Wie digitalisiert man den größten Münz- und Briefmarkenhändler? „Echte“ Digitalisierung mit Richard Borek

muenze-mdmAls Kind hatte ich natürlich ein Sammelalbum für Briefmarken. Unzählige Male habe ich mir vorgestellt wie meine kleine Sammlung wohl erst einmal wachsen würde, wenn ich Opas Sammlung erben würde. Und dann hatte der ja auch noch dieses Münzsammelalbum! Die wenigsten Leser hier dürften noch aktiv eine Briefmarkensammlung pflegen, aber in Zeiten von Nullzinsen, sind die Renditen der „Postwertzeichen“ gar nicht mal so übel. Trotzdem ist die Sorge angebracht, dass der Sektor Münz- und Briefmarkenhandel in den nächsten Jahren sicher kein Wachstumsmarkt sein dürfte, und das hat nun ausnahmsweise nichts mit Bitcoins zu tun. Die Diskussion über die Zukunft des Sektors führe ich nun seit einiger Zeit mit Richard Borek, der nun in vierter Generation den führenden Händler in diesem Bereich repräsentiert. Mit ca. 600 Mitarbeitern in Braunschweig kann man sich durchaus die Frage stellen: Was nun?

Ich kenne Richard seit knapp 15 Jahren und wir besprechen die Konsequenzen der Digitalisierung durchaus sehr offen. Mittlerweile haben wir eine recht deckungsgleiche Sicht darauf, was für seine Unternehmensgruppe sinnvoll sein kann und was eher nicht. So oder so, hat er in der vierten Generation die Aufgabe das Unternehmen neu zu gestalten und „digital“ zu machen, während seine Vorgänger das Unternehmen klassisch analog skaliert haben. Die Digitalisierungskonzepte die ich bisher gesehen habe, funktionieren nur leidlich bis gar nicht, weshalb wir vor über einem Jahr diskutiert haben welche Optionen er überhaupt hat in Braunschweig, einer Stadt die bisher nicht für erfolgreiche digitale Konzepte steht. Ein Jahr nach dieser Diskussion sind die ersten Früchte des damals diskutierten Plans zu sehen und 2018 kommen noch einige sehr spannende Dinge dazu. In mehren Podcasts in diesem Jahr werde ich mit Richard darüber sprechen was er gelernt hat, was nicht gut funktioniert hat und was gut funktioniert. Er macht viele Dinge anders und davon können sich Unternehmen in einer ähnlichen Situation etwas abschauen. In der ersten Ausgabe sprechen wir darüber wie sein Unternehmen schon nach einem Jahr die unangefochtene #1 im Bereich Digital in Braunschweig werden konnte und zu welchen Veränderungen das bereit geführt hat. Ohne zuviel vorweg zu nehmen, sind gerade sehr viele neue Jobs in dem Bereich bei ihm geschaffen worden. Wer also aus der Region kommt und nach einer Gelegenheit sucht wieder nach Braunschweig zurückzukehren, der könnte dort fündig werden.

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Digitalisierung im Sammlergeschäft mit Richard Borek, Münzhandelshaus- und Inkubatorinhaber

Im ersten Podcast einer neuen Reihe bespricht Alex die Digitalisierung in einem der denkbar analogsten Bereiche: Dem Geschäft mit Münzen und Briefmarken. Ihm dazu Rede und Antwort stehen tut Richard Borek, größter Händler weltweit in diesem Markt. Er leitet in vierter Generation die in Braunschweig ansässigen Familienfirma Borek MDM und wird seit ein paar Jahren von Alex bei der digitalen Transformation unterstützt.

 „Man braucht zehn Ideen, um eine erfolgreiche zu haben.“    

2:01

Alex: Wann wurde die Firma Borek in Braunschweig gegründet?

Richard: 1893. Somit sind wir das älteste inhabergeführte Versandhaus Deutschlands.

Alex: Siehst du! Ich hätte auf eins der Häuser im Modebereich getippt. Damit wir im späteren Verlauf fundiert über den Markt und die Zukunft reden können, rekapitulierst du bitte einmal die Geschichte des Unternehmens?

