Sport Tiedje Update mit Christian Grau, Supply Chain, Peloton und Fitness Trends

59:40

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Christian Grau war schon 2x zu Gast im Podcast und hat als führender Fitnessgerätehändler in Europa immer wieder eine Menge zu erzählen. Außerdem sind wir quasi Nachbarn in Schleswig Holstein und da müssen wir diese Geschichte per se aktuell halten. Die Umsatzkurve ging auch bei Christian in den letzten beiden Jahren steil nach oben. Ob das so bleibt, warum die hohen Frachtraten dazu führen, dass schlaue Menschen lieber zeitnah ihrer Fitnessgeräte kaufen sollten und was er von Peloton hält, besprechen wir im Podcast.

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Sport- und Heimfitness-Update mit Christian Grau, Inhaber und CEO von Sport Tiedje

Sport Tiedje aus Schleswig ist der mit Abstand größte Hersteller von Fitness-Geräten in Europa – und das wissen treue Kassenzone-Leser spätestens seitdem Geschäftsführer Christian vor gut zwei Jahren bei Alex zu Gast war. Damals erzählte der „Basketballer, der Informatiker hätte werden sollen“, wie er von Schleswig aus einen europäischen Marktführer mit einem Umsatz im dreistelligen Millionenbereich aufbaute. Danach traf ihn Alex nach der heißen Phase der Corona-Krise erneut, um zu erfahren, wie in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen und Sportstudioschließungen die Nachfrage für Heimfitness-Geräte in die Höhe schoss – und wie der in neun europäischen Märkten vertretene Omnichannel-Händler diese Nachfrage bediente. Was nun in der anhaltend zähen Corona-Zeit in der Heimfitness-Branche passiert und was Sport Tiedje vorhat – und was die Zukunftsaussichten von Peloton & Co. sind: All das erfahren wir in diesem dritten Gespräch mit Christian.

„Zumindest hatten die Jungs ein gutes Training in der Zeit!“

4:55

Alex: Als wir 2019 zum ersten Mal sprachen, blicktest du zurück auf das Jahr 2018. Da wart ihr nicht mal die Hälfte so groß wie jetzt, oder?

Christian: Von 2019 auf 2020 legten wir 55% zu und landeten bei gut 130 Millionen Umsatz.

Alex: Krasses Wachstum! Ende 2019 trat ja Corona ein. Aber schon davor war eine Konsolidierung im Markt: Karstadt Sport schied aus, bei SportCheck war nicht so klar, wie es weiter geht. Dabei war der Trend zum Heimtraining schon damals ausgeprägt. Was ist denn in den letzten zwei Jahren alles passiert?

Christian: Ja, auch schon vor Corona war Heimfitness ein Thema, das uns alle betraf. Wir werden nämlich alle immer älter und müssen länger arbeiten. Also müssen wir auf uns selber aufpassen – und sich mit 65 als Senior in seinen Schaukelstuhl setzen… Das stimmt nicht mehr mit der Lebensrealität überein. Man will eher noch mit 80 mit den Enkeln auf dem Bolzplatz rumkicken! Dazu kommt der Makrotrend Urbanisierung: Wir ziehen alle in die Großstädte und haben immer weniger Platz. Das ist alles prädestiniert für Heimfitness.

Dennoch fristete das Thema lange Zeit ein Schattendasein. Im Handel freut man sich eigentlich gar nicht drüber: Bedeuten die Geräte doch relativ viel Aufwand, während man ein T-Shirt einfach über den Tresen reichen kann. Zudem kann das jede 400-Euro-Kraft. Bei Fitnessgeräten muss der Verkäufer aber viel mehr Beratung anbieten. Deswegen sind die klassischen Anbieter wie Karstadt Sport und Sportscheck da rausgegangen.

