Erdbeerhof 2.0 – die unglaubliche Geschichte geht weiter

Schon die erste Folge mit Robert Dahl von Karls Erdbeerhof war für mich sehr lehrreich und unterhaltsam. In Folge 2 legt er noch mal nach und zeigt auf wie man unternehmerisch Corona durchstehen kann, wie man weltweit expandiert, wie man Logistik im E-Commerce unterhaltsam verpackt und wie man Livesendungen produziert. Craaaazy! Worum geht es:

  • E-Commerce stationär erlebbar machen
  • Karls in China aufbauen
  • Schnelles Handeln während Corona
  • Live Shopping in der Karls App
  • Wird Karls zum lokalen QVC?

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PODCAST & Interview Transkription – für alle Leser, die Audio & Video nicht so gerne konsumieren.

Erdbeeren in Zeiten von Corona mit Robert Dahl, Geschäftsführer von Karls Erbeerhof

Es war der Großvater des heutigen Geschäftsführers Robert Dahl, der sich auf den Anbau von Erdbeeren spezialisierte und auch seinen Nachwuchs ohne große Mühe dafür begeistern konnte. 2021 sollte eigentlich ein Jubiläumsjahr werden – 100 Jahre Karls in Rövershagen-Purkshof bei Rostock! Doch aufgrund der Pandemie sind alle Erlebnisdörfer geschlossen. Wie Karls das vergangene Jahr auch ohne Corona-Hilfen überstanden hat, womit die Marketingabteilung des Unternehmens derzeit trotzdem alle Hände voll zu tun hat und was den „deutschen Walt Disney“, wie er einmal bei der OMR betitelt wurde, nach China verschlagen hat, erklärt Robert in dieser zweiten Folge rund um Karls Erdbeerhof. Zur Aufnahme der ersten im Sommer 2019 reiste Alex noch persönlich an. Diesmal erlebt er den in Sachen Karls üblichen Wow-Effekt notgedrungen digital – dafür aber nicht minder stark…

„Ich bin ein klein wenig dankbar für die Misere“

03:05

Alex: Lass uns direkt einsteigen mit der Frage, was seit unserer ersten gemeinsamen Podcastfolge aus dem Jahr 2019 bei Karls passiert ist. Wie laufen eure Expansionspläne?

Robert: September 2019 waren wir mit großen Investitionen und ordentlich Tempo unterwegs, bevor uns ein halbes Jahr später Corona erwischt hat. Der erste Lockdown fiel bei uns fast auf den Tag genau auf unsere alljährliche Saisoneröffnung. Das ist immer unser Stichtag, auf den alle Design-, Bau- und Investitionsvorhaben ausgerichtet sind. Dieser Stichtag ist der Freitag vor Ostern. Also nicht Karfreitag, sondern der Freitag davor. Dieses Jahr ist das der 26. März.

Im vergangenen Jahr mussten wir dann erst einmal alle unsere Erlebnisdörfer schließen. In den ersten Wochen war das ein Schock, und wir haben innerhalb von 14 Tagen unsere gesamten Pläne auf Eis gelegt. Rückblickend war das gut, dass wir unsere Kosten so radikal heruntergefahren haben. So waren finanziell ziemlich gut aufgestellt, als wir dann wieder loslegen durften, und konnten das Jahr ’20 trotz des zweiten Lockdowns zu einem ganz guten Jahr machen.

Alex: Fünf Prozent eurer Erlebnisdorffläche sind Handelsfläche, 95 Prozent Erlebnisfläche. Trotzdem macht ihr mit diesen fünf Prozent und den ein, zwei Attraktionen, für die man dann doch einen kleinen Eintrittspreis entrichten muss, euer Geschäft. Dieses Konzept lässt sich im Grunde gut auf die Diskussion rund um die Innenstadt anwenden, die in den letzten Wochen und Monaten wieder intensiv geführt wurde. Man könnte sagen: Der Erdbeerhof ist das Zielbild, in das sich eine Innenstadt verwandeln muss. Die Leute wollen etwas erleben und verbringen dort gerne ihre Zeit, während der Handel immer noch eine zentrale Funktion erfüllen kann, ohne die gesamte Fläche einzunehmen. Hat sich seit unserer ersten gemeinsamen Folge vielleicht der eine oder andere Innenstadt- oder Mall-Manager in Rövershagen umgesehen?

