Das neuste E-Commerce Crossover zu Mediamarkt: Reicht Multichannel wirklich aus?

Seit ca. sechs Monaten nehme ich mir zusammen mit Jochen Krisch, Joel Kaczmarek jeden Monat eine Stunde Zeit, um im E-Commerce Crossover Podcast über aktuelle Entwicklungen im E-Commerce zu reden. In der aktuellsten Folge geht es um die Strategie von Mediamarkt und diesbezüglich sind wir mit einer Denkweise, die dem stationären Handel wenig Zukunft zutraut, sehr kritisch. Das Format Podcast eignet sich nach unserer Erfahrung sehr gut für diese komplexen Themen und Joel schafft es mit seiner Plattform regelmäßig über 5.000 Hörer pro Folge zu begeistern – ein für die E-Commerce Nische sensationeller Wert nach so kurzer Zeit. In der nächsten Folge geht es um die jüngsten Börsengänge von Stitchfix und Hellofresh und wir freuen uns über Themenvorschläge der Hörer! 

Auf Soundcloud findet ihr alle Folgen des Podcasts.

Die aktuelle Folge zu MediaMarkt ist recht kritisch, aber deren Pressesprecher Christian Bölling nimmt es sportlich und macht auf excitingcommerce seine Sicht der Dinge klar.

Eure Meinung ist, dass es irgendwann keine stationären Läden mehr geben wird. Wer diese Meinung hat, kann unsere Strategie nur sehr kritisch sehen. Für uns allerdings ist die Kombination aller Verkaufs- und Kundenkontaktkanäle das gewinnende Modell. Wir konzentrieren uns nicht ausschließlich auf online. Wir denken, dass diese Konzentration langfristig zu kurz gegriffen wäre.

Der Diskussion dazu stellen wir uns gern. Ich möchte allerdings auch darauf hinweisen, dass einige Dinge nicht ganz korrekt waren:
1. Es wird berichtet, die Retail Media Group verkaufe Werbung auf unseren Webseiten – das ist nicht der Fall. MediaMarktSaturn vermarktet das eigene „Inventar“ selbst. Die RMG hat allerdings Zugriff auf das Einkaufsverhalten auf unseren Seiten (und denen von anderen Partnern der RMG) und kann diese Daten zur Entwicklung von einzigartigen Zielgruppenprofilen nutzen. Z.B.: „Besitz Digitalkamera“, „hohe Kaufkraft“ und „hat sich gerade einen Italien-Reiseführer gekauft“.
2. Innovationen, die Ihr Wettbewerbern zuordnet und für uns vorschlagt, sind längst implementiert – auch wir haben bspw. zahlreiche Shop-in-Shops in unseren Märkten (Apple, Samsung, Google). Und auch wir bieten viel mehr Entertainment an – Fotografie-Kurse in den Märkten, VR-Zonen usw.
3. Ihr sagt im Retailtech Hub gehe es „nur“ um stationäre Innovationen – das ist nicht der Fall. Retail schließt für uns Online-Retail und die gesamte Wertschöpfungskette des Handels ein. Siehe Online-Kinderkonto (okiko.de), WeView (Video-Reviews), Combyne (rein App-basiert), ParcelLab (Logistik), Neuro-Flash (Marktforschung)
4. Auch wir öffnen unsere Plattform in bestimmten Segmenten für andere Anbieter – Mobilcom Debitel für Smartphonetarife in Deutschland, Grover für Mieten in Deutschland, weitere Beispiele in anderen Ländern.
5. Beteiligungen: Juke gehört (ihr fragt danach) komplett zu uns. Und es gibt weitere Beteiligungen rund um unser Geschäftsmodell: Flip4New (Re-Commerce), rts (Service), ZES (Tracking von Reparaturen).

Auf der DMEXCO hat Martin Wild von MSH am Spryker Stand diese Sicht auch noch mal unterfüttert und das Multichannelmodell verteidigt. Es ist in der Tat eine ganz andere Herangehensweise an den Markt und einigen Maßnahmen kann ich auch etwas abgewinnen, aber ich tue mich enorm schwer mit der Annahme, dass man auf diese Weise die „analogen“ Standbeine des Handels sinnvoll integrieren kann. Dafür bewegt sich aus meiner Sicht der Markt zu schnell und auch in Deutschland dürfte die Retail Apokalypse nicht mehr lange auf sich warten lassen. Aber entscheidet gerne selbst. Hört euch den Podcast an, hört euch an wie Martin den Markt bewertet und diskutiert mit. Was würdet ihr an Stelle von MSH tun?

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Alexander Graf, 37, E-Commerce Unternehmer & Analyst, Gelernt bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Commerce Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

5 Antworten

  1. Eric sagt:

    Was Mediasaturn als Pfund hat ist der Preis. Man bekommt dort tatsächlich die besten Angebote, auch wenn der Vergleich mit Online wegen willkürlich abweichender Modellbezeichnungen oft schwierig ist und mühsam anhand der Specs durchgeführt werden muss. Amazon zieht zwar oft mit Angeboten gleich, die Preissignale gehen aber von Mediasaturn aus.

    Solange Mediasaturn diese Ein- und Verkaufsmacht im deutschen Markt behält ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung, dass in deren Sortiment Multichannel weiterhin funktioniert.

  2. Torsten Hautmann sagt:

    Eher belegt, Black Friday hatte Mediamarkt die PS4Pro für 284€ im Angebot und damit den Pace gesetzt…

  3. Christian Rothe sagt:

    Ein einzelner Black-Friday-Preis ist natürlich ein toller Beweis…

    Was muss ich hier in den Kommentaren lesen: „Von Mediasaturn gehen die Preissignale und Amazon zieht oft gleich.“ Glaubt tatsächlich jemand, dass Amazon einen Bot am Start hat, der ständig die Seiten vom MediaMarkt und von Saturn nach Preisen abscannt und dann die Amazon-Preise anpasst? Ich persönlich glaube, dass es eher umgekehrt sein wird.

    Sicherlich könnte man aus dem Thema eine veritable Masterarbeit oder gar Dissertation machen („Preiswettbewerb im Onlinehandel“) und untersuchen, wer in welcher zeitlichen Abfolge auf welche Preissignale aus welcher Quelle reagiert.

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