Einfach sauber! Vertriebsstrategie am Beispiel Kärcher mit Christian May

Auch in dieser Folge geht es um eine meiner Lieblingsmarken rund um das Thema Haushalt und Garten: Kärcher. Der CMO Christian May hat mir Rede und Antwort gestanden rund um den Vertrieb von Hochdruckreinigern und Fensterreinigern. Kärcher hat als eine der bekanntesten B2C und B2B Marken sicherlich eine Führungsrolle beim Thema Digitalisierung inne – aufgrund der sehr schlüssigen E-Commerce Strategie seit Ende der 90er Jahre. Ob diese auch noch 2020 funktioniert besprechen wir im Podcast. Wir sprechen natürlich auch über Amazon als Absatzkanal, die Rolle der Baumärkte und ich pitche einige Ideen wie man den direkten Kundenzugang besser managen kann.

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Reinigungsgeräte und Direktkundengeschäft mit Christian May, Geschäftsführer von Kärcher

Im Falle Kärcher hat man es gleich auf dreifache Weise mit einem Vorreiter zu tun. Denn nicht nur in der technischen Produktentwicklung ist das Familienunternehmen klassisch deutscher Mittelstandsprägung branchenführend. Auch, wenn es darum geht, sich in einem sonst von mehrstufigen Handelsstrukturen dominierten Segment mit Direktvertrieb durchzusetzen sowie den Zugang zu Kunden online aufzubauen, kann man vom weltweit führenden Hersteller von Hochdruckreinigern & Co. so einiges lernen. Und lernen will bekennender Kärcher-Fan Alex in diesem Podcast von Christian May, Vorstand für Vertrieb, Service und Marketing.

„Frage eins ist immer: Wo wollen unsere Kunden denn kaufen?“

4:00

Alex: Für die Hörer, die noch nie mit einem Hochdruckreiniger hantiert haben oder euch sonst nicht kennen: Kannst du kurz was zum Unternehmen Kärcher erzählen? Welche Produkte verkauft ihr? Wie groß seid ihr?

Christian: Kärcher ist mittlerweile 2,6 Milliarden Euro Jahresumsatz groß und ist überall dort aktiv, wo es um das Thema Reinigung geht. Kurz gesagt: Indem wir gute, innovative Reinigungslösungen entwickeln und anbieten, versuchen wir das Leben ein wenig einfacher zu machen – vor allem da, wo es noch schwierig ist. Dabei ist Innovation natürlich ein besonders wichtiges Element. So haben wir viele, viele Produkte entwickelt und ich glaube, fast jedem ist mindestens eines davon über den Weg gelaufen.

Dazu gehört natürlich der Hochdruckreiniger, womit der Alfred Kärcher ja in den 1950er Jahren angefangen ist. Daraus ist ein ganzes Sortiment gewachsen – wie zum Beispiel der tragbare Hochdruckreiniger für den Haushalt, der übrigens erst in den 80ern entwickelt wurde und daher gar nicht so alt ist. Darüber hinaus gibt es mittlerweile Fenstersauger: Dafür haben wir den Markt komplett erschaffen, weil es vorher nichts gab. Oder ganz aktuell und passend zum Wetter: Wir haben jetzt einen elektrischen Eiskratzer, der sich jetzt schon großer Beliebtheit.

Alex: Ich benutze selber diverse Kärcher-Geräte – wobei nicht nur: Mein Garage-Staubsauger etwa ist von einer anderen Marke. Aber mit eurem Fensterreiniger zum Beispiel geht alles deutlich schneller, selbst wenn das Putzen auch damit immer noch nicht so richtig Spaß macht… Ich schätze mal, der Hochdruckreiniger ist nach wie vor euer wichtigstes Gerät im Privatkundensegment, oder?

Christian: Schon ein sehr wichtiges. Allerdings haben in den letzten Jahren diverse andere Produkte extrem an Bedeutung dazugewonnen – vor allem seitdem wir uns sehr stark auch um den Bereich Innenreinigung kümmern. Da haben wir zum Beispiel einen Hartbodenreiniger rausgebracht. Wo immer Reinigungsprobleme nicht gut gelöst worden sind, wollen wir zur Stelle sein. Dass es uns immer wieder gelingt, solche Felder zu besetzen, gehört zu unseren größten Stärken.