Richard: Einmal grundsätzlich: Als ich vor 14-15 Jahren im Familienunternehmen anfing, stellte ich mir die Frage: „Was ist das eigentlich, Briefmarken oder Münzen kaufen und verkaufen?“ Am Ende stand für mich fest: Das ist wie Margarine bei Unilever anbieten. Es ist eben ein Produkt und man muss es vermarkten. Und genauso wie bei Autos gibt es Entwicklungszyklen von Briefmarken- und Münzprodukten, die wir selbst entwickeln. Im Schnitt entwickeln wir 1.500 Produkte im Jahr selbst, was zur Folge hat, dass wir einen sehr hohen Eigenanteil haben.

Aber wie das alles begann? 1893 wollte mein Opa einen Satz Briefmarken kaufen und einen verkaufen, um das zu finanzieren. Da stellte er fest, dass es Nachfrage gab. Er ging dann mehrere Entwicklungsschritte durch: So war er etwa der erste Briefmarkenhändler, der Briefmarken in einer Sammlung verkaufte. Dieses Konzept haben wir seitdem als offenes Abonnement beibehalten und auf andere Produktbereiche übertragen, wovon der größte das Thema Münzen und Medaillen darstellt. Damit agieren wir weltweit.

Alex: Als Kind habe ich auch so ein Briefmarkenalbum gehabt und habe sogar das von meinem Opa übernommen. Gibt es aber dafür heute noch ein Markt? Ist es nicht ein wenig angestaubt heutzutage? Zum einen nimmt der Postversand ohnehin ab, zum anderen wurde das zu so einem ironischen Anmachspruch: „Darf ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen…?“

Richard: Also, wir haben Briefmarken, die über 100.000 Euro kosten. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass der Markt wächst. Lass mich das mal so formulieren: Ich kann davon Urlaub auf Sylt machen, aber mir noch kein Haus kaufen. Im High-End-Bereich ist der Markt tatsächlich sehr wertstabil und dort werden jährlich 10% Rendite erwirtschaftet – für den Inhaber der Briefmarken. Somit sind innerhalb der Asset-Klassen Briefmarken immer unter den Top-Drei.

5:00

Alex: Was heißt denn „High-End-Bereich“ bei Briefmarken? Kaufen die Leute in der Postfiliale mal 10er-Blocks und hoffen, dass sie irgendwann wertvoll sind?

Richard: Das gibt es auch. Im Wesentlichen geht es aber eher um historische Briefmarken: vom 19. Jahrhundert aus den altdeutschen Staaten oder im 20. Jahrhundert aus dem Dritten Reich. In diesem Bereich gibt es einen Sammlermarkt und hier finden eher Wertsteigerungen statt.

Alex: Ist das vorwiegend regional? Also Sammler aus USA kaufen US-Briefmarken und Sammler aus Deutschland deutsche?

Richard: Ja, was es uns im internationalen Geschäft sehr schwer macht. Das, was die Deutschen in den 60er-Jahren an Briefmarken produziert haben, interessiert dem Engländer nicht so sehr – und umgekehrt. Rund 20-30% des Bestands kommt für den internationalen Verkauf in Frage. Der Rest ist tatsächlich auf die Herkunftsländer begrenzt.

Alex: Und du sagst, ihr entwickelt Produkte. Wie darf ich mir das vorstellen? Geht ihr mit einem Münzentwurf in eine Präge und bringt es dann in den Handel?

Richard: Grundsätzlich ja, wobei es hier zwischen Münzen und Medaillen zu differenzieren gilt. Erstere haben oder hatten einen vom Staat garantierten Gegenwert, was Letztere nicht haben. Medaillen kann jeder prägen.

7:30

Alex: Mir ist noch ein wenig unklar, wie für Medaillen einen Markt mit Nachfrageüberhang zusammenkommt. Bei Münzen verstehe ich das: Erst einmal haben sie einen echten Gegenwert. Und wenn sie dann besonders selten sind – etwa ein Ein-Euro-Stück aus einem kleinen Euro-Land wie Malta – kann ich die Nachfrage verstehen, weil Liebhaber dann um eine begrenzte Menge buhlen, um ihre Sammlungen zu vervollständigen.

