Preloved Fashion Champion Vite EnVogue im Interview

Lange Zeit hat niemand an den Markt für gebrauchte (Luxus-) Mode geglaubt, aber mittlerweile gibt es einige große Anbieter in den Markt. Der mit Abstand größte Anbieter ist Vite EnVougue. 15 Millionen Euro Bruttoumsatz 2016, 100+ Mitarbeiter und ein profitables Geschäftsmodell sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Mit der Geschäftsführerin Karolin Junkers spreche ich über die Details des Modells und auch darüber warum es in den nächsten Jahren noch viel größer werden dürfte. (Disclosure: Karolin ist auch Partnerin beim Beratungsnetzwerk eTribes.) Vite EnVogue ist für mich deshalb so spannend, weil das Modell sehr starke und nachhaltige Lock In Effekte aufbaut, die zu niedrigen CPOs und klasse Retention Quoten führen. Auch wenn es auf den ersten Blick aussieht wie ein „normales“ Handelsmodell, so führt Vite EnVogue zu jedem Zeitpunkt ein einzigartiges Angebot auf der Plattform, das mit zeitlicher bzw. mengenmäßiger Verknappung starke Kaufanreize setzt. Und alle Seiten gewinnen dabei: Verkäufer, Käufer und Plattform. Das ist ein zurzeit eher seltener Zustand in der Plattformökonomie und deshalb so lobenswert.

So langsam kommen auch die Podcasts Sponsoren auf den Trichter, dass es sehr reizvoll sein kann die auditive Aufmerksamkeit von 2.000 bis 5.000 E-Commerce Hörern zu haben und die nächsten Folgen sind alle ausgebucht. In dieser Folge werden zwei Jobs bei KW Commerce in Berlin vorgestellt. Mit dem KW Commerce Gründer (auch ein eTribes Partner) haben wir auch schon ein Interview gemacht („Wie wird man Amazons größter Händler?„) und ich kann allen E-Commerce Interessierten wirklich nur empfehlen den nächsten Job in so einem Unternehmen anzutreten. Das was KW Commerce, Kavaj und auch Vite EnVogue machen, ist sehr schlau und zielgerichtet. Dort lernt man die Fähigkeiten die man in der Plattformökonomie braucht. Ich werde oft von Mitarbeitern aus klassischen Konzernen gefragt wo sie sich bewerben sollen, wenn sie im E-Commerce nach vorne kommen wollen. Die Antwort ist einfach: Bei genau solchen Firmen. Die konkret gefragten Fähigkeiten sind bei der Bewerbung oft nicht so ausschlaggebend. Es geht eher um Lernfähigkeit, analytische Fähigkeiten und die Akzeptanz in Umfeldern zu arbeiten bei denen man nicht weiter als 2-3 Monate planen kann. Jetzt aber viel Spass beim Interview.

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„Bei unserer Zielgruppe wird zweimal im Jahr der Kleiderschrank aussortiert“

03:10

Alex:. Ist die Brand Buddy & Selly eine eigene Fashion-Marke oder ein Handelsunternehmen?

Karo: Das ist der Name, mit dem wir uns 2012 gegründet haben und der für das ganze Konzept gelten sollte. Wir haben am Anfang natürlich versucht, Sachen anzukaufen und Verkäufer zu finden, die ihre gebrauchte Designermode und -accessoires an uns verkaufen. Wir haben den Verkauf erst nachgelagert etabliert. Wir haben in der Zeit aber schon so viel über die Zielgruppe gelernt, insbesondere im Ankauf, dass wir gemerkt haben, dass wir es eigentlich mit zwei verschiedenen Zielgruppen zu tun haben und dass die Frauen, die an uns ihre getragene Louis Vuittons und Chanels verkaufen, gar nicht die typischen Secondhandkäufer sind. Darum haben wir uns überlegt, dass wir den Onlineshop von dem Thema Einkauf komplett trennen müssen, und haben Vite EnVogue als Verkaufsmarke ins Leben gerufen.