Robert: Es ist schon so – wir werden oft zitiert, und ich finde das gut und richtig. Ich glaube daran, dass das eine tragbare Lösung sein kann, um dem E-Commerce die Stirn zu bieten. In Städten gehört aber eine unheimliche Einigkeit dazu. Das sind ja ganz andere Strukturen als unsere. In Centern ist das noch eher machbar, vor allem wenn es ein starkes, entschlussfreudiges Center-Management gibt, das bereit ist, ordentlich Geld zu investieren. Ein super Beispiel ist die American Dream Mall in der Nähe von New York City. Dort hat Nick (ehemals Nickelodeon) einen großen Freizeitpark mitten in die Mall reingebaut – also, wirklich rein.

08:55

Alex: Das führt uns zu der Frage: Wann sehen wir in Deutschland die erste Erdbeer-Mall?

Robert: „Erdbeer-Mall“? Wow!

Alex: In Rostock zum Beispiel! Da wird es doch auch das eine oder andere Einkaufszentrum auf der grünen Wiese geben, oder auch eines mitten in der Stadt. Wenn ich dort Innenstadt-Manager wäre, dann würde ich mir Robert Dahl als Betreiber wünschen.

Robert: Ja, mag sein. Aber ich glaube, da wäre ich die falsche Besetzung. 350 Protagonisten unter einen Hut zu bringen, das stelle ich mir ziemlich schwierig vor.

Alex: Du meintest, 2020 wurde doch noch ein gutes Jahr für euch. Lief euer Geschäft dann hauptsächlich über die Erdbeerstände, die ihr im Sommer in Rostock, Berlin und anderswo aufstellt, oder wie habt ihr das gemacht?

Robert: Wir hatten uns zuvor zwar nie mit ganz viel Kraft, aber schon mit einem gewissen Ehrgeiz eine Online-Shop-Infrastruktur geschaffen. Wir hatten eine saubere Zahlungsabwicklung, ein sauberes Fulfillment, einen funktionierenden Shop. Und als dann am 17. März unsere Läden geschlossen wurden, hatten wir außerdem ein bisschen Glück. Wir haben viele befreundete Manufakturen, die für uns arbeiten. Dazu gehört eine polnische, familiengeführte Manufaktur, die mit zehn Mitarbeitern arbeitet und das ganze Jahr hindurch unsere Dinkelkissen produziert.

Damals habe ich innerhalb von zwei Tagen den Inhaber, Piotrek, angerufen und gesagt: „Du, Piotrek, die Leute brauchen jetzt Stoffmasken, könntet ihr die machen?“. Piotrek hat zugestimmt und uns acht Stunden später vier Fotos von Stoffmustern geschickt – aus eben jenem Stoff, den er da noch rollenweise herumliegen hatte. Diese Fotos haben wir dann online über unsere Kanäle verbreitet, mit dem Hinweis, dass man bei Karls jetzt auch Masken bestellen kann. Und dann hatten wir innerhalb von zwei Tagen, glaube ich, 100.000 Bestellungen.

(Bei dieser Zahl fällt Alex beinahe aus allen Wolken und auch Robert gibt zu: „Da waren wir leicht geschockt“. Interessehalber bestellten viele Kunden neben Masken auch Marmelade oder Bonbons. Infolgedessen explodierten die Umsätze von Karls quasi über Nacht, und es dauerte drei Wochen, bis die Produktion wieder mit den Bestellungen mithielt. In dieser Situation blickten praktisch alle verfügbaren Führungskräfte immer wieder auf den Online-Shop, sodass fortwährend ersichtlich wurde, wo Verbesserungen nötig waren.)