So sind wir gewachsen – auch durch Zukäufe in UK und Holland – und haben uns immer weiter professionalisiert. Eigene Marken haben wir aufgebaut und immer wieder einen Laden, ein Land aufgemacht. All das verlief verhältnismäßig ruhig – bis Anfang 2020 Corona über uns hereinbrach. Ende Januar waren wir in München auf der Weltmesse des Sports gewesen und parallel kamen die ersten Fälle dort an…

(Christian rekapituliert die Geschichte der frühen Pandemie aus seiner Sicht, wie er sie im zweiten Podcast letzten Sommer erzählte. Kurzfassung: Er bekam früh Wind davon, weil er einen Mitarbeiter in Hubei hatte. So viel für auf Vorrat konnte er aber gar nicht aus Asien beziehen, bevor Mitte März alle Fitnessstudios in Europa schließen mussten und die Nachfrage förmlich explodierte. Alles von Hanteln und Kleingeräten bis hin zu Spinningrädern: Die Kunden haben Sport Tiedje über Nacht die Läden und Läger leergemacht. Und gerade in Märkten wie Frankreich, wo man im Frühjahr 2020 sich nicht mal mehr als einen Kilometer weg von Hause entfernen durfte, stieg die Nachfrage für Cardio-Geräte wie Laufbänder durch die Decke. Sport Tiedje kam einfach nicht mehr hinterher und stellte alles Werbung ein.)

11:00

Alex: Also war nach den ersten Lockdowns bei euch alles leergekauft – und dann fingen die Probleme in den internationalen Lieferketten an, was?

Christian: Indoor-Cylces und Spinningbikes: Da ging gar nichts. Hantelscheiben und Kettlebells auch. Im Sommer waren viele Schulen in Deutschland auch noch geschlossen und alle Kinder zu Hause: Dann kaufte man uns alle Trampoline, Tischtennisplatten usw. weg. Das war auch in anderen Branchen so: Fahrräder, Aufstell-Pools für den Garten… Alles überhaupt nicht zu kriegen!

Nehmen wir Tischtennistischen. Da gibt es zwei große europäische Fertigungen – eine davon in Frankreich. Coronabedingt war diese monatelang geschlossen. Die andere im Osten Deutschlands wartete derweil ewig auf Zulieferteile. Das war absolute Mangelverwaltung. Mittlerweile haben wir recht viel aufgeholt, aber es gibt Stand jetzt immer noch 54 Bestellungen aus 2020, die noch nicht ausgeliefert worden sind!

In China waren nach dem harten Kurs der ersten Monate bald wieder alle Fabriken geöffnet – und sie sind Volllast gefahren, weil die Nachfrage ja überall angestiegen war.

Alex: Ist Heimfitness denn ein globales Thema?

Christian: Das hängt sehr vom jeweiligen Markt ab. Bei uns war die Nachfrage schon hoch, in UK noch stärker ausgeprägt. Ganz extrem war es allerdings in Australien. Sie hatten ja anderthalb Jahre einen kompletten Lockdown: Man durfte gar nicht raus. Gerade erst seit ein paar Monaten ist dort gelockert worden.

Das heißt: Alles was ging, konnte man nach Australien verschiffen. Unsere asiatischen Lieferanten haben also alles dorthin verkauft. Das war für uns eine blöde Situation. Wir hatten zwar vorbestellt, wären aber erst Monate später zum Zuge gekommen. Dann ging es los: „Wir hätten doch noch morgen eine Produktionszeit frei. Die kostet dann allerdings 20% mehr. Außer jemand anderes bietet noch mehr…“

Alex: Habt ihr auch unter dem Schiffstau mit dem Evergiven gelitten?

Christian: Auf der Evergiven waren drei Container für uns! Und im Fitnessraum der Evergiven hatten wir eigene Geräte – Wir statten ja auch Schiffe aus. Zumindest hatten die Jungs ein gutes Training in der Zeit! Noch schlimmer: Direkt hinter dem Evergiven stand ein Schiff mit dreißig Containern für uns… Da hat sich alles ewig zurückgestaut und dann fuhren Schiffe außen um Afrika rum – mit dem Ergebnis, dass dann eine Menge Sachen parallel in Hamburg ankam. Das war ein ziemliches Chaos.