7:50

Alex: Eurer Vorstandsvorsitzender hat letztens gesagt, dass so ungefähr die Hälfte eures Umsatzes aus dem B2C-Geschäft mit den gelben Kärcher-Geräten kommt, die andere Hälfte aus dem B2B – also Lösungen für Gebäudereiniger, für Kommunen usw., die grau sind. Gelb vs. grau also?

Christian: Wir sagen „anthrazit“, aber sonst stimmt das so! Ungefähr 50% unseres Umsatzes machen wir mit privaten Haushalten und ungefähr 50% geht auf die gewerbliche Reinigung zurück. Die Funktion der Produkte aus den beiden Bereichen ist zwar ähnlich – Hochdruckreiniger gibt es sowohl in der gewerblichen als auch in der privaten Reinigung –, sie unterscheiden sich aber vor allem durch ihre Robustheit und ihre Langlebigkeit. Denn ein Hochdruckreiniger in einem privaten Haushalt wird nicht acht Stunden täglich eingesetzt. Ein Flurreinigungsgerät oder Autowaschanlage läuft dafür unter Umständen jeden Tag. Da muss man dann ganz andere Standzeiten erreichen. Was aber nicht im Umkehrschluss heißt, die gelben Geräte halten nicht lange! Sie sind nur anders ausgelegt.

Alex: Beim Hochdruckreiniger für den häuslichen Gebrauch steht euer Name für die Kategorie – so ähnlich wie Tempo für Taschentücher. Aber bei anderen Sachen wie Saugroboter gibt es einen enormen Wettbewerb. Wie entwickeln sich denn solche Segmente? Kommt ihr rein? Nehmt ihr anderen Marktteilnehmer Anteile ab…?

Christian: Zum einen gibt es die Bereiche, die noch keine Lösung haben. Das gilt zum Beispiel für den Hartbodenreiniger: Böden hat man zwar immer sauber bekommen, aber eine mechanische Lösung, um nass zu reinigen, gab es nicht. Wir haben dann ein Gerät entwickelt, dass Wischen und Saugen vereint und alles erheblich einfacher macht. Das war beim Fenstersauger und beim Eiskratzer ähnlich.

In Bereichen, die stark besetzt sind, sieht es natürlich anders aus. Da geht es darum, ein besseres Produkt und ein besseres Kundenerlebnis anzubieten. Dazu gehört es, den Kunden besser zu erreichen und den besseren Service anzubieten, um in der Summe das beste Paket für den Kunden anzubieten.

(Ganz am Anfang, so Christian auf eine Frage von Alex zum Thema Direktvertrieb, habe man an Kunden direkt verkauft, bevor in den 60ern der Handel immer wichtiger wurde – zuerst Fachhandel, dann ab den 80ern Baumärkte. Der „Siegeszug des Hochdruckreinigers“ führe man bei Kärcher unter anderem auf ein gemeinsames Vorgehen mit den damals blühenden Baumärkten zurück, so Christian weiter. Vor allem im B2C war der Handel jahrzehntelang der einzige Kanal.)

13:35

Alex: Wann habt ihr euch denn entschieden, einen eigenen Online-Shop aufzubauen?

Christian: Eine ganze Zeit her… 15 Jahre vielleicht.

Alex: Damit hadern viele Marken – oft weil aus der eigenen Vertriebsmannschaft die Sorge gibt, man mache sich damit bestehende Handelsbeziehungen kaputt. Was hat euch dazu bewogen, das Risiko einer Auslistung in Kauf zu nehmen und den Schritt zu gehen?

Christian: Frage eins ist immer: Wo wollen unsere Kunden denn kaufen? Die Überlegung wird sicherlich das gewesen, was hinter der Entscheidung stand, einen direkte Kundenzugang online aufzubauen. Allerdings wird noch davor noch eine andere Überlegung gekommen sein: Wie stellen wir uns denn im Netz da? Lange vor Online-Shops war das Internet schon so weit entwickelt, dass man da sein musste. Da ging es nämlich bereits darum, wer die Deutungshoheit darüber hat, was das Produkt kann und welche Produktdaten korrekt sind.

Was wir also im ersten Schritt brauchten, war einen digitalen Showroom. Dann aber geht man einen Schritt weiter und merkt, dass das nur dann einen Sinn ergibt, wenn man dort auch gefunden wird. Und um gefunden zu werden – das ist ja kein Geheimnis – muss ein Produkt kaufbar sein. So war für uns klar, dass wir einen Shop entwickeln mussten.