Richard: Auch bei Medaillen geht das über Angebot und Nachfrage. So ist das genau wie bei einer Kryptowährung wie Bitcoin: Solange weniger tatsächliches Angebot vorhanden ist als Nachfrage da ist, steigen die Kurse. Im wesentlichen sind Medaillen Sammelprodukte und da muss man sich fragen: Was sind so die Summen, die monatlich fürs Sammeln ausgegeben werden? Im Schnitt sammeln Kunden bei uns für 30 bis 50 Euro im Monat, wobei sicherlich Edelmetall ein Aspekt ist. Aber es geht auch darum, Geschichte erlebbar zu machen, sowie darum, dass der Gedanke des Sammlers beim Abheften in die nächste Generation übertragen wird. Denn viele wollen der Familie nach ihrem Ableben etwas hinterlassen, was an die Person erinnert und nicht schnell weggeworfen wird. Im Gegensatz zu anderen Themen bilden Medaillen auch so einen Wert.

Alex: Dass die Medaillen auf Edelmetall geprägt werden, hatte ich vergessen. So geht das Kalkül wohl: „Ich zahle heute 30€, obwohl das vom rein Material her nur 20€ wert ist. Aber wenn der Goldkurs steigt, ist das schon drinn…“

Richard: Wer wirklich in Werte investieren will, sollte keine Medaillen kaufen. Bei uns gibt es nämlich auch Anlageprodukte: Das sind Goldbarren, der Krügerrand, das Mapleleaf in Gold oder in Silber. Auf MDM.de haben wir zum Beispiel den günstigen Preis für den Krügerrand in ganz Deutschland. Der Sammler, der Medaillen kauft, geht etwas emotionaler vor und möchte etwas haben, womit er sich identifizieren kann: Seine Stadt, ein Jubiläum, die Fußballmannschaft…

(Alex überlegt, wie der Online-Handel das Geschäft wohl wird beeinflusst haben: Preissensible Anleger würden im Internet immer dem günstigsten Preis hinterherjagen, aber treue Sammler von bestimmten Medaillen-Serien seien ein klassischer Lock-in-Fall, die man nur mit einem kompletten Themenwechsel weglocken könnte.)

11:40

Alex: Was hat sich dann in den letzten Jahren getan? Ist neuer Wettbewerb im Netz entstanden?

Richard: Auf jeden Fall, sowohl im Nischenbereich als auch international. Es gibt zum Beispiel ein sehr innovatives, sehr effizient geführtes Unternehmen aus Kanada im Bereich Anlagemünzen. Bei Sammelgütern ist es etwas komplexer, weil es ja nicht rein transaktional ist. Es geht nicht nur um Technologie und Effizienz, sondern auch um die Entwicklung physischen Produkte. Es fällt sehr schwer, das Knowhow bei Letzterem aufzubauen: Wir verkaufen eben Sammlungen.

(Daraufhin möchte Alex wissen, wie genau die Medaillenserien hergestellt werden. Schicke man nicht einfach ein Design übers Netz und kriege die Münzen zurück? Mit rund fünf europäischen Prägestätten arbeite MGM in der Produktentwicklung zusammen, erklärt Richard. Der Bereich sei noch wenig digitalisiert. Richard ermuntere die Mittelständler hier, in die IT zu investieren, um effizienter zu werden und auch Kleinstmengen gewinnbringend liefern zu können.)

13:40

Alex: Wenn man so viele Medaillen selber prägen will und so viel Innovation am Produkt entsteht: Ist es nicht sinnvoll, so eine Prägestätte selber zu besitzen?

Richard: Die Frage ist, wo man die Wertschöpfung definiert und ob man in der Lage ist, Innovation innerhalb der Prägestätte zu erreichen. Wir entwickeln ständig nicht nur neue Themen, sondern auch besondere Arten von Prägetechniken. Dabei haben wir festgestellt, dass wir das selber gar nicht hinbekämen und fokussieren uns deshalb lieber auf die Produktentwicklung, das Marketing und den Vertrieb. Über 100 Mitarbeiter bei uns machen Vertrieb. Das ist der Kern unserer Wertschöpfung.

Alex: Haben sich denn unter den neuen Anbietern jenseits von eBay neue Marktplätze etabliert? Und gibt es so etwas wie „goldgünstigerkaufen.com“ oder „dasbilligstesilber.de“?

