Letzte Ausfahrt Click & Collect

Alexander Graf

Alexander Graf, 35, E-Commerce Unternehmer & Autor, Gelernt und erste M&A-Tätigkeit bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Shop Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

Das könnte Dich auch interessieren...

19 Antworten

  1. Hagen sagt:

    Da gebe ich Dir uneingeschränkt Recht!
    Das Paradoxon von Expertentum – Experten lagen bei Neuem immer daneben – man denke seinerzeit nur an die Aussagen von Experten zu Eisenbahn, Autos, Computer, Handys, usw. Expertentum und Neuerungen ist ja ein Widerspruch in sich – Für Neues kann es ja per Definition noch keine Experten geben – sonst wäre es ja keine Neuerung (genauso, wie ein Standard-Shop per Definition nicht innovativ sein kann).
    Darüber hinaus ist mittlerweile klar, dass Wissen erzeugt Unwissen erzeugt – Nur der Vollidiot ist sich absolut sicher. Je mehr man sich mit einem Thema beschäftigt, desto mehr Facetten tauchen auf und man merkt, dass man eigentlich absolut keine Ahnung hat.
    Diese Selbsterkenntnis hatte ich mal hier niedergeschrieben: http://blog.web-welten.de/2007/04/11/jeden-tag-werde-ich-unkluger/
    Und auch mal 2005 in den Zusammenhang der Datensammelwut – neudeutsch „Big Data“ gebracht: http://blog.web-welten.de/2005/11/26/wissen-erhoht-unsicherheit/
    und auf dieser Erkenntnis mal einen evolutionsökonomischen E-Commerce-Ansatz abgeleitet: http://blog.web-welten.de/2009/11/17/die-entwicklung-eines-evolutionsorientierten-e-commerce-ansatzes/

  2. Toller Artikel – und das Ende erinnert mich wieder an eine Frage, die ich mir seit Monaten / Jahren stelle: Wieso übernimmt in DE niemand das US-Modell der Acquihires? Der Engpass bzw. die Grundvoraussetzung für einen solchen Wandel sind die guten Leute, idealerweise in eingespielten Teams. Diese bekomme ich in einem unterfinanzierten Startup-Umfeld in DE auf dem Tablett serviert und kann sie mit einem Acquihire (zu sogar sehr guten Konditionen) 2-3 Jahre an mich binden… genau die kritische Zeit für den Aufbau.

    • Vielleicht, weil die Teams oft noch zu teuer sind bzw. Käufer und Verkäufer noch schwer zueinander finden.

      • Ich habe ehrlich noch nie ernsthafte Überlegungen oder Angebote von deutschen Unternehmen (als Käufer) in die Richtung gesehen. Da ist eher die Denke wieso sollte ich für sowas bezahlen, da kann ich doch auch Stellenanzeigen schalten – ist billiger.

  3. Markus Weber sagt:

    Danke, dass Du Dir für den Rückblick das Thema gepickt hast. Die Entwicklung der letzten Jahre war in der Tat in vielen Dingen umkalkulierbar. Entsprechend viele lagen mit ihren Prognosen daneben. „Nur ein Vollidiot ist sich absolut sicher“ ist da ein herrliches Bild – Danke, Hagen! Persönlich stellt sich mir immer häufiger die Frage, ob sich unser Konsumentenverhalten tatsächlich schneller ändert, als die Anbieter online wie offline darauf reagieren. Oder erfinden wir uns auf Anbieterseite immer schneller neu und hoffen darauf, dass sich unsere Innovation auf Sicht etabliert? Hier sind wir als Anbieter diejenigen, die sich gerade links und rechts zu überholen versuchen und die Welt damit immer schneller drehen lassen.
    Click & Collect ist zweifelsohne trivial und muffelt nach alter Welt. Sollte die die Diskussion um kostenpflichtige Retouren irgendwann neu entbrennen, werden Filialisten mit dem Konzept punkten. Schon heute gibt es dankbare Nutzer des Services.
    Das Cherry-Picking nimmt spürbar zu. Schnäppchenjäger von heute googlen nach Gutscheincodes für den Kauf im Shop und wühlen in der Stadt die Krabbeltische mit Aktionsware um. So sieht Multichannel auf Käuferseite aus. Der Preis darf nicht zum alleinigen Kaufargument werden. Da sehe ich die Herausforderung für alle Kanäle und freue mich auf 2015!

