Die Schweiz und das Internet

Seniorin

Passend zu diesen Beitrag kommen die Nachrichten, dass in Folge des (E-Commerce) Strukturwandels in Deutschland jedes zehnte stationäre Geschäft (50.000 in Summe) in den nächsten Jahren verschwindet. Außerdem häufen sich die Meldungen zu den Schwierigkeiten Schweizer Händler, die nun irgendwie doch von der Zalando/Amazon Welle betroffen zu sein scheinen. Ich wiederum frage mich, was die verbleibenden neun von zehn Geschäften neben Amazon & Co. noch sinnvoll verkaufen können und warum die Marktbereinigung in der Schweiz nicht schon früher stattgefunden hat. Wenn man sich ein wenig zum Schweizer Markt umhört, erfährt man von einer gewissen Entkoppelung, die durch die Verwendung einer eigenen Währung und der restriktiven Zoll Gesetze zustande kommt. Der Schweizer wird somit künstlich gezwungen für identische Produkte & Leistungen einen deutlichen Aufschlag im Vergleich zu seinen (meist deutschen) Nachbarn zu zahlen. Das führt zu sehr skurrilen Szenen, z.B. in Konstanz, wo der stationäre Einkauf an bestimmten Wochentagen durch die vielen Schweizer Einkaufstouristen erschwert wird.

Rund 16 Millionen Ausfuhrscheine mussten deutsche Zöllner im letzten Jahr an der Schweizer Grenze abfertigen. So viele wie nie zuvor. 150 Beamte sind inzwischen nur damit beschäftigt, die Belege der Einkaufstouristen abzustempeln. Für Minister Friedrich ein unhaltbarer Zustand. Das sieht auch die deutsche Industrie-und Handelskammer Hochrhein-Bodensee (IHK) so. Doch ihr Lösungsansatz ist ein anderer, wie Hauptgeschäftsführer Claudius Marx erklärt: Schliesslich wolle man nicht den Vorteil aufgeben, der zu der Umsatzsteigerung durch die Schweizer Einkaufstouristen führe. Die IHK schätzt, dass rund 6500 Arbeitsplätze in Süddeutschland direkt von den Umsätzen mit Schweizer Einkaufstouristen abhängen.

Die Entscheidung der Schweizer Nationalbank im Januar den Franken vom Euro zu entkoppeln hat diese Entwicklung noch beschleunigt. Nun ist es auf einmal noch attraktiver geworden als Schweizer bei Amazon.de einzukaufen, während der Schweizer Handel fixkostenbedingt gar keine Möglichkeit hatte dieses Effekt auszugleichen. Zu verstehen, dass diese Entscheidung die desaströsen Aussichten für den Schweizer Handel nicht verursacht hat, sonder nur beschleunigt, ist wichtig. Was aber verursacht dann die grauen Wolken am Schweizer Handelshimmel? Thomas Lang, wohl der Schweizer E-Commerce Experte schlechthin, sieht die meisten Onlineaktivitäten Schweizer Detailhändler als defizitär. Das muss nun niemanden verunsichern, diese Aussage ist wahrscheinlich für fast alle deutschen Händler mit stationärer DNA ebenfalls gültig. Was mich beim Durchlesen der Berichte zur Schweizer Marktentwicklung aber fassungslos macht, ist die Blauäugigkeit, mit der nun über Lösungen diskutiert wird. Ein wenig Omnichannel Chi Chi hier, ein bissel mehr Schweizer Servicementalität dort und alles wird gut. Ehrlich? Blättern wir mal gemeinsam durch die meistdiskutierten Kassenzone Beiträge 2015 und überlegen, wie diese für die Schweiz ausgelegt werden können:

#1: Im ersten Beitrag 2015 habe ich versucht herzuleiten, dass in einer Amazon dominierten Welt die Kundenbedürfnisse im Kaufprozess verändert werden. Service, Produktdarstellung usw. werden zu Hygienefaktoren degradiert. Am Ende zählt nur noch ein marktführendes Preis-/Leistungsset (nicht billigster Preis!) und die Best Level Verfügbarkeit (24h, Same Day..) und natürlich, dass die gewünschte Ware überhaupt da ist. Ein klares Amazon Spiel und die zunehmende Konzentration auf diesen einen Marktplatz (in Deutschland) führt bei den Kunden dazu, dass sie verstärkt über die Produktbewertungen der anderen Käufer einkaufen. Ich habe nun viele Schweizer befragt und niemand konnte mir glaubhaft bestätigen, dass er doch lieber eine in der Schweiz hergestellte Festplatte kauft oder bereit ist für etwas Beratung relevant mehr Geld auszugeben. Wie genau will der durchschnittliche Schweizer Detailhändler in diesem Szenario bestehen? Klar, man kann sich auf Verkaufsorte konzentrieren die weit genug von der deutschen Grenze entfernt liegen, aber nachhaltig ist das nicht. Amazon wird mit Sicherheit seinen Service in der Schweiz in 2016 verbessern. Diesbezüglich bietet zurzeit nur Siroop ein spannende Positionierung an.

#2: Wenn die Handelsfunktion von globalen Konzernen übernommen wird, dann dürfte sich die Schweiz doch auf seine exzellente Expertise als Produzent hochwertiger Güter verlassen, oder? Abgesehen davon, dass auch Schweizer Produkte nur mehr von ihrem Ruf leben, zeigt sich, dass in einer Welt mit dominanten Marktplätzen diese auch keine “echten” Marken mehr brauchen. Wer nicht auf den ersten beiden Suchergebnisseiten bei Amazon, Rakuten & Co. gefunden wird, spielt für die Kunden keine Rolle mehr. Klar, exklusive Marken sind bisher davon ausgenommen, aber das Gros des Umsatzes machen WMFartige Marken und diese werden von neuen Marken aus der Amazonwelt schnell verdrängt. Die Zahlen der Markenhersteller und die Zahlen der neuen Marken sind diesbezüglich eindeutig. Umfragen die darauf hinweisen, dass Kunden gerne heimische Produkte kaufen und den persönlichen Service bevorzugen sind mehr als irreführend. Neben dieser sehr enttäuschenden Nachricht zum zunehmend untreuen Kunden kommt in Deutschland und in der Schweiz ein schnell wachsender Einfluss der asiatischen Plattformen (aliexpress, banggood) hinzu. Der Umsatzeinfluss ist bisher gar nicht richtig messbar, auch aufgrund sehr unsauberer Zolldeklarationen, aber er ist heute schon massiv und wächst wahrscheinlich schneller als der Umsatz von Amazon. Übrigens; Weil die Hersteller in der Amazonwelt nicht mehr auf die Hilfe der stationären Händler zählen können, werden diese nun sukzessive ausgelistet – operativ wie strategisch.

#3: Man kann die ersten beiden Punkte als hanebüchen abtun und weitermachen wie bisher in der Hoffnung, dass die Kunden sich eines Tages doch wieder besinnen werden. Die Argumente für so eine Vorgehensweise sind allerdings sehr schwach. Wer versucht dagegenzusteuern, wird mit klassischen Strategien nicht weiterkommen. In meiner kleinen Geschichte zu Franz Cochero habe ich das beispielhaft nachgezeichnet.

