Heinemann: Project A Ventures Superdezember, The Hut Group im Detail, Clubhouse Hysterie

In der 2021er Auftaktepisode mit Florian Heinemann schauen wir zurück auf unsere Bewertung von Wish.com und natürlich auf den Superdezember von Project A mit vier Investitionsrunden über 100m Dollar, inklusive Spryker mit seiner composable commerce Technologie natürlich. Im Detail schauen wir uns die Hut Group an, an der sich aus unserer Sicht Henkel, L`Oreal und Co. eine große Scheibe abschneiden können. Wir kommen auch nicht drumherum über unsere Clubhouse Erfahrungen zu reden, die wir in den letzten Tagen gesammelt haben. Das scheint alles schon wieder so lange her, obwohl die Folge erst 8 Wochen alt ist. Ich habe aber noch ein paar Transkriptionen in der Warteschleife und hoffe im April wieder aufgeholt zu haben, so dass Blog & Podcast halbwegs synchron laufen. Die Weisheiten, die Florian im Podcast teilt, sind aber zeitlos. Also reinhören!

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PODCAST & Interview Transkription – für alle Leser, die Audio & Video nicht so gerne konsumieren.

Kassenzone-Spezial mit Florian Heinemann, Kassenzone-Stammgast von Project A Ventures

Ein Jahr ist es her, dass Alex Florian Heinemann von Project-A-Ventures als Kassenzone-Kommentator „unter Vertrag“ nahm. Seitdem bewertet er mit Alex in regelmäßig-unregelmäßigen Abständen das Marktgeschehen generell – und die Auftritte der Podcastgäste insbesondere – aus seiner Sicht als Investor. In diesem ersten Heinemann-Spezial des Jahres 2021 stellen sich Alex und Florian ihre Prognosen bezüglich Wish und Doordash aus der letzten gemeinsamen Folge und blicken auf den bombastischen Abschluss des Jahres 2020 bei Project A, mit vier Finanzierungsrunden (inklusive Spryker, natürlich). Auch Thema: The Hut Group und die Clubhouse-Hysterie.

„Wenn das so weiter geht, wird auch 2021 ein sehr schönes Jahr für VCs.“

5:10

Alex: Wollen wir mit Project A anfangen? Wer auf eurer Website herumstöbert, findet für den Dezember 2020 und den Januar 2021 gleich mehrere Pressemitteilungen zu einer Reihe von Finanzierungsrunden – alles über 100 Millionen Dollar! Sennder: 160 Millionen USD, Spryker (sicherlich das beste Pferd im Stall…) 130 Millionen USD, Catawiki 150 Millionen Euro… Man könnte meinen, ihr seid aus dem VC ins PE-Business gewechselt!

Florian: Voi nicht vergessen! (160 Millionen USD).

Alex: Genau! Vier Runden mit einer für euch bislang unbekannten Größenordnung. Was ist denn da passiert?

Florian: Das, was in den öffentlichen Finanzmärkten derzeit passiert, bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf den VC-Bereich. Da war anfangs ein hohes Maß an Unsicherheit: Wie würden die Märkte mit der Corona-Krise umgehen? Es stellte sich bald heraus, dass es neben Verlierern wie die Reisebranche auch klare Gewinner gibt: zum Beispiel Tech. Da wird der Aufstieg der vorhergehenden Jahre fortgeschrieben. Diese Erkenntnis schlägt in den hohen Bewertungen zu Buche – Das tun auch andere Effekte wie etwa die anhaltenden Niedrigzinsen.