Richard: Es gibt eine Vergleichsplattform: Gold.de. Da werden Anbieter transparent verglichen, wie bei Idealo. Ansonsten muss man einfach feststellen, dass es sich hier um einen Nischenmarkt handelt. Es ist nicht vergleichbar mit Kleidung und Schuhen, denn unser Produkt braucht keiner. SEO-Traffic auf unsere Angebote ist sehr gering. Meine Aufgabe ist es daher, die Emotionen und das Interesse an unseren Produkten zu wecken.

(Alex stellt den Vergleich zu Luxus-Produkten wie Parfum an, womit Richard nicht ganz einverstanden ist: Viele hielten es doch für ein Gebrauchsgut. Danach betont Alex den Kontrast zwischen dem digitalen Streben von MGM und der langen Unternehmensgeschichte. Am Übergang zum zweiten Teil des Podcasts steht die Feststellung: Viel mehr Legacy könne man gar nicht haben.)

17:00

Alex: Lassen sich neue Geschäftsmodelle denn im Korsett der Tradition so einfach aufbauen? Oder kann man nur linear ähnliche Produkte entwickeln, wie man sie letztes Jahr auch entwickelt hat?

Richard: Ein Unternehmen muss wachsen, um gesund zu bleiben. So haben wir zuerst versucht, bestehende Produkte zu skalieren – was wir über ein sehr starkes internationales Geschäft in Asien, insbesondere China erreicht haben. Im zweiten Schritt geht es darum, neue digitale Services zu entwickeln, um sowohl bei Bestandskunden als auch im Ausland zu wachsen. Das ist in der Tat innerhalb einer bestehenden Organisation nicht so einfach.

Ich habe da mehrere Anläufe gebraucht, um herauszufinden, wie es vielleicht doch geht. Und es ist vor allem nicht delegierbar. Das Commitment von vielen hört eben irgendwann auf. Auch wenn das alles maximal innovative und engagierte Mitarbeiter sind, die wirklich alles geben… Dies letzte Quäntchen hat ein normaler Mitarbeiter – verglichen mit einem Gründer, der sich sechs Monate Zeit genommen hat und dann zurück in den normalen Job gehen muss – eben nicht. Was auch nicht weiter schlimm ist. Das muss man einfach akzeptieren.

Ebenfalls muss man sich damit abfinden, dass nicht jede Idee erfolgreich wird. Bei Start-ups ist die Erfolgsquote bekanntermaßen eine von zehn: In Corporates bestenfalls auch. Was ich also für mich mitgenommen habe: Man braucht zehn Ideen, um eine erfolgreiche zu haben. So muss man genau wie bei Start-ups im „Minimum Viable Product“-Verfahren sich da rantasten. Etablierte Unternehmen neigen aber dazu, wieder alles perfekt zu machen.

(Alex erinnert sich daran, wie er anfangs sehr lange mit Richard sprach. Dieser suchte nämlich einen Sparring-Partner im Sinne eines CTO, jemanden, der neue Geschäftsmodelle, nicht neue Produkte entwickelt – bis er selber diese Rolle übernahm.)

19:50

Alex: Ist das ein Modell für andere: bestehendes Geschäft operativ delegieren und die unternehmerische Weiterentwicklung zur Chefaufgabe erklären?

Richard: Erstens konnte ich das ja nur so machen, weil ich ein sehr, sehr gutes Vertriebsteam habe. Wenn das nicht gut laufen würde, müsste ich mich ums Kerngeschäft kümmern. Zweitens kommt mir zugute, dass ich meine Karriere um die Jahrtausendwende bei Conrad Electronic begann, das zu den First-Movers im Online-Bereich gehörte. Da konnte ich sehr viel mitnehmen.

(Richard geht auf Anfrage seinen Werdegang bei Conrad durch. Damals ging er weg, weil er sich nicht zu nah mit der Informatik beschäftigen wollte. Ironische Pointe: Jetzt leitet er bis zur Einstellung eines CTOs die IT im eigenen Unternehmen kommissarisch.)