15:50

Alex: Wie groß war euer Handel vor dieser Entwicklung, gemessen an dem stationären Handelsgeschäft in den Erlebnisdörfern? War der schon bei über zehn Prozent?

Robert: Der lag damals noch unter fünf Prozent. 2019 hatten wir mit etwas über fünf Millionen Euro Jahresumsatz online abgeschlossen. 2020 konnten wir den Online-Anteil dann auf zehn Prozent vom Umsatz steigern. Das war schon enorm! Da haben wir sogar zwölf Millionen gemacht und sind auch jetzt mit einem riesengroßen Wachstum unterwegs, weil wir für den Online-Handel im Moment ganz viele Dinge machen, die wir früher gar nicht gemacht haben.

Alex: Normalerweise ist es so, dass die Unternehmen, die vor Corona weniger als zehn Prozent Online-Umsatz verzeichneten, keine Chance hatten, das auszugleichen. Das sieht man zum Beispiel im Textilhandel ganz, ganz stark. Und jetzt kommst du: Du lagst vorher unter fünf Prozent und hast dann angefangen, online „Dinkelkissen“ und Marmelade zu verkaufen. Inwieweit hat diese Entwicklung geholfen, den ausgefallenen Umsatz aus den Läden und den Ständen zu ersetzen?

Robert: Unser Jahresumsatz setzt sich ja aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Die Landwirtschaft spielt da immer noch eine große Rolle und unsere Erdbeervermarktung, aber der Handel mit unseren eigenen Produkten und Produkten, die unsere Manufakturen herstellen, der macht ungefähr 60 Prozent unseres Handelsumsatzes aus. Von diesen 60 Prozent konnten wir 2020 circa 20 Prozent online machen. Aber wenn wir dieses Jahr bei allem, was wir angeschoben haben, nicht alles falsch machen, werden wir das in Richtung 30 Prozent verschieben können.

19:20

Alex: Ja, krass! Und welche Erweiterungen und Expansionen plant ihr derzeit?

Robert: Gerade planen wir mit einer Firma zum 15. Oktober ein halbautomatisches Fulfillment Center mit Pick-by-Light-System, in dem wir ungefähr 50 Millionen Jahresumsatz abbilden können. Das verrate ich hier einfach schon einmal: Dafür bauen wir ein neues Gebäude, und das Fulfillment Center kommt auf knapp 2.000 Quadratmeter ins Obergeschoss. Im Untergeschoss – und das ist das Geile! – werden wir eine Online-Shopping-Erlebniswelt einrichten. Dafür haben wir aus Frankreich eine Art Fahrgeschäft gekauft, in dem Kinder in kleinen Paketen herumgeschleudert werden, wir planen das „Café Postamt“ und vieles mehr …

Das Krasseste an dem Fahrgeschäft ist aber, dass man auch mit seiner ganzen Familie in so ein Paket einsteigen kann, mit einer HoloLens-Brille (Mixed Reality) bewaffnet, und dann wird man von einem Gabelstapler – zumindest ist es optisch ein Gabelstapler – in dieses Obergeschoss gefahren. Dort baut uns eine Firma aus Baden-Württemberg ein Ride, sodass man in diesem Paket sitzend über das echte Fulfillment Center fährt und unseren Mitarbeitern über die Schulter gucken kann. Und dann springt unser Karlchen Augmented-Reality-mäßig dazwischen herum, macht ein bisschen Unfug und erklärt, was nach dem Klick auf die Schaltfläche „Bestellen“ bei uns passiert, bis das Paket auf den DHL-Wagen kommt.

Alex: Und das wird Teil von Rövershagen?

Robert: Das wird Teil von Rövershagen, und passiert vor dem Hintergrund, dass wir unsere Erlebniswelten – also die „echten“, stationären, analogen Erlebniswelten – in Zukunft stärker mit dem Online-Handel verbinden wollen. Und wir wollen das Erlebnis digitalisieren, sodass man auch beim Shoppen auf unserer Seite Spaß hat. Zu diesem Zweck soll es eine eigene Karls-App und Kameras geben, in die man sich über die App zeitweise in unser Fulfillment Center schalten kann.