Es gibt also eine Menge an Kapital im Umlauf, das Firmen als Investitionsobjekte sucht. Neben Immobilien sind Unternehmen als werthaltige Assets gefragt. Wer eine gute Firma hat, der kann höchstwahrscheinlich auch in Zukunft eine gute Werteentwicklung vorweisen. Deswegen strömt viel Geld rein, was sich sowohl in den Bewertungen als auch in der Höhe der Finanzierungsrunden spiegelt. Da sind wir bei Project A ganz klare Profiteure. Gleichzeitig haben wir bewiesen, dass wir ein gutes Händchen dafür haben, die Firmen zu finden, die solche hohe Bewertungen auch anziehen werden. Allerdings: Mit so hohen Bewertungen haben auch wir zum Teil nicht gerechnet!

Zwar steht noch nicht fest, wie sich die Lage 2021-2022 weiterentwickelt. Aber die Tendenz, dass gut funktionierende Firmen mit einem gewissen Potenzial – auch in der früheren Phase – sehr schnell sehr hohe Bewertungen erreichen, ist ein breit zu beobachtendes Phänomen. Ganz klar: Ab einem gewissen Punkt stellt sich schon die Frage nach einem gesunden Maß. Viel hängt davon ab, ob sich die Exit-Bewertungen auch so weiterentwickeln – wofür derzeit vieles spricht. Fest steht allerdings: Wer versucht, mit historischen Bewertungsmethoden wie price-to-earnings zu arbeiten, sieht schnell, dass mittlerweile viel aggressiver bewertet wird, als das sonst der Fall war. Und hätte man März 2020 vorhergesagt, dass die Aktienmärkte dastehen, wo sie es heute tun, hätten das vermutlich wenige geglaubt. Aber derzeit sieht es zumindest für Q1 so aus, als ob es sich auf dem Niveau weiterentwickelt – wobei noch nicht klar ist, was der Effekt von special purpose acquisition caompanies (SPACs) sein wird. Sie waren schon ein wesentlicher Treiber für die Vielzahl der IPOs, die man derzeit in USA sieht. Diese Zweckgesellschaften suchen alle nach attraktiven Anlagezielen, die sie an die Börse bringen können – und davon gibt es nicht so wahnsinnig viele. Wenn das so weiter geht, wird auch 2021 ein sehr schönes Jahr für VCs. Ich bin da vorsichtig optimistisch.

(Florian ortet Project A und die Leistung seiner Fonds auf Anfrage von Alex im Markt ein – „vermutlich im Top-Quartil“, auch wenn naturgemäß relativ wenig Klarheit über die Position von verschiedenen Wagniskapitalfonds und -firmen zueinander herrsche. Schließlich werde ja erst wirklich zum Schluss abgerechnet – also: erst wenn ein Fonds komplett abgewickelt worden ist.

Alex unterstreicht noch einmal die Bedeutung des Niedrigzinsumfelds sowie die Bereitschaft der Notenbanken, immer frisches Geld in die Märkte zu pumpen, für die hohe Bewertungen. Kapitalkosten gebe es ja kaum welche mehr. Sobald ein Unternehmen also bezogen auf unit economics profitabel sei, wüchsen EBIDTA-multiples auf das Zigfache. Die über 100 börsengelisteten SPACS – zunächst mal leere Investment-Vehikel auf der Suche nach Investitionsobjekte – seien Zeuge dieser Entwicklung, bekräftigt Florian. Und da ein SPAC – einmal aufgestellt – zwei Jahre habe, um das Geld zu platzieren, sei es der Anreiz, „irgendein halbwegs akzeptables Unternehmen“ an die Börse zu bringen, bevor das Geld den Investoren erstattet werden müsse und man als Fondmanager verbrannt sei. Bei den allein durch diesen Umstand immer häufigeren Börsengängen müssen man daher darauf achten, ob die Qualität darunter leide, so Florian weiter. Das seien Fehlanreize, die zu Übertreibungen führen – genau wie es sie bei Immobilien mittlerweile gibt.

Allerdings seien Investitionen immer relativ: Und relativ zu Staatsanleihen, für die man keine Zinsen mehr bekomme, sähen einige nach klassischen Bewertungsmustern schlechte Investitionen wieder besser aus. Florian wirft abschließend die nicht zu beantwortende gesamtgesellschaftliche Frage in den Raum, wo das alles hinführen solle.)