    • Ich glaube das Konsumentenverhalten richtet sich sehr schnell am jeweils aktuellen Angebot aus. Das ist ja das Problem der „langsamen“ Geschäftsmodelle. Wer mit Amazon konkurrieren muss (Angebot, Preis, Verfügbarkeit, Service), ist am A….

    • Mike sagt:

      Welches Verkaufsargument als den Preis gibt es denn?

      Handel und Industrie sind selbst schuld. Um kurzfristig die Margen zu erhöhen wurden – global, nicht einmal jeder nationale Zielmarkt wird heute noch individuell beackert – Sortimente radikal zusammengestrichen und vereinheitlicht. Ebenso wie zwar sehr professionell aber doch immer gleich wirkenden Shopkonzepte.

      Und weil man die Kapitalkosten für die teure Inneneinrichtung zur Inszenierung irgendwo wieder reinholen muss werden günstige Aushilfen eingestellt, die genau das nicht können wovon Einzelhandelslobbyisten immer noch in ihren Märchenstunden erzählen, nämlich kundig beraten. Das gibt es noch am ehesten beim Elektrodiscounter, wo mancher Verkäufer zufällig aus privatem Interesse an Technik etwas Ahnung von der Materie hat.

      Das hat auch dazu geführt, dass man heute nicht mehr „in die Stadt“ fahren muss (die Bundesrepublik ist ein Land der Dörfer und Kleinstädte, nicht der Metropolen) um alles an Warenangebot zu bekommen, was man sich nur vorstellen kann. Die neuesten Sneaker gibt es genauso im Gewerbegebiet XY um die Ecke, mit kostenlosen Parkplätzen vor dem Wellblechpalast der jeweiligen Filialisten.

      Wenn man alles abschafft oder verkümmern lässt, was sonst als Unterscheidungsmerkmal dienen könnte, dann bleibt natürlich nur der Preis. Ein Vorteil den ich privat für mich nutze hat Click & Collect ganz deutlich: es handelt sich formal lediglich um eine Abholung, analog zur Abholung eines lagernden Paketes bei einer Paketdienste-Agentur (a lá Tankstelle um die Ecke). Das eigentliche Geschäft ist ein Fernabsatzgeschäft, d. h. 14 Tage Widerrufsrecht ohne Wenn und Aber und wenn bei Click & Collect dann sogar noch eine Retourenannahme angeboten wird hat man auch keine Rücksendekosten.

      Diese Rückgabemöglichkeit ist direkt auf Platz 2, neben der bequemen und einfachen Vergleichsmöglichkeit von Preisen, das größte und gleichzeitig aber auch unterschätzteste Pfund des Versandhandels und der Haupttreiber der stetigen Zugewinne von Marktanteilen. Die Grenze zwischen Versand und Stationär aufzulösen müsste auch heißen, das Widerrufsrecht grundsätzlich auf alle Verbrauchsgüterkäufe auszuweiten und nicht mehr künstlich zwischen Versand und Stationär zu unterscheiden. Ein Verbraucherrecht ist eben etwas anderes, als auf mildtätige Kulanz des Händlers hoffen zu müssen, wenn etwas lokal erworben wurde.

