René Köhler | von Null auf 200 Mio. mit fahrrad.de

red bicycle vintageRené Köhler gehört für mich zu den spannensten (E-Commerce) Unternehmern in Europa. Er hat Fahrrad.de mit einer großer Detailversessenheit zum Marktführer in Europa ausgebaut und erntet dafür zurecht viel Respekt aus der Branche. Meine erste Begegnung mit ihm vor ca. sieben Jahren war für mich augenöffnend. Schon damals hatte Fahrrad.de deutlich 8-stellige Umsätze und viele Mitarbeiter, aber René kannte alle operativen Details und war damals im Bereich Attribution („Wir verzichten auf Affiliates – das bringt gar nichts“) viel weiter als der Großteil des Marktes. Im letzten Jahr hat er sein Unternehmen an die Signa Gruppe verkauft, die mit diversen E-Commerce Akquisitionen von sich reden macht. Im Interview verrät er, warum Fahrrad.de + Karstadt als Modell sehr gut harmonieren und warum das Wachstum von Fahrrad.de noch lange nicht zu Ende ist. Einen ehrlicheren Blick auf den Markt wird man zurzeit wohl nicht finden. Wir sprechen im Interview auch über seine aktuellen Projekte mit der Köhler Group, die u.a. auch spannende Dinge mit Spryker baut, und er erzählt worin er gerne investiert. Wer im Raum Stuttgart im Bereich E-Commerce ganz vorne dabei sein will, sollte sich auf einen der Jobs bei René bewerben. Sein Office ist direkt gegenüber vom Breuninger Haupthaus. Das E-Commerce Zentrum Stuttgarts liegt also direkt am Stuttgarter Markplatz. Wenn das nicht mal ein Zeichen ist. Mit etwas Glück kommt René auch zur Spryker DMEXCO Bühne und gibt ein Update zu seinen Projekten. 

Jochen Krisch hat in seinem Blog schon ein paar spannende Aspekte aus dem Interview verarbeitet. „250 Mio. Umsatz in 2017 angepeilt.“ Der Podcast wird diesmal unterstützt von packlink.de, einer Versandplattform für Onlinehändler. Viel Spass beim Interview.

Die Kassenzone Interviews sind verfügbar bei:
Soundcloud, iTunes, Youtube, Facebook oder per RSS-Feed

PODCAST & Interview Transkription – für alle Leser, die Audio & Video nicht so gerne konsumieren. Die Transkription wird gesponsert vom führenden Loyalty Anbieter PAYBACKhier mehr erfahren und App herunterladen.

 

Softwarelösungen für den Online-Handel mit René Köhler, E-Commerce-Unternehmer

Mit der Gründung und der rasanten Entwicklung von fahrrad.de – später bei Internetstores eingegliedert – erlangte René Köhler geschäftlichen Erfolg und eine gewisse Berühmtheit in der deutschen E-Commerce-Szene. Nach dem Verkauf seiner Mehrheitsanteile an Internetstores an die SIGNA sitzt er mit seinem neuen Inkubator KOEHLER.Group in Stuttgart und berät junge Start-ups.

Die Zeiten standen damals einfach zu unseren Gunsten“

03:00

Alex:  Könnte man heutzutage so einen Pure-Player wie fahrrad.de aufbauen, oder war das ein besonderer Moment, den es so nicht mehr gibt?

René: Erst einmal Rückblende: Im Jahrhundertsommer 2003 habe ich im Alter von 20 Jahren fahrrad.de gegründet. Mein Vater hatte ein stationäres Fahrradfachgeschäft: Ich war beim Zivildienst, wollte mich unbedingt selbstständig machen und hatte viele Geschäftsmodelle ausprobiert, die nicht funktioniert hatten. Das Nächstliegende war schon immer, die Fahrräder, die wir im Laden hatten, online anzubieten. Aber auf die Idee kam ich erst dann.

Damals haben wir nur komplette Fahrräder – kein Zubehör, keine Bekleidung – verkauft: Also nichts, was für einen hohen Customer-Lifetime-Value heute unabdingbar ist. Nichtsdestotrotz hat es doch funktioniert, langsam aber sicher. Am Rande: Die Domain fahrrad.de war dabei mein Traumziel. Was mir damals nicht klar war, waren die negativen Elemente des Namens: Die Fokussierung auf Deutschland und auf Fahrräder.