22:30

Alex: Also noch einmal zugespitzt: Innovationen lassen sich nicht delegieren, egal was für eine Incentivierung der Mitarbeiter man praktiziert. Worauf ich hinaus will: Gilt das für alle Unternehmen? Muss immer der Gesellschafter die treibende Kraft für neue Modelle sein?

Richard: Es schadet erst einmal nicht, wenn das ganz oben gehandhabt wird. Dabei hängt es auch von der Person ab. Als wir vor drei Jahren das erste Mal zusammensaßen, war unsere Geschichte: „Wir sind ein Briefmarken- und Münzenhändler.“ Jetzt lässt sich auf borek.digital nachlesen, was wir alles in der Zwischenzeit auf die Beine gestellt haben. Das hat die Außenwahrnehmung von uns als Arbeitgeber grundüberholt, wodurch wir auf einmal an Talente rankommen, die das auch können. So ist der Crux: Bist du als Arbeitgeber attraktiv genug, um die richtigen Leute zu bekommen – in Regionen, die nicht unbedingt A-Lagen sind wie Hamburg, München oder Berlin? Das ist ein Weg, der auch Max Viessmann gegangen ist. Er hat sich mit seiner Heizungsbau-Firma ins digitale Umfeld sehr eingebracht. Wir sind fast ein Alter  – und von unserer Generation hängt es jetzt in Familienunternehmen ab. Es könnte zwar sicherlich anders gehen, aber das Engagement der Belegschaft ist viel höher, wenn der Gesellschafter vorne dabei ist.

24:30

(Danach möchte Alex das auf eine operationelle Ebene herunterbrechen: Was sind die Auswirkungen beispielsweise im Personalwesen? Und welche budgetäre Ressourcen werden in die digitale Entwicklung geleitet? Auf die Antwort 1-1,5% fragt Alex zurück, ob es nicht mit 5% schneller ginge. Das sei Corporate-Denke, erwidert Richard. Entweder könne man eine Summe wie 200.000 Euro für Project-Manager und solche Strukturen ausgeben – oder es einem Gründer in die Hand drücken, der damit vieles schneller umsetzt. So sei er über die letzten drei Jahre dazugekommen, viel freier an neue Ideen heranzugehen.

Letztens habe er beispielsweise ein Start-up-Boot-Camp veranstaltet. Dabei seien paar vielversprechende Ideen rausgekommen, die er jetzt verproben will. Wichtig sei, dass die Ideen nicht aus Corporate-Sicht kamen. Im Accelerator 2018 werden fünf externe und ein paar interne Start-ups tätig sein. Ungewöhnlich im Mittelstand: Alle sollen dort jenseits des Tagesgeschäft ausschließlich an den Ideen arbeiten. Aus Personalkostensicht sei das nicht unwesentlich, weswegen auch Praktikanten und Freelancer dort arbeiten werden. Wenn sich Erfolg nicht anbahne, könne man die Projekte schnell wieder abwickeln: Mitarbeiter dürften jetzt auch ihre Meinung ändern – müssten aber auch lernen, dass ihre Ideen auch einer Neubewertung zum Opfer fallen könnten. Das komme eben mal vor. Mit der alten Wasserfallmethode kam etwa ein von langer Hand geplanter Marktplatz nach einem Jahr raus, auf dem noch gar kein Traffic gewesen war. Mit solchen Vorgehensweisen müsse Schluss sein.)

30:00

Alex: Vor einem Jahr unterhielten wir uns darüber, wie man an Ideen von außerhalb des Unternehmens rankommt: Barcamps, Unkonferenzen, Web-Montage usw.. Dabei kam raus:„Lass uns das mal in Braunschweig probieren, wo das Digitalste bislang die Anzeigen an der Bushaltestelle ist!“ Wie kamst du dann zu so einem Accelerator-Programm? Und ist das ein Modell für andere?

Richard: Es kann theoretisch jeder machen. Dabei gibt es ein paar wichtige Bedingungen, die im Umfeld vorhanden sein müssen. Kurz vor unserem Gespräch damals hatte ich Prof. Askari von der TU Braunschweig kennengelernt, der dort den Lehrstuhl für Entrepreneurship innehat. Er hat einfach gesagt: „Wir machen was zusammen.“ So haben wir ein Silicon-Valley-Stipendium ausgerufen: Die prämierte Masterarbeit kann mit den Geldern einen Monat lang dort geschrieben werden.