      Darauf, aus dem enormen Zuspruch der Verbraucher für den Versandhandel Schlüße zu ziehen kommt die Einzelhandelsbranche aber einfach nicht. Es werden nur Rückzugsgefechte geführt. Und nicht einmal in der Resignation können die Einzelhändler mithalten. Bei mir vor Ort schließt gerade ein großes Warenhaus für immer, der groß in der Lokalpresse angekündigte Ausverkauf mit tollen Rabatten ist aber ein schlechter Scherz. Alle 6-7 Artikel, die mich potentiell interessierten, gibt es nach Barcodescann zB bei Amazon ganz regulär noch zu einem deutlich niedrigeren Preis. Mit Widerrufsrecht und bekannt kulanter Gewährleistung. Ich habe das Gebäude ohne einen Kauf zu tätigen wieder verlassen. Diesem Einzelhandel ist in meinen Augen aktuell einfach nicht mehr zu helfen.

  4. Click&Collect ist nur ein E-Commerce Feature von vielen…
    Je nach Geschäftsmodell mehr oder weniger wichtig.
    Je nach Unternehmensgröße mehr oder weniger wichtig.
    Je nach Unternehmensstruktur mehr oder weniger wichtig.

    Ich kann Alex daher nur zustimmen, dass durch bloße Shopsystem-Features kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell zu schaffen ist, oder der stationäre Handel komplett gerettet werden kann.

    Doch egal wie dominant der Marktführer noch werden mag. Amazon lässt Lücken und Differenzierungsmöglichkeiten, welche eben durch den Einsatz von passender Software (z.b. Spryker) und zusätzlicher Shopsystem-Features oder SaaS-Diensten wie z.B. Minubo durch neue oder sich neu aufstellende Online“handels“-Unternehmen, gefüllt werden.

    Egal ob bereits 2015 bspw. der shopübergreifende Warenkorb im Markt ankommt oder nicht – Auch 2015 werden mit Sicherheit E-Commerce Services und Features gelauncht, die Geschäftsmodelle maßgeblich mitgestalten und verfeinern können.

    Danke für die tollen Artikel und allen ein gutes neues Jahr!

  5. Hagen sagt:

    Das Schöne ist: Die Zukunft hat noch nicht stattgefunden: Die ist offen und für jeden gestaltbar – Jeder kann neue Trends setzen- vom stationären Handel bis zum E-Commerce, Omnichannel oder Whatever-Commerce 🙂

    • Markus Weber sagt:

      Mich irritiert der Fokus auf neue Trends – glaube, wir haben die Mehrheit noch nicht abgeholt, wo sie heute steht. Klar gibt es auch eine Gruppe von Käufern, die wissen wollen, was die Steigerung der Möglichkeiten von heute sein wird. Für die ist Click & Collect sicherlich nicht die Erfüllung ihrer Träume. Wenn wir über NoLine nachdenken, dann gibt es nicht nur im Bereich Zustellung Nüsse zu knacken. Die Anbindung von Kassensystemen an den Shop sind die kleinen Genickbrecher im Alltag. Wie bekommt ein Kunde seine Retoure erstattet, wenn mit PayPal oder Kreditkarte bezahlt? Hier sind kanalübergreifende Services wie Click & Collect im Alltag zu Stoppern. Wenn Betreiber von Shops ihre Prozesse im Griff haben, kann an morgen und weitere Innovationen gedacht werden. Denn dann wird das Geld verdient, das Weiterentwicklungen der Plattformen kosten.