14:30

Alex: Jetzt hat aber jeder, der ein Spinning-Rad unbedingt wollte, eins auch bekommen. Lässt sich denn das Umsatzniveau im kommenden Jahr halten? Geht das Corona-Wachstum weiter und fallt ihr auf die 10%-20% im Jahr zurück, die ihr vor der Krise hattet? Denn ihr hattet ja auf einmal viele Kunden, die eigentlich lieber ins Fitnessstudio gegangen wären.

Christian: Dieses Jahr werden wir den letztjährigen Umsatz schlagen. Und zum Thema „alle haben jetzt ihr Spinning-Rad“: Alleine am vergangenen Samstag hat sich unser bestverkauftes Rad 2020 wieder 53 Mal verkauft! Noch können die Leute ins Fitnessstudio, aber in Österreich darf man als Ungeimpfter kaum noch aus dem Haus und in Holland geht das alles wieder los… Da sind viele Leute, die letztes Jahr noch gezögert haben oder schlichtweg nicht zum Zuge kamen. Jetzt bereiten sie sich vor. Es ist auch sinnvoll, jetzt zu kaufen, weil die Preise auch steigen.

Und ich glaube nicht unbedingt, dass die Leute wieder wie vorher ins Fitnessstudio gehen. Es gibt Gruppen, die wollen wieder dorthin: Für junge Leute ist es wohl ein Treff, so eine Art Kontaktbörse – so etwas wie der Autoscooter-Markt damals, als wir in dem Alter waren. Sonst spiegelt sich das neue hybride Arbeiten im Verhalten mit Fitnessstudios: mal im Büro, mal zu Hause; mal im Fitnessstudio, mal zu Hause. Wenn ich also eine Cardio-Einheit machen will und an dem Tag eh zu Hause arbeite, muss ich nicht unbedingt ins Fitnessstudio fahren, um festzustellen, dass mein Lieblingslaufband da gerade besetzt ist. Viele Leute, die in der Stadt arbeiten, trainieren in der Nähe vom Arbeitsplatz auf dem Rückweg. Wenn sie aber im Home-Office sind, gehen sie gar nicht erst in die Stadt. Es bildet sich also eine Art hybrides Trainingsmodell heraus. Zu Hause hat man dann paar Hanteln und ein Rudergerät stehen, um dort eine Einheit absolvieren zu können.

(Auf das Stichwort „Rudergerät“ hin erinnert sich Alex, wie er Christian kennenlernte: Langjährige Kassenzone-Leser wissen mehr! Rudergeräte seien auch nach wie vor stark im Trend. Christian findet das auch aus fachmännischer Sicht deswegen gut, weil das kombinierte Cardio-, Kraft- und Rückentraining das perfekte Gegenmittel zum vielen Sitzen sei. Alex und Christian fachsimpeln über Wasserrudergeräte sowie Lamellen-Laufbänder, die man mit eigenem Körpergewicht bewegt.)

20:20

Alex: Ihr habt euch seit dem letzten Podcast quasi verdoppelt – und baut jetzt bei Rendsburg ein riesiges Logistikzentrum. Die Verdoppelung musstet ihr aber noch mit bestehenden Strukturen bewältigen. Wie ging das? Das war ja Stand 2019 nicht geplant…

Christian: Als wir sahen, was damals in Asien anlief, fingen wir an, uns zu bevorraten – mit allem, was irgendwo aufzutreiben war. Allerdings war das lagerflächentechnisch insofern kein Problem, als alles, was reinkam, direkt wieder versandt wurde. Da sagte der Steuerberater: „Das, was ihr macht, geht gar nicht. Ihr könnt nicht mit dem gleichen Warenbestand auf dem Papier  55% mehr Umsatz machen! Das ist betriebswirtschaftlich nicht möglich!“ Aber: So hoch war die Nachfrage. Lieferung rein, Ware umetikettiert, Artikel raus.