Ich habe dann zügig angefangen, Traffic aufzubauen, das Sortiment zu erweitern, und Conversions zu erhöhen. Wir hatten dann in den ersten sechs Monaten gleich einen Umsatz von €400.000: Im ersten vollen Geschäftsjahr 2004 waren es dann €2,4 Millionen. Das hat relativ schnell relativ gut funktioniert.

Alex: Wo kam denn der Traffic, wo kamen diese €2,4 Millionen her? Heute müsste man dafür extrem viele Google-Anzeigen schalten…

René: Die Zeiten standen damals einfach zu unseren Gunsten. Zwar gab es keine Software-Lösungen, keine Systeme – das musste man alles selbst machen. Aber wenn man den Traffic bekommen hat, ging es einfacher und schneller als heute. Wir hatten 500 Direct-Type-Ins pro Tag: also, die Leute haben oben eingegeben „www.fahrrad.de“. Die Conversion war nicht schlecht und wir haben Top-Positionen in SEO erreicht. Dann haben wir mit SEA auch angefangen. Auch wichtig: Wir legten sehr schnell Eigenmarken auf. So hatten wir ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Heute würde das vermutlich auch nicht so schnell gehen. Die Zeiten haben sich geändert.

Alex: Habt ihr euch Marken gekauft oder neu ausgedacht?

René: Das Fahrradgeschäft fußt ja auf Komponenten. So hatte man eine Schaltgruppe, eine Federgabel, einen Dämpfer – und der Name, der auf dem Rahmen stand, war nicht mehr so wichtig. Damals habe ich sogar einfach „fahrrad.de“ auf den Rahmen schreiben lassen. Später gründeten wir dann Marken wie SeriousCycles oder Vermont Bikes; Dann haben einige übernommen wie etwa VOTECH und Fixie. So schafften wir es aus der Vergleichbarkeit.

06:50

Alex: Und musstet ihr Online-Marketing-Kosten so kalkulieren, dass sich jeder Kauf rechnete? Oder gingt ihr schon auf Customer-Lifetime-Value? Heute ist der Aufbau eines solchen Geschäfts aus eigener Kraft eigentlich gar nicht mehr vorstellbar…

René: Dadurch, dass wir mit ganzen Fahrrädern angefangen haben und das Zubehör- und Ersatzteilgeschäft sehr stiefmütterlich behandelt haben, war es bei uns tief in unserer DNA veranlagt, dass wir vom ersten Kauf an profitabel sein mussten. CLV-Betrachtungen haben wir damals keine vorgenommen. Damals war unser Cost-Profit-Level sehr hoch – rund 40% – und unserer Strukturen waren sehr effizient: Wenige Mitarbeiter, Neukunden-Akquisition per Performance-Marketing gab es für 15%-Kosten-Umsatz-Relation. So konnten wir einerseits gut Traffic einkaufen und andererseits profitabel sein. Später änderte sich das.

Alex: Wie ging das Wachstum denn weiter? Jedes Jahr das Doppelte?

René: Tatsächlich: 2005 setzten wir rund €5,5 Millionen um; 2006 knapp €10 Mio. Dann haben wir uns weiter verdoppelt – fairerweise unter dem Einsatz von Quelle, Neckermann (beide gab’s noch!) und Amazon. Wir hatten kurz mal einen relativ hohen Vertriebspartneranteil, der uns aber nicht mehr gefiel, weil die Umsätze weder besonders profitabel noch strategisch klug waren. Durch überproportionales Wachstum im eigenen Geschäft reduzierten wir den wieder auf 10%. Aber so waren wir von €10 Mio. auf €20 Mio. gekommen. 2008 lagen wir dann bei €25 Mio.

Alex: Und wo seid ihr jetzt gerade?

René: 2016 betrug unser Umsatz €170 Millionen. Dieses Jahr werden wir dank Übernahmen und fortgesetztem organischem Wachstum bei deutlich über €250 Millionen liegen.