Das hat also alles nichts damit zu tun, dass wir in irgendeiner Form gegen den Handel agieren wollen. Es ging darum, wie wir die Information und den Zugang anbieten konnten, die die Kunden verlangen. Zudem haben wir heute weit über 3.000 kaufbare Produkte und finden nicht mehr den Händler, der alle davon listet. So haben unsere Kunden immer die Möglichkeit, einen Ersatz- oder Verbrauchsteil nachzukaufen – selbst dann, wenn sie das eigentliche Gerät im Handel gekauft haben.

Alex: Welche Rolle spielt euer Online-Shop in eurem 2,6-Milliarden-Umsatz?

Christian: Umsatzseitig betrachtet handelt es sich nur um einen geringen Anteil. Die Masse machen wir also immer noch mit dem Handel. Im Profi-Bereich ist der Direktvertriebsanteil aber deutlich höher: Da haben wir eigene Service-Mitarbeiter, Außendienst, Großkundenbetreuung. Aber so klein der Anteil auch sein mag: Der Shop ist für uns wichtig – nicht nur, um direkt an Privatkunden zu verkaufen, sondern auch, um dort direkte Rückmeldungen zu unseren Produkten zu bekommen.

(„Bei der Argumentation stimme ich 100% überein!“ sagt Alex. Direkte Kundenzugang sei eben Goldstandard. Angesichts der besseren Margen, sei Kärcher nicht versucht, möglichst viele Kunden über den eigenen Webshop bestellen zu lassen – auch zulasten der Handelspartner? Für Christian steht fest, dass Kärcher die mittlerweile enormen Warenströme nicht selber abbilden könne und daher nach wie vor auf Handelspartner angewiesen ist. Und einen Preiskrieg gegen Händler würde Kärcher nicht vom Zaun brechen: Selber stelle man die Produkte zu den dem Handel empfohlenen Preisen ein. Außerdem – so Christian weiter auf die Rückfrage von Alex, ob es doch nicht sinnvoll sein könnte, neue Produkte exklusiv im eigenen Webshop anzubieten – gelte ja die Devise, dort auffindbar zu sein, wo die Kunden kaufen wollen. Und längst nicht alle Kunden wollten online kaufen. Man dürfe keine Hürden zwischen Kunden und Produkten aufbauen.)

21:30

Alex: Nehmen wir euer K7 – ein Wahnsinnsgerät! Der empfohlene Preis bei euch ist rund 600 Euro, aber bei Amazon finde ich das für 400 Euro. Dabei ist Amazon gar nicht so sehr der Treiber nach unten, sondern versucht nur, die günstigsten Marktpreise zu spiegeln. Beobachtet ihr denn, wie solche Buy-Box-Wettbewerbe zustanden kommen?

Christian: Natürlich beobachten wir das. Preise sind aber letztendlich Sache des Handels. Das können wir nicht beeinflussen. Amazon ist ein wichtiger Kunde für uns – gar keine Frage – es ist aber nicht so, dass wir hier eine riesige Abhängigkeit hätten.

Alex: Welchen anderen Händlern im deutschen oder europäischen Markt gelingen denn die Produktkategorien Home/Garten besonders gut? Wir hatten hier letztens Hornbach, auch über Contorion ist bei Kassenzone oft die Rede. Auch Otto ist im Segment aktiv. Oder ManoMano. Erkämpfen mittlerweile genug andere Händler ihren Platz und bereiten Amazon Probleme in bestimmten Kategorien?

Christian: Ja, das ist tatsächlich so. Es sind sogar – was ich mit Erstaunen sehe – viele bisher rein stationär fokussierte Händler, die online auf Aufholjagd gehen. Hornbach, wie du sagst, ist dabei, aber mittlerweile auch Obi; fast alle Baumärkte sind auf den Zug aufgesprungen. Der Vorteil, den sie gegenüber Amazon haben: Sie haben auch Abholflächen! Für sperrige Produkte, wozu wir zwar nicht unbedingt gehören, womit wir aber mal verkauft werden, ist das ein Pluspunkt für stationäre Händler. Sie müssen nur diese Stärke nutzen. Und gerade in der schwierigen Phase zum Jahresanfang waren alle, die online einen Kundenzugang haben, im Vorteil, weil dieser ja immer auf hatte. Auch die reinen Online-Modelle wie ManoMano, C-Discount oder Bol, sind gut unterwegs. Damit gibt es für den Kunden mehr Wahlmöglichkeiten – und das ist sehr erfreulich.