Franz Cochero hatte vor langer Zeit den Obststand seines Vaters übernommen. Die Lage war perfekt. Am Ausgang des Bahnhofs, am Anfang einer beliebten Einkaufsstraße. Der Stand von ihm und seinem Vater stand für Obst von hoher Qualität, persönliche Beratung und die Fähigkeit neue Geschmackstrends frühzeitig zu erkennen.

Der Markt verändert sich gerade so schnell und nachhaltig, dass sich jeder Händler und Hersteller darüber Gedanken machen muss, was er für den Kunden wirklich leistet. Historische Handelsbeziehungen, auf denen sich viele Positionierungen von Händlern und Herstellern begründen, werden gerade aufgebrochen. Es gibt kaum noch Großhändler in den klassischen Konsumgüterbereichen, die nicht von Herstellern ausgelistet werden. Zurzeit prägt sich der Begriff GAFA Ökonomie für das bestehende Marktumfeld. Die Spielregeln sind andere und sie sind für bestehende Unternehmen sehr unfair, weil klassische Unternehmensplanung und Strategieentwicklung zu den falschen Lösungen führt.

Dieses Szenario sollte man nun für die Schweiz zu interpretieren. Ich kann in Summe keinen Unterschied zum deutschen Markt erkennen. Die bisherigen Schutzwälle Zoll und Währung haben die Schweizer Händler bisher ein Stück weit beschützt. Gäbe es dazu noch Sonntagsöffnungszeiten, dann wäre es so ziemlich genau das, was sich deutsche Händler & Handelsverbände zum Schutz ihrer Strukturen wünschen. Interessant finde ich, dass dieser Protektionismus genau den gegenteiligen Effekt hatte & hat. Der Schweizer Markt ist mehr denn je für Amazon bereitet und mit etwas Glück kann sich ggf. Siroop durchsetzen. Das wäre den Schweizern sehr zu wünschen. Klar gilt das in unterschiedlicher Schärfe für die einzelnen Sortimente. Lebensmittel funktioniert anders als Elektronik. Die Chance für den Schweizer Detailhandel besteht darin sehr genau nach Deutschland und England zu schauen und den verbleibenden Zollschutz noch zu nutzen, um wettbewerbsfähige Konzepte und Strukturen zu etablieren/zu kopieren. Vielleicht finden sich in den Kommentaren noch ein paar weitere Hinweise.

 

Danke für ein tolles Kassenzone.de Jahr 2015 mit fast 400.000 Besuchern und vielen tollen Verweisen, Kommentaren, Zuschriften und Schulterklopfern. 2016 wird noch mehr rocken, Gafa, Jochen Krisch & Co. sei Dank.

P.S.: Für Spryker suche ich 2016 noch viele Kollegen! Meldet euch gerne direkt bei mir, auch mit Intros zu passenden Kandidaten. Spryker.com/Jobs

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12 Gedanken zu “Die Schweiz und das Internet

  1. Interessantes Thema – Kurz und knapp hinzufügend meine Erfahrungen und Einschätzungen…

    Für Schweizer war es noch nie einfacher in deutschen Onlineshops zu bestellen. Der Markt bequemen Services für Schweizer Endkunden (nicht mehr nur Abholung sondern auch Lieferung von deutscher Lieferadresse bis zur Haustüre in der Schweiz) ist in den letzten Jahren stetig gewachsen (bsp. einkaufenundsparen.ch). Durch die genannte Wechselkurs-Problematik ist die Anzahl der Sendungen der Lieferadressen mit c/o, bspw. Konstanz auch seit kurzem weiter angestiegen. Dieses Feedback erhalten wir von vielen Händlern/ Herstellern.

    Wenn Amazon hier analog dem genannten Beispiel ein schlüssiges Full-Service Konzept bietet, wird die Schweizer Grenze samt Zollvorschriften IM GROSSEN STIL plötzlich sehr löchrig und die „Annäherung an deutsche Verhältnisse“ mit all den Herausforderungen für Schweizer Händler würde enorm beschleunigt.
    Die Frage ist somit wohl nicht die Frage ob, sondern wann dieser Schutz in der Praxis in der Breite nicht mehr existiert; sei es durch gesetzliche Neuregelungen oder dem nächsten Level an Service-Angeboten.

    Die Gefahren, die von dem schwindenden Schutz der Grenze ausgehen, sind den Schweizer Handelsunternehmen und Herstellern bewusst. Konkret merken wir dies an den steigenden Anfragen aus der Schweiz hinsichtlich z.B. Relaunch-Absichten oder – generell – der Überholung der E-Commerce-„Infrastruktur“; der Vergleich mit Onlineshop-Lösungen (Shop, Mobile, UX usw. ) der deutschen Wettbewerber nimmt dabei definitiv zu, auch wenn unsere Erfahrungen nicht repräsentativ seien mögen.

    An dieser Stelle ein Danke als Leser an dich Alex, für das letzte Jahr voller unbequemer Fragen, Meinungen und auch für Themen über den Tellerrand hinaus (waitbutwhy etc.).
    Ich freue mich auf 2016 mit vielen spannenden Beiträgen! 🙂

  2. Interessanter Bericht und spannende Überlegungen. Ich mache jetzt trotzdem mal nicht auf Schulterklopfen sondern nehme für 2016 eine andere Haltung ein. 😉

    Das ein Deutscher aus Hamburg darüber philosophiert, was in der Schweiz im Detailhandel gut oder schlecht läuft, ist ja schon interessant. So quasi eine Einschätzung aus der Ferne. Nur ist es so, dass Hamburg nicht München ist und auch nicht der Schwarzwald. Schon innerhalb Deutschland funktioniert „Geiz ist Geil“ nicht von Norden bis Süden. Und auch weiter im Süden funktioniert es nicht mehr so gut, wie das zum Beispiel die Metro Gruppe gerne sehen würde. Oder Lidl. Im Gegensatz zu Aldi, der da vieles wesentlich besser gemacht hat (wieder einmal…).

    Konstanz ist für Deutsche Verhältnisse inzwischen ein verdammt teures Pflaster. Der Einkaufstourismus aus der Schweiz in Konstanz hat wohl weniger mit dem Preis zu tun. Da ist alles nicht wesentlich billiger als in der Schweiz. Wer das nicht glaubt soll mal in Konstanz einen Kaffee trinken gehen. Wenn man sparen will, dann muss man schon mehr ins Deutsche Landesinnere. Also ist der Preis wohl nicht das einzige ausschlaggebende für den florierenden Konsumtourismus an diesem Ort.

