Hello-Charles.com Commerce & Loyalty Management via Whatsapp

Ich spreche mit dem beiden Gründern von Hello Charles Addy & Andreas, die gerade die führende Lösung im Bereich Conversational bzw. Loyalty Commerce bereitstellen. Eine Lösung also, um Kunden zu erlauben ihre Bestellung per Whatsapp abzugeben bzw. darüber auch andere Services wie Beratung und Logistikinfos über die Whatsapp API anbieten. Die Lösung ist aus ihrem Geschäft für Männermode entstanden, was auch heute noch das Testlabor für Hello-Charles darstellt. Addy war vor einem Jahr bereits zu Gast im Podcast und hat über die Anfänge von Whatsapp Commerce berichtet. Wer sich mal live einen “Chatout” im Shop anschauen möchte, geht zu woodboom (hochwertige Möbel). Darüber sprechen wir auch im Podcast.

Die Kassenzone Interviews sind verfügbar bei: Soundcloud, iTunes, Spotify, Youtube, Google Podcasts oder per RSS-Feed

PODCAST & Interview Transkription – für alle Leser, die Audio & Video nicht so gerne konsumieren.

Conversational Commerce mit Artjem Weissback und Andreas Tussing, Gründern von Charles

Mit einer frischen Finanzierungsrunde im Rücken kommen die beiden Gründer von Charles zu Alex. Einer davon – Artjem – war bereits vor einem Jahr mit der ersten Iteration Hey Charles im Pocast, bei der es darum geht, Kunden über WhatsApp Mode-Basics zu verkaufen. Nun ist daraus ein breiter aufgelegtes und beinahe einzigartiges B2B-Angebot gewachsen, das Marketing sowie Kundenservice und -treue im Messenger-Umfeld mit Handelssystemen verbindet. In Mache war das ganze bereits 2019 – was Alex weiß, weil er an der Wald-&-Wiese-Holding beteiligt ist, die die Finanzierung der jungen Firma begleitet… Alex will hier nun mit seinen Hörern seinen Wissensvorsprung teilen – und selbst etwas mehr über Conversational-Commerce in Erfahrung bringen.

„Wir haben hier die Chance, aus Deutschland heraus Marktführer zu werden.“

4:25

Alex: Für diejenigen, die den Podcast vom letzten Jahr vergessen haben: Artjem, stelle dich bitte einmal vor.

Artjem: Ich bin Artjem – die meisten nennen mich aber Addy. Ich hatte das große Glück, mich 2014 kurz vor dem Staatsexamen aus dem Fachgebiet Jura dadurch befreien zu können, dass ich mit zwei Freunden eine Uhrenfirma gegründet habe. Heute ist Kapten & Son zu einer diversifizierten Accesoires-Marke mit über einer Million Kunden weltweit geworden. Da bin ich 2018 als Geschäftsführer zum stillen Partner geworden (was ich mir als einer der Gründer erlauben konnte) und mit Andreas wollte ich dann gucken, wo die Zukunft des Handels hingeht. Das ist Conversational-Commerce und dazu wollen wir heute etwas mehr erzählen.

Alex: Andreas, dich kennen wir ja hier bei Kassenzone noch gar nicht.

Andreas: Addy und ich haben uns im Studium kennengerlernt. Ich habe Physik und VWL studiert, während Addy für Jura eingeschrieben war – und schon um 2010 herum haben wir erste Projekte zusammen gemacht. Am Ende meines Studiums habe ich erst einmal ein Dating-Start-up namens Spotted gegründet und war danach sieben Jahre bei McKinsey: Dort habe ich zum Schluss als Associate-Partner den E-Commerce-Bereich in Europa geleitet. Es ging vor allem darum, großen Händlern und Marken zu helfen, ihre digitale Transformation anzustoßen oder fortzuführen. Da ging es oft um den Aufbau von neuen Geschäftsmodellen oder den Umbau von Architekturen – Ein großes Thema war die Entkopplung von Front- von Backends, um neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen. 2018 kam ich zum Entschluss, dass ich nicht mehr nur Firmen helfen wollten, aufzuholen. Und da haben Addy und ich mal im Urlaub die ersten Ideen zu Charles hin und her geworfen…

(Spitzbübisch merkt Alex an, dass McKinsey mittlerweile in solchen Beratungsprojekten Spryker empfehle – was zu Andreas‘ Zeit ja noch nicht der Fall war… „Ihr wart schon damals auf den Slides mit drauf! Aber da wart ihr noch dabei, euch einen Weg in den Markt zu bahnen,“ verteidigt sich Andreas.)