Alex: Meine letzte Frage zum Corona-Teil lautet wie folgt: Der erste Lockdown begann ja im April, der zweite im November. Euer Kerngeschäft habt ihr zuvor immer zwischen diesen Monaten gemacht. Dann war das für euch also nicht schlimm, dass die Erlebnisdörfer im Winter geschlossen waren, oder? Die sind dann ja sowieso zu …

Robert: Nee, die sind eigentlich 365 Tage im Jahr geöffnet, jetzt aber den fünften Monat geschlossen. Zwar nicht am Stück, aber wir sind diesbezüglich nicht etwa unbeschadet davongekommen. Wir haben in dieser Corona-Zeit 54 Millionen Euro Umsatz verloren.

Alex: Aber der Erdbeerverkauf und auch die Stände, das ist doch das Geschäft, das eigentlich so bis September, Oktober sehr gut läuft …

Robert: Genau. Unser Erdbeergeschäft fing im vergangenen Jahr mit Bauchschmerzen an, weil es zunächst hieß, dass unsere Erntehelfer, von denen viele ja aus der Ukraine kommen, nicht einreisen durften. Das haben wir dann aber mit ganz viel Mühe und Hygienekonzepten Gott sei Dank rechtzeitig hinbekommen, sodass wir daraufhin auch wirklich eine sehr, sehr gute Ernte eingefahren haben. Die Natur hat’s gut gemeint, die Erdbeeren waren reichlich und der Absatz lief auch gut.

Alex: Trotz der guten Verkaufszahlen im Sommer hättet ihr euch aber auch lieber ein Jahr ohne Corona gewünscht, nehme ich an. Ihr seid jetzt keine Profiteure, wie so manch anderes Konzept.

Robert: Ja, wir sind keine Profiteure, weil wir ziemlich viel Geld verloren haben, aber irgendwie sind wir doch Profiteure. Erst gestern habe ich nach einem Workshop so für mich zusammengefasst, dass ich doch ein klein wenig dankbar bin für die Misere, durch die wir gegangen sind, weil sie – wie jedes andere Problem auch – Kreativität auslöst. Ohne Corona wären wir in Sachen E-Commerce nicht so schnell da, wo wir jetzt hin schreiten, und die Frage ist: Wenn wir das nicht wären, hätten wir jemals die Kraft aufgebracht, diesen Sprung zu schaffen?

26:55

Alex: In diesem Fall hat Corona für euch getan, was die Aufgabe eines Chief Digital Officers wäre! Lass uns zum zweiten unserer drei Themenblöcke übergehen: Als wir vor zwei Wochen telefoniert haben, hast du mir erzählt, dass es demnächst ein Erdbeerdorf in China geben wird. Da bin ich ja fast vom Glauben abgefallen! Ich dachte mir „Jetzt dreht er durch! Es gibt noch nicht einmal ein Erdbeerdorf in Kiel und jetzt gibt es bald eines in China!“. Warum macht ihr das, kannst du mich da mal abholen?

Robert: Das ist eher zu uns geraten. Es ist so: Ich habe einen sehr guten, alten Freund, der hat schon immer enge Kontakte nach China gehabt, und unter anderem zu einem wirklich netten Pärchen, das mit ihm geschäftlich verbunden war. Die beiden sind in den letzten Jahren jedes Mal, wenn sie in Deutschland waren, zu Karls gefahren. Und vor vier Jahren kamen sie auf mich zu und sagten mir, dass sie so ein Erlebnisdorf in China bauen wöllten, aber nur mit mir zusammen. Ich habe dann ein Jahr lang immer nur „Nein“ gesagt, weil mir das irgendwie nicht in den Kopf wollte. Ich konnte mir Kalifornien immer besser vorstellen als Hangzhou.