    Die eigenen Onlineangebote der grossen Schweizer Detailhändler mögen defizitär sein. Der grösste Onlinehändler der Schweiz ist aber hoch profitabel, und gehört seit kurzem in Teilen auch einem Detailhändler. Also muss der Grund, warum die Eigenkreationen der erfahrenen Detailhändler defizitär sind, an einem anderen Ort gesucht werden.
    Der Grund ist nach meiner Meinung schlicht eine Überforderung des Managements. Nach Jahrzehnten von fetten Jahren funktioniert die Kundenbindung nicht mehr. Und alle reden von den Preisen, weil das war doch in Deutschland mit Lidl und Aldi auch so. Also ist das wohl das Problem? Ich glaube nur zu einem Teil.

    Warum ist der grösste Handelsplatz der Schweiz Ricardo und nicht eBay? Warum ist der grösste Onlinehändler der Schweiz innerhalb der Schweiz und nicht ausserhalb? Es gelten in der Schweiz andere Gesetzte als in Norden. Das ist ein Grund. Der Preis ist zwar wichtig, aber nicht das einzige, was in der Schweiz zählt. Das Vertrauen hat seinen Preis. So ist jeder erfolgreich, der das Vertrauen der Kunden hat. Und dieser Vergleich funktioniert auch mit erzkonservativen Bayern und dem Schwarzwald, wo das Lokale und das Vertrauen in ein Geschäft noch seinen Wert hat.

    Die Detailhändler sind schlicht mit dem Internet überfordert und verlieren auch an Kundenvertrauen. Das ist das Problem. Und gerade Coop ist zwar toll im Jammern und lamentieren, was alles besser laufen sollte, würden die bösen Kunden nur nicht im Ausland einfaufen, aber das steigert jetzt weder die Kundenbindung, noch hat man damit automatisch das Gefühl, das Unternehmen will wirklich einen Gegenwert für die Gesellschaft schaffen und damit eine gemeinsame Wertschöpfung für die kleine Volkswirtschaft als Ziel sehen.
    In einem Umfeld, in der die Konservativen die großen Wahlgewinner sind, rächt sich das ungemein. Das Schweizer Volk hat Angst vor dem, was im Ausland „lauern“ mag. Da ist es nicht sehr smart, die große Eierteigwarenfabrik, die seit Jahrzehnten in der Schweiz angesiedelt war, nach Deutschland auszulagern. Da mag es noch so gute betriebswirtschaftliche Gründe geben. Das Schweizer Völkchen ist stolz auf seine eigenen Teigwaren. Und das Management hat sich da sicher nicht viel dabei gedacht, weil die Zahlen sind ihnen wichtiger. Nur lässt sich das Kundenvertrauen schlecht in Zahlen ausdrücken.

    Die Migros ist da besser positioniert und sie hat eine viel bessere Ausgangslage als Coop. Migros hat ein paar Trümpfe im Ärmel, die bei Coop jahrzehntelang vernachlässigt wurden: Genossenschaftlicher Aufbau und Logistik. Die Migros ist in der Logistik einfach unglaublich. Digitec hat vor allem in der Logistik vieles richtig gemacht. Beide Unternehmen genießen konservatives Vertrauen bei den Kunden. Das passt zusammen. Und Digitec wie auch Galaxus sind nicht defizitär…

    Coop macht seit Jahrzehnten strategische Grundfehler, wenn es um das Vertrauen der Kunden geht. Seit Jahrzehnten kann beobachtet werden, wie Coop die Migros bei den Produkt- wie auch Marketing-Innovationen versucht zu kopieren. Der letzte Zeitungsbericht, den ich von Coop gesehen habe, basierte darauf, dass Coop ja schliesslich „auch genossenschaftlich organisiert ist“. Das war einfach nur noch lächerlich.
    Loosli ist bei der Swisscom wie bei Coop der Drahtzieher. Bei Swisscom pusht er Paymit, bei Coop pusht er Twint. Es wäre ein sehr einfaches für ihn gewesen, hätte er nur eine Richtung eingeschlagen.
    Coop hat mit Interdiscount, Microspot und Fust drei Händler mit gosszügig überschneidendem Sortiment online, die sich gegenseitig direkt und vergleichbar im Preis konkurrieren. Schon alleine das zeigt, dass das Management dieses Unternehmens mit dem Thema der neuen Online-Welt in jeder Hinsicht überfordert ist. Ein Kurswechsel wird unglaublich schwierig. Der Schaden ist angerichtet, und ein Strategiewechsel wird viel Ressourcen kosten, welche aber eine Swisscom gar nicht hat. Und von Logistik redet immer noch keiner, obwohl die erfolgreichsten Onlinehändler alle zusammen vor allem unglaublich ausgeklügelte Logistikunternehmen sind.

    Siroop hat strategisch gesehen eine denkbar schlechte Ausgangslage. Es ist nur ein aufgehübschtes Substitut von anderen Online-Angeboten, die es halt schon gibt und die bereits über Jahre erfolgreich positioniert sind. Und auch das Kundenvertrauen genießen. So wird die Marketingregel auch da einschlagen: Es gibt am Schluss nur so viele Geschäfte wie es unterschiedliche Geschäftsmodelle gibt. Ein Geschäftsmodell kopieren wird zwangsläufig Verlierer geben. Die Gewinner sind dabei die Flinken, nicht die Großen. Es darf sich gerne jeder die Antwort geben, zu was Swisscom und Coop zählen, die gemeinsam Siroop antreiben wollen.

    Und ja, der Erfolg wäre ihnen wirklich zu gönnen, denn echte, inspirierende Konkurrenz ist nie schlecht. Allein mir fehlt der Glaube daran, dass die beteiligten Unternehmen dazu in der Lage sind.

  3. Einen herzlichen Dank an Dich Alexander, für das differenzierte beurteilen von Situationen. Es ist für mich immer wieder bereichernd eine für mich nachvollziehbare Argumentationskette zu lesen. Ich würde mir wünschen, das es so etwas mehr gäbe. Ich wünsche Dir und Deinem Umfeld damit alles Gute und viel Erfolg im 2016.

    Ich bin Schweizer und bin mit einer deutschen Frau seit 1990 zusammen und vertrete auch ein Hamburger Unternehmen in der Schweiz. Ich habe daher die Entwicklung von beiden Seiten über die Jahre hinweg verfolgen können und sehe auch etwas in den deutschsprachigen Markt.

    Ich sehe deine Aussagen als schlüssig an und diese decken sich auch mit meinen Überlegungen für den Schweizer Markt. Währung und Zollvorschriften haben uns Schweizer bisher geschützt und in diesem Thema träge gemacht. Der immer wieder erwähnte „Heimatschutz“ hat seinen Beitrag geleistet.

    Anbei noch ein paar ähnliche oder vielleicht ergänzende Gedankengänge von meiner Seite:

    Zuerst habe ich mir die Frage gestellt, warum sucht der Schweizer Handelsverband die Antwort für die steigende Rolle im Schweizer e-Commerce in Deutschland? Man könnte auch hier schon fast von Einkaufstourismus sprechen. Vielleicht gibt es ja in dem Jahresbericht noch eine Antwort auf diese Fragestellung.