17:35

Alex: Zu Investitionen im E-Commerce-Bereich haben wir uns letztens bei Clubhouse unterhalten. Du bist seit einer Zeit dabei: Was ist dein Eindruck davon?

Florian: Von der Nutzung her bin ich nicht so sehr Hörer, sondern Sendern: Ich gebe nämlich drei bis vier Sessions pro Woche – also: schon nicht wenig (und wird wahrscheinlich demnächst auf zwei bis drei runtergehen). Ich bin beeindruckt, wie viele Leute von welcher Qualität mit wie wenig Aufwand dort interagieren. Das sieht man ja allein an den Politik-Chats. Abgesehen davon, ob sich Bodo Ramelow da als besonders geschickt profiliert hat, ist es schon irre, das sich ein Ministerpräsident hinsetzt und samstagabends mit zwei Tausend Leuten spricht.

Alex: Ach ja: „Candy Crush“…

Florian: Aber ist trotzdem cool! Das Panel-Problem dabei ist allerdings von Konferenzen bekannt: Wenn man viele Leute auf die Bühne holt und Fragen zulässt, kann die Qualität der Inhalte schnell leiden. Es wird also einen Mechanismus geben müssen, um die Qualität stabil zu halten. Bei Radio- und Fernsehshows spricht jemand schon vorher mit demjenigen, der anruft, um zu prüfen, ob der auch etwas Vernünftiges zu sagen hat.

Jedenfalls ist der Zeitpunkt gut – Corona. Und diese niedrige Eintrittsbarriere ist sehr charmant. Deswegen ist meine These, dass Clubhouse auch längerfristig eine Daseinsberechtigung hat. Ist es der Tod des Podcasts? Das weiß ich nicht. Ich glaube schon, dass ein Podcast mehr insight generiert. Aber Clubhouse nimmt schon Zeit in Anspruch – auf wessen Kosten steht allerdings noch nicht fest. In der Intensität, die wir gerade erleben, wird es aber auch nicht weitergehen. Es ist ja Wahnsinn, wie viel Zeit einige da reininvestieren. Ich habe mich jetzt wieder auf maximal eine Stunde am Tag begrenzt. Aber die Botschaft an alle potenzielle Innovatoren da draußen ist stark. Man denkt nämlich immer: „Instagram, TikTok… Was soll da noch kommen?“ Und dann kommt etwas.

Alex: Die Kategorie heißt „audio drop-in“ und ist wohl gekommen, um zu bleiben. Das muss allerdings nicht unbedingt bei Clubhouse sein. Vielleicht gibt es das demnächst als Feature bei Twitter oder einem anderen Netzwerk? Jedenfalls habe auch ich eine Menge Spaß dran! Und zum Glück bin ich iPhone-Zweitnutzer. Das heißt: Ich habe mein Handy nicht die ganze Zeit auf dem Schreibtisch liegen und klicke mich da nur rein, wenn ich sende. Hat man das Handy nämlich immer bei sich, geht man auch öfter irgendwo rein, weil sich ja alles versendet und nicht nachzuhören ist.

Zudem: Endlich mal eine neue Sensationsplattform, bei der wir alte weiße Männer mitmachen dürfen! Bei TikTok, Instagram & Co. waren wir ja raus: Bilder, Tanzen, Entertainment… Nicht unser Bier. Aber einfach nur quatschen? Können wir!

Florian: Ein sehr inklusives Format! Absolut!

22:20

Alex: Kurz vor dem Börsengang von Wish.com haben wir uns den Prospekt angeschaut. Zusammenfassung: Du sahst es sehr kritisch, schriebst es aber nicht – wie ich – komplett ab. Für mich ist es so: Das Thema Produktentdeckung auf mobilen Geräten macht Wish zwar schon besser als der Wettbewerb, das Geschäftsmodell ist aber sonst komplett daneben.