7:10

Alex: Eure These: Kunden gehen nicht mehr auf Amazon.de oder Otto.de, sondern wollen mit Händlern und Marken über WhatsApp, Messenger, Telegram und was es alles sonst noch so gibt in Kontakt treten. Was heißt das für mich als Anbieter von E-Commerce-Software?

Artjem: Das heißt: Wie immer im Handel sollte man da sein, wo der Kunde ist. Und wenn man Teil der alltäglichen Gewohnheiten des heutigen Kunden werden will, dann gibt es keinen besseren Ort als da, wo er den Großteil seiner Handybatterie aufbraucht: die Messenger-Apps.

Alex: Dann schildert uns ein paar Use-Cases: Wo seid ihr schon integriert und wie funktioniert das? Wer noch nie über WhatsApp etwas bestellt hat, kann sich das vielleicht schlecht vorstellen. Viele werden höchstens während der Corona-Beschränkungen bei einem lokalen Anbieter wie einem Blumenhändler über WhatsApp bestellt haben. Ich habe das sogar letztens per SMS getan, weil ich eben die Nummer vom Blumenhändler hatte.

Artjem: Und das ist auf jeden Fall schon Messenger-Commerce – der ist ja im Kern nichts anderes als eine Transaktion über eine Messenger-App. An einen unserer Use-Cases kannst du dich vielleicht erinnern, weil wir das sehr ausgiebig im letzten Podcast besprachen: unsere Eigenmarke Charles. Damit haben wir den ersten E-Commerce-Store Europas gebaut. Mit Charles konnte man erstmals seine Basic-Sachen per Chat-Nachricht bestellen: „Hey Buddy, ich brauche noch zwei T-Shirts.“ Seit Anfang haben wir sechsstellige Umsätze ausschließlich über WhatsApp gemacht – jeder Teil der Customer-Journey von Entdeckung über Kaufabschluss bis zur Retoure findet in dem Kanal statt (auch der Wiederkauf!). Das ist heute noch unser Labor.

(Alex erinnert sich, Teil der Alpha-Gruppe und darüber einen Pulli gekauft zu haben. Charles startete, führt Artjem aus, als Premium-Basics-Marke für Männer – und hat mittlerweile zudem ein Sortiment für Frauen. Auch weitere Tests stehen in Zukunft mit der Marke an. Organisatorisch teilt sich die Firma daher in Hey-Charles.de und Hello-Charles.com auf: Unter HeyCharles erreichen Endkunden die Eigenmarke, während HelloCharles als Anlaufstelle für das Kerngeschäft – das Verkaufen von Softwarelösungen an Unternehmenskunden – steht.)

12:00

Alex: Ihr habt einen Test-Case mit einem Kunden im Möbelhandel: Wie verkauft man denn genau mit euch Möbel per Chat? An Stammkunden, die ihre Handynummer angeben? Oder findet da Neukundenakquise statt?

Artjem: Wenn du auf echt schöne Massivholzmöbel stehst, geh mal auf Woodboom.de. Der Gründer Mischa hat mit uns im Oktober 2020 angefangen, auf seiner Startseite und den Produktdetailseiten so eine WhatsApp-Bubble einzublenden (unten rechts – mobil ist da der Daumen!). Ein Bett kostet da etwa 1500 Euro und da haben Kunden entsprechend viele Fragen im Kaufprozess. Deswegen hat er früher viele E-Mails bekommen. Jetzt ist das alles auf WhatsApp gezogen und er kann dort schon einen Warenkorb anlegen, Sonderwünsche einarbeiten und vielleicht die eine oder andere Überraschung reinlegen. Der vorgefertigte Warenkorb schickt er dann seinen Kunden als Link, damit der bezahlen kann. Mittlerweile benutzen über 70% aller seiner Kunden diesen Kanal. Das heißt: Er verkauft mehr über WhatsApp als über seinen Webshop.

Alex: Inspiration auf Instagram oder sonst wo im Netz, WhatsApp als Kommunikationskanal, also. Sitzt er denn dahinter und beantwortet händisch die Anfragen oder ist da ein Roboter?