    Aldi, Lidl und wie die Unternehmen alle heissen sind nicht erst seit 1 Jahr ein Thema in der Schweiz. Das war schon früher so. Nur gab es unser Nationalstolz nicht zu in Deutschland einkaufen zu gehen. „Wer das Geld in der Schweiz verdient, gibt es auch in der Schweiz aus“ wurde und wird in die Köpfe der Angestellten gehämmert. Das Einkaufen im Ausland war nur den Händlern vorbehalten. Der Produktionsstandort Schweiz hat dabei niemanden gekümmert und nur wenige haben daran festgehalten. Die Rendite und/oder das Überleben standen je nach Unternehmen im Vordergrund.

    Viele Bekannte kaufen heute nicht nur wegen dem Preis in Deutschland ein, sondern auch aufgrund der Vielfalt und Qualität von verschiedenen Produkten. Das heisst, auch wenn der Euro Kurs wieder steigen würde, bräuchte es einiges an Zeit die Konsumenten wieder in die Schweiz zurück zu holen. Die Distanz spielt auch keine Rolle. So trifft man in Deutschland regelmässig Fahrzeuge an, welche Fahrzeiten von 1 – 2 Stunden in Kauf nehmen um im Ausland einzukaufen und umgekehrt gleicht Freiburg im Breisgau an einem Samstag einer Schweizer Aussenstelle. Insbesondere bei den wie Pilzen aus dem Boden schiessenden Möbelhäusern staune ich immer wieder welche Schweizer Autokennzeichen auf dem Parkplatz anzutreffen sind. Dazu kommt, das es ja nicht nur der Euro Kurs und die günstigeren Preise sind, die zum Einkaufen einladen. Es ist ja auch die Rückerstattung der Mehrwertsteuer in der Höhe von 20 % bis zu einem Freibetrag von CHF 300.- pro Person im Reiseverkehr. Sprich: Eine 4 köpfige Familie kann für CHF 1200.- einkaufen und erhält dann CHF 240.- zurückerstattet. (Mit ein paar kleinen Einschränkungen bezüglich Ware).

    Wenn ich hier die Situation in den Innenstädten ansehe ist die Lage nicht anders wie in Deutschland oder anderen Ländern der Welt. In den Grossstädten und Malls herrscht immer mehr Monokultur und in kleineren Städten schliesst ein Händler nach dem anderen sein Geschäft. Die angebotene Ware ist meistens bei kleinen wie auch grossen stationären Händlern identisch und austauschbar. Eine Steilvorlage für den Online Handel.

    Als Käufer habe ich heute die Möglichkeiten und Macht, die Ware direkt beim Hersteller zu ordern. Dies war bisher eine der Kernkompetenzen der Händler welche auch rege genutzt wurde. Die Einkaufsbeziehungen und der effiziente Transport in die Schweiz und der Vertrieb Vorort. Heute kann ich nun meinen Nike oder Adidas Schuh in meiner Color Line direkt beim Hersteller customizen und muss nicht zum Anbieter der genau meine Farbkombination in der Schweiz exklusiv zugeteilt erhalten hat und diesen immer noch als exklusiv (Natürlich nur für die Schweiz 😉 anbietet. Heute sehe ich auf der Facebook Seite eines Unternehmens in einem Nutzerkommentar, das die angebotene Flyer Aktion ja das letztjährige Modell eines Artikels aus dem Ausland ist und das aktuelle Modell teils zum gleichen oder günstigeren Preis auch schon im Verkauf ist. Dies hat nichts mit der Schweiz zu tun, das ist der neue Handel mit weltweitem Logistiklösungen und Real Time Informationsaustausch. Die bestehenden Strategien und Vorgehensweisen müssen mit den neuen Möglichkeiten neu gedacht werden. Das ist das was fehlt. Nicht KPI Modelle und Systeme und das verhalten bei Abweichungen (Rabattieren), sondern neue digitale Handelskonzepte.

    Je länger je mehr bin ich überzeugt das es zentral ist selber Hersteller zu sein um möglichst lange im Markt bestehen zu können. Die Detailhändler welche nur Waren-Verteiler spielen, werden je länger je mehr verschwinden. Aber warum? Adidas ist für für mich ein Paradebeispiel. 2012 wurde den Händlern untersagt über Marktplätze zu verkaufen und 3 Jahre später sind sie die Ersten die bei der Zalando Marktplatz Offensive mitmachen und die Produkte je länger je mehr am bisherigen Händler vorbei verkaufen, auch Stationär. Nike beschreitet diesen Pfad ja bereits länger, aber für mich nicht gefühlt so zielstrebig und konsequent wie dies Adidas heute tätigt. Ein anderes Beispiel aus der Schweiz der Feldschlösschen Konzern (Carlsberg Gruppe), welcher seine Biere seit Oktober auch direkt an den Kunden verkauft und nicht mehr ausschliesslich über die Detailhändler um sich dem Preiskampf zu entziehen. Und so gibt es noch einige weitere Prominente Hersteller die in der kürzeren Vergangenheit eine Kurskorrektur eingeleitet haben. Hier zeigt sich, warum soll ich im Preiswettbewerb Marge abgeben, wenn ich diese selber einfahren kann?

    Ich habe zudem in den letzten Jahren mehrmals erlebt, das renommierte Strategieberatungsunternahmen Ihre Arbeit in grossen Unternehmen getätigt haben. Online wurde meistens am Rande gerade mit etwas Glück noch erwähnt. Bei der Beurteilung der Marktsituation hörte der Markt aber immer an der Schweizer Grenze auf. Selten wurde die Gesamtsituation in einem Markt beurteilt. Sträflich von den Beratungsunternehmen und sträflich von der Führungsriege der Händler. Und so kommt jetzt je länger je mehr die Quittung.

    Und so haben wir in der Schweiz aus der geschilderten Vergangenheit heraus immer noch das Gefühl, das alles in unserem Gärtchen so bleibt wie es immer war. Diese falsche Sicherheit gepaart mit mangelndem digitalem Verständnis führen zu dem beschriebenen gefährlichen Mix der uns Zeit gekostet hat und kostet. So habe ich in meinem Ersten Jahr der Selbständigkeit selber meine Erfahrungen im Vertrieb sammeln können. Das digitale Fachwissen ist dünn gesät und es herrscht ein grosses Misstrauen in den mittleren und oberen Führungsstufen. So verbauen sich gerade viele Schweizer Unternehmen und auch Menschen Ihre Zukunft. Besonders im Marketing ist das digitale Fachwissen bei jungen Mitarbeitern für mich erschreckend tief. Ich habe zum Teil den Eindruck, die Ausbildung im Marketing Bereich ist in der Schweiz vor 10-15 Jahren stehen geblieben. Ich mache mir dadurch selber auch immer Gedanken was in 5 Jahren ist. Aktuell habe ich ein sehr ungutes Gefühl, insbesondere in der Gesamtsituation in der wir politisch wie auch wirtschaftlich in Europa stecken.