Um der Nachfrage, die in den kommenden Wochen auf uns zukommt, gerecht zu werden, haben wir nun neben unserem bestehenden zentralen Hochregallager mit so 28.000m² für den Überhang fünf weitere externen Zusatzlager in Deutschland mit dazu genommen; und davor haben wir zwei Lagerflächen geschaltet, wo Container erstmal hinkommen und lastzugweise abgerufen werden. Ergebnis: Jetzt haben wir extern genauso viel Ware liegen wie im eigenen Lager. So können wir trotz der massiven Störungen in der supply chain nach wie vor eine gute Auswahl bieten.

Alex: Werden Produkte denn wegen der Lieferkettenstörungen auch teurer? Der Chipmangel wirkt sich bestimmt auch noch auf Fitnessgeräte aus und Seefrachtengpässe spielen bestimmt mit rein.

Christian: Fitnessgeräte sind grob gesagt eigentlich viel zu billig. Für einen kleinen Klumpen Metall in der Form Smartphone kann man ja bis zu 1.000 Euro ausgeben. Viele Kunden erwarten aber, dass man sich mit 100 Euro einen Heimtrainer leisten kann. Das ist irgendwie schwierig.

Hinzu kommt, dass die Rohstoffpreise gewaltig gestiegen sind: Auch Kunststoff und selbst Kartonage ist betroffen! Seefrachtraten haben sich zudem versiebenfacht. Statt 2.000 Dollar von Asien nach Hamburg zahlt man jetzt zwischen 14.000 und 18.000 Dollar pro Container. Lassen wir mal 200 Box-Säcke drinnen sein: Allein der Transport kostet also bis zu 90 Dollar pro Box-Sack. Den kann man nicht mehr für 150 Euro verkaufen. Der Zuwachs an Kosten ist heftig – und es ist kein Ende abzusehen.

Und dann die Microchips. In jedem Laufband, in jedem Spinning-Rad ist ein Chip – viele haben WiFi- oder Bluetooth-Chips und das sind gerade diejenigen, die im Markt am Knappsten sind. Zunehmend werden Lieferanten gefälschte Chips angedreht. Das ist wirkliche Kriminalität!

(Oben drauf komme noch die Stabilisierung der stark beanspruchten Stromnetze in China. Lieferanten dort bekämen mittlerweile SMS in der Nacht, wie viel Strom sie am nächsten Tag abnehmen dürfen – meistens 10%-50% des üblichen Bedarfs – und müssen ihre Produktion entsprechend drosseln… Das führe zwar zu innovativen Lösungen – und teilweise mehr Klimaschutz – könne aber nicht ewig so weitergehen. Alex sieht hier viel Potenzial, die Produktion in China umweltfreundlicher zu gestalten. Jedenfalls werde die Zukunft teurer, was Geräte betrifft, so Christian. Zum Glück sei die Nachfrage im Markt ja nach wie vor hoch und die Kunden gingen Preissteigerungen mit.)

28:25

Alex: Gefühlt kamen in den letzten zwei Jahren die meisten neuen Bikes für Zuhause von Peloton. Als wir uns das erste Mal sprachen, waren sie recht jung. Und als wir sie im zweiten Podcast besprachen, waren sie noch nicht an der Börse. Angeblich haben sie den Heimfitness-Markt revolutioniert – vor allem mit der Kombination aus eigenen Geräten und Ökosystem. Wie siehst du das?

Christian: Differenziert! Ich kenne das Unternehmen von Anfang an – und kenne sogar die Fabrik, die jetzt Peloton gehört. Wir haben schon länger Spinning-Bikes vertrieben. Obwohl: Spinning ist ja eine geschützte Marke und man müsste an der Stelle eher „Indoor-Cycles“ sagen. Jedenfalls kenne ich den gesamten Kosmos.