Andreas: Wir haben beides. Es kommt immer auf den Use-Case an, ob man zum Roboter greift oder nicht. Und man braucht grundsätzlich einen Menschen dazu. Beim Conversational-Commerce geht es ja um Vertrauen und eine Beziehung zu den Kunden, wie sie Maschinen noch nicht aufbauen können. Chatbots setzen wir also da ein, wo die Antwort wirklich vollkommen klar ist. Das sind zum einen ereignisausgelöste Nachrichten (Bestell- oder Versandbestätigungen) und zum anderen etwa Kampagnen, in denen es etwa darum geht, das perfekte Bett für den Kunden herauszuarbeiten: Dazu gibt es dann einen Ablauf an Fragen.

Bei unseren Kunden sitzen aber immer Leute, die Chats mitlesen und beantworten. Die eine Variante ist, dass das Kundenservice-Mitarbeiter machen – das Berufsbild wandelt sich ja zunehmend vom „Ich löse dem Kunden sein Problem“ zu „Ich verkaufe ihm was“; das ist eine operationelle Transformation vom Cost- zu Profit-Center. Eine weitere Herangehensweise ist es, speziell Teams für den Kanal aufzubauen. Oder wieder eine andere Variante im stationären Einzelhandel frei nach dem Motto „zurück in die Zukunft“: Der Kundenberater, der früher im Laden Fragen beantwortet hat, macht das jetzt über Chat.

(Für Alex wird es schlagartig konkret: Wie würde er denn beispielsweise mit seinem neuen Online-Shop Tassenzone mit Charles zusammenarbeiten? Was wäre der Unterschied dazu, dass er einfach eine Handynummer reinschreibt und selber die Kunden auf WhatsApp holt? Artjem geht mit Alex das HelloCharles-Angebot aus Händlersicht Schritt für Schritt durch. Mit einer API ermögliche es HelloCharles, über mehrere Screens – also nicht nur an einem Handy – WhatsApp einzusetzen. So sei der Kanal skalierfähig. Zudem speist HelloCharles auch Nachrichten vom Website-Button in den Kanal ein („messenger platform service“). Es biete dazu eine Schnittstelle zu Shop-Systemen wie Shopify oder Spryker an, damit Produktdetailseiten in WhatsApp passend dargestellt werden und Bestellungen automatisiert in einen Warenkorb mit Link für den Kunden zusammengefasst werden. Letzteres müsse Alex für Tassenzone manuell machen, wenn er ohne HelloCharles Kunden auf WhatsApp bedienen würde. Diese Integration zwischen Messenger-Platform und Shop-System sei es, die für HelloCharles ein Alleinstellungsmerkmal darstelle. Und damit ist immer noch nicht Schluss: Über WhatsApp könne Alex dann eine Einwilligung für weitere Werbebotschaften einholen und dem Kunden spannende Neuigkeiten präsentieren.)

22:35

Alex: Eine wichtige Frage für viele ist bestimmt: Funktioniert das nur mit WhatsApp? Denn Telegram und Signal verzeichnen gerade einen extremen Nutzerzuwachs und man möchte ja zukunftsfähig – sprich: kanalunabhängig – bleiben. Hat Telegram überhaupt so etwas wie eine Business-API?

Andreas: Grundsätzlich ist die Lösung so gebaut, dass man jeden Messenger-Dienst daran anknüpfen kann. Abstrahieren wir doch das jeweilige Format, um es unseren Kunden auszuspielen. So sind aktuell wir neben WhatsApp auch auf Facebook-Messenger unterwegs. WhatsApp ist derzeit in Europa der wichtigste Kanal, aber wir sind so aufgestellt, dass wir das immer erweitern können – und dass der Kunden dabei zwischen den Kanälen identifiziert werden kann.

Alex: Welche Relevanz hat denn Facebook-Messenger im deutschen Markt? Meinem Verständnis nach wird Facebook-Messenger in USA viel genutzt, hierzulande eher wenig.

Andreas: Das zeigen unsere Daten auch. 90% der Konversationen und Transaktionen bei uns passieren über WhatsApp. In anderen Ländern ist das anders. Uns war es wichtig, beide anzuschließen, weil sie technologisch zwei verschiedene Schnittstellen haben. Nun hat Facebook angekündigt, Messenger und WhatsApp mit Instagram Direct irgendwann auf dieselbe Plattform zu ziehen: Instagram Direct hat übrigens noch keine Business-Schnittstelle und wird für uns vermutlich der nächste spannende Case.