Alex: Am Anfang seid ihr also selbst ins Handelsrisiko gegangen. Das macht ihr jetzt nicht mehr mit Vite EnVogue?

Karo: Tatsächlich sind wir ein ganz klassischer Händler. Wir kaufen gebrauchte Designermode und -accessoires direkt an und zahlen natürlich vorab, ohne, dass die Sachen verkauft sind. Das machen wir nach wie vor. Der einzige Unterschied zwischen den Brands ist, dass Buddy & Selly sich rein auf das Thema Sourcing fokussiert und Vite EnVogue ein klassischer Onlineshop ist. D

as ist die Brand, die Kunden sehen, wenn sie auf unsere Seite kommen.

05:10

Alex: Wie funktioniert der Markt für Luxury-Produkte aus zweiter Hand?

Karo: Wir kategorisieren den Markt in Convenience –  also: Wie viel muss der aktuelle Besitzer tun, um die Sachen loszuwerden? – und nach Qualität, also: Wie hochwertig geht etwas ins Sortiment?

Der Markt umfasst im Grunde genommen drei wesentliche Geschäftsmodelle. Das sind zum einen die Marktplätze, das heißt, das typische C2C-Modell. Der Verkäufer stellt seine Sachen irgendwo auf einer Plattform ein und findet dann über diesen Vermittler einen Käufer. Da gibt es natürlich eBay, aber da gibt es noch ganz viele andere Player wie Kleiderkreisel und Mädchenflohmarkt und aus Frankreich zwei sehr große Plattformen, nämlich Vestiaire Collective und Videdressing. Bei den meisten Plattformen ist es so, dass sie sich auch im Luxussegment bewegen, aber vor allem ganz viel Mainstream abdecken.

Wenn man dann auf der Convenience-Skala eine Stufe weitergeht, gibt es sogenannte Concierge- oder Consignment-Services. Das bedeutet, dass der Verkäufer seine Artikel an einen Teilnehmer abgibt, die Sachen werden dort zum Verkauf angeboten und nach dem Verkauf erhält der Verkäufer dann sein Geld. So funktioniert ja auch ein Secondhandgeschäft.

Und dann gibt es die Direktankäufer, das sind wir. Auf der Qualitätsskala sehen wir uns ganz weit oben, weil wir uns im Premium- bis Luxussegment positionieren. Wir kaufen direkt an – wir haben eine Software entwickelt, die den aktuellen Marktpreis bewerten kann – und gehen voll ins Handelsrisiko, haben die Sachen aber eben vor Ort und können sie wie Neuware im Onlineshop anbieten. Und in der Nische, denn das wird dann auch richtig „nischig“, da sind wir in Deutschland soweit eigentlich die Einzigen. In Europa gibt es noch ein, zwei kleinere Player, aber in den USA kenne ich kein Modell.

(Alex erzählt, dass er bei einer Praktikantin einmal eine Diplomarbeit in Auftrag gegeben hat, die sich das Thema Secondhandmode angeschaut hat, und dass der Modemarkt in Deutschland sehr groß ist. Er fragt, wie groß der Markt ist. Karo erklärt, dass es verschiedene Ansätze gibt, das zu berechnen. Sie geht konservativ geschätzt von einem Potenzial von 600 Millionen Euro pro Jahr in Europa aus.)

08:50

Alex: Das ist deshalb eine spannende Zahl, weil ich vor ein paar Folgen eine Ausgabe mit einem Juwelier hatte. Und der hatte gesagt, dass schon in dieser Größenordnung allein in Deutschland Luxusuhren in den Markt gedrückt werden. Und das ist ja ein Produkt, das im Idealfall nicht verfällt. Das heißt, dieser Uhrenmarkt wächst in Deutschland jedes Jahr um eine halbe Milliarde Euro.

Gibt es denn in deinem Produktbereich auch Produkte, die so eine lange Lebensfähigkeit haben? Wie ist das bei so einer Hermès-Tasche? Kann man die so ewig tragen? Gibt es solche Kleider, die man auch nach zehn Jahren noch weiterverkaufen kann?