(Alex kommt eine Idee: Im Privaten werden Geräte ja nicht so oft benutzt; böte sich daher nicht ein Vermietungs-Modell an? Mit dem Thema habe man sich bei Kärcher auch länger auseinandergesetzt, antwortet Christian, nur: Ein großer Teil der Geräte sei einfach zu günstig, als das sich der Aufwand der Vermietung lohnen würde. Zudem gehe es um Sauberkeit: Da sei die Hemmschwelle, Gebrauchtes zu benutzen, hoch. Im Bereich der höherpreisigen Hochdruckreiniger und Gartengeräte habe es zwar Versuche gegeben. Diese wurden aber von den Kunden nicht gut angenommen. Der einzige Bereich, wo es gut funktioniere: Tätigkeiten, die sehr selten anfallen wie Polster- oder Teppichsäuberung mittels Sprühextraktion. Dafür werden Geräte in Kärcher-Zentren gern geliehen. Davon betreibe Kärcher übrigens 15 selber; weitere 40 würden von Händlern betreiben, so Christian auf Nachfrage.

Danach geht es darum, wie Alex mal versucht hat, mit einem Kärcher-Gerät einen Baum zu entrinden – und darum, wie Kärcher vor allem stationären Händler, die online ihre erste Schritte machen, mit Produktinformationen und -bildern unterstützt. Man habe bei Kärcher auch nach wie vor ein Interesse daran, dass es stationäre Flächen gibt, da einige Kunden schon noch ein Gerät in Echt sehen wollen, wenn es um eine Ausgabe von 600-700 Euro handelt. Ein Großteil der Marge gehe in der Logistik verloren, weshalb Kärcher hier Händlern helfen möchte.)

30:45

Alex: Habt ihr eigentlich schon so ein Direktvertriebsmodell wie bei Vorwerk ausprobiert? Beim Thermomix-Hersteller geht es darum, dass Beraterinnen Hausfrauen für die Produkte begeistern. Und wenn hier der „Kärcher-Auto“ mit dem ganzen Sortiment vorbeifahren würde, wäre ich der Allererste, der sich das anguckt…

Christian: Nein, Haustürvertrieb machen wir nicht – und veranstalten auch keine „Kärcher-Partys“ oder so ähnlich. Ja, wir wollen direkt zu den Kunden und sind deshalb auf Messen und Märkten zu finden (oft gemeinsam mit Handelspartnern organisiert). Aber nein, wir kommen nicht zu den Kunden nach Hause. Zumal die Leute tagsüber nicht zu Hause sind…

Alex: Gerade jetzt in der Corona-Krise schon!

Christian: Aber sie lassen uns nicht rein! Und das ist einfach nicht unser Modell. Wir halten uns an die Dinge, die wir können: Mit dem Handel kooperieren, stationärer und digitaler Direktvertrieb. Auch um B2B übrigens sind wir digital gut aufgestellt: Professionelle Geräte und Ersatzteile kann man als Geschäftskunde ebenfalls bei uns auf der Webseite kaufen. Auf diese Kompetenz konzentrieren wir uns.

(Alex plädiert – wenn nicht für „Hochdruckreiniger-Partys“ – schon noch für ein Kärcher-Auto. Christian berichtet von solchen Versuchen in Malaysia und Russland. Fazit: Andere Märkte – und auch noch zu teuer als Vertriebsweg.)

34:35

Alex: Lass uns über euer Contorion-Investment sprechen. Ihr seid als einer der ersten Herstellermarken eingestiegen – und dann wieder ausgestiegen, als Hoffmann gekauft hat.

Christian: Für uns geht es ja darum, wie wir am Kunden dranbleiben. Und für uns sind die Modelle der Zukunft, mit denen uns das gelingt, digital. Contorion fokussiert stark auf Kunden im Baugewerbe und der Ansatz ist sehr spannend. Wir wollten uns einfach aufschlauen: Wie funktioniert das? Könnte das ein Vertrieb der Zukunft sein? Es ist ja sehr wichtig für uns, nichts zu verpassen, was vielleicht besser funktioniert als unsere heutigen Systeme. Da sind wir sehr, sehr offen und versuchen, uns früh mit neuen Möglichkeiten für den Zugang zum Kunden – vor allem im digitalen Bereich – auseinanderzusetzen.

Alex: Und finanziell hat sich das ebenfalls gelohnt, oder?

Christian: Auch, ja. Aber wir haben es nicht in erster Linie deswegen gemacht. Bei Start-ups lässt sich ohnehin nur eins von zehn richtig skalieren. Viel wichtiger für uns war, zu verstehen, wie sich Vertriebswege ändern.