Sagen wir es mal so: Das Bike ist okay. Aber für den Preis gibt es aus meiner Sicht deutlich besseres. Wo sie einen guten Job gemacht haben: Marketing. Auf einmal sah man einen Werbespot vor der Tagesschau mit Indoor-Training! Ich bleibe aber skeptisch, wie lange man deren App tatsächlich nutzt und ob man dafür so viel Geld ausgeben möchte.

Sie sind auch immer günstiger geworden. Neben dem Top-Bike für 2.500 gibt es jetzt ein kleineres für 1.500 Euro. Die monatliche App-Gebühr liegt bei rund 35 Euro – und wenn du die App nicht aktuell laufen hast, hat die Anzeige auf dem Bike den sex appeal eines Taschenrechners. Indoor-Cycling lebt davon, dass du in der Gruppe bist und jemand dich anschreit: „Hier, komm Alex, gib alles!“ Das macht Peloton gut. Aber: Ist ein Haufen Geld!

Man sieht, dass immer mehr Anbieter in diesen Markt reingehen – was an den immer größer werdenden Werbekosen von Peloton abzulesen ist. Zudem sind auch bei ihnen die Produktions- und Logistikkosten stark gestiegen.

(Das korreliert mit den Erwartungen an der Börse, das es für Peloton ungemütlich werden kann: Der Wert der Aktie habe sich von der Spitze gedrittelt. Und Geld verdienen sie noch keins. Nichtdestotrotz habe das Unternehmen viele Bikes in den Markt gebracht und könne diese mit Inhalten und seinen Trainern bespielen. Christian rechnet auf Basis seiner aus einem Podcast mit dem CEO von Peloton aufgefassten Informationen vor, dass das Modell finanziell langfristig nicht aufgehe. Die Bikes sind zu günstig und die Marketingkosten zu hoch geworden, als dass man das wieder über die App reinspielen könne. Zumal es mittlerweile viele andere Bikes und Apps gibt, die vom Preis und von den Konditionen her attraktiver seien. Christians Fazit: Bei einer Bewertung von immer noch 15 Milliarden und einem Umsatz von 4 Milliarden mit mehreren 100 Millionen Verlusten wäre ihm die Peloton-Aktie zu teuer! Achtung: keine Anlageberatung!)

36:35

Alex: Ist die Logik aber nicht – etwa wie bei Apple – , dass das Gerät und die App so teuer sind, dass die Nutzer hochwertig sein müssen? Also haben sie paar Millionen Hochverdiener als User mit lock-in-Effekt. Das kann nicht jeder, der gute Bikes bauen kann: so ein Schwinn, zum Beispiel…

Christian: Schwinn hat doch eine Plattform namens Journey. Das Unternehmen gehört zum Nautilus-Konzern – auch Amerikaner, auch börsennotiert. Um das in Relation zu Peloton zu setzen: Sie machen 600 Millionen Euro Umsatz und sind nicht einmal mit 300 Millionen bewertet. Sie haben aber auch paar 100.000 Nutzer in ihrer App, die schnell wächst und mit massiven Investitionen ausgebaut wird.

Dann gibt es in USA noch iFit. Das ist der weltgrößte Sportgerätehersteller mit Milliardenumsätzen. Schon seit der Jahrtausendwende läuft seine Plattform iFit mit Ernährung & Co. und er bietet Apps für 10-15 Euro im Monat an, bei denen du aus meiner Sicht mehr kriegst, als mit Peloton. Zumal es bei mir so ist, dass ich persönlich beim Training gern meine Ruhe habe und überhaupt nicht darauf stehe, wenn irgendwelche Leute mich anschreien…

(Christian mag deswegen Hydro – ein Peloton-artiges Rudergerät – so gar nicht. Alles Geschmackssache zwar, aber für ihn persönlich habe das Ganze mit Communities seine Grenzen. Alex gibt sich gespannt, wie es mit Peloton weitergeht, bevor er zum nächsten Trendthema kommt.)

40:40

Alex: Ich habe mitbekommen, dass es jetzt „Fitnessspiegel“ gibt – so riesige Displays, vor denen man trainiert.