25:00

Alex: Damit die automatischen Lösungen funktionieren, muss Charles Sprache verstehen. Was heißt das denn für die Internationalisierung?

Andreas: Wir haben bereits Kunden im Ausland – etwa einen Damenmodehändler in London und spannenderweise einen Anbieter von hochpreisigen Zahnspangen in Mexico… Gerade weil WhatsApp so global ist und zwei Milliarden Nutzer hat, ist der Schritt in neue Märkte relativ einfach.

In puncto Sprache sollte ich vielleicht an dieser Stelle erklären, was passiert, wenn so eine Nachricht reinkommt. Erst einmal haben wir eine AI, die die Sprache identifiziert – was im Chat nicht immer ganz so einfach ist, weil „Hallo/Hello/Hi“ noch jede Sprache sein kann! Nach genügend Wörtern können wir die Sprache dann identifizieren. Das ist natürlich überhaupt die Voraussetzung dafür, dass man dann eine NLP ansetzen und einen Chatbot einsetzen kann.

Alex: Warte mal: Was ist eine „NLP“?

Andreas: Natural language processing. Die verarbeitet Sprache – also auf der Ebene „Was ist eigentlich die Absicht des Nutzers?“ Wir übersetzen nämlich die Sprache, die der Kunde eingibt, in einen sogenannten intent („Vorsatz“). Das Unternehmen entscheidet dann, welche Aktionen auf welchen intent ausgeführt werden sollen: Antworten; eine Variable abspeichern; ein Produkt in den Warenkorb legen usw. In zweiten Schritt gibt es auch NLG – natural language generation – wobei es darum geht, die Absicht des Unternehmens in die Sprache des Kunde zu übersetzen.

Es gibt verschiedene Plattformen, die das anbieten. In Berlin macht Rasa das als Open-Source-Tool und wir arbeiten dazu auch sehr eng mit Google zusammen, dessen Produkt in diesem Segment Dialogflow heißt. In paar Klicks ist das alles abernicht gemacht, sondern man muss als Unternehmen intents festlegen und diese dann mit Variablen (also mit Produktvarianten, Stückzahlen usw.) verknüpfen, bevor man sie trainiert. Wenn ein Wort in einem Satz anders ist, kann das nämlich einen intent komplett verändern. Kommen Antworten, die nicht passen, ist das sehr frustrierend für den Kunden.

(Durch schmerzliche Fehler mit der eigenen Marke sei man zur Überzeugung gelangt, dass Chatbots erst einmal nur dort einzusetzen sind, wo Kundenwünsche und -fragen sehr eindeutig ausfallen. In anderen Fällen setze man Berater ein. Das müssten aber natürlich Warenkörbe bzw. Kunden sein, die sich lohnen! „Bett für 1000 Euro, also!“ fasst Alex zusammen. „Was kostet bei dir denn so eine Tasse?“ fragt Artjem zurück. Da würde es bei 14 Euro schwierig werden, immer manuell zu antworten. Aber mit eingefleischten Tassenzone-Fans könnte sich der persönliche Kontakt wiederum über die Zeit lohnen. Es sei kein schwarz oder weiß: Immer hänge es vom Nutzungsfall und Kundensegment ab. So biete ein Kunde von Charles die manuelle Betreuung über Chat als Teil eines VIP-Programms an. Am anderen Ende der Skala kann der Kunde immer gucken, wo es Cases gibt, die immer wieder vorkommen und die man zu automatisieren versuchen sollte.)

32:40

Alex: Ich habe neulich mit jemanden telefoniert, der hochpreisige (fünfstellig), einzigartige Gegenstände verkauft und sich Gedanken zu einem Online-Shop macht. Mein Gefühl war: Der muss über seine Webseite die Leute ans Telefon kriegen. Er sagte aber, dass das nicht dem Zeitgeist entspreche. Die Kunden wollten halt chatten. Auf WhatsApp hin- und herschreiben über Zehntausend Euro… Seht ihr irgendwo ein Limit, ab dem es kritisch wird?