Guckt man sich aber der Preisentwicklung seit dem Podcast an, könnte man es so formulieren: Mit diesem Format erreichen wir noch lange nicht die volle Breite des Markts!

Florian: Kann man so sagen! Mal gucken, wer unrecht hat: Der Markt oder wir! Der Markt sagt jedenfalls derzeit, dass Wish knappen 16 Milliarden Dollar wert ist. Und das finde ich angesichts des bescheidenen Wachstums und aller anderen Dinge, die wir im Podcast feststellten, eine sehr erstaunliche IPO-Entwicklung.

Alex: Der Aktienkurs ist von einer Ausgabepreis von 20$ auf 27$ geklettert! Nun könnte man böse sein und sagen – wie vorhin besprochen –, dass die Flut alle Boote hebt! Wir lagen mit unserer Einschätzung des Geschäftsmodells jedenfalls richtig. Aber dass das marode ist, hat sich eben nicht im Aktienkurs ausgedrückt.

Dann hatten wir im selben Podcast IPO-Kandidaten DoorDash. Da war unser Fazit durchweg positiv: gute unit economics, schön skalierbar und eine gute Marktaussicht bezüglich Essensbestellungen für zu Hause.

Florian: Hat sich auch solide entwickelt: über 60 Milliarden Dollar wert und ist nach dem Börsengang noch höher geklettert – von kleinen Phasen abgesehen, wo es fast auf 140$ runter war. Jetzt liegt der Kurs bei über 200$ und ist stabil. Dass das von der Börse positiv gesehen wird, deckt sich mit unseren Erwartungen.

26:00

Alex: Jetzt ein anderer Fall: The Hut Group, auf die ich schon 2017 in einem Kassenzone-Artikel detailliert einging – Titel: „Zum Milliardenunternehmen mit einer historisch anmutenden Multistore Strategie“. Für mich ist sie ein schönes Beispiel für Unternehmen im Bereich Kosmetik – ich denke an L‘Oreal, Henkel & Co.

Damals, als The Hut Group 2004 anfing, war der Gedanke, dass man für jede Nische eine eigene Domain aufsetzt – „bed.com“, „mattress.com“ usw. –, die zentral über ein Backend betrieben werden konnten. Das war eine SEO-Strategie: Jede Domain ist optimiert und Kunden, die bei Google nach einem Bett oder einer Matratze suchen, landen dort. Bei The Hut Group wurden irgendwann eine ganze Reihe an im weitesten Sinne Kosmetik- und Beauty-Domains zusammengefasst. Bereits 2016 haben sie dann 500 Millionen Pfund umgesetzt – und schon damals mit einem EBITDA von 50 Millionen, sprich: 10%! Gutes Wachstum dazu und einen für die Kategorie FMCG ausgesprochen hohen Fokus auf Technologie. Daher sind sie auch ins White-Label-Geschäft und haben die Plattform anderen Unternehmen angeboten.

Mareike Stobbe, mit der ich damals die Analyse gemacht habe, war ebenfalls schwer beeindruckt, sagte aber: „Jedoch ist THG aus meiner Sicht eigentlich nichts anderes als die digital fokussierte und technologisch stark aufgestellte Version von Unilever und Co.“ Bei Excitingcommerce findet THG allerdings oft als positives Beispiel Erwähnung und jetzt gibt es neue Zahlen. Was hältst denn du davon?

Florian: Absolut beeindruckend! 2019 lagen sie ein bisschen über eine Milliarde Umsatz (1,1 Mrd. £), jetzt sind die vorläufigen Zahlen für 2020 draußen: 1,6 Milliarden Pfund! Weiterhin 10% EBITDA! Börsenbewertung jetzt bei 7 Milliarden Pfund! Sie werden also mit einem Faktor von ungefähr 4,5 zum Umsatz bewertet – Das ist schon sportlich, obwohl wie eingangs besprochen die multiples bei allen stark angestiegen sind. Und es ist auf jeden Fall ein Vorbild dafür, wo andere direct-to-consumer businesses hinwollen. Im Direktkundengeschäft bin ich nämlich unabhängig: ob mir Händler Marge abknapsen und meine Kunden auf andere Marken leiten wollen, ist weniger existenziell.