Die beiden sind nun aber von Grund auf sympathisch, und er ist ein interessanter, vollkommen durchgeknallter Typ. Und dann haben wir auch schon beim Notar einen Lizenzvertrag geschlossen und uns plötzlich auf einem 14 Hektar großen Grundstück in Hangzhou wiedergefunden. Der Rohbau ist jetzt fertig. Die Eröffnung war ursprünglich für den 24. September 2021 geplant, aber es kann sein, dass sie wegen Corona noch einmal verschoben werden muss.

(China mag polarisieren. Tatsache ist aber, dass es nun seit einigen Jahren das größte Erdbeeranbaugebiet der Welt ist. Das im Osten des Landes gelegene Hangzhou zählt neun Millionen Einwohner und ist unter anderem Hauptsitz von Alibaba. Das Karls-Grundstück liegt am Stadtrand inmitten von Reisfeldern und eine Erdbeerbäuerin ist bereits dabei, vor Ort besonders gut schmeckende Sorten für Karls Erdbeermarmelade anzubauen.)

36:30

Alex: Jetzt bist du also ein Unternehmer, der in Asien einen Freizeitpark betreibt. Es gibt diesbezüglich ja einige Vorurteile, dass so ein Vorhaben dort aus juristischer Perspektive mit vielen Fallstricken verbunden ist, vor allem was Abgaben und Gewinne angeht. Die müssen immer im Land bleiben. Wie hast du das in den letzten zwei Jahren erlebt?

Robert: Ja, der Staat ist immer mit im Boot. In unserem Fall ist er über das Grundstück an der Gesellschaft beteiligt und unser Kontakt „zur Regierung“ ist unser Bezirksverwalter. Und ja, die sind schon ein bisschen spaßbefreit. Der war jetzt schon zweimal mit einem ganzen Gefolge in Rövershagen, und ich habe ihn noch nie lachen sehen. Dabei habe ich mir die allergrößte Mühe gegeben, den Spaßvogel abzuliefern, weil ich auch selber mehr Freude empfinde, wenn alle ein bisschen gut drauf sind. Aber das hat nicht funktioniert. Vielleicht hätte ich ihn durchkitzeln müssen.

Und hin und wieder wurde es auch ein bisschen unangenehm. Einmal saßen wir in Hangzhou im Bahnhof und die Chinesen erläuterten uns ihre Absicht, unser Konzept verändern zu wollen. Ich lege ja großen Wert darauf, dass wir keinen Eintritt nehmen, um die Schwelle niedrig zu halten – und genau das wollten sie umwerfen.

Alex: An dieser Stelle möchte ich den Lesern noch einmal die Folge Eins mit dir ans Herz legen! In der haben wir das Konzept „Freier Eintritt“ besprochen …

Robert: Genau. Also, auf einmal wollten sie Eintritt verlangen, weil sie meinten, dass es sonst zu voll werden würde. Da drohte das Vorhaben fast zu scheitern. Das Gute ist in diesem Zusammenhang, dass wir in dieser Lizenzgeschichte nicht unser eigenes Geld investieren. Deshalb hatte ich dann auch die Möglichkeit zu sagen: „Wenn ihr das so wollt, können wir das leider nicht mehr machen“. So konnten wir unseren Bezirksverwalter wieder von seinem Kurs abbringen, aber es stimmt: Es ist schon manchmal ganz anders, als wir das hier so besprechen.

Alex: Die denken ja schon rational – die wollen dann vielleicht auch sicherstellen, dass die Provinz lebenswerter ist als andere. Gibt es in China so einen Wettbewerb der Städte?

Robert: Ja, wir werden schon regelmäßig gefragt, ob wir nicht auch in anderen Städten ein Dorf bauen wollen. Und unser befreundetes Pärchen aus China kann sich auch gut vorstellen, dass es dort irgendwann vielleicht einmal 50 Erlebnisdörfer gibt, die dann aber von denen betrieben werden würden. Die sind beide auch noch relativ jung.