Damals wusste ich noch nicht, was alles möglich ist – oder was ein „Accelerator“ ist. Wir waren aber im Gespräch und ich wollte eben was machen. So habe ich mich informiert: Die Founders Foundation Bielefeld war zum Beispiel sehr hilfreich, aber auch Factory und Betahaus in Berlin waren im Austausch sachdienlich. Aber letztendlich konnte ich nur damit starten, weil mir der Prof. Askari vier-fünf Teams organisiert hat, mit denen wir das probiert haben. Für mich war anfangs die bange Frage: „Kommen die denn überhaupt? Was kann ich ihnen anbieten? Ich bin Briefmarken- und Münzenhändler!“

Was ich allerdings kann, ist Vertrieb – sowohl online als auch offline, vor allem in der Region Braunschweig sind wir sehr gut aufgestellt. So können wir Vernetzung für die Start-ups anbieten. Dann kam die Beteiligung an den Start-ups. Nicht, um reich zu werden, sondern um meine Organisation zu verändern, um innerhalb der Stadt Braunschweig eine andere Wahrnehmung für meine Firma zu erreichen und – was mir auch sehr wichtig war – die Gründerideen ebenfalls vor Ort zu unterstützen. Ich will in der Stadt eine stärkere Fokussierung auf das Thema Gründung überhaupt lenken. So kam das Schritt für Schritt, bis wir April gesagt haben, dass wir Juni den Accelerator aufmachen. Dann ging es recht schnell. Aber das ging alles nur mithilfe der TU Braunschweig.

34:25

(Alex ergänzt, dass auch die Tatkraft von Richard mitausschlaggebend gewesen sein dürfte. Dann bittet er ihn, den Begriff Accelerator etwas näher zu definieren – für Zuhörer, die es noch nicht ganz kennen. Richard war der Meinung, er hätte gar nicht die Skills, so etwas aufzubauen, und holte externe Berater für viele Aspekte rein. Über 10 Wochen bot er den Teilnehmern ein Praktikumsverhältnis an, aber ihre Entlohnung wurde in Guthaben für Online-Marketing-Aktionen umgemünzt. Teuer für Gründer seien nämlich die erste 500 Euro um Traffic einzukaufen, ohne zu wissen, was es bringen wird. So biete sein Programm Frühphasenhilfe am Anfang sowie ein Pitchdeck am Ende, bei dem VCs anwesend seien.)

37:00

Alex: Die Idee war für dich damals, an Ideen von außerhalb der Organisation zu kommen. Hat das denn was verändert bei euch? Und waren die Konzepte um den Münzhandel herumgestrickt – oder hatten sie damit nichts zu tun?

Richard: Ich habe gar keine Bedingungen gestellt. Es wäre kein Start-up zu uns gekommen und hätte um Bürofläche gebeten, weil wir in der Szene völlig unbekannt waren und keiner darauf gekommen wäre, dass wir als Briefmarken- und Münzhändler diese Kompetenzen haben. So waren wir erst einmal sehr offen, haben alle Themen aufgenommen und dann – so gut es ging – begleitet. Ich habe mich als Geschäftsführer, aber auch Externe, den Teams als Sparringpartner zur Verfügung gestellt. Die Externen sind erfolgreiche Start-up-Unternehmer und können das leisten, was ich und meine Mitarbeiter gar nicht anbieten können, weil wir keine Gründer sind. Ich glaube, das wussten die Teams zu schätzen.

Alex: Was ist nach den 10 Wochen passiert?

Richard: Wir hatten dann ein Event, dass ich „Norddeutschlands größte Pitch-Night“ genannt habe. Es kamen über 200 Gäste, darunter VCs. Über FaceTime verfolgten auch 800 weitere Zuschauer das Geschehen. In der Summe waren es dann 18-20 Pitches

39:10

Alex: Und waren für euch dann neue Ideen dabei? Und gehen Mitarbeiter, die damit beschäftigt waren, anders an die Ideenfindung ran?

