Wie funktioniert Holstein Kiel? Geschäftsführer Wolfgang (Wolle) Schwenke

Holstein Kiel hat meine Heimatstadt sportlich umgekrempelt. Innerhalb von kürzester Zeit ist aus der Handballhauptstadt Kiel die Fußballstadt geworden. Wolfgang Schwenke hat als Geschäftsführer und ehemaliger Handballer einen großen Anteil an diesem Erfolg beigetragen und erklärt im Podcast was hinter dem Erfolg steckt und wie beständig dieser ist. Natürlich hebt Corona auch in Kiel vieles aus den Angeln, aber um Holstein mache ich mir langfristig keine Sorgen. Natürlich sprechen wir auch über die kaufmännischen Aspekte des Sports. Was ist ein Fan wert? Was bringt es den Sponsoren? Wie kann man in diesem Geschäft planen? Spannend, nicht nur für Holstein Fans!

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Das Geschäftsmodell Fußball mit Wolfgang „Wolle“ Schwenke, Geschäftsführer von Holstein Kiel

Lange galt Handball unangefochten als Lieblingssport der Stadt an der Förde. Doch an diesem Grundsatz rüttelt immer unüberhörbarer – und ausgerechnet unter Führung eines ehemaligen Handballers – nun der örtliche Fußballverein Holstein Kiel, der als Sensation der Zweiten Bundesliga gilt. In diesem Podcast spricht Alex mit Wolfgang Schwenke darüber, wie er Fußball an der Förde im zurückliegenden Jahrzehnt gestärkt hat und wo die Reise jetzt hingeht. Auch Thema – Sind wie ja hier doch bei Kassenzone! – : Wie viel ist ein Fan wert? Was haben Sponsoren von ihrem Engagement? Und wie planbar ist ein derart vom sportlichen Erfolg abhängiges Geschäftsmodell?

„Wenn wir etwas beschlossen haben, dann ist für uns Abfahrt!“

4:10

Alex: Wolfgang, stell dich bitte den Hörern mal vor: Wer bist du und was machst du?

Wolfgang: Mein Name ist Wolfang Schwenke und ich bin seit mittlerweile über zehn Jahren kaufmännischer Geschäftsführer bei Holstein Kiel.

Alex: Man wird ja nicht als kaufmännischer Geschäftsführer geboren. Du hast bestimmt eine sportliche Karriere hinter dir.

Wolfgang: 1987 bin ich nach Kiel gekommen und war mit einem Jahr Unterbrechung bei VFL Bad Schwartau 14 Jahre Handballspieler beim THW. Ich habe auch in der Nationalmannschaft gespielt und war auf einer WM und einer Olympiade – 1992 in Barcelona. Danach war ich Profi-Trainer – ein Jahr bei den Rhein-Neckar-Löwen zum Beispiel – bevor ich 2009 zu Holstein Kiel kam. Meine Aufgabe hieß damals, diesen Verein zu professionalisieren.

Alex: Wahrscheinlich haben sich unsere Wege im Handball kurz überschnitten. Ich war Jugendspieler beim Handballverein TSV Kronshagen. Das war im Ausbildungsbereich vom THW und einmal durfte ich in so einem Bundesligavorspiel in der großen Ostseehalle im Tor stehen!

Generell: Wie war denn der Wechsel von Hand- zu Fußball? Musstest du dir paar Jahre Sprüche gefallen lassen?

Wolfgang: Für mich war das überhaupt kein Problem: Beides sind Mannschaftssportarten und funktionieren als solche irgendwo gleich. Aber klar, es ergoss sich teilweise Häme über mich. Dabei war es hier nie meine Aufgabe, den Stürmer oder den Mittelfeldspieler auszusuchen, weil wir bei Holstein Kiel das Sportliche vom Kaufmännischen trennen wollten. Das ging mit der angesprochenen Professionalisierung einher. So kam ich für das Kaufmännische und für den Sport hatten wir Andreas Bornemann, der jetzt beim FC Sankt Pauli ist. Ich hatte und habe also mit dem Sport – und mit dem ganzen Transferwahnsinn – nichts zu tun. Ich bin Hüter des Budgets und habe die Aufgabe, zuzusehen, wie wir zusätzliche Mittel für uns erschließen können.

(Als er 2009 bei Holstein Kiel anfing, war im Verein einiges los: Trainer weg, in die Vierte Liga abgestiegen… Es ging darum, von dieser ungünstigen Anfangsposition langfristige Image- und Markenaufbauarbeit zu betreiben.)