37:00

Alex: Jetzt zu euren internen IT-Strukturen. Viele große Unternehmen haben das Problem, dass sie gar nicht in der Lage sind, eigenen digitalen Direktvertrieb aufzusetzen. So wie ich das verstehe, ist euer Webshop aber größtenteils eine Eigenentwicklung. Wie seid ihr denn aufgestellt? Wie viele Leute kümmern sich bei Kärcher um Online, Direktvertrieb, Produktdaten usw.? Vor allem bei letzterem seid ihr auf Amazon sehr weit.

Christian: Könnte noch besser sein! Man muss jedenfalls bei solchen Themen einiges investieren. Wie wir vorgehen: Alle paar Jahre schauen wir uns Bereiche an und fragen uns, ob es richtig ist, das weiterhin selber zu machen oder ob es doch nicht mittlerweile ein System gibt, das wir dafür dazukaufen können. Beim Shop sind wir ja auch über den Punkt hinaus, bei dem man noch von einem einfachen System sprechen könnte: So haben wir ein Kernteam, dass den Shop selbst entwickelt, aber viele andere Abteilungen sind da ebenfalls aktiv. Das geht von der Finanzabteilung, die die Zahlungsabwicklung sicherstellt, über die Logistiker, die Verfügbarkeitsdaten beisteuern, bis hin zum Produktmanager, die ihre Daten ins Produkt-Informations-System einpflegen müssen, wenn im Online-Shop nicht nur irgendein Mist da stehen soll… Ich kann also nicht sagen, wie viele Leute eindeutig am Shop beteiligt sind. Direkt sind es so viele gar nicht, aber es gibt viele Leute in anderen Abteilungen, die zuarbeiten müssen. Insofern haben wir uns entschieden, erst einmal selbst weiter zu programmieren und überlegen uns das alle zwei bis drei Jahre.

(Alex verspricht im Scherz, das Spryker-Sales-Team vorbeizuschicken. Dann geht es weiter um digitale Strukturen. Im eigentlichen Unternehmen Kärcher ist digitale Kompetenz ja nicht gebündelt, sondern über den Fachabteilungen verteilt. Rund 50 Mitarbeiter seien aber hauptsächlich für den Shops – oder besser gesagt: die 40 verschiedenen Ländershops! – von Kärcher zuständig. Es gebe zudem mit ZOI eine Digitaltochter mit rund 100 Mitarbeitern, die sich ausschließlich um die Entwicklung von Apps und Ähnliches kümmert – und auch für externe Kunden als IT-Beratung tätig ist. Denn das hausinterne IT bei Kärcher habe schon genug mit dem „Maschinenraum“ zu tun – dass etwa SAP läuft, habe immer Vorrang. Um neue Themen anzugehen, brauche man eine andere Umgebung.)

41:35

Alex: Ihr seid in vielen Märkten aktiv. Gibt es Länder, wo ihr den Handel mehr oder minder komplett umgeht und fast ausschließlich im Direktvertrieb arbeitet?

Christian: Wir haben einige, eher kleinere Länder, die stark direkt geprägt sind – Moldawien etwa oder in Kasachstan, wo wir aus verschiedenen Gründen auch immer sehr hohe Anteile Direktvertrieb haben. In einigen Ländern sind nämlich die Handelsstrukturen nicht so stark ausgeprägt und da müssen wir selber Hand anlegen. Wo es den Handel gibt, arbeiten wir aber gern mit ihm gemeinsam, um eine größtmögliche Abdeckung zu erreichen.

Alex: Du hast ja vorhin erwähnt, dass eure Direktvertriebsstrukturen auch von Geschäftskunden benutzt werden – die etwa Ersatzteile über die Webseite bestellen können. Das ist so eine Domäne, die Amazon mit Amazon Business als Ziel ausgegeben hat. Ist es nach eurer Erfahrung so, dass mittlerweile professionelle Anwender eurer Geräte über Marktplätze wie Amazon Ersatzteile und Zubehör beziehen?

Christian: Noch nicht im großen Stil. Im kleineren Bereich kaufen Kunden zwar schon mal über Amazon, das können wir sehen. Es kaufen aber wenig über Amazon Business. Das ist aber auch im C-Teilen-Geschäft ohnehin schwierig einzuschätzen. Da haben viele große Firmen eigene Strukturen aufgebaut, über die der Markt bedient wird. Einige große Industriekunden haben dafür eigene Plattformen. So sehe ich durch Amazon Business Stand heute noch keinen allzu großen Druck.