    Zum Schluss noch ein Wort zu Siroop: Ich habe bis heute noch nicht herausgefunden weshalb Siroop überall mit Samthandschuhen angefasst und hochgejubelt wird. Was hier in den letzten Monaten mit der bekannten Manpower auf den Boden gebracht wurde, ist für mich noch lange nicht die Rettung des Schweizer Handels. Hier ist ein Galaxus.ch und ein Brack.ch um Meilen voraus und aus meiner Sicht besser positioniert.

    Was ich bei Siroop.ch bisher sehe ist ein konsequent umgesetzter Online Marktplatz welcher aktuell nicht bedienbar ist und konzeptionelle Schwächen besitzt. Ich freue mich auch auf die Reaktion von Coop, wenn die Händler anfangen die Preise der angebotenen Waren auf dem Marktplatz zu unterbieten. So stelle ich mir auch bildlich das Gesicht eines Käufers vor, der das CHF 13’240.- teure Thömus Lightrider Bike in einen Tankstellen Shop liefern lässt und dort feststellt das er das Bike jetzt noch einstellen und montieren darf. Daher braucht es noch viele Sprints bis zum Amazon Killer, ich hoffe einfach nicht das sich der Aussen ernannte Killer plötzlich selber killt. Umgekehrt finde ich es aber toll, das sich jemand an so ein Projekt heranwagt und versucht dagegen zu halten. Dies bringt den e-Commerce Markt und die digitale Schweiz insgesammt wieder einene Schritt voran, egal wie das Ergebnis aussehen wird.

    Somit wünsche ich allen einen wunderbaren Start in das Jahr 2016 mit viel Gesundheit, Erfüllung, Glück und Erfolg. Let’s start living and thinking digital.

  4. Alexander Graf legt seine bekanntes Analysenetz (Gafa, Marken unbedeutend, , absolute Vergleichbarkeit etc) einfach mal über die Schweiz und konstatiert ohne weitere Anstrengung: Ist ja alles dasselbe, nur noch ’schlimmer‘ als in D… Noch in den 80er Jarhen hätte man ihm das als Neokolonialismus ausgelegt;-)
    In Tat und Wahrheit greift seine Analyse aber viel zu kurz, die Situation ist eher noch brenzliger für den Schweizer Dtailhandel offline und online – aber nicht wegen GAFA und Co (das kommt vielleicht noch, vielleicht auch nicht, je nachdem ob Alexander Graf mit seinen Prophezeihungen recht hat), sondern aufgrund der Schweizerischen Eigenheiten. Die muss man sich halt schon anschauen, was aber keiner besonders grossen Anstrengung bedarf…

    Die Schweiz hat ziemlich genau 2 Probleme: Sie ist verdammt klein und sie ist eine (politisch freiwillig und demokratisch konstruierte) Insel. Dies führt dazu,dass in der Scheiz die Skalierung jeder Geschäftsidee, auch im Ecommerce naturgemäss beschränkt ist (und sie ist noch mehr beschränkt durch die 2 bis 4 Landessprachen). Warum ist Digitec an Migros verkauft worden und hat nicht nach D expandiert. Wo ist Brack in D? Warum hat Ricardo nicht nach Europa ausgeholt etc.? Das selbstgewählte Insedasein als Preis- UND Kosteninsel istr dafür der wohl entscheidende Erklärungsansatz. Und so landet am Schluss fast alles bei den Dickschiffen Migros, Coop und meinetwegen auch Swisscom/SRG… letztlich bei den alteingesessenen Monopolbetreiben. Mangelnde Rekrutierungsmöglichkeiten, und mindestend doppelt so hohe Kosten wie in D (mindestens wie in Norddetuschland) machen eine europäische Expansion aus der Scheiz heraus fast unmöglich.

    DAS ist das zentrale Problem und wird langfristig zu einer Kolonialisierung der Schweizer Retail-Handels-Landschaft durch Europäische Unternehmen führen. Für Schweizer Produzenten sehe ich da nicht so schwarz: Wenn sich ihre Produkte wirklich unterscheiden und auszeichnen (und das ist gerade bei einer GAFA- und Alibaba-Ökonomie gar nicht so schwierig) und wenn die Marken leben, dann ist ein europäsciher online-Vertreib auch aus der Schweiz heraus möglich. Nur werden die zentralen Ecommercefunktionen ganz sicher nicht in der Schweiz angesiedelt sein.

    • Sehr guter Gedankengang, finde ich. Sollte es für den Schweizer Handel tatsächlich so schlecht ausgehen, müssen wir aber festlegen ob Gafa & Co. oder tatsächlich die Geofaktoren Auslöser waren. Gibt es denn noch ein anderes Land, das im Handel wie die Schweiz aufgestellt ist? Norwegen z.B.?

      • Natürlich die Geofaktoren;-)

        Aber im Ernst: Festlegen können wir das nicht… Aber zuerst greifen offensichtlich die Geofaktoren. Sonst müssten sich Brack und Co zumindest zu einer Art Zalando für die Schweiz entwickeln, das ist aber im beschränkten Markt nicht möglich. Und so landen sie dann bei Migros und Co (Digitec) – und bleiben binnenmarkt-orientiert. Weil ihnen auch nichts anderes übrigbleibt…

        Dass dann GAFA &Co mit deutlicher Verspätung auch greifen, räume ich gerne ein, wenn ich auch die Dominanz nicht ganz so absolut sehe. Ich bin ja auch kein Defätist;-)

        • Norwegen hat 5 Mio Einwohner und eine Landessprache.

          Die Schweiz knapp 8 Mio, verteilt über 3 gängige (4 formelle) Landessprachen.

          Also einiges stärker fragmentiert und m.E. nicht direkt vergleichbar.

  5. Die Schweizer stimmen diesen Sommer über ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ab.
    Die Initiatoren der Abstimmung haben offensichtlich realisiert, das die Masse der von Automatisierung, Globalisierung, Zentralisierung (amazon) betroffenen Menschen und Unternehmen keine Chance hat, weiter aktiv am Geldkreislauf teilzunehmen.
    Insofern halte ich die Diskussion und über die Auswirkungen der Digitalisierung in der Schweiz für fortgeschritten, zumindest weiter als z. B. in Deutschland.

  6. Pingback: LeShop wächst auf 176 Mio. SFr (+6,6%), Coop@Home auf 120 Mio. SFr (+5,5%) | 10 Jahre Exciting Commerce

  7. Ich stimme meine Vorrednern zu, aber hier ist noch ein entscheidender Punkt und ich hatte 2 bzw sogar 3 x das Problem im letzten Jahr und kaufe seitdem auch lieber in DE selbst zum gleichen Preis ein:

    Gewährleistung & Kulanz & rückgaberecht

    Kann doch nicht sein, man kauft etwas und muss es behalten, wenn das Produkt nicht passt, anders ist als beschrieben und man direkt übern laden mit defekten Geräten übern Tisch gezogen wird und dann nicht kulant ist

  8. Mit grossem Interesse und Engagement beteilige ich mich seit über 15 Jahren an den Diskussionen rund um den Schweizer Handelsmarkt, ich durfte selber die eine oder andere kleinere Währungskrise als Händler „mitgestalten“ und war während 8 Jahren ein Verantwortlicher eines solchen „ausländischen Anbieters“. Nachstehend meine Einschätzung zum Thema:

    Welche Branchen treiben den „offline“ Schweizer Einkaufstourismus?