8:00

Alex: Wie geht man mit Markenaufbau im Fußball vor? Ist das wie jedes andere Geschäft, wo man Marktstudien macht und sagt: „Ah, hier ist noch Potenzial für eine neue Marke?“ Oder entsteht so etwas zufällig?

Wolfgang: Ich habe mich damals bewusst für Holstein Kiel entschieden, weil es sich um einen traditionsbewussten Verein handelt. Die größten Erfolge waren zwar noch in Schwarz-Weiß, die Marke war aber noch sehr bekannt. Wir haben zum Beispiel eine Analyse mit Studenten aus Hamburg gefahren: Da zeigte sich, dass die Marke eine hohe Bekanntheit besaß. Darauf wollten wir aufbauen.

Ich sah es so: Die Marke war umnebelt. Mir ging es darum, diesen Nebel wegzubekommen, damit sie neu erstrahlt. Und da muss man eine Idee haben. So entschieden wir uns für eine bewusste Provokation mit der Aussage: „Wir sind der Impuls der Stadt!“ Die Antwort vielerorts? „Ihr seid der Tot der Stadt!“ Wir waren bekannt – aber doch eher negativ belegt. Es hat sich gewandelt, als wir 2012 in der DFB-Viertelfinale waren und hier zu Hause gegen Dortmund gespielt haben. Und das als Viertligist! Da merkte man, was möglich sein könnte.

Im Jahr darauf sind wir aufgestiegen. Das erste Jahr in der Dritten Liga war dann aber ganz, ganz schwierig. Danach ging es aber bergauf. Wir hatten in der Saison 2013-14 ein ganz tolles Spiel in der Allianz-Arena und sind nur knapp nicht aufgestiegen…

Alex: Ein trauriges Wochenende! 2:1 verloren in München!

Wolfgang: In der Nachspielzeit auch! Aber dann haben wir es paar Jahre später auch hingekriegt und jetzt spielen wir in der dritten Saison in der Zweiten Liga. Da sind alle ganz begeistert und jetzt macht es einfach Spaß.

(Alex erinnert sich: In Kiel war Sport lange Zeit mit Segeln und Handball gleichbedeutend. Jetzt habe aber Holstein Kiel – jedenfalls gefühlt – aus Marketing- und Sponsorung-Sicht dem THV den Rang abgelaufen. Ob sein subjektives Gefühl auch belegbar ist, fragt Alex. Wolfgang bejaht das. Es habe allerdings nicht nur mit dem Erfolg von Holstein Kiel, sondern mit der generell größeren Dimension von Fußball als Sport zu tun. Aktuell habe der Verein einen Zuschauerschnitt im Stadion von rund 11.000. Das sei mehr, als die Ostseehalle des Handballvereins überhaupt fasst.

Der Holstein-spezifische Erfolg sei aber reell und messbar: In den zehn Jahren unter Wolfangs Ägide seien aus rund 65 Werbepartnern nun 330 geworden. Umsatzmäßig haben sich die 4 Millionen auf über 24 Millionen mehr als versechsfacht. Im Merchandising habe sich nämlich viel verändert.

Entscheidend sei gewesen, dass Holstein Kiel nicht – wie zu Wolfangs Antritt 2009-10 fast alle anderen Vereine – von Agenturen habe vermarkten lassen. Man habe eigenes Personal dafür aufgebaut, was sich durch eine ganz andere Nähe zu den Geschäftspartnern auszahle. So veranstalte man monatliche Business-Runden, wo sich die 330 Partner persönlich treffen können.)

14:55

Alex: Ich war ja letztens beim Aufstiegs-/Relegationsspiel in Wolfsburg mit dabei und da fiel mir auf: Braunschweig und Wolfsburg sind ganz in der Nähe; da herrscht viel Wettbewerb um Fans und Sponsoren. Schleswig-Holstein ist aber meines Wissens das einzige Bundesland, das noch nie einen Bundesligisten hatte. Traurige Statistik! Aber – vielleicht etwas naiv gesehen – überlässt das Holstein Kiel viel Spielraum, oder? Da ist ein potenzielles Einzugsgebiet von Flensburg und Husum bis nach Hamburg runter. Früher fuhren Kieler, die Bundesligafußball sehen wollten, nämlich nach Hamburg zum HSV – aber die sind bekanntermaßen abgestiegen. Sind das für dich stabile geschäftliche Planungsverhältnisse? Oder würde etwa ein erneuter Abstieg in die Dritte Liga viele der Werbepartnerschaften gefährden?