Richard: Wir hatten jede zweite Woche im Accelerator Vorträge von Personen aus der Branche, um verschiedene Themenblöcke darzustellen. Diese waren auch für Mitarbeiter zugänglich und daraus hat sich so eine Art „Koalition der Willigen“ abgezeichnet. Leuten, die dort von 18:00 bis 20:00 mitdiskutieren, sieht man schon das Engagement an. Wir haben selber auch eine Idee in den Accelerator mitreingegeben – und dabei alles falsch gemacht, was ein Corporate falsch machen kann.

Alex: Wie zum Beispiel?

Richard: Viel zu enge Vorgaben gegeben! Wir haben ihnen ja gesagt, was sie machen sollen! Und daneben mussten sie auch noch das Tagesgeschäft weiterbetreuen. Zu allem Übel noch bestand das Team aus zwei Vertriebsleuten ohne IT-Skills. Und und und…

Dennoch war es für mich ein echtes „Aha!“-Erlebnis. Durch den MVP-Ansatz haben Start-ups eine ganz wichtige Aufgabe: Sie müssen mit dem Kunden reden. Warum machen sie das? Weil sie kein Geld haben und sich keine großen Fehler leisten können. Deswegen arbeiten sie in kleinen Zyklen. Deswegen sind sie so eng am Kunden ausgerichtet. Das habe ich vor Augen geführt bekommen.

Das setzen wir jetzt bei unseren eigenen IT-Projekten um. So dampfen wir jetzt die Batch-Größe in der Umsetzung deutlich runter und untermauern das mit Beispielen, warum das genauso sein soll. Längere Zyklen kann es zwar noch in einigen Fällen geben, aber als Ausnahme, nicht mehr als Regel.

41:30

(Das Accelerator-Programm sei insofern eine echte Lernkurve gewesen. Alex will wissen, ob sich die gewünschte Aufmerksamkeit und das erweiterte Netzwerk in der Braunschweiger Szene ebenfalls einsetzte. Zum Teil, antwortet Richard, aber die Berichterstattung in der gedruckten „Braunschweiger Zeitung“ sei an der Zielgruppe vorbeigegangen. Erst durch das Start-up-Weekend und die Pitch-Night, die er in einer Online-Kampagne kommunizierten, kam der gewünschte Effekt. Zum Schluss definiert Richard das Konzept hinter der Webadresse borek.digital, die jenseits des Tagesgeschäfts mit Münzen und Briefmarken für Innovation ins Leben gerufen wurde. Abschließend hebt Richard hervor, wie positiv sein Unternehmen nun unter Informatik-Absolventen gesehen wird. Er bekomme Initiativbewerbungen, was im Vergleich zu vor einem Jahr einen handfesten Fortschritt bedeutet.)

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Alexander Graf, 37, E-Commerce Unternehmer & Analyst, Gelernt bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Commerce Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

1 Antwort

  1. Kai sagt:

    Ich komme selbst aus Braunschweig und bin dort als Selbstständiger im Online Marketing tätig. Leider ist die Stadt bzgl. Digitalunternehmen und -szene ein Armutszeugnis. Im Jahr 2017 hat Braunschweig „10 Jahre Stadt der Wissenschaft“ gefeiert und mit der TU eine angesehene Institution. Dennoch gibt es faktisch keine Digitalszene, Stammtische oder sonstige Veranstaltungen rund um die neuen Medien.
    Ähnlich sieht es im Umkreis (Wolfsburg, Gifhorn, Celle etc) aus.

    Ein wenig Hoffnung hatte ich in das Projekt Rizzi Haus als Coworking-Space gesetzt. Leider wurde hier durch NewYorker nun eine Nutzungsänderung durchgeführt und das Coworking-Space-Konzept beerdigt.

    Jeder, der von hier kommt und etwas in diesem Bereich erleben möchte, muss schon nach Hannover oder eben Hamburg/Berlin gehen. Traurig, aber wahr.

    Kurz zu mdm.de: Seotechnisch ist die Seite wirklich hervorragend aufgestellt und die Jungs bei Borek, scheinen ihren Job zu verstehen. Onpage sowie Offpage passt alles und die Sichtbarkeit entwickelt sich kontinuierlich gut. Auch der Trafficmix ist laut similarweb sehr gut. Mehr kann man in diesem Bereich wirklich kaum noch machen.

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