Karo: Das Thema Uhren finde ich auch sehr spannend,, weil das eine sinnvolle Ergänzung zu unserer Kategorie ist. Es gibt vor allem im Bereich Accessoires eine unglaubliche Langlebigkeit bis hin zur Wertsteigerung, insbesondere im Vergleich zum Neupreis. Es wird im Markt ja eine Verknappung erzeugt. Bei Marken wie Gucci entsteht ein unglaublicher Hype, wodurch die Artikel recht knapp sind. Bei Bekleidung und Schuhen ist es nicht ganz so krass. Da kann man eine Laufzeit von zwei bis fünf Jahren ansetzen. Wir kaufen sowieso keine Sachen an, die älter als fünf Jahre sind, es sei denn, es ist so ein besonderes Teil von Louis Vuitton oder Hermès. Von der Qualität her sind diese Sachen sowieso auf Langlebigkeit ausgerichtet. Aber die Nachfrage ist halt auch sehr langfristig.

11:30

Alex: Wie ist der eigentliche Geschäftsprozess in deinem Unternehmen ist? Woher kommt die Ware und an wen verkauft ihr?

Karo: Es sind im Wesentlichen drei Säulen, die das Geschäftsmodell umfassen. Zum einen der Ankauf. Dann natürlich die ganze Supply Chain, in der die Sachen für den Verkauf vorbereitet werden. Und dann der Verkauf.

Und im Ankauf sourcen wir ausschließlich von privat. In Deutschland, Österreich, Großbritannien und mittlerweile auch in Schweden. Unsere Software, die den aktuellen Marktpreis ermittelt, macht das Modell skalierbar und ermöglicht es uns, in anderen Märkten anzukaufen.

(Karo erklärt, wie die Software auf Basis firmeneigener Daten arbeitet, wie die Ware an Buddy & Selly geschickt und eingelagert wird sowie wie die Artikelbeschreibungen und Fotos erstellt werden. Sie weist darauf hin, dass bei 1000 Produkten pro Tag der Prozess ganz schnell gehen muss, um sich auf Einzelartikelbasis zu rentieren. Interessant ist dabei, dass sich die Zielgruppe der Verkäuferinnen und Käuferinnen in Alter und Einkommen unterscheiden. Alex merkt an, dass Karo ja auch super mit MyTheresa.com kooperieren könnte.)

16:20

Alex: Über welche Preisniveaus reden wir hier, vielleicht am Beispiel von Hermès?

Karo: Bei Hermès ist es schwierig, weil da der Wert und die Nachfrage so hoch sind. Eine ganz normale Hermès-Tasche, auch wenn das bei dem Preis absurd klingt, kostet rund 10.000 Euro. Und wir können sie für 7.000 bis 9.000 Euro verkaufen. Wir nehmen keinen festen Abschlag, sondern das gliedert sich nach dem erwarteten Verkaufswert. Das, was wir an den Verkäufer weitergeben, steigt natürlich mit steigender Verkaufserwartung. Wir geben zwischen 30 % und 70 % an den Verkäufer weiter, landen im Schnitt bei 58%.

Alex: Das ist ordentlich. Wie ist das im klassischen, stationären Secondhandhandel? Was bekommt man dort als Verkäufer?

Karo: Da ist es typischerweise 50 %. Insofern ist es auch für uns sehr leicht, dem Verkäufer nur 40 % zu geben, wenn der Artikel beispielsweise nur 100 Euro wert ist, weil wir den Preis vorab schon auszahlen und den kompletten Verkaufsprozess übernehmen.

18:20

Alex: Kann man vereinfacht sagen, dass eure Art von Geschäftsmodell die Professionalisierung dieses stationären Modells ist? Oder wurde diese Ware vorher nicht verkauft? Habt ihr diesen Markt erst geschaffen?