Wolfgang: Durch die Nähe zu unseren Partnern sehe ich uns da nicht gefährdet. Nachdem wir paar Jahre erfolgreich gespielt hatten, gab es einen fast 100%-igen Wechsel. Trainer weg, sportliche Leitung weg,

 beinahe der gesamte Kader weg. Wir haben aber hohe Transfersummen bekommen, die wir dann nicht in neue Spieler, sondern in unsere Infrastruktur reingesteckt haben. Das zweite Jahr war es ähnlich: Wieder erfolgreich gewesen, wieder alle Weg.         

Alex: „Der Erfolg frisst seine Kinder.“

Wolfgang: Man muss sich eingestehen, dass man eben im unteren Drittel der Nahrungskette steht. Die richtige Reaktion darauf, ist nicht in Panik zu verfallen, dass einem die Spieler weggefressen werden, sondern beständig daran zu arbeiten, dass man ein Stück höher in der Kette rutscht, bis man irgendwann sagen kann: „Wir möchten gern, dass dieser Spieler hier bleibt“ – und dann die wirtschaftliche Ressourcen hat, das eben durchzuführen. Das muss Schritt für Schritt, Hürde für Hürde gehen.

(Mit Ablösesummen baue Wolfgang also lieber – so formuliert es Alex vereinfacht – einen beheizten Trainingsplatz, um langfristig besser zu werden, als das Geld wieder für tolle Spieler auszugeben. Ob das aber nicht das Potenzial von Holstein Kiel auf die obere Tabellenhälfte der Zweiten Liga deckele? So viel, so Wolfgang, sei belegt: Der Fan in Kiel gucke gern Fußball in seiner Heimatstadt – auch in der Zweiten Bundesliga. Dabei sei die Entwicklung für Wolfgang doch nach oben offen. Die Chance aufzusteigen werde nicht in diesem Jahr kommen. Aber wenn sie komme, würde man sie gerne ergreifen. Es nütze aber nichts, große Pläne zu schmieden und auf Jahreszahlen zu schielen. Bis dahin gehe man Schritte im Ausbau der Infrastruktur.)

21:45

Alex: Wenn du die Kapazität des Stadions von derzeit maximal 15.000 auf etwa 20.000+ ausbauen würdest, würde sich die Investition lohnen? Wir gucken ja hier immer ganz neidisch auf Sankt Pauli, die Stück für Stück die Tribünen neu aufgebaut haben…

Wolfgang: Mit Sicherheit. Stadien heutzutage sind – sage ich mal: – Event-Arenen. Man kann ja zusätzliche Veranstaltungen stattfinden lassen: Konzerte zum Beispiel, aber auch die Business-Räume können anderweitig vermarktet werden (Geburtstage, Jubiläumsfeiern, usw.). Wenn man wirklich nur Fußball veranstalten würde, würden einen die Kosten eines Stadions nur auffressen. Stellt man es aber geschickt an und schafft man auch andere Räumlichkeiten zur Vermietung, dann kriegt man ein profitables Stadion hin.

Da ist Pauli ein gutes Vorbild, wie man kontinuierlich im laufenden Betrieb – und so wie es die wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen – ein Stadion erweitern kann. Wenn wir anfangen, wäre zuerst der Business-Bereich dran: Die Haupttribüne würde auf die andere Seite wechseln und man würde trockenen Fußes direkt vom Parkplatz aus in den Business-Bereich gelangen können. Derzeit ist da nämlich nicht alles perfekt. Unsere VIPs sind ja sehr human und verständnisvoll mit uns… Toll, dass sie unsere Entwicklungsschritte mitgehen!

(Alex beschreibt, für die Zuhörer, die noch nicht vor Ort waren, die beinahe einzigartig wassernahe Lage des Stadions. Wolfang schwärmt zustimmend davon, wie an Spieltagen Fans das Stadion mit den Fähren über die Förde anfahren.)