Christian: Ja, die kommen von einer US-Firma namens Mirror, die von Lululemon aufgekauft wurde. Letzteres ist ja auch börsennotiert und hat für Mirror rund 500 Millionen Dollar bezahlt. Damals, zu Beginn der Pandemie, machte Mirror höchstens 270 Millionen Dollar Umsatz. Im Grunde genommen ist das ein großer Fernsehbildschirm mit Bewegungssensoren. Die gucken, wie du dich bewegst und blenden dir entsprechend einen Workout ein.

Alex: Kann das aber nicht bereits ein Switch?

Christian: Klar! Auch unser 15-Jahre-altes Wii kann das, wenn du den Controller in der Hand hältst. Der Unterschied ist hierbei, dass du einen großen Spiegel stehen hast, der aber nur dann funktioniert, wenn du ihn anschaltest. Das finde ich blöd, weil er sonst eine Funktion hätte haben können, wenn der ohnehin im Schlafzimmer hängt! Im Betrieb hast du quasi eine Einblendung von einer iPad und siehst so eine Art YouTube-Video; deinen Pulsmesser kannst du zudem damit verbinden. Die Übungen, die dir angezeigt werden, sollst du dann nachmachen.

Alex: Aber du siehst dich selber dabei nicht?

Christian: Du kannst auch dich sehen oder dir je nach Plattform sogar Personal-Training darüber holen. VAHA von Valerie Bonström, der Gründerin von MissSporty, bietet das an. Das ist – wie ich finde – ein Nischenprodukt, an das ich nicht wirklich glaube. Ein Spiegel sollte auch spiegeln, selbst wenn der nicht an ist. Und YouTube-Videos kann mir auch auf dem Fernseher angucken, anstatt mir das auf einem Display einblenden zu lassen. Es ist alles gut gemacht, aber nicht nachhaltig. Denn auch das ist alles keine Raketenwissenschaft und bald werden die Preise für die Mirrors fallen und immer mehr neue Anbieter reindrängen…

(Was sich Christian eher spezifisch bei der Firma Mirror vorstellen kann: Lululemon sei ja eigentlich ein Bekleidungshersteller und habe es mit dem Mirror geschafft, bei seinen Kunden zu Hause reinzukommen. Das sei also ein schlauer Kundenzugang für Lululemon, wenn es darum gehe, die neueste Fitnesskollektion zu präsentieren.)

46:15

Alex: Importe aus China werden teurer und schwieriger. Ergibt es eigentlich Sinn, wieder in Europa zu produzieren, um von hier aus versenden zu können?

Christian: Wir versuchen grundsätzlich zu diversifizieren. Unsere Eigenmarken, die uns sehr wichtig sind, kommen derzeit zum größten Teil aus Asien: In Taiwan und in China haben wir unsere eigenen Einkäufer, die versuchen, die Umfänge regional zu verteilen, um von eventuellen Lockdowns nicht betroffen zu sein. Wir gucken aber schon, wo wir sonst produzieren könnten.

Im Bereich Hantelscheiben haben wir mit der deutschen Fertigung losgelegt. Das ist eigentlich ein Irrsinn, insofern als die ersten Produkte, die so ein Kettler damals im Ausland hat produzieren lassen, die Hanteln waren. Wir brauchen aber beste Qualität, höchste Umweltverträglichkeit und schnellere Lieferketten. So haben wir ein befreundetes Unternehmen AKO, dem zusätzlich unser Zentrallager mitgehört: Sie fertigen so Drainage-Teile wie Gullydeckel sowie Teile für Geländewagen & Co. und betreiben daher eine eigene Gießerei. Sie sitzen in Kaiserslautern und fertigen jetzt unsere erste Serie Hantelscheiben aus deutscher Produktion. Höchste Qualität, minimale Gewichtsabweichung und Top-Finish. Preis: höher als in Asien. Aber: Die Ware hat man hier und die Ökobilanz ist besser.