Karo: Zu uns kommen oft Leute, die es gewohnt sind, im Secondhandgeschäft zu verkaufen. Aber dort wird aus Platzgründen zum einen nur saisonal angekauft und zum anderen ist die Nachfrage gering. Das typische Secondhand-Kauferlebnis ist ja ein bisschen negativ belastet. Es ist muffig und wuselig und man findet sich schlecht zurecht. Entsprechend ist die Nachfrage gering und die Läden können gar nicht so viele Teile annehmen, wie im Markt sein könnten. Und die gehen dann an uns. Und dadurch, dass wir online verkaufen, haben wir eine viel größere Reichweite und eine viel schnellere Drehzahl. Wir würden uns nie im Ankauf limitieren. Im Gegenteil: Die Ankaufsmenge steuert unser gesamtes Geschäftsmodell.

19:35

Alex: Habt ihr ein zentrales Lager in Hamburg?

Karo: Ja, und das soll auch erst mal so bleiben. Ich will alles unter einem Dach haben und alles selber machen und verstehen. Wir sind aber gerade auf der Suche nach einer neuen Location, wo wir auch das Lager unterbringen können.

Alex: Wie viele Mitarbeiter arbeiten bei euch?

(Karo beschreibt, dass von ihren insgesamt 100 Mitarbeitern etwa die Hälfte in Teilzeit arbeitet. Auf Alex‘ Frage, wie in diesem Markt Verkäufer akquiriert werden können, legt Karo dar, dass das sowohl über klassische Marketing-Methoden als auch über Online- und Offline-Kooperations-Modelle erfolgt. Besonders offline entsteht dadurch sozusagen eine Triple-Win-Situation, da Vite EnVogue Ware erhält, der Kunde Platz im Kleiderschrank hat und der Einzelhändler, auf dessen Fläche Vite EnVogue präsent ist, die Kundinnen durch Gutscheine bindet. Alex vermutet, dass auch Mundpropaganda eine wichtige Rolle spielt.)

23:00

Karo: Wir sehen ganz oft, dass nach erfolgreichen Events in einer bestimmten Region das Einsendungsvolumen oder das Besuchervolumen in unserem Ankaufsshop in Winterhude steigt.

 (Karo erklärt, dass sich das mit dem Ankaufsshop einfach so ergeben hat, weil die Immobilie günstig war und man so einen Vertrauensvorsprung bei potenziellen Kundinnen erreichen konnte.)

24:10

Alex: Luxusmarken haben ja das Geschäftsmodell, dass sie immer mit Verknappung arbeiten. Mainstreammarken haben das ja nicht. Bei Luxusmarken besteht ja durch euer Geschäftsmodell das Risiko, dass das Preisimage zerstört wird. Wäre ich eine Marke wie Cartier, würde ich Produkte, die nicht abgesetzt werden können, zerstören. Habt ihr da Feedback von Marken bekommen?

Karo: Wir haben keinen Kontakt zu Marken, was ich komisch finde. Ich kann deine Frage zwar gut verstehen, sehe das aber ganz anders. Ich finde, dass wir für die Marken ganz viele Vorteile bringen. Die Zielgruppe, die die Sachen neu kaufen kann, würde sie nicht gebraucht kaufen. Wir sind also kein Wettbewerb. Wir sind vorteilhaft für Marken, weil wir die Sichtbarkeit und die Erreichbarkeit der Teile gewährleisten. Wir verlängern also den Lebenszyklus und steigern auch die Begehrlichkeit, da die Sachen länger im Umlauf sind. Und da wir einen Zweitmarkt etablieren, liefern wir eigentlich ein besseres Kaufargument für Neuware. Es würden wenige einen teuren BMW kaufen, wenn sie nicht wüssten, dass sie ihn für einen guten Preis wieder loswerden könnten.

26:30

Alex: Wie könnten denn Marken mit euch kooperieren?

Karo: Das ginge sowohl mit Händlern als auch mit Marken. Man bietet den Käufern an, dass sie ihre getragenen Modelle in Zahlung geben. Bei Mono-Brands gibt man das alte Modell in Zahlung und erhält einen Discount auf das neue Modell. Und bei Breuninger zum Beispiel gibt man einfach seine getragenen Teile zurück und erhält eine Rabattierung auf die Neuware.