      • Hagen sagt:

        Das ist genau der Punkt: Jeder optimiert noch immer seine Welt ohne zuverkennen, dass z.B. die Kasse eigentlich nur ein weiteres Device mit spezieller Sicht auf den Online-Shop ist (in dem alle Produkt, Bestands und Kundendaten vorliegen). Shopify scheinen die Einzigsten zu sein, die das erkannt haben. Jedoch lassen sie nur einen Laden zu und ist daher für Filialbetriebe nur mit großem Anpassungsaufwand geeignet. Die E-Shopsysteme optimieren i.dR. weiter ihre Welt und die Kassensysteme ebenso ihre. Dann wird versucht durch ein effizienzzerstörendes Schnittstellenwirrwar, welches sich kaum noch administrieren lässt, diese Welten miteinander zu verbinden.
        Warum müssen Produktdaten, Bestandsdaten und Kundendaten in etlichen Systemen liegen? Eine Architektur, die nicht mehr zukunftsfähig ist, um echtes No-Line-Commerce oder bspw. Online-Reservierungen in einer Filiale oder Umkreis-Produktfilter etc. zu ermöglichen.
        Die Architektur der E-Commerce-Systeme ist derzeit noch immer nich darauf ausgelegt, neben dem Online-Bestand auch mehrere Filialen mit ihren Beständen, unterschiedlichen Lieferservices usw. zu verwalten.
        Hier wird eine neue Generation von Shopsystemen kommen (müssen), damit die stationären Händler auch effektive Omni-Channel-Services anbieten können.
        Click&Collect ist im Prinzip nur eine einfache und schnelle „Notlösung“, da die heutigen Online-Shops als „Omni-Channel“-Funktionalität nur die „abweichende Lieferadresse“ zur Verfügung stellen…

        • An beide Vorredner: Sind all diese vielen kleinen Baustellen / potentiellen Verbesserungen wirklich relevant für wirkliche (Geschäftsmodell-) Innovationen – m.E. NEIN. Das sind genau die kleinen Themen mit denen sich in Deutschland aufgehalten wird um jeden noch so kleinen theoretischen Edge-Case abzubilden. Im schlimmsten aber nicht ganz unüblichen Fall werden solche Themen als Grund angeführt wieso man jetzt noch nicht launchen kann. Der Kunde bekommt diese ganzen Funktionen oft nicht mit und sie interessieren ihn auch nicht…

          Ich kann mit viel Aufwand immer weiter kleine Funktionen an einem nicht funktionierenden bzw. zukunftsfähigen Modell optimieren – es bleibt ein nicht zukunftsfähiges Modell.

  6. Marcel sagt:

    Alex,

    da kann ich dir nur zustimmen. Ich denke, dass die meisten Menschen Angst vor dem Wandel haben – das ist ja in vielen Lebensbereichen zu entdecken. In nahezu jedem Artikel über Handel werden Amazon und Zalando als böse (und defizitär beschrieben, einfach so, ohne die Hintergründe verstanden zu haben. Omnichannel oder Multi-Channel oder noline oder was auch immer macht doch nur da Sinn, wo der Kaufprozess über mehrere Kanäle Sinn macht. Das würde ich im Möbelbereich noch sehen – ansonsten wird es da schon dünn. Click & Collect ist in der Tat eher ein wenig albern. Irgendwo habe ich mal gelesen dass es ungefähr so ist, als wenn man sich einen Kinofilm online bestellt, dann ins Kino geht, um ihn abzuholen und ihn dann zu Hause ansieht. Die Anwendungsfälle sind doch marginal und einfach nur ein netter Service. Das ist ein Restaurant im Kaufhaus auch, aber darüber hab ich nie gehört, dass es Cross-Assortment-Eating wäre oder so.

    Wünsche dir ein frohes Neues Jahr und viel Erfolg!

  1. 5. Januar 2015

    […] bietet sich hier eine Chance für mehr Kundenzufriedenheit. Ob derartige Services die Kunden auch in fünf Jahren noch zum Jubeln bringen werden, steht auf einem anderen […]

  2. 8. Januar 2015

    […] for more customer satisfaction here. Whether or not this kind of service will have customers still shouting for joy in five years time is a story for another […]

  3. 2. Februar 2015

    […] für den Handel hierzulande noch allzuoft die letzte Ausfahrt Click & Collect heißt, zeigen sich US-Händler zunehmend aufgeschlossener für Online-Geschäftsmodelle – […]