(Dann geht es in die Heimat von Amazon: Den Mount Rushmore habe Kärcher öffentlichkeitswirksam saubergekärchert. Wie es um die Markenbekanntheit im US-Markt bestellt sei? Sie bleibe weit hinter der in Europa zurück, so Christian. 80% der US-Kunden seien gewerbliche Reiniger. Dann geht es kurz um die Besonderheiten des Markts.)

45:45

Alex: Kopfhörer, Bluetooth-Boxen: In solchen Elektroniksegmenten tauchen beinahe täglich Marken auf Amazon auf, von denen man noch nie etwas gehört haben – mit tollen Bewertungen, die etablierte Marken wie Sennheiser und Panasonic auf die unteren Plätze verweisen. Es gibt bestimmt Fabriken in Asien, die Hochdruckreiniger herstellen können. Seht ihr auch solche Nachmacher-Konkurrenz in euren Kategorien – etwa beim Fensterscheibenwischer?

Christian: Beim Window-Vac noch nicht, die Kategorie ist zu neu. Aber das kommt bestimmt bald! Wir haben übrigens mehrmals den „Plagiarusbekommen: Das ist ein „Negativ-Preis“ für Produkte, die die Chinesen besonders originalgetreu kopieren.

Alex: Welches Produkt war das?

Christian: Ein kleiner gewerblicher Hochdruckreiniger. Da konnte man äußerlich fast keinen Unterschied merken. Das war unglaublich!

Aber natürlich: So eine Plattform wie Amazon hilft eher unbekannten Marken, einen Marktzugang zu bekommen. In Europa im Bereich Hochdruckreiniger ist das zwar noch nicht der Fall. Das ist aber etwas, was schon passieren kann. Das ist ja auch einer der Gründe, warum wir als Marke nicht hochnäsig werden und einen wichtigen Kanal auslassen können. Wir müssen dort vorhanden sein, wo die Kunden uns suchen. Das ist die beste Strategie, uns gegen solche Wettbewerber zu erwehren.

(In USA sei so eine Marke auf Amazon entstanden, so Christian weiter, weil sie mit der Einhaltung von bestimmten US-spezifische Vorschriften warb. Allerdings erwiesen sich die angegebenen Werte mit der Zeit als illusorisch…

Alex stellt Fragen zum Umgang mit Apps und Smart-Home: Könne man mit Kärcher-Software Lock-ins schaffen? Christian: Erste smarte Systeme habe Kärcher eingeführt, aber Digitalisierung der Produkte müsse einen echten Kundennutzen anbieten. So gebe es zwar eine erste Home-&-Garden-App von Kärcher – und den Roboter, der darüber läuft. Derzeit arbeite man aber eher über die Produktregistrierung, um mit den Kunden in Kontakt zu bleiben und ihnen bei auftretenden Problemen besseren Kundenservice anzubieten. Im B2B-Bereich seien Themen wie Flottensteuerung, Geofencing und Predictive-Maintenance allerdings schon Standard.)

53:30

Alex: Bleibt nicht mehr sehr viel Zeit für die Frage zu euren Zukäufen und Ventures. Denn hier seid ihr auch nach Contorion aktiv. Stichwort Service-Partner-One, eine Akquisition von euch.

Christian: Service-Partner-One hat eben eine sehr gute Software, die Gebäudereiniger in der Objektverwaltung täglich unterstützt. Wir hatten bereits eine Applikation für die Verwaltung unserer Maschinen und aus unserer Sicht passten die beiden Lösungen sehr gut zusammen. Das rollen wir jetzt gemeinsam im Markt aus und ich bin davon sehr überzeugt.

Alex: Und dann gibt es noch eure internen Venture-Bemühungen…

Christian: Wie zum Beispiel den Küchenkomposter Kalea, dass gerade bei Kickstarter durch die Decke gegangen ist. Das ist eines der ersten Produkte aus unserem internen Innovationslabor und ich bin sehr gespannt, wie es damit weitergeht. Es ist wichtig, solche Versuche mal außerhalb der internen Strukturen aufzusetzen, damit sie einen Lauf nehmen können.

(Alex zeigt sich begeistert – nicht nur von den Kärcher-Produkten, die er selber benutzt, sondern auch von der Aufstellung Kärchers.)

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