(Florian führt die Erfolge der Hauptmarken von THG Myprotein und GlossyBox sowie die hohe Wiederkaufsrate von Bestandskunden und dadurch geringe Marketingkostenquote als weitere Vorteile der Gruppe auf. Das beweise einmal mehr, dass D2C-Konzepte entgegen einiger Annahmen durchaus VC-Cases sein könnten, solange die Kauffrequenz, der Warenkorb wert und die Rohmarge stimmten. Letztere komme unter anderen durch den hohen Vertikalisierungsgrad von THG zusammen. Fazit: „Alles extrem rund und schön gemacht.“

Auf Rückfrage von Alex geht Florian kurz auf die Geschichte des Unternehmens ein. Anfangs verkaufte THG nämlich ausschließlich Drittmarken und merkte erst später, dass das Eigenmarkengeschäft attraktiver ist. Heute machen die Kosmetikeigenmarken 50%, -drittmarken 30% der Umsätze aus. Zum Schluss lobt Alex noch einmal die „Wahnsinnszahlen“ von THG – und unterstreicht noch einmal seinen Standpunkt, dass Unilever & Co. einen ähnlichen Weg gehen müssen, um ihre Abhängigkeit von Zwischenhändlern zu verringern.)

35:35

Alex: Würdest auch du dem Unilever- oder L’Oreal-Chef empfehlen, ein ähnliches D2C-Modell aufzubauen – oder vielleicht einfach THG zu übernehmen? Gäbe es für 6-8 Milliarden Euro…

Florian: Nur mal so zur Orientierung: Stand Heute ist L’Oreal gut 160 Milliarden Euro an der Börse wert. Das ist also um den Faktor 20 ein anderer Schnack! Auch umsatzmäßig liegen Welten dazwischen. Aber klar, wenn man sich die Margenfähigkeit nach vorne raus anguckt, sieht das nicht unbedingt rosig aus. Ein Aufwach-Moment in FMCG war, als Edeka Nestlé im Zuge von harten Margenverhandlungen kurzerhand auslistete. Das Ergebnis: Nestlé gab letztendlich klein bei. Und wenn ein Nestlé in einem mittelgroßen Land wie Deutschland nicht in der Lage ist, gegen den Handel zu gewinnen, dann zeigt das, wie wichtig es ist, zumindest partiellen D2C-Zugriff zu haben. Dass ein L’Oreal oder ein Procter so etwas können sollte – Das steht für mich völlig außer Frage. Sie müssten auch wegen Skaleneffekte in der Lage sein, eine deutlich bessere Marke hinzustellen, als viele andere.

Es wäre für sie dann zudem viel einfacher und schneller, ihre Produkte zu iterieren. Wenn man sich nämlich ansieht, wie solche Hersteller bislang ihre Produkte an den Markt zu bringen pflegen: Marktforschung, Launch-Kampagne usw. Das kostet alles wahnsinnig viel Geld. Mein These ist, dass das viel günstiger und effektiver gehen würde, wenn man solche Produkte in einem direct-to-consumer-Kanal testen und iterieren würde. Alleine diese Fähigkeit zu haben! Klar, wenn man sich die Größenordnungen anguckt, wird D2C den Handel als Prio Nummer Eins bei L’Oreal & Co. in absehbarer Zeit nie ablösen. Sind wir doch – zumindest in Deutschland – bei allem, was Lebensmittel und Drogerie geht, noch weit entfernt von auch nur 20%-Online-Anteil. Aber ein D2C-Kanal aufbauen zu können halte ich für strategisch geboten.