Alex: Bei diesem Beispiel ist interessant, dass ihr dann gar nicht als Vite EnVogue auftretet, sondern das Front-End bleibt immer Breuninger. Das ist fast ein Plattformansatz, wo ihr einen Service weitervermarktet.

28:10

Alex: Über welche Warenkorbgrößen reden wir so im Schnitt?

Karo: Der durchschnittliche Warenkorb ist 160 Euro. Das sind rund zwei Artikel pro Warenkorb. Das ist hochprofitabel. Wir haben einen ganz niedrigen CPO –fast unter zehn Euro. Wir haben natürlich auch Akquisitionskosten, aber die sind auch sehr profitabel, weil es sich pro Ankauf um zwölf bis 15 Teile handelt.

(Alex merkt an, dass das Modell von Vite EnVogue mit einem Hersteller-Geschäftsmodell vergleichbar ist, da Vite EnVogue ein Angebot erstellt, das es nur zu diesem Zeitpunkt zu diesem Preis gibt. Er gibt aber zu bedenken, dass klassische Onlinehandels-Marketingmechanismen schwierig für Vite EnVogue sein müssen, da Onlinehandel ja immer auf einen stabilen Warenbestand angewiesen ist und man Zielgruppen noch nicht gezielt genug erreichen kann.)

Karo: Das stimmt, klassische Handelsmarketing-Mechanismen funktionieren oft nicht. Unser Modell ist total gesteuert durch den Ankauf. Andere müssen nur den günstigsten Lieferanten finden. Wir müssen aber jeden Verkäufer einzeln ansprechen, was online nicht funktioniert. Das funktioniert nur bei Leuten, die Modelle wie unseres schon kennen. Den Bedarf zu wecken funktioniert online nicht. Auf der anderen Seite ist es supereinfach, die Sachen zu verkaufen. Wir bedienen alle klassischen Marketingkanäle…

Alex: Was heißt „klassisch“?

Karo: Das ist SEA, Retargeting, Affiliates, Klick-Portale wie mybestbrands, Social Media und E-Mail. Die funktionieren sehr profitabel, weil eine Suche ausgeführt wird und das Produkt zum Zeitpunkt der Suche so nirgendwo anders verfügbar ist.

31:30

Alex: Muss man eure Kunden nicht noch besser klassifizieren und ansprechen, zum Beispiel mit Umfragen oder Benachrichtigungen?

Karo: Ja. Anders als bei klassischen Händlern ist eine wichtige, umsatzrelevante Steuerungsgröße die Größe des Sortiments. Wir kaufen ja sowohl von 30-Jährigen als auch von 55-Jährigen ein. Bei Zalando ist alles relevant für mich. Aber bei uns interessiere ich mich nur für eine Marke, Größe, Passform etc. Darum ist die Personalisierung des Angebots sehr wichtig. Darum analysieren wir unser Klickverhalten und versuchen, passgenaue Angebote auszusteuern. So ein Alert wäre mein Traum.

(Alex erzählt, dass seine Frau langjährige Limango-Kundin ist und wie viele Onlinekäuferinnen keinen Verkaufsimpulsen durch Verknappung folgt, sondern wartet, bis das, was sie braucht, im Angebot ist, und dann zuschlägt. Er vermutet, dass das Modell von Vite EnVogue genauso funktioniert und dass man entweder über Alerts oder Umfragen oder über den Clickstream und Cookies sehr gezielt Kundinnen ansprechen kann. Karo stimmt zu, weist jedoch darauf hin, dass sie Kundinnen erst einmal lernen müssen, dass jedes Teil – anders als bei Zalando – nur einmal verfügbar ist.)

35:18

Alex: Sehen eure Kunden auf der Startseite, was neu ist?

Karo: Ja, wir listen jeden Tag 500 bis 1000 neue Artikel, und das wissen unsere Bestandskunden. Das ist auch ein tolles Thema, das man in Newslettern spielen kann.