Andreas: Nein! Wir starten auch demnächst mit einem Case, in dem es um Autos – also einen ähnlichen Preisbereich – geht. Ich würde es sogar andersrum sehen: Es ergibt in dieser Preiskategorie viel mehr Sinn, über WhatsApp zu kommunizieren. So ein Verkaufsprozess zieht sich über Tage oder Wochen, der Kunde hat immer neue Fragen und orientiert sich vielleicht gerade erst. Und genau hier ist WhatsApp perfekt: Ich kann meine Frage schnell loswerden, bin mir aber sicher, dass sie irgendwann beantwortet wird – die Antwort brauche ja nicht dringend in dem Moment. Diverse Studien belegen nämlich, dass die Leute lieber schreiben als anrufen. Daher sehen wir für viele Bereiche hier eine große Chance – und in vielen Kategorien ist das schon Realität. Bloß: Da schreiben viele über ihre privaten Nummern mit Kunden. Für ein Unternehmen ist es spannend, zu erfahren, dass es diese Gespräche gibt und was da der Stand ist. Im zweiten Schritt können sie dann standardisiert und optimiert werden.

35:00

Alex: In anderen Märkten gibt es bestimmt schon sehr ähnliche Dienste, oder? Ich denke an Asien, wo viele Unternehmen gar keine Webseite mehr haben und alles über WeChat machen – oder an die USA, wo Facebbook-Messenger als zentrale Plattform vorhanden ist. Gibt es da best-practice-Fälle?

Artjem: Es gibt zwar andere Unternehmen, die im selben Bereich wie wir Software anbieten. Die Schwerpunkte liegen aber oft anders – auf Chatbots beispielsweise, die auf Lead-Generierung oder das standardmäßige Beantwortung von FAQs spezialisiert sind, oft im Live-Chats auf Webseiten. Was es noch sehr wenig gibt: Integration und Verbindungen mit Handelssystemen.

Wenn man die Wettbewerbsanalyse darauf beschränkt, gibt es nicht viele andere Unternehmen in unserem Segment. Wir wissen von einem in Mexico und von einem anderen in Singapur – dem Anschein nach zu beurteilen sind das beides auch Start-ups. Ihre Kunden sind dann vorwiegend aus ihren jeweiligen Regionen. In Asien ist es ja bereits vollkommen normal, im Chat einzukaufen; in Südamerika auch. In Europa und USA ist das allerdings noch nicht angekommen.

Das haben wir daran gesehen, dass wir – nachdem wir mit unserer Kleidung rausgegangen sind – so viele Marken auf uns zukamen und fragten: „Wie macht ihr das eigentlich? Wie geht das? Welches Tool benutzt ihr?“ Das war auch der Grund für uns zu sagen: Wir bieten das an, was wir eh schon zusammenbauen. Denn: Wenn wir jetzt auf die Welt oder zumindest auf Europa gucken, haben wir hier die Chance, aus Deutschland heraus Marktführer zu werden. Das ist unsere Ambition. Da sind wir daran!

(Alex wundert sich, dass große Player wie Amazon, ASOS oder AO.com noch nicht in den Bereich vorgeprescht sind – und berichtet vom Testkauf einer Geschirrspülmaschine bei AO.com. Grundsätzlich würde sich hier Conversational-Commerce rechnen, weil der Produktwert hoch und die Rückfragen – „Passt diese Größe Teller?“ „Wie macht ihr das mit Lieferung und Einbau?“ – zahlreich seien. Bei AO.com sei alles per Mail gegangen, was etwas umständlicher als ein Chat war.

Artjem nimmt WeChat als Beispiel dessen, was theoretisch möglich ist: 72 Millionen Unternehmen seien in diesem Messenger-Umfeld im Kundenkontakt aktiv. Allerdings stelle WeChat viele Funktionen zur Verfügung, die man sonst nur aus Browsern oder Webshops kenne. So gebe es Apps in der App, in denen man Mini-Shops bauen könne. Da sei die Barriere zur Kontaktaufnahme gering, weil man ohnehin bereits im Chat-Umfeld unterwegs sei. Auch in Korea mit Cacao oder in Japan mit Lime sei der Conversational-Commerce weiter. Und Facebook fange an, um Messenger an erweiterten Funktionen zu arbeiten.)

40:35

Alex: Wer länger mit Kassenzone vertraut ist, der weiß um die Gefahren, wenn man auf großen Plattformen baut. So hat WhatsApp Ende 2018 sein Geschäftsmodell umgestellt und man konnte nicht mehr einfach so an alle einen Newsletter schicken – was die Kassenzone-WhatsApp-Gruppe zerstört hat. Habt ihr nicht vor der Möglichkeit Respekt, dass WhatsApp Messenger-Commerce bald als Teil seines Geschäftsmodells sieht und euch das nachmacht?