40:55

Alex: Jetzt aber zu dem Thema, für das wir diese Podcastfolge überhaupt aufgesetzt haben: Erdbeerhof Plus! Ich verfolge eure Online-Aktivitäten zwar nicht täglich, habe aber schon gesehen, dass deine Frau in Sachen Live-Sendungen sowieso sehr aktiv ist. Wir machen mit „Spryker on Air“ über LinkedIn, wo sich unsere Zielgruppe überwiegend aufhält, etwas ähnliches. Welche Erfahrungen habt ihr bisher mit diesen Live-Shows gesammelt und woran arbeitet ihr gerade?

Robert: Gerne! Im Grunde war das so eine Initialzündung zwischen Weihnachten und Neujahr. Diese Zeit ist bei Karls eigentlich immer eine megakrasse Zwischensaison. Alle Hotels sind voll und in unseren Erlebnisdörfern ist normalerweise der Teufel los, auch an Weihnachten und Silvester. Und genau um diese Zeit hatte ich letztes Jahr nach einem Blick auf unsere stark eingebrochene Geschäftszahlen den Gedanken, dass wir eine nächste Stufe zünden müssten.

Unser Online-Handel lief ja schon, auch Corona-bedingt, aber wir wollen einfach mehr. Auch durch unsere Kontakte zu China bin ich schon immer von so live-stream-shopping-Konzepten wie auf TaoBao fasziniert. Deshalb haben wir dann beschlossen, ab dem 5. Januar 2021 erst einmal mit fünf Shows pro Woche an den Start zu gehen und zu schauen, was das mit Karls macht. Die kann man über unsere SocialMediaAuftritte streamen und auch über ein Plug-in auf karls.de, sodass man sie dort anschauen und gleichzeitig shoppen kann. Das hat dann noch einmal einen richtigen Schub reingebracht. Diese ersten Shows haben in den ersten sieben Tagen 500.000 Menschen gesehen.

45:15

Alex: Kannst du diese Shows mal beschreiben?

Robert: Eine unserer ersten Produktionen mit mir heißt zum Beispiel „Roberts Manufaktour“. Darin führe ich die nächsten vier Monate jeden Freitagabend durch unsere Manufakturen und erläutere Hintergründe und stelle die Produkte vor, die Kunden bei uns kaufen können. Für solche Sendungen haben wir dann nach und nach Freiwillige gefunden. Meine Frau war ja schon geübt darin, die ist auch schon vor Corona immer mal auf Insta live gegangen. Mittlerweile sind wir in der siebten Sendewoche und bei 16 Formaten pro Woche. In zwei Wochen wollen wir 84 Liveshows pro Woche senden. Das bedeutet, dass wir dann täglich von 10 bis 22 Uhr live gehen, sieben Tage die Woche.

Alex: Aber nicht im Sinne eines Abos, sodass man fünf Euro im Monat zahlen müsste, um die Shows gucken zu können, sondern wieder mit so einem Handelshintergrund, wie ein QVC, zum Beispiel?

Robert: Ja, es ist so eine Art „modern social QVC“. Seitdem wir diese Bestrebungen haben, gucke ich QVC und andere Interpretationen von Livestream-Shopping wirklich gern. Unser Ziel ist im Grunde – und ich liebe diesen Begriff: eine retailtainment-Plattform. Wir wollen nicht alles aufs Verkaufen ausrichten, das wollten wir noch nie bei Karls. Wir werden uns nicht 84 Stunden die Woche hinstellen und rufen: „Kauft das, kauft das, kauft das!“.

Dafür haben wir auch schon tolle Influencer am Start. Nadine zum Beispiel, die einmal die Woche eine Show moderiert, in der es um Ideen fürs Basteln mit Kindern geht. Beispielsweise sind wir gerade dabei, unseren Versandkarton zu einem Multifunktionskarton zu designen und ihn mit Schnittmustern und QR-Codes zu bedrucken. Diese Kartons gehen im April an den Start, und wenn man die QR-Codes im Karton abscannt, landet man bei den Liveshows von Nadine, die einem zeigt, wie man aus dem Karton ein Insektenhotel oder eine Murmelbahn baut.