    1. Lebensmittel – die Wurzel des Phänomens
    Die preislich am stärksten entkoppelten Güter sind Lebensmittel. Aufgrund einer restriktiven und bäuerlich existenzsichernden Landwirtschaftspolitik kann der Schweizer Lebensmittelmarkt in den Bereichen Milch und Fleisch, teilweise auch Gemüse, für ausländische Unternehmen als abgeschottet erklärt werden. Hingegen werden dem Individuum grosszügige Zollfreiheiten für den Eigenimport gewährt.

    Dieser Umstand führt zum Phänomen Einkaufstourismus und „Konstanzer Szenen“ wie im Bericht von Alexander erwähnt. Überspitzt formuliert stellt der Konsument mit dem Einkaufstourismus seine Kalorienzufuhr zu einem viel tieferen Preisniveau sicher – die Qualität der ausländischen Lebensmittel scheint dabei auch nicht sonderlich problematisch zu sein. Dass der Konsument dann gleichzeitig auch noch andere preisgünstige Produkte mit auf den Heimweg nimmt, ist nicht verwunderlich. Die Preisentkoppelung im Bereich Food steht am Anfang des Phänomens Einkaufstourismus.

    Übrigens: Haben Sie gewusst, dass

    – der Detailhandel Schweiz rund 50 % des Umsatzes mit Food und Near Food Artikeln generiert? In Deutschland und Österreich bewegen wir uns bei dieser Verhältniszahl bei rund 35 % zu 65 %! Man sieht also bereits an dieser Zahl, dass hier etwas nicht stimmt bzw. anders ist. Viel mehr essen und trinken wir Schweizer nämlich nicht als EU-Bürger und im BMI-Index-Vergleich sind wir meines Wissens auch recht gesund unterwegs.

    – die Schweizer Politik den Verkauf von Käse, Schoggi (Schokolade) etc. im Ausland subventioniert? D.h. Unternehmen bekommen Zuschüsse, wenn heimische Lebensmitttel ins Ausland exportiert werden? Dies mutet grotesk an (ist es auch) – der Schweizer Konsument hat aber meistens keine Ahnung von diesen Geldflüssen und empört sich (zu Recht), dass er Schweizer Produkte in der Schweiz teurer kaufen muss als im Ausland.

    Behauptung 1: Der Offline-Antrieb und Frequenztreiber für Einkaufstourismus sind die Preisunterschiede bei den Lebensmitteln.

    2. Beauty / Hygiene – kommt auch noch in den Korb
    Mit dem Einkauf von Lebensmitteln wandern natürlich auch Beauty Produkte in den Warenkorb. Auch hier stellen wir zum Teil exorbitante Preisunterschiede fest. Nun würde ich niemals behaupten oder nachweisen können, dass diese Preisunterschiede gerechtfertigt sind, aber…. wir Schweizer müssen uns in diesem Bereich wirklich auch selber an der (politischen) Nase nehmen.

    Solange wir via Gesetze und Verordnungen für jedes Gesundheits/Beautyprodukt im Vergleich zum Ausland andere Verpackungen, Deklarationen, Bewilligungen oder Sprachen wünschen, müssen wir uns nicht wundern, dass hier mit Preisdifferenzierung gearbeitet wird (oder werden muss). Skaleneffekte wirken dann einfach nicht, da häufig die Verpackung teurer ist als der Inhalt…. Wenn man dann noch überhöhten Schweizer Werbekosten dazu addiert (ich mutmasse mal dass gerade bei Beauty Produkten ein recht ansehnlicher Kostenanteil ins Marketing fliessen muss), dann muss man sich nicht unbedingt über Preisdifferenzen wundern. Selbst Graumarktimporte (aus Unternehmenssicht) sind bei Parfums etc. schwierig, der Zoll schaut da ziemlich genau drauf.

    Übrigens: Haben Sie gewusst, das

    – Fisherman’s Friend in der Schweiz als Medizinalprodukt eingestuft sind?

    – auf jeder Verpackung eines Parfums der Schweizer Importeur vermerkt sein muss?

    – Rezeptfreie Medikamente in der Schweiz im Versandhandel nicht ohne Arztrezept verkauft werden dürfen (hingegen der Konsument fast jedes im Ausland erhältliche Medi in die Schweiz schicken lassen darf)?

    Behauptung 2: Wir graben am eigenen Handelsgrab mit sinnfreien Zusatz-Vorschriften, welche hauptsächlich von Konsumentenschutzorganisationen aber auch Lobbyisten (Pharma, Bauern) getrieben sind.
    Diese beiden „geschützten“ Sortimente verursachen die hohe Frequenz des physischen Einkaufstourismus und bilden Basis / Ausgangslage für weitere Beschaffungen („wenn ich dann schon mal da bin“) und den Online-Einkaufstourismus. Womit wir bei den Themen Büchern/CD/DVD und Textilien wären, welche als Sortimente eigentlich keinen oder nur wenig Schutz durch die Politik geniessen

    Die Treiber des online Einkaufstourismus

    3. Bücher/CD/DVD – zum Glück keine Buchpreisbindung?
    Zuerst eine subjektive Einschätzung, welche wahrscheinlich nicht alle Kollegen aus dem Buchhandel teilen: Die Schweiz hat zum Glück vor einigen Jahren vorbildlich gehandelt und die Buchpreisbindung aufgehoben (zwar hat es nochmals Versuche gegeben, die Preisbindung inkl. ausländischem Onlinehandel wieder einzuführen, das Volk war dagegen). Man stelle sich vor, der Schweizer Buchhandel müsste sich heute noch an die gebundenen CHF-Preise der Verlage halten – noch weniger Konsumenten würden bei ExLibris, OrellFüssli und Co. zu Schweizer Preisen einkaufen sondern sich fast ausschliesslich bei Amazon über Lieferadressen etc. eindecken oder der alte Buchklub als Umgehungskonstrukt (Bertelsmann, NSB) hätte vielleicht noch ein wenig länger durchgehalten.

    Die Aufgabe der Buchpreisbindung hat sich damit in meiner Auslegeordnung im Nachhinein als Glücksentscheid erwiesen, da der Preisdruck im Markt schon vor Jahren aufgebaut wurde und man im Schweizer Buchhandel heute zu recht guten Preisen fast jedes Buch bekommt. Wenn ein Deutscher Konsument Glück hat, kann er heute u.U. ein Buch in der Schweiz günstiger kaufen als im Heimmarkt (so zum Beispiel das E-Commerce Buch vom Alexander Graf – hat Thomas Lang doch mal getweetet…).

    Der Schweizer Buchhandel kämpft abgesehen von der digitalen Substitution erstaunlich gut gegen Amazon. Langfristig wird aber die Digitalisierung die Schlacht entscheiden und die Buch/Musik/Film Branche weiter durchschütteln, wobei Amazon hier mit Kindle, Prime und Co ebenfalls dazu beitragen wird.