(Viele FMCGler, so Florian aus dem Nähkästchen, verwechselten Marktplatz-Umsätze spezifisch mit Online-Umsatz insgesamt. Dass Online-D2C im Machtspiel gegen Händler, aber auch gegen Plattformen wie Amazon, ins Gewicht fallen könnte, sei Florians Erfahrung nach vielen noch nicht bewusst. Dabei sei L’Oreal mit der Marke Kiehl‘s, erklärt Florian unter Beweisstellung seiner Kosmetikbranchenkenntnisse weiter, im Bereich D2C schon aktiv. Solche Bemühungen zu intensivieren, dazu würde Florian allen FMCG-Konzernen raten. THG übernehmen? Am besten schon vor drei Jahren!)

41:10

Alex: THG vertikalisiert nicht nur die Produktion, sondern auch die Kanäle. So haben sie angefangen, eigene Wohlfühl-Spas mit ihren Produkten einzurichten. Extrem cleverer Zug – und vielleicht nicht nur für Hersteller, sondern auch für Händler eine interessante Herangehensweise. Müsste nicht Douglas zum Beispiel auch über eigene Beauty-Salons u. Ä. nachdenken? Schließlich haben sie bereits viele Kundenkontakte und müssten dann nur den Eigenmarkenanteil steigern (auch wenn das mit Kanalkonflikten einhergehen würde…). Aber die vielen Filialen gegen Douglas-Kosmetikstudios in Top-Lage einzutauschen… Ist das nicht vielversprechend?

Florian: Da ist viel dran. Es gibt wahrscheinlich einen optimalen Mix aus Eigenmarke für die Margensteigerung und Drittmarke zur Kundenakquisition und Erhöhung der Wiederkaufwahrscheinlichkeit. Allerdings hat der frühere Grundsatz, dass man Eigenmarken zur Margenstärkung unbedingt braucht, dadurch etwas von seiner Allgemeingültigkeit eingebüßt, dass AboutYou und Zalando den Weg über retail media gehen – Das ist in Prinzip nichts anderes als der klassische „Werbekostenzuschuss“. So muss man Eigen- vs. Fremdmarke auch im Verhältnis zu den Marketingaufwänden und ggf. -einnahmen betrachten. Tendenziell ist es mit gut geführten Drittmarken leichter und mit weniger Marketingkosten verbunden, Transaktionen herbeizuführen als mit Eigenmarken. Wenn wir aber das Thema Eigenmarke nicht nur als reine transaktionale Geschichte auf Webseiten und Apps sehen, sondern als Teil von Erlebnisräumen, in denen man auch noch Abverkauf tätigt – etwa Spas –, dann ändert das die Kalkulation. Wobei natürlich zu Covid-Zeiten das ganze Modell „Erlebnisse“ nicht gerade glänzt… Aber das wird alles sehr wahrscheinlich wiederkommen.

Für Douglas ist das jedenfalls sehr einfach: Sie müssen so etwas machen. Als Händler sollte man sich nämlich fragen: Reicht das reine Darbieten von Produkten noch? Die Antwort ist nämlich: Nein. Wenn du schon Offline-Retail machst, muss eine experience-Komponente dabei sein.

(Florian dekliniert die Möglichkeiten aus seiner Sicht durch – und untermauert noch seine Aussage, dass Erlebnisräume trotz der derzeitigen pandemischen Lage mittel- bis langfristig eine Zukunft haben. Danach geht es um die internationale Aufstellung von THG: 34% der Umsätze sind nämlich aus UK; 26% entfallen auf Europa, 24% auf Asia-Pacific und 16% auf Amerika. Alex arbeitet noch einmal die Eigenmarkenstärke von THG heraus: Klar, Drittmarken verkauften sie zwar mit, sie seien aber nicht darauf angewiesen. An die Börse ging THG Ende 2020, berichtet Alex, bevor er zum nächsten thematischen Abschnitt überleitet.