27:15

Alex: So ein Stadionausbau schluckt Geld. Wie sieht der Business-Case dafür denn aus? „X Fans passen darauf, was X Euro an Mehreinnahmen über soundsoviele Heimspiele bedeutet?“

Wolfgang: Vom Prinzip her schon. Zum Beispiel wollten wir für den geplanten Ausbau öffentliche Gelder benutzen und mussten entsprechend ausschreiben: Nur nahm keiner an der Ausschreibung teil! Also entschieden wir uns für die Eigenfinanzierung – natürlich mit Hilfe unserer Hauptsponsoren. Dann ist die Wirtschaftlichkeit sehr wichtig. Dann stellt man sich fragen wie: Wie viel Zuschauerkapazität habe ich aktuell? Wie ist der Auslastungsgrad? Werden die Business-Räume benutzt? Auf der Basis machst du dann Annahmen – Du guckst also in die Glaskugel – und rechnest rum: Wie viele werden pro Spiel kommen? Was kostet die VIP-Karte? Wieviel können wir für Plätze im Parkhaus nehmen? So erstellt man dann seinen Business-Case in die kleinste Tiefe und entscheidet man sich, ob man sich so ein Stadion überhaupt leisten kann.

Alex: Wie viele Leute reden denn bei so was mit? Ich habe hier einige Gäste, für die schon die Gründung einer Tochtergesellschaft für den Vertrieb im Ausland zu einer Überforderung mittlerer Größe führen kann. Aber letztendlich entscheiden dann nur Geschäftsführer und Aufsichtsrat. Beim Fußball gibt es extrem viele äußere Einflüsse – nicht zuletzt die meinungsstarken Fan-Foren…

Wolfgang: Einige sagen von uns als Club, dass wir schweigsam sind, dass wenig rausdringt. Im Vorstand sind wir zu dritt: Präsident, Sport-Geschäftsführer und meine Wenigkeit. Wir besprechen uns dann bezüglich Strategie und Vorgehens mit einem fünfköpfigen Aufsichtsrat. Beim Thema Stadionausbau zum Beispiel ist der Aufsichtsrat ein Treiber hinter der strategischen Ausrichtung; wir im Vorstand haben für die Umsetzung zu sorgen. Wir nehmen die politischen Entscheidungsträger mit: Stadt und Land haben war natürlich ein Wort zu reden. Das reicht dann aber auch. Es reden da keine Hunderte Leute rein.

Alex: Nichtsdestotrotz haben sie eine Meinung dazu…

Wolfgang: Und das ist auch gut so! Aber da diskutieren wir nicht. Wenn wir etwas beschlossen haben, dann tragen wir das nach draußen und versuchen, so gut wie möglich zu erklären, was wir uns dabei gedacht haben. Aber dann ist für uns Abfahrt! Dann machen wir das so, wie wir uns das vorgenommen haben. Das ist immer so bei großen strategischen Entscheidungen: Holt man ein Spieler oder holt man ihn nicht? Entlässt man den Trainer oder nicht? Dazu gibt es ein kurzes Statement und dann ist es für uns Geschichte. Dann konzentrieren wir uns auf die Dinge von heute und morgen.

(Wolfgang preist die Vorteile solcher kurzen, unkomplizierten Entscheidungswege an. Es sei auch gut, dass man nicht ständig durch öffentlichen Druck zum überschnellen Handeln bewegt werde. Große Emotionen könne man sich auch nicht leisten: Man müsse sachlich und strategisch entscheiden können. Aus der Fan-Perspektive, so Alex, sei man ohnehin froh, wenn ein Trainer von sich aus länger als zwei Saisons mache! Das sei nicht, wie bei anderen Vereinen, wo ständig Rufe laut werden, den oder den rauszuschmeißen.)

34:00

Alex: Viele meiner Podcast-Gäste müssen sich die Frage stellen, ob und wie sie direkt an Kunden vermarkten können, ob sie über Amazon verkaufen sollen, und wie ihr Handelsgeschäft überhaupt in Zukunft  funktioniere. Diese Fragen stellen sich meines Erachtens auch beim Fußball. Ihr seid zum Beispiel für ein Teil der Einnahmen von Fernsehlizenzerlösen abhängig. Ist das ein Abhängigkeit, die man etwa durch eigene Videoteams und eigene Inhalte verringern kann? Habt ihr eine eigene „Holstein TV“-Plattform? Bietet ihr da eingefleischten Fans gegen Gebühr mehr Content an? Dadurch könnte man sich nämlich einen zweiten Einnahmestrom aufbauen.

Wolfgang: Das muss ja auch das Ziel sein. In der Zweiten Liga verdienen wir mit TV-Rechten über 11 Millionen Euro, weil wir jetzt gut platziert sind; kurz nach dem Aufstieg waren es 6 Millionen. Das basiert auf Fünfjahreswertungen. Der DFB-Pokal spielt da auch mit rein sowie die Zahl der Jugendspieler, die man unter 23 einsetzt. Das bringt das Fernsehgeld. Teil unseres finanziellen Erfolges ist es also, dass wir mit Abstand die meisten Jugendspieler einsetzen.