9:30

Alex: Hat sich in der Kalkulation was bei euch geändert, so hin zu CLV? Marktplätze haben zwischendurch die gesamte Branche aufgemischt: Das ist bestimmt nicht ganz spurlos an euren ursprünglichen Geschäftsmodell vorbeigegangen. Aber ihr hattet ja auch einen starken Eigenmarkenanteil, der euch wahrscheinlich geholfen hat…

René: Das Geschäft hat sich verändert und verändert sich noch ständig. Das muss man ganz klar sagen: Es wird schwieriger, vor allem wenn du neu in den Markt gehst. Bei uns spezifisch hatten wir im Bike und Outdoor einerseits das Zubehör- und Ersatzteilgeschäft – da ist Amazon voll reingegrätscht – aber andererseits das Thema Komplettfahrrad: Zu unserem Vorteil ist das deutlich komplexer. Man muss vor Auslieferung wahnsinnig viel fachkompetente Arbeit vornehmen: Rad aufbauen, montieren, einstellen… Amazon hat sich nie entschlossen, das selbst abzudecken. Man kann sich auch bei ihren Logistikstrukturen schwer vorstellen, dass sie in jedem Fulfillment-Center eine Ecke für Fahrradaufbau einrichten. Ebenso schwer vorstellbar, dass sie in jedem Land ein oder zwei Center nur für Fahrräder hinstellen…

Das hat uns immer im Bereich Full-Bike von einem Hyperwettbewerb mit Amazon geschützt. Nichtsdestotrotz gibt es anderer Wettbewerber, die auch über Amazon verkaufen. Und im Bereich Einzelteile und Kleidung ist der Markt überproportional härter geworden. Allerdings haben wir uns mit Komplettfahrrädern eine wahnsinnig gute Stellung erarbeitet: Wir sind heute weltweit der größte Online-Fahrrad-Versender. Bislang hat keiner uns das streitig machen können.

(Alex fragt René, wie er Marketing-Maßnahmen in einem Segment mit so langen Produktlebenszyklen wie Fahrräder ansieht. Versucht er Kunden immer wieder auf die Seite zu holen, um andere Artikel wie Helme und Bekleidung zu kaufen? Oder lohnt sich das nicht? René schildert der Wandel im Unternehmen von ursprünglicher Nichtbeachtung der Möglichkeiten hin zu einem Fokus auf Nach- und Zusatzkäufe mit Kundenbindungsmodellen. Bei Wettbewerbern, die das Thema Vollfahrrad nicht so gut beherrschen, sei Zubehör sogar nicht wichtiger.

Alex spricht René dann auf Fitness.de an. Das habe er damals ins Leben gerufen, um saisonale Schwankungen auszugleichen: Im Winter sei das Fahrradgeschäft teilweise verlustig gewesen. Mit dem Verkauf von Fitnessgeräten habe der Shop dann auch durchaus einen gewissen Erfolg verbucht, aber gewisse Zahlen stimmten branchenbedingt nicht. Deswegen habe man Fitness.de veräußert und als zweites Sortiment „Outdoor – Camps & Nature“ aufgebaut.)

17:00

Alex: Was ist denn „Camps & Nature“ für ein Sortiment?

René: Alles was du brauchst, um draußen Sport zu machen. Angefangen bei Zelten, Schlafsäcken und Iso-Matten über Kletterrüstung & Co. bis hin zu Casual-Mode – die bekannten Outdoor-Jacken, die man auch auf der Straße trägt; Wanderschuhe, die man auch in der Stadt anzieht.

Alex: Weist das aber nicht genau den gleichen Sommer-Saison-Effekt auf wie der Bereich Fahrrad?

René: Es ist eigentlich relativ ausgeglichen übers Jahr. Temperaturwechselzeiten sind starke Trigger: Wenn es im Frühling wärmer und vor allem wenn es nach dem Sommer wieder kälter wird. Aber einen starken Ausgleich für den Winter brauchen wir ohnehin nicht mehr, weil das Thema Bekleidung sehr viel konsistenter ist als Fahrrad.

Zudem: Anfangs waren wir sehr auf das Segment Fun & Family fokussiert, was sehr stark ans Wetter und an den kurzfristigen Bedarf orientiert ist. Mittlerweile adressieren wir aber Hobby- & Profi-Konsumenten, nicht zuletzt durch unsere Akquisition von ProBikeShop: Das sind Kunden, die eher unabhängig vom Wetter ihren Sport durchziehen. Wenn es nicht gerade -20 Grad sind, sind die noch dabei. Das ist eine spannende Zielgruppe.

19:00

Alex: Wie wächst Fahrrad.de heute – beziehungsweise wie wächst das gesamte Geschäft mit Handelsmarken