Beim Thema FMCG-Konzerne müsse er an die Red-Queen-Hypothese denken. Eigentlich müssten die Procter & Gambles und Nestlés dieser Welt dank ihrer Erfahrung gegenüber Herausforderern wie THG einen uneinholbaren Vorteil haben. Die Daten zeigten aber viel eher, dass die Assets, die diese Unternehmen aufgebaut haben, eher zum Klotz am Bein würden. Es werde dann immer schwieriger, sich schnell zu bewegen – gerade für Riesenunternehmen wie Unilever und L’Oreal. Die Red-Queen-Hypothese komme zwar aus der Biologie, davon gebe es aber spannende Beispiele in der Wirtschaft.)

51:50

Alex: Damit wir den Hörern nicht zu viel Zeit wegnehmen, die sie jetzt für Clubhouse-Sessions brauchen, lass uns zum letzten Teil kommen: Die Glaskugel 2021. Was wird dieses Jahr bewegen? Ich gebe übrigens gern zu, wo ich letztes Jahr danebenlag: Anfang 2020 war das Thema Virtual Reality mit der ersten Oculus-Brille wieder Hype; aber selbst im Corona-Jahr, in dem alle zu Hause waren und viel Zeit hatten, hat es sich nicht durchgesetzt – ergo wird das auch nach Corona nichts.

Florian: Ich weiß nicht, ob das so sein wird. Scott Galloway teilt deine Einschätzung, aber ich meine, es hängt vieles davon ab, wie gut die Geräte sind, die noch kommen. Instagram und TikTok bringen auch gerade das Thema AR nach vorne – sehr kleinteilig und minimalinvasive in ihren Apps eingebaut. Vielleicht passiert da also in Zukunft noch was. Aber du weißt, dass ich ein sehr vorsichtiger Typ bin, wenn es darum geht, eine 0-oder-1-Aussage zu treffen.

Was ganz klar 2021 weiterhin im Aufstieg begriffen sein wird: Anbieter von digitaler Infrastruktur. Mit Spryker gehört ihr dazu, aber auch alles im Umfeld Datenspeicherung – data warehousing, dataspace usw. oder Prozessautomatisierung, also so Firmen wie UiPath und Celonis. Gerade dieser B2B-Bereich hat enormen Rückenwind und bekommt wahnsinnig viel Geld! Die Kapitaleffizienz von diesen Firmen ist, wenn sie es gut machen, deutlich höher als im B2C-Bereich. Und da 2020 auch der Allerallerletzte kapiert hat, dass er in dem Bereich aufrüsten muss, wird das anhalten. Das bezieht sich übrigens auch auf Anbieter von Mitarbeitertrainings.

(Allerdings sei der Markt für Mitarbeiterweiterbildung extrem kleinteilig, führt Florian weiter aus. Alex fällt zum Schluss ein, dass er vergessen habe, Spryker-Kunde MyTheresa zum geglückten – und ganz klassisch ohne SPAC durchgeführten! – Börsengang zu beglückwünschen. Auch Florian nimmt die Gelegenheit wahr, einen „Audio-Blumenstrauß“ an die Münchner zu überreichen – umso mehr, da MyTheresa nicht einmal vertikalisiert oder sich als Marktplatz betätigt, sondern es schon mit einem klassischen Handelsmodell zu so einem Erfolg gebracht habe. Ähnliche Multiples wie THG und Traumwarenkörbe von 500 Euro! Das sei einer Kombination aus operativer Exzellenz und Zugang zu begehrter Ware zu verdanken. Zudem erfahre der Luxus-E-Commerce durch die Einzelhandelsschließungen einen ordentlichen Schub. „Wenn das Geld nicht in die Mytheresa-Aktie stecken,“ so Alex abschließend, „wohin denn sonst?“)

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