Alex: Wenn ihr also die kommenden fünf Jahren in der Zweiten Liga oben rangiert: Bis wohin kann dieser Betrag steigen?

Wolfgang: Nachher liegen wir dann vielleicht bei 13 bis 16 Millionen. Das hängt aber auch davon ab, welche andere Teams ab- und aufsteigen und ist kompliziert zu berechnen. Unsere Fernseherlöse steigen gerade auf jeden Fall – und stellen einen wichtigen Part unserer Einnahmen dar.

Der andere Part ist allerdings ja, wie wir uns selber vermarkten. Das geht es um Video-Konzepte und auch im um Digitales im Allgemeinen. Ein wichtiges Thema: Eine App, in der deine Dauerkarte abgespeichert ist. Das ermöglicht uns, mehr über den Fan zu erfahren und ihm auch mehr anbieten zu können.

Alex: Entwickelt ihr so etwas selber oder gibt es einen white-label‑Standardfür Clubs in der Ersten und Zweiten Liga?

Wolfgang: Standardprodukte gibt es, aber wir wollen ja immer eine Individuallösung haben. Dafür arbeiten wir also mit Dienstleistern, die unseren Vorstellungen gerecht werden können. Mit dem Stadionausbau wird es zum Beispiel entscheidend sein, dass wir diese App miteinbinden: Da wollen wir perspektivisch auf ausgedruckten Tickets verzichten können. Und bereits heute kann man bei uns ein Handy-Ticket benutzen, wie man das von Fluggesellschaften kennt. Wo wir aber hinwollen: Dass man sofort sieht, wer der Fan ist, ob der VIP ist, wo sein Platz ist. Und dass er die Möglichkeit hat, sein Ticket digital weiterzugeben, wenn er mal nicht kann.

(Alex und Wolfang spinnen die Kommerzialisierungsmöglichkeiten einer App ein bisschen weiter: Verlosung von Parkplätzen! Merchandising-Werbung beim Ticketkauf! Verkauf von Werbeplätze an Partner. Mit einer App versuche Holstein Kiel, so Wolfgang, eine Plattform zu schaffen. Danach beschreibt Wolfang, wie der Verein auf Events wie etwa die Kieler Woche präsent ist und eigene Sommer-Trainingslager für Kinder anbietet. Geschäftspartner dürften ihre Freunde und Familie mitbringen und es entstehe eine lockere Atmosphäre, in der man sich genauso gut entspannen wie den geschäftlichen Austausch pflegen könne. Das ergebe eine Community, die einen großen USP von Holstein Kiel darstelle.)

41:00

Alex: Wenn Kassenzone Sponsor wird: Wo geht das denn los?

Wolfgang: Unser Grundpaket kostet 8,000€. Das kriegt man zwei VIP-Karten mit Logo-Platzierung und Zugang zu unserer Community-Veranstaltungen.

Alex: Klingt attraktiv! Mit einem eurer Hauptsponsoren Citti werde ich darüber reden. Die sind ja nach einigen Berechnungen der erfolgreichste Fachhandel Deutschlands! Wobei sie nicht gerade für das Überleben der Innenstadt sorgen… Aber gut, ihr habt Liquidität davon.

In Sachen lokaler und regionaler Verankerung: Gibt es in dieser Hinsicht Vereine, die euch als Beispiel dienen?

Wolfgang: Klar! Wir sind aber keine Fantasten, die uns mit Bayern München oder Borussia Dortmund vergleichen. Das Ziel muss ja erreichbar sein. Das ist für mich der FC Freiburg, weil sie es immer schaffen, Spieler auszubilden. Das machen wir auch. Wir haben hier ein Nachwuchs-Leistungs-Zentrum – „NLZ“ – mit drei Sternen…

Alex: Wo wir gerade diesen Podcast aufnehmen?

Wolfgang: Richtig! Rasenplätze, Indoorhalle mit Kunstrasen usw. Das hier ist die Schmiede von Jungtalenten. Wir werden in den kommenden Jahren keine Millionentransfers machen, werden aber Leute gut ausbilden und sie wirtschaftlich an andere Vereine bringen können. Und das wird es uns wiederum ermöglichen, den nächsten Schritt zu machen.