(Alex gibt auf Sport-Tiedje.de parallel „Hantelscheiben“ ein und wird auf ein Feature aufmerksam: Eine Tabelle zeigt an, welche Gewichte wann verfügbar sind. Das habe man im Zuge der Corona-Lieferschwierigkeiten eingebaut, bejaht Christian die sich anschließende Frage. Aus Sicht des Kundenerlebnisses sei es viel besser und spare dem Service-Team die Bearbeitung von vielen Anfragen.)

50:05

Alex: Egal mit wem ich rede, höre ich: „Wir finden keine Mitarbeiter! Wir müssen unsere Mitarbeiter halten!“ Jetzt baut ihr ein größeres Lager und braucht bestimmt mehr Mitarbeiter. Wie geht ihr vor?

Christian: Das ist auch ein schwieriges Thema. Als allererstes: Unsere Grundphilosophie ist es, ein guter Arbeitgeber zu sein. Das Unternehmen ist wie eine Sportmannschaft aufgebaut: flache Hierarchien; wir ziehen alle in eine Richtung; alle können sich einbringen. Viele haben über Fitnessstudios zu uns gefunden. Wir bieten aber bessere Einsatzzeiten und weniger Schichten an. Andere kommen aus dem Handel zu Sport Tiedje – und da gibt es auch Bereiche, die deutlich uninteressanter sind. Insofern bleiben unsere Mitarbeiter gern bei uns.

Nichtsdestotrotz sind wir alle in einem Wettbewerb um die Mitarbeiter. Das ist schwierig – gerade in den Großstädten. Verkäufer im Einzelhandel, Techniker: Ich könnte sofort 100 Leute einstellen, wenn du welche hast. Ich könnte dir sogar meine Wunschliste schicken. Ist ja bald Weihnachten und vielleicht hast du zum Weihnachtsmann einen guten Draht…!

Alex: Aber hier in der Mitte von Schleswig-Holstein direkt an der A7 bist du gut erreichbar und so viele andere große Arbeitgeber gibt es nicht, oder?

Christian: Wir haben den Standort wegen unserer Mitarbeiter gewählt. Rein wirtschaftlich hätte der zweite Logistikstandort irgendwo westlich der A1 sein müssen – näher an Holland dran. Aber wir machen es hier oben. Und für 46.000m² Fläche und ein 14 Meter hohes Gebäude braucht man ein Grundstück in der Größe 83.000m². Das gibt es hier nicht an jeder Ecke, aber wir haben eins in Autobahnnähe gefunden – und meine Mitarbeiter, die vom bestehenden Standort dorthin wechseln, kommen mit dem Fahrrad durch den Fußgängertunnel unter dem Nord-Ostsee-Kanal hin. Am neuen Standort wird es zudem ein Fitnessstudio, einen Wellnessbereich und einen Kickerraum geben. Kantine ist langweilig: Bei uns gibt es in der Saison Foodtrucks! Mir wird ja immer nachgesagt, ich versuche meine Mitarbeiter dickzufüttern, damit sie nicht weglaufen können.

(Trotzdem wird der neue Standort möglichst automatisiert sein. Allerdings seien viele der Kisten mit Rudergeräten & Co. nicht gerade Standardgröße und müssten manuell angefasst werden. Also bleibe der Bedarf an Mitarbeitern groß.

Auf die letzte Frage von Alex, ob Sport Tiedje die letzte Meile übernimmt, antwortet Christian, dass eine Flotte von 40 Fahrzeugen und 100 Technikern im Einsatz sei, um Ware an Premium- und Firmenkunden auszuliefern und zu installieren. Fürs sonstige Endkundengeschäft arbeite Sport Tiedje mit Paketdiensten zusammen. Der Anteil daran, was die Firma selbst ausliefere, dürfte allerdings mit der jeweiligen Marktdurchdringung und der Zahl der stationären Läden – in Deutschland gerade 35 – steigen.)

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