Andreas: Also, wenn sie jetzt die Möglichkeit einführen, im Chat einen Produktkatalog zu präsentieren, einen Warenkorb zu führen oder für Käufe zu bezahlen, ist das erst einmal eine Ermöglichung von unserem Geschäftsmodell. Ganz sicher: Wenn sie diesen Weg gehen, werden sie auch mit einem Angebot für Klein- und Kleinstunternehmen kommen. Sobald es aber größer und komplexer wird – vor allem die Beantwortung von Fragen rund um Liefertermine für bestellte Ware usw. – braucht man Zugriff auf diverse Unternehmensdaten wie Bestellungen und Logistik. Allein für die Integration mit den Systemen der vielen möglichen Logistikpartner braucht man dann einen Technologiepartner wie uns. Und in der Vergangenheit hat Facebook sehr stark auf Partner gesetzt – etwa im Bereich Marketing.

(Auf Anfrage von Alex geht Artjem kurz die Entwicklung im letzten Jahr durch. Nach dem Ende 2019 erfolgte Entschluss, sich auf Software-Entwicklung zu konzentrieren, habe er mit Andreas angefangen, einen Team zusammenzustellen und das MVP mit der eigenen Marke erst einmal ausprobiert. Im Herbst stellte man den ersten Kundenmarken die erste Version der Lösung zur Verfügung. Stand Frühjahr 2021 habe man rund 20 zahlende Kunden – nicht nur Start-ups. Derzeit achte man darauf, nicht zu viele Neukunden auf einmal aufzunehmen. Aber bis Ende des Jahres wird das Team erweitert worden sein und der Anspruch sei es ja, die Marktführung für sich zu beanspruchen.)

45:00

Alex: Gibt es in eurem Geschäftsmodell eigentlich Skaleneffekte? Beziehungsweise könnt ihr NLP und NLG besser trainieren, wenn ihr so Kunden wie H&M und IKEA gewinnen würdet? Wenn ihr besser automatisieren könnt, würde es das auch für eventuelle Wettbewerber schwieriger machen, eure Kunden anzusprechen, richtig?

Andreas: Unser NLP-Maschine wächst mit den Daten – obwohl man sehr genau trennen muss, welche Daten wir behalten und welche nur der Kunde hat. Der Kunde hat ja die komplette Hoheit. Allerdings lernen wir schon extrem viel, wenn wir für unsere Kunden Bots aufbauen und dabei erfahren, welche Struktur so ein Verkaufsgespräch hat. Denn eins muss man sich verbildlichen: Es gibt quasi keine aufgezeichneten Verkaufsgespräche, die als Datengrundlage dienen. Alles, was es derzeit gibt, sind Suchanfragen bei Google und „Frage mich nach X, Y, Z…“ Aber wirklich von Produktentdeckung über Rückfragen bis zur Bestellbestätigung: noch nicht. Die Daten – und die dazugehörigen intents – sammeln wir jetzt. Mit jedem Kunden und jeden neuen Use-Case, den wir da bekommen, wird das robuster.

Artjem: Wir merken auch, dass unsere Kunden untereinander so etwas wie eine community sind. Jeder ist da Pionier und entdeckt vieles mit uns zusammen. Wenn es da oder da eine gute Idee gibt, die übertragbar ist, teilen wir das zwischen Kunden auch. Wir stellen eine Fläche für best practices, wo jeder sehen kann, was gut funktioniert. Das ist gerade gewissermaßen ein Gemeinschaftswerk.

(Es finde viele Entwicklungsarbeit mit den Enterprise-Kunden zusammen statt, aber viele Abkürzungen oder auch mal freche Dinge kämen von den Start-up-Kunden von Charles. Das befruchte sich gegenseitig. Da ergänzten sich Artjem mit seiner Gründer-Geschichte und Andreas mit Verständnis von größeren Unternehmenskunden sehr gut.

Angesichts der Wachstumspläne von Charles geht der Podcast mit einem Aufruf zu Ende, sich auf der Jobseite des jungen Unternehmens umzuschauen. Artjem lobt Alex zudem für seine anhaltende Neugier für neue Handelsmodelle trotz beachtlicher Erfolge bislang. Alex‘ Antwort? „Leider gilt innovate or die auch für mich!“)

Neue Beiträge abonnieren

Eine Antwort

  1. Danke Alexander für deine Verlinkung / Erwähnung!
    Lg Mischa von woodboom