(Alex fragt, wie es am anderen Ende der Karriere aussehe. Nehme Holstein Kiel auch einst vielversprechende Spieler, die sonst auf ihren alten Tagen nach China gehen müssen? Zu Wechselperioden bekomme man mehr als genug solche Angebote, so Wolfgang, und danke freundlichst ab. Die klare Linie von Holstein Kiel sei es nämlich, möglichst vielen jungen Spielern die Chance zu geben, Zweite Bundesliga zu spielen. Diese Bodenständigkeit komme nicht zuletzt durch den langjährigen Trainer zum Vorschein.)

45:30

Alex: Wenn ich bei euch aufs Geschäftsmodell gucke, sehe ich viele Vertikalisierungsmöglichkeiten. Ein Holstein-Hotel zum Beispiel: Ihr habt doch so viele Partner, die bestimmt Anteile zeichnen würden. Es müsste ja darum gehen, den Kundenzugang, den ihr habt, zu nutzen und die Aufmerksamkeit, die ihr an Spieltagen bekommt, einzusetzen. Da würden mir Hundert Sachen einfallen, wo ein Holstein-Aufkleber draufpassen würde…

Wolfgang: Unser Kerngeschäft ist analoger Fußball auf dem Rasen. Viele Verein verzetteln sich, in dem sie alle möglichen Sachen machen. Aus dem Fußball und der Spaß daran entstehen aber viele Dinge: Fußballcamps, e-Sport.

Alex: Markenversprechen „Holstein gleich Fußball“ also?

Wolfgang: Genau. Wenn so Dinge uns auf dem Weg begegnen, von denen wir denken, dass sie zu uns passen – und wenn wir alles andere ausgeschöpft haben – dann machen wir sie. An vielen Stellen haben wir noch Luft – etwa Markenausbau Social-Media. Aber da wollen wir uns die Zeit nehmen. Und was wir uns immer vor Augen halten müssen: Um weiter zu wachsen, ist die Zweite-Liga-Zugehörigkeit unabdingbar. Alles muss also auf den Sport einzahlen, weil der die Lokomotive ist, die das ganze zieht.

(Alex fragt, woran sich Erfolg für Wolfgang als Geschäftsführer bemisst. Maßgeblich sei die Erarbeitung und die Einhaltung eines Budgets, so Wolfgang. Am Ende des Jahres ließen sich zudem Zahlen wie Ticketerlöse, Marketing-Einnahmen, Image-Zuwachs gut ablesen. Laut einer Umfrage gehörte Holstein Kiel jetzt, so Wolfang, mit SC Freiburg zu den beliebtesten Vereinen Deutschlands. Das komme davon, mutmaßen die beiden, dass man im Kieler Stadion noch „echten“ Fußball mit Nähe zu Spielern und Regen im Gesicht erleben könne. Dieses „Unperfekte“ ins neue Stadion mit rüberzubringen, werde eine wichtige Herausforderung darstellen, so Wolfgang.)

50:15

Alex: Letzte Frage: Was sind für dich, wenn du jetzt perspektivisch auf 2020/21 guckst, die wichtigsten Prioritäten?

Wolfgang: Erst einmal: Alles dafür zu tun, dass wir noch nächstes Jahr Zweite Bundesliga spielen. Dann haben wir aktuell noch den Bau eines Platzes mit Rasenheizung: Den wollen wir abschließen. Und wir wollen die Geschäfte erweitern – was aber vom Sportlichen abhängt. Und personell müssen wir aufstocken, damit wir etwa für den Jugendbereich mehr Vollzeit-Zuständige haben, was mit unserem Drei-Sterne-NLZ zusammenhängt. Wenn man aber hier durchs Haus geht, sieht man, dass die Büros überstrapaziert sind. Also müssen wir noch ein zweites Verwaltungsgebäude bauen und es mit dem ersten verbinden. Auch das wird sportlich sein! Und nicht zuletzt wollen wir organisch weiterwachsen und die Digitalisierung, die wir vor fünf Jahren angefangen haben, vorantreiben.

(Einfach mal 30 Leute dafür einstellen, gehe aber nicht, so Wolfang. Holstein Kiel sei im Vergleich zu anderen Vereine ähnlicher Größe personell schlank aufgestellt. Denn der Sport habe ja Vorrang. Diesen Satz nimmt Alex zum Anlass, zum Abschluss zwei aktuelle sportbezogene Fragen zu stellen. So geht der Podcast gewissermaßen in die Verlängerung…)

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