    Behauptung 3: Der Handel mit Büchern / Musik / Film wird nicht nur von Amazon bedrängt, die Digitalisierung dürfte der stärkere „Problemtreiber“ sein. Der Effekt des Einkaufstourismus bzw. Amazon ist nicht wegzudiskutieren, aber die Schweizer Anbieter geben ihre Position nicht kampflos auf.

    4. Textilien – haben wir wirklich ein Problem oder ist es vielleicht gar nicht so wahnsinnig anders wie vor 10 Jahren?

    Sind wir mal ehrlich: Wahrscheinlich werden schon seit über 10 Jahren mehr als 50 % der Textilien bei Unternehmen mit ausländischen Wurzeln gekauft. Diverse ursprünglich starke Schweizer Textil-Händler sind in ausländischen Händen aufgegangen (Ackermann, Veillon, Dosenbach) oder ganz verschwunden (länger schon Spengler, EPA, ABM, kürzlich Bernies, Companies, … ). Noch aktive Schweizer Anbieter wie PKZ, Manor, Schild/Globus, Vögele oder Jelmoli (Warenhaus) kämpfen nicht nur mit dem boomenden Online-Handel.

    Eigentlich treiben seit Jahren ausländische Anbieter wie H&M, C&A, Zara, Deichmann, Otto-Gruppe und neu halt auch Zalando den Schweizer Textil-Handel vor sich her.

    Umgekehrt formuliert würde ich also nicht von einer Online-Krise von Schweizer Textilhändlern sprechen sondern einfach mal unterstellen, dass die generelle Internationalisierung im Textilhandel die Schweiz schon vor dem Onlinehandel erfasst hat und es kein massentaugliches Format aus der Schweiz in die Welt hinaus geschafft hat. Auch nicht im Online-Zeitalter – warum auch? Man bewegt sich als Händler in der Schweiz zu Anfang einfach in einem kleinen und komplizierten Heimmarkt und es braucht schon Rückgrat und einiges an Kapital um heute noch den textilen Handel umkrempeln zu wollen.

    Hingegen gibt es bei den Herstellern durchaus die eine oder andere löbliche Ausnahme mit Schweizer Ownership (Akris, Mammut, Freitag, Calida, Zimmerli, Strellson, Odlo, LaCoste etc.), sie machen auch international einen guten Job, ich hoffe das hält noch eine Weile an.

    Nun fällt mir dann doch noch einer ein, der den Fashion Markt als Händler aufgemischt hat – allerdings nicht in, sondern aus der Schweiz heraus in Osteuropa: FashionDays wurde von Schweizern gegründet, aus der Schweiz „gesteuert“ und hat in Osteuropa eine sehr starke Stellung aufbauen können. Mittlerweile wurde aber das Unternehmen an Naspers verkauft und die Gründer sind aus dem Unternehmen ausgeschieden. Somit dürfte auch das Headquarter nicht mehr lange in der Schweiz sein.

    Und noch einer: Die Holy Fashion Group hat ihren Sitz in der Schweiz (amüsant: in Kreuzlingen direkt bei Konstanz) und macht meines Erachtens einen durchaus guten Job in Sachen Brandaufbau mit Strellson, Joop! und Windsor – ich kann aber nicht auf Anhieb feststellen ob es ein Urschweizer Unternehmen war… Der ehemalige CEO Rainer Pichler (danach kurz bei s.oliver, seit kurzem bei Calida) hatte grosse Pläne (wobei er 2004 um online noch einen grossen Bogen machte) und sein Nachfolger Marcel Braun wohl ebenfalls. Sie sitzen in der Schweiz, aber man liest halt nicht so viel von Ihnen.

    Tja und dann sollte man die Ostschweizer Haute Couture Produzenten (Akris) nicht vergessen. Frau Präsidentin Obama, Cameron Diaz, die Prinzessin von Monaco oder wie auch immer tragen Produkte aus der Ostschweiz und Akris kann man heute auch online erstehen.

    Also: Es ist keine Schweizer Online-Textilhandelskrise oder was auch immer, es ist ein „Problem“ der Massentauglichkeit und der Visionen von Schweizer Textilhändlern in der Schweiz. Solange der Markt wenig transparent und der Kunde regional „orientiert“ war, konnten textile Handelskonzepte in der Schweiz gedeihen und der eine oder andere Händler hat auch den Schritt ins Ausland gewagt. Heute ist der Markt transparent und global.

    Noch sind in der Schweiz ein paar sehr schöne international gut aufgestellte Marken zu Hause. Und ich glaube nach wie vor, dass aus Schweizer Sicht der Produktmarke und nicht unbedingt der Handelsmarke die Zukunft gehört. Aber auch eine Produktmarke zu sein ist eine echte Herausforderung.

    Behauptung 4: Der heutige Zustand mit ausländischer Textil-Handelsdominanz ist nicht einzig und allein auf den Online-Handel sondern auf die Entwicklungen um die Jahrtausendwende mit starken Verticals zurückzuführen. Der Online-Handel treibt die damals eingeleitete Entwicklung nun weiter.

    5. Heimelektronik – in Schweizer Händen

    Die umsatzstärkste Online-Branche in der Schweiz ist Heimelektronik. Und nein, es hat nichts oder nur wenig mit hohen Preisen und Steckern zu tun. Im Gegenteil: Die Preise sind tief, zum Teil tiefer als in vielen Europäischen Ländern (inkl. Deutschland). Warum dem so ist, ist wirklich schwierig nachzuweisen. Meine These:

    Wir hatten sehr früh einen „Rule-Breaker“ mit digitec im Online Markt – konsequente Graumarktpolitik gepaart mit jungunternehmerischem Geschick hat unglaublich Wind in den Markt gebracht (heute gehört digitec zur Migros).
    Die Migros hat in früheren Jahren mit M-Electronic sehr starke Eigenmarken-Politik betrieben und damit den etablierten Industriemarken Paroli geboten (macht Migros heute eigentlich noch Eigenmarken im Electronic Bereich?). Dies hat Druck auf das Preisniveau von Industriemarken in der Schweiz ausgeübt.
    Media Markt hat die Schweiz relativ früh „erobert“ und im Gegensatz zum Bereich Lebensmittel oder Textilien die „Geiz-ist-Geil“ Mentalität in den Markt getragen – für einmal haben es die Schweizer gedankt . Bei Aldi und Lidl war das bislang noch nicht so wahnsinnig erfolgreich – auch wenn beide sich kontinuierlich vorwärts entwicklen.
    Heute geniessen wir in der Schweiz einen hochstehenden Wettbewerb unter den Heimelektronik-Anbietern und wir können zwischen preisagressiven und serviceorientierten Anbietern bei hoher Liefergeschwindigkeit auswählen.