(Alex merkt an, dass er bei diesem Modell nicht zur Zielgruppe gehört. Karo erklärt, dass es ein Frauenthema ist, auch noch dazu High Fashion und teuer. Da auch ihre MitarbeiterInnen an den Artikel interessiert sind, die Ware aber vor ihr sehen, hat sie oft  selbst kaum eine Chance, ein Schnäppchen zu machen.)

Alex: Wie bindet ihr die Kunden? Habt ihr eine hohe Neukunden-to-Newsletter-Quote?

Karo: Die Newsletterquote ist durchschnittlich. Aber unsere Bestandskunden sind sehr loyal und machen knapp über 60 % vom Umsatz aus.

Alex: Also 60 % der Kunden, die kaufen, haben schon mal vorher gekauft?

Karo: Ja, sogar bis zu viermal im Zeitraum zwölf bis 18 Monate.

Alex: Zusätzlich wollt ihr die Kunden dann noch mit den Alerts binden. Eigentlich würde ja auch eine Browsererweiterung Sinn machen, die die Kunden benachrichtigt, wenn es das Teil, das sie sich gerade angucken, gebraucht bei euch gibt. In der Voice-Welt in die wir uns begeben, ist das schwierig, glaube ich. Aber grundsätzlich haben eure Kunden das latente Interesse, das Produkt günstiger zu bekommen, und haben auch eine Gebrauchtwarenbereitschaft. Die Verkäufer nicht, die wollen die Sachen neu haben. Das hat viel Potenzial.

Karo: Total, und es macht so viel Spaß, sich über das Produkt zu positionieren, also über eine Einzigartigkeit anstatt über den Preis oder über irgendwelche Randservices.

38:45

Alex: Gibt es irgendwelche Luxusgüter oder Marken, die überhaupt nicht gehen?

Karo: Das Sortiment wandelt sich eigentlich jeden Monat. Tendenziell kommen aber eher Marken dazu, als dass wir Marken streichen. Streichen tun wir eher am unteren Ende, wo die KPIs nicht mehr so gut sind. Wir haben mal Kindermode an- und verkauft, aber nur neun Monate lang. Erstens war das nicht profitabel und zweitens wollten wir über die Kinder an die Eltern herankommen. Auch in einkommensstarken Haushalten wird ja Kindermode verkauft. Der Spill-over-Effekt hat aber nicht funktioniert, und außerdem waren die Unit Economics nicht gut. Wir haben auch mal für eine Woche einen Pop-up-Store eröffnet, aber wenn einen keiner kennt, kommt auch keiner.

Alex: Der Pop-up-Store hat nicht funktioniert? Eure Botschaft ist doch: „Super Luxusmarken, hohe Qualität zum Vorzugspreis“. Das muss doch in Hamburg funktionieren.

Karo: Vielleicht haben wir auch Fehler in der Vermarktung gemacht, aber der Aufwand war so unglaublich groß im Vergleich zu dem, was wir da erzielt haben, dass wir uns davon verabschiedet haben. Ich glaube aber, dass das noch mal ein Thema werden kann, wenn unsere Marke größer ist und damit einen größeren Pull-Effekt erzeugt.

40:30

(Karo erzählt, dass die Ankaufsmechanismen in jedem Land anders funktionieren. In Deutschland wird der anonyme Send-in-Service total gut angenommen. In London hingegen wird erwartet, dass ein Private-Closet-Cleaner-Service angeboten wird. Hierbei werden oft auf einen Schlag 200 Teile angekauft. Alex weist daraufhin, dass es sich dabei ja um enorme Summen handelt, die vorab ausgezahlt werden.)

Karo: Das ist sehr Working-Capital-intensiv. Die Liquiditätsrechnung ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, denn es wäre fatal, einen Verkäufer abweisen zu müssen. Ist ja unmittelbar an Umsatz gekoppelt. Und der ist durch unsere Preissoftware kalkulierbar.

(Karo beschreibt, dass die Ware normalerweise direkt vor Ort bewertet und der Kunde ausbezahlt wird. In Ausnahmefällen wird die Ware mitgenommen und der Kunde erhält wenige Tage später das Angebot.)