(In einer weiteren Sendung stellt Roberts Schwester Ulrike als Leiterin der Karls Academy freie Positionen im Unternehmen vor. Dafür lädt sie sich Gäste zum Beispiel aus dem Landwirtschaftsbetrieb ein, die „richtig lebendig und in schillerndsten Farben“ beschreiben, worin die Aufgaben und Zuständigkeiten des neuen Mitarbeiters bestehen würden, so Robert. Damit setzt Karls auch auf Mundpropaganda sowie darauf, dass die Dienstleistungen der Karls Academy in Zukunft eventuell auch für Dritte attraktiv sein könnten.)

55:20

Alex: Ich kann mir vorstellen, dass es gar nicht so einfach ist, an euren Standorten die richtigen Leute für diese Shows zu finden. Die müssen ja zum Beispiel nicht nur live produziert, sondern auch live geschnitten werden, und das ist für euch ein ganz neues Medienfeld. Habt ihr da schon ein gutes Medienteam oder könnten sich unsere Hörer und Leser noch bei euch bewerben?

Robert: Danke, dass du das fragst – das ist ja eine Steilvorlage! Ja, jeder Zeit und sehr, sehr gerne. Es ist schon ein kleiner Höllenritt, den wir hier gerade durchmachen. Wir waren schon immer recht fleißig, aber was wir die letzten sieben, acht Wochen abgefahren haben, ist schon deutlich mehr als für uns normal wäre. Uns ist vollkommen bewusst, dass wir unser Team für dieses Vorhaben extrem aufbauen müssen, für den Moment, in dem wir nach dem Lockdown wieder offline an den Start gehen. Und deshalb sind wir gerade dabei, Moderatoren, Aufnahmeleiter und Produzenten zu rekrutieren. Das Besondere ist aber: Wir wollen nicht etwa in die „Fernsehwelt“ übersiedeln, wollen nicht den 158. Sender aufbauen. Alle unsere Shows sollen ihren „ultralive-und-ultramobil“-Charakter behalten, auch wenn man sie später noch on demand in einer Mediathek abrufen kann.

Alex: Wie viele schauen bei euren Shows so parallel zu?

Robert: Diesbezüglich sind wir natürlich noch nicht da, wo wir hinwollen. Aber bei einer Show wie die aus unserer Popcorn-Manufaktur am Freitagabend sind wir bei circa 600 Live-Zuschauern. In der Mediathek und den sozialen Medien werden die Shows in sieben Tagen im Schnitt 70.000-mal angeklickt. Darüber hinaus haben wir die Zuschauer nicht mehr getrackt. 

Alex: 70.000 uniques? Das ist eine Menge!

Robert: Genau, uniques.

01:02:05

Alex: Glaubst du, dass „Erdbeerhof Plus“ eine eigenständige Ertragssäule werden wird, in deinem Medienreich?

Robert: Jein. Wir haben uns in den letzten Wochen auch noch einmal eingehend mit unserem Geschäftsmodell auseinandergesetzt und es kann sein, dass unsere E-Commerce-Umsätze später einmal als Umsätze unserer neugegründeten Karls Media AG gewertet werden, ähnlich wie bei ProSiebenSat.1 Media.

(Bevor er das inspirierende Gespräch beendet und sich ein paar Erdbeeren auftaut, kündigt Alex schon seinen nächsten Besuch in Rövershagen an – bevor es wirklich eng wird, „weil viele asiatische Besucher das Original sehen wollen“, um seine Chance darauf zu erhaschen, einmal in einem Paket herumfahren zu können.)

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Eine Antwort

  1. Elvis sagt:

    Robert Dahl hört man (immer wieder) sehr gerne. Vor Aktivität sprudelnd, stets voller Ideen und immer positiv. Und das mit einer Erdbeere! Klasse!