    Behauptung 5: Es dürfte im Heimelektronik Markt für Amazon und Co kurzfristig teuer werden, den Heimelektronikmarkt platt zu walzen. (Und ja, der CH-Stecker ist dann am Schluss schon auch immer wieder eine Hürde)

    Aber eigentlich wollte Alexander Graf ja Rückmeldungen zu seinen Thesen:

    #1: Einverstanden.
    Gilt für den Grossteil der Online-Käufer, und es werden natürlich immer mehr. Das Beispiel Festplatte oder Elektronik ist aber ganz schlecht gewählt. Grade im Marken-Elektronikbereich(homogene Güter) haben wir erstaunlicherweise ein kompetitives Preisniveau – häufig sogar günstiger als in Deutschland. Hingegen schätzen die Schweizer Konsumenten natürlich die unglaubliche Angebotsvielfalt und das attraktive Preisniveau auf ausländischen Markplätzen auch.

    Ich bin aber mit dir einig, dass bei homogenen Produkten eine nicht umkehrbare Bewegung in Richtung dieser Plattformen den Handel brachial verändern wird und vielleicht auch der eine oder andere ausländische Elektronikhändler seinen Platz in der Schweiz finden kann. (siehe auch mein Referat: Cross Border Provokationen). Dies wird insbesondere dann der Fall sein, wenn solche Importe ohne Entäuschungen und Hürden (Zusatzkosten, Verzögerungen) für Konsumenten möglich gemacht werden und ebenfalls in akzeptabler Laufzeit erfolgen.

    Ich bin mit dir einverstanden, dass die Grundidee von siroop sehr spannend und für den traditionellen Schweizer Handel ein Strohhalm sein müsste. Man muss sich aber einfach auch bewusst sein, dass der Weg dahin ein sehr langer ist und am Schluss die Masse den Takt bestimmt. Die Frage in dieser Konstellation wird dann lauten: „Wer führt bei siroop die Masse zu?“ und „Wie kann die dezentrale, lokale Komplexität der Logistikprozesse abgebildet und für die Kundenzufriedenheit sichergestellt werden?“. Ich wünsche mir, dass es gelingt!

    #2: Bedingt einverstanden.
    Gilt meines Erachtens für Industriemarken in der preislichen Mitte und Masse, was ja vor allem die SRF-Fragestellung in Bezug auf den „traditionellen“ Handel angeht.

    In der Tat sehe ich derzeit das grösste Problem mit den China-Direktimporten heranwachsen. Dort geht es dann jedoch kaum mehr um Markenprodukte sondern einfach um billige „Ware“, welche ohne jeglichen Zwischenhandel beim Konsumenten landet.

    Nicht einverstanden bin ich mit der Aussage „Abgesehen davon, dass auch Schweizer Produkte nur mehr von ihrem Ruf leben“. Natürlich gibt es solche Produkte, welche noch vom Ruf zerren. Es gibt aber immer wieder neue Schweizer Konsum-Produkte, welche die Welt in einem grösseren oder kleineren Segment ein wenig erobern können. Nespresso, Babynes, Swatch, Victorinox, Freitag, Blacksocks (.. ein Händler)…. Man kann debattieren ob diese in der online Welt überleben werden (sie werden fleissig kopiert), aber dass sie nur von ihrem Ruf leben, dagegen würde ich mich dann schon wehren.

    #3: Einverstanden.
    Die Marken und Hersteller gehen direkt an den Kunden, ob es der Händler so wahrhaben möchte oder nicht. Die eine oder andere kommunikative Beruhigungspille hier, ein kleines Entgegenkommen da – die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

    Auf die andere Seite kann ich mir schon vorstellen, dass es grade den Herrn Cochero im Kleinen weiter geben wird und er auch ein für ihn rentables Geschäft betreiben kann. Er wird nicht wahnsinnig reich damit, aber er kann sich seinen Lebensunterhalt bestreiten, vielleicht ein Auto besitzen und in die Ferien fahren.

    Gleichzeitig ist das aber genau der Problembeschrieb des Schweizer Handels. Im Kleinen kann noch was bestehen, reicht es aber aus mit vielen solchen Kleinst-Unternehmen für die Volkswirtschaft relevanten Nutzen zu stiften (hundertausende Arbeitsplätze, Mieten, Werbeausgaben etc)?

    Learnings?

    – Währung: Eine starke Überbewertung der Heim-Währung aus Sicht des Konsumenten stellt heute jede Handelslandschaft vor riesige Herausforderungen. Das Argument „teuer“ brennt sich im Konsumentenhirn ein und ist kaum mehr zu eliminieren.
    – Zölle: Einziger Steuerungsmechanismus wären Zölle (nicht das ich das für sinnvoll erachte), welche für alle (Konsumenten und Unternehmen) identisch ausgestaltet sind. Sobald eine Partei Vorteile geniesst, funktioniert das System Zoll nicht mehr. In der Schweiz funktioniert es derzeit zugunsten der Konsumenten, der Handel ist ganz klar im Nachteil.
    – Deklarationsvorschriften: dito. Wenn der Händler im Heimmarkt gegenüber den Konsumenten in Bezug auf Deklarationspflichten schlechter gestellt ist, kann kein Gleichgewicht entstehen. In der Schweiz hat derzeit der Konsument einfachere Ausweichmöglichkeiten
    – MWST: Wenn Zoll und Deklarationsvorschriften mit MWST-Vorteilen gepaart werden, wirkt dies für den EInkaufstourismus online wie offline wie ein Turbo. Derzeit geniessen Schweizer Konsumenten im EU-Raum MWST-Steuervorteile.
    Es wäre eigentlich an der Zeit, sich endlich zu fragen, warum ein ausländischer Konsument in der EU heute überhaupt noch MWST zurückverlangen kann…
    – Je früher in einem Bereich harter Wettbewerb entsteht, desto eher stellt sich der Handel darauf ein und profitiert der Konsument.

    Wenn wir diese Szenarien weiterspinnen, kann der Handel irgendwann kaum mehr Mitarbeiter beschäftigen, weil er kontinuierlich genötigt wird Preisdifferenzen zum Ausland aufgrund einer überbewerteten Währung zu korrigieren. Dies wird uns grösste volkswirtschaftliche Probleme bescheren, wenn sich an der Währungsfront nichts ändert. Und hier denke ich nicht nur an Arbeitslosigkeit (was selbstredend das grösste und nächste Problem ist). Ich denke an sinkende MWST- und Gewinn-Steuereinnahmen, an sinkende Liegenschaftenrenditen von Gewerbeliegenschaften und daraus abgeleitet an leidende Pensionskassenverzinsung. Ich denke an ökologische Auswirkungen, Infrastrukturprobleme und und und…

    Was interessiert’s den Homo Oeconomicus?

    All diese Argumente, Herleitungen und Begründungen interessieren den Konsumenten in keiner Weise, null, nada. Er optimiert und profitiert mehrheitlich was das Zeugs hält. Und dies wird der Schweizer Handel 2016 ff zu spüren bekommen. Leider bekommen es auch die vielen Handelsangestellten zu spüren. Mir wäre immer noch ein höheres Preisniveau mit guter Beschäftigung lieber, damit das Perpetuum noch ein wenig weiter dreht. Ich träume weiter…

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