43:20

Alex: Bei Auto-An- und Verkäufen erzeugt man ja einen künstlichen Preis- und Zeitdruck. Das könnt ihr ja nicht machen, weil ihr wollt, dass die Kunden wiederkommen, weil das Geschäft fair war.

Karo: Exakt, ich weiß, welches Modell du meinst, aber das können wir nicht machen. Wir müssen dafür sorgen, dass das Angebot gut ist, man sich fair behandelt fühlt, den Service schätzt und darum wiederkommt. Bei unserer Zielgruppe wird zweimal im Jahr der Kleiderschrank aussortiert, und da wollen wir natürlich wieder ins Spiel kommen.

44:20

Alex: Wie findet man denn die richtigen Leute, die Fälschungen erkennen?

Karo: Die brauchen wir zum Glück nur beim Ankauf. Die kommen entweder aus einem hochwertigen Einzelhandel oder haben Design oder Verarbeitung oder Management studiert. Wir bilden uns ständig weiter und schulen alle Bereiche, damit die zur Not etwas erkennen, was vielleicht durchrutscht. Insgesamt haben wir aber nur noch selten mit Plagiaten zu tun, weil sich rumgesprochen hat, dass bei uns da null Toleranz herrscht. Man muss auch eine Kopie des Personalausweises mitschicken und bestätigen, dass es Originale sind und man der Besitzer ist. Das schützt uns nicht, aber schreckt hoffentlich ab.

(Auf Alex‘ Frage hin, ob Karo gerade Leute sucht, antwortet sie, dass unter anderem ein Head of Operations gesucht wird und umreißt grob Anforderungsprofile.)

47:25

Alex: Ihr seid jetzt um die 100 Leute. Geht’s euch gut?

Karo: Uns geht‘s sehr gut. Wir haben das Jahr mit 15 Millionen vor Retouren abgeschlossen, das sind knapp zehn Millionen nach Retouren. Das Ganze sogar mit einem überplanmäßigen Überschuss. Wir sind 50 % gewachsen, im Jahr davor 100 %. Wir machen mindestens noch mal 15 % im folgenden Jahr. Nächstes Jahr fallen aber viele Themen wie der Umzug an. Die können wir zwar selbst stemmen, ich würde mich einer Finanzierungsrunde gegenüber aber nicht versperren. Da die Ankaufsmenge so stark den Umsatz treibt, geht jeder Euro in Marketingmaßnahmen für den Ankauf oder in das Working Capital. Aber unsere Bank und die Bestandsgesellschaft sind sehr engagiert, sodass wir gelassen sind. Mit neuem Kapital würden wir aber auf jeden Fall weitere Märkte erschließen.

Alex: Gibt es expansive internationale Wettbewerber in eurem Bereich?

Karo: Der Bereich Luxus ist so klein, dass es da niemanden gibt. Aber natürlich gibt es Marktplätze à la Vestiaire Collective, die an dieselbe Ware wollen wie wir und sehr stark VC-finanziert sind. In die sind bisher 80 Millionen geflossen. In den USA ist das eine ganz normale Zahl, aber für Europa ist das viel. Zum Glück trauen sich viele Wettbewerber aus den USA nicht nach Europa, aber ich glaube, dass Vestiaire in die USA unterwegs sind. Aber so bin ich ganz gelassen, was meine Entwicklung angeht.

(Alex beglückwünscht Karo zu ihrer guten Performance, gibt einen Ausblick auf die Zukunft des Secondhandmarktes und bedankt sich anschließend bei Karo für das Interview.)

 

Vielen Dank an die vielen Vorschläge für weitere Podcast Gäste. Es gab sehr viel Nachfrage für das Thema efood, Amazon, Onlinemarken, Auto1, Notebooksbilliger, Thomann, Whish, Investoren und noch einige mehr. Die Liste der nächsten 30 Gäste steht bereits. Jetzt muss ich die Glücklichen nur noch informieren.

Alexander Graf, 37, E-Commerce Unternehmer & Analyst, Gelernt bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Commerce Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

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