland halte.

Dann gebe es noch Bringmeister, der zwar nur in München und Berlin vertreten sei, sich aber 2018 im Raum 30-40 Millionen Euro im Jahr bewegt habe. In München haben sie gerade FreshDirect zugekauft, die sie 2019 auf 50 Millionen Euro bringen könne.)

40:55

Alex: Da fehlt uns nur noch der Blick auf unsere zwei Lieblingsdiscounter: Lidl und Aldi. Lidl hat sich 2018 aus dem Markt zurückgezogen mangels Akzeptanz für E-Commerce im Management und weder Aldi Nord noch Aldi Süd hat online durchstarten können – da ist „Aktion der Woche“ wohl immer noch das meistgenutzte Feature!

Udo: Um das mal positiv einzuleiten: Die haben noch nichts falsch gemacht, weil sie noch nichts gemacht haben! Ich würde relativ stark davon ausgehen, dass Aldi in den nächsten zwölf Monaten was macht – und dass, wenn sie was machen, sie das nicht mehr in Nord und Süd aufteilen, sondern das erste Mal zusammen machen. Weder Bekanntheitsgrad noch Traffic (bereits über 10 Millionen) ist das Problem. Es hapert eher an Plattform und Team.

Jedenfalls: Entweder Aldi oder Lidl wird – das sage ich jetzt mal vorher – 2019 den ersten Ansatz eines operativen E-Food-Konzepts an den Start bringen. Für diese Prognose gibt es zwei Gründe. Sie können es erstens sich meiner Auffassung nach nicht mehr leisten, noch ein Jahr überhaupt nichts zu machen. Sonst wäre der Vorsprung von Picnic und REWE so groß, dass es einfach nicht mehr gehen würde. Und zweitens – wie du auch erlebt haben wirst – laufen von ihnen jetzt E-Commerce-Manager auf Konferenzen rum und führen Gespräche…

Alex: Vor der Schlecker-Pleite liefen auch E-Commerce-Manager von denen rum! Deine Prognose halte ich für nicht so stark, muss ich zugeben. Deine Marktanalyse gehe ich zwar mit, aber Lidl hat sich 2018 mit Volldampf zurückgezogen. Da kann man sich argumentativ keine so schnelle Kehrtwende leisten. Und Aldi haben letztens Verlust gemacht und sind mit ihrem Kernmodell beschäftigt.

So wette ich mit dir um eine Kiste Bier deiner Wahl, dass wenn wir uns hier im Podcast Januar 2020 sprechen, weder von Lidl noch Aldi wird irgendetwas Relevantes gekommen sein!

Udo: Da würde ich darauf eingehen. Und der Sieger bekommt eine Kiste Bier und eine Kiste Softgetränke dazu!

(Daraufhin stellt Udo Gedanken zu zum Verkauf stehendem Real an – mit dem Asset real.de, ehemals Hitmeister. Zwar werde noch konservativ im Laden gepickt und Versand geschehe noch per DHL, aber ein Käufer könnte darin einen Mehrwert sehen, ein fertiges Food-Front-End zu bekommen. Das Team sei auch vorhanden.)

46:00

Alex: Und was ist mit den ausländischen Anbietern. Haben wir nicht bald auch Ocado in Deutschland?

Udo: Da bleibt es spannend! Ocado wird auf jeden Fall versuchen, noch in paar anderen Ländern eine 10-Jahres-Lizenz an seiner Software zu verkaufen. Ich weiß, dass alle Großen in Deutschland mit ihnen gesprochen haben. REWE hat eine eigene Technologie und wird es daher nicht machen. Picnic wahrscheinlich auch nicht. Und Edeka hat noch keine geschlossene Strategie.

Und dann muss man noch sehen, ob Ocado nicht doch noch von Amazon übernommen wird. Die Kosten wären zwischen 5 und 7 Milliarden Pfund, was für Amazon nicht außer Reichweite ist (auch wenn sie es früher sehr viel billiger hätten machen können). Ocado ist in der Technologie jedenfalls führend.

In USA wird 2019 dann die Kombination Amazon Prime und WholeFoods deutlich sichtbarer werden. Sonst muss man sehen, wie die anderen großen Anbieter – Kroger, Walmart und Instacart – auf diesen Angriff reagieren. Auf jeden Fall wird der Markt dort weiter schnell wachsen und Impulse nach Westeuropa abgeben.

(Alex schließt mit der Frage, worauf Udo sich 2019 besonders freut. Udo sagt, er sei gespannt, wohin Picnic expandieren wird und wie REWE weitermacht. Auch auf diverse Veranstaltung sowie ein gestiegenes Interesse am E-Food bei den Händlern freue er sich 2019 sehr.)

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1 Antwort

  1. Avatar Sabine sagt:

    Das Problem ist speziell in Deutschland die unheimlich effiziente Maschinerie des LEH. Der schafft es mit einer Rendite von 1-3%, je nach Kette, die Verbraucher mit vergleichsweise hochwertigen Lebensmitteln zu Niedrigpreisen zu versorgen. Der deutsche Verbraucher ist damit ein Preis/Leistungsverhältnis im LEH gewohnt wie es das sonst nirgendwo in einem großen Industrieland gibt. Daher verbieten sich Vergleiche und auch die einfache Blaupause.

    Für den hiesigen Markt kann Lieferung von Lebensmitteln nur funktionieren wenn der Verkauf der Waren zu den Unkosten betrieben wird, nonprofit, und das Geld mit Service verdient wird. Die winzigen Margen des LEH geben keine Spielräume her, um Zustellung an Einzelkunden aus dem Deckungsbeitrag heraus zu finanzieren. Rewe verbrennt damit bis heute Geld, Kaufland hat sich wieder zurückgezogen, Amazon von Anfang an zurückgehalten.

    Das zweite Problem ist die unheimliche Dichte der Filialen der großen Ketten. Weite Wege gibt’s nur in strukturschwachen Gebieten und da wird ein Lieferdienst erst recht nicht kostendeckend. Und in der restlichen Republik ist der nächste Supermarkt nie weit. Während sich der eine noch seinen virtuellen Warenkorb in der App zusammen klickt und auf seine Bestellung wartet hat der andere schnell eingekauft und kann schon mampfen. Gerade in der heutigen Zeit, in der immer mehr Convenience und von der Hand in den Mund eingekauft wird, es immer untypischer wird vorzuplanen und Einkaufslisten zu schreiben, ist ein Lebensmittel Lieferdienst fast ein Anachronismus mit App. Disruption ist kein Erfolgsgarant, es wird langsam zum Ladenhüter der Expertenrunden, die jetzt seit Jahren den Durchbruch im LEH Liefergeschäft vorhersagen. Genauso wie seit 20 Jahren auf jeder IFA der Kühlschrank, der automatisch Joghurt nachbestellen soll, angepriesen wird. Es ist einfach an der Nachfrage vorbei. Und die hohen Umsätze im LEH blenden, es ist ein mageres Brot. Der Spaß beim Aufbau neuer Geschäftsmodelle liegt auch finanziell sicherlich nicht im LEH.

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