Wie lange soll das noch gut gehen mit Amazon?

Seitdem die psychologisch wichtige 2.000 Dollar Marke von Amazon durchbrochen wurde, überschlagen sich nun sogar in den bisher unverdächtigen Medien die Diskussionen darüber, ob das alles noch so gesund sein kann. Wie weit kann es noch gehen? Ist es nicht schon total überbewertet? Erzählen die Amazon Fan Boys die Story von der alternativlosen Aktie nicht aus Eigeninteresse? Und was sollte ich nun mit meinem Sparbuch machen bei dem mir bald Strafzinsen drohen und die Niedrigzinspolitik keinen Ausweg weiß aus der Niedrigzinspolitik. Ohne hier zu weit auszuholen, das ungebremste Geldmengenwachstum (M3) hat den Markt überall komplett durchgerüttelt. Nichts scheint mehr wie es war und sogar seriöse Familiy Offices müssen zunehmend Geld in Aktiendepots schaufeln, weil es kaum noch (Anlage-) Möglichkeiten für weitere Golfhotels gibt bzw. die Handwerker für diese Projekte gar nicht verfügbar sind.

In Bezug auf Amazon hat das schon Bitcoin-artige Auswüchse. Glücklich sei der, der noch unter 1.000 Dollar einsteigen konnte. Allen Hobbyspekulanten sei gesagt, dass die Strafzinsen auf dem Sparbuch im Regelfall die bessere Alternative ist, als das wenig diversifizierte Aktiendepot – es sei denn, man ist nicht auf das Geld angewiesen die nächsten 10,20… Jahre. Naja, trotzdem wollen nun alle wie wild in Amazon investieren und das ist in der Tat schon die größte Gefahr für die Aktie.

Die Börsenentwicklung liegt inzwischen das Zwei- bis Dreifache über der tatsächlichen Unternehmensentwicklung. Die Kurse werden nicht nur getrieben von der Aussicht auf eine Billionenbewertung, die Amazon demnächst als zweites Unternehmen nach Apple erreichen könnte. Sie werden vor allem durch die Anleger selbst getrieben. Da inzwischen vom Kleinanleger bis zum großen Fonds alle auf Amazon setzen, treibt das die Kurse in irrationale Höhen. Amazon befindet sich daher heute schon auf Kursniveaus, die in drei bis fünf Jahren kaum höher liegen dürften.

Das wäre ja alles nicht so dramatisch, wenn es den „Alt“ Unternehmen im Handel doch mal gelingen sollte sinnvolle Antworten zu finden. Das tun sie aber nicht, wie Nils schön herausgearbeitet hat. „Geständnisse eines Fan Boys

Warum führe ich diese Beispiele auf? Weil der amerikanische Konsument in einem Schlaraffenland lebt. Hier ist stationärer Einkauf noch ein echtes Erlebnis und verknüpft viele der Vorteile von Online-Shopping (wie etwa 24-Stunden-Öffnungszeiten) mit herkömmlichen Retail-Konzepten. In einem Wort: Es gibt ein Service- und Erlebnisangebot, von dem wir in Europa nur träumen können. Und trotzdem: gegen Amazon keine Chance! Denn der Konsument findet das Angebot von Amazon noch besser. Stationäres Geschäft hat den Kunden einfach nicht überzeugen können. Somit hat Amazon nicht nur nichts zu befürchten, sondern hat in einem der am Härtesten umkämpften Märkten der Welt gezeigt, wem Konsumenten jetzt und in der Zukunft vertrauen.

Und aktuell gelingt es Amazon regelmäßige neue Milliardenquellen (Profit) aufzutun, die IBM, Microsoft & Co. das fürchten lehren. Dazu empfehle ich die schönen Analysen von Ben Thompson, der einen „TheInformation“ Analyse zitiert.

Amazon Web Services already dominates the market for cloud services. Now, it is eyeing a part of the cloud business it doesn’t already control: the $14 billion global market for data center switches. AWS is considering selling its own networking switches for business customers—hardware devices that move traffic around networks, according to a person with direct knowledge of the cloud unit’s plans and another person who has been briefed on the project. The plan could plunge Amazon more deeply into the lucrative enterprise computing market, posing a direct challenge to incumbents in the business like Cisco, along with Arista Networks and Juniper Networks. As it does in many other categories, Amazon plans to use price to undercut rivals. The company could price its white-box switches between 70% and 80% less than comparable switches from Cisco, one of the people with knowledge of the program estimated.

Vom Werbegschäft mal ganz abgesehen!

Alle sind aktuell sehr heiß auf das Thema Amazon Advertisment, weil der Markt in diesem Bereich gerade sehr stark wächst und ganz neue Möglichkeiten durch Amazon erschlossen werden. Es ist ungefähr so wie der Einstieg von Facebook in den Werbemarkt. Vor „Facebook“ musste man „blind“ bei Google auf Basis von Keywords fischen. Dank Facebook konnte man auch sehr gute soziodemographische Daten für die Ansprache nutzen und Amazon treibt es noch eine Nummer weiter, indem es zielgerichtete Werbung auf Basis der Kaufhistorie zulässt. In den aktuellen Amazon Quartalszahlen schlägt sich das mit einem Wachstum von 130$ auf gut 2 Mrd. Dollar (pro Quartal!) nieder. Neben der Cash Cow AWS wird dieser Bereich bald ähnlich hohe Erträge für Amazon generieren.

Und was lernen wir nun daraus? Nix, leider nix. Entweder glaubt man daran, das Amazon fundamental auf einem guten Weg ist und die hofft auf einen weiterhin „verrückten“ Zinsmarkt. Dann sind auch kurzfristig die prognostizierten Kurssteigerungen drin (2.500$). Oder man hofft/glaubt an einen ausgewogenen Markt bei dem z.B. JD & Co. mehr Kapital anziehen können bzw., dann dürften die Steigerungen moderater ausfallen und ggf. ist auch mal eine Kursbereinigung (1.000$) drin. In dem Fall wäre das Sparbuch der Sieger und der Survivorship Bias mal wieder bestätigt.

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Alexander Graf, 38, E-Commerce Unternehmer & Analyst, Gelernt bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Commerce Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: [email protected] || Tel: +49 (40) 3289 29690

5 Antworten

  1. ermic sagt:

    Korrelation und Kausalität zu verwechselt ist sehr verbreitet, so auch hier.

    Amazon hat zufällig mit seinem Geschäftsmodell exakt den Nerv der Massen getroffen und wurde dadurch groß. Zig Gründer, die von ihrer Geschäftsidee genauso überzeugt waren wie einst Bezos, erging es anders.

    Kausal ist aber nicht das Stichwort „Amazon“, das Geschäftsmodell korreliert lediglich mit den (derzeitigen) Bedürfnissen der Masse.

    Das kann in 5 Jahren schon wieder anders sein, wenn Firma X ein anderes Geschäftsmodell aufstellt, was die Masse noch mehr anspricht.

    Nicht der E-Commerce Kunde wurde von Amazon überzeugt oder angezogen, er hat in Amazon lediglich das Unternehmen gefunden, dass seinen Nerv am besten traf.

    Mithin hat die Geschenke von Kapitalismus und Handel eines immer wieder belegt: gerade dann wenn ein Geschäftsmodell auf dem Zenit zu sein scheint ist der Absturz umso näher.

    Hätte ich die nächste 100 Milliarden Umsatz Idee würde ich sie umsetzen. Ich weiss nur, dass es sie geben wird. Bezos weiss es auch, darum feuert Amazon Inc. ja wie mit der Schrotflinte in alle Richtungen immer neue Produkte ab. Bezos weiss auch nicht welche davon trifft, aber die Wahrscheinlichkeit erhöht sich halt mit der Zahl der Versuche.

    Übertragen auf den E-Commerce würde ich jedem Investor mit ausreichenden Mitteln daher raten nicht mehr nur das eine Geschäftsmodell zu verfolgen, sondern reihenweise Pferde verschiedenster Art ins Rennen zu schicken und nach gewissen Deadlines und Evaluierungen auch ohne Zögern sie Reißleine zu ziehen und ein Angebot auch wieder zu beerdigen.

    Mach es wie Bezos, trial and error. Das gilt übrigens auch stationär. Dass dort seit Jahren kein Blumentopf zu gewinnen ist wird natürlich auch zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Weil das so sei gehen Köpfe und Kapital in online, was die Prophezeiung schließlich unweigerlich erfüllt.

    Es ist nicht lange her als die Millenials zB Schlange standen um Abercrombie & Fitch Läden zu betreten und dort viel Geld für eib T-Shirt auszugeben.

  2. Mirco sagt:

    „The company could price its white-box switches between 70% and 80% less than comparable switches from Cisco“ … wenn man jetzt noch weiss, dass Cisco Rabatte bis 70% an Grosskunden gibt, kommt das in etwa auf das gleiche Preisniveau.

    • Das ist das Problem von künstlich hohen Hardware/Software Preisen im Enterprise Segment. So kann Amazon ggf. bei kompletter gleicher Leistung + Preis den Eindruck erwecken, dass das Angebot besser ist. Dumm von Cisco.

  3. Sagi Nidd sagt:

    2017 lag der Onlineumsatz des Handels bei 9% in der Schweiz. DE war 12%, USA bei 10%. Gemäss diversen Quellen (z.B: statista) wird der Onlineumsatz bis 2025 bei 20-30% liegen. Bis 2030 bei 40-50%. Dies konservativ gerechnet. Der Anteil könnte auch über 50% liegen…

    Verschiedene Effekte wie „Krise“ können den Trend verstärken. Wer wenig Geld hat, kauft Kostenbewusster. Wenn eine grosse Krise kommt, wird der Onlinehandel auch in diesen Zeiten trotzdem weiter wachsen und den stationären Handel währenddessen auffressen.

    Amazon hat in den USA einen Marktanteil von 4% im Detailhandel. Walmart über 20%.

    Amazon ist erst in 14 Ländern aktiv.

    Kurzum, Amazon ist aktuell noch klein. Gross sind sie erst in 10 Jahren. Ich glaube nicht, dass sie mit dem Markt mitwachsen werden. Verfünffachung oder mehr in 10 Jahren? Eine Verdopplung oder Verdreifachung des Onlineumsatzes liegt in den nächsten Jahren durchaus drin. Ist gar sehr wahrscheinlich.

    Und dies war nur das Onlinehandelsgeschäft. AWS & Co werden ebenfalls mitwachsen.

    Klar wissen dies viele nicht. Im speziellen jene, die nichts mit Onlinebusiness zu tun haben. Daher können sich jene den aktuellen Wert nicht erklären und halten es sicher auch für ausgeschlossen, dass der Titel Ende 2019 einen Wert von über 2500 USD haben wird.

    Lasst es Euch gesagt sein, der Onlinehandel ist erst am Anfang. Etablieren wird er sich im kommenden Jahrzehnt. Daher….kauft jetzt noch Amazon Aktien, solange sie noch erschwinglich sind 🙂

    Grüsse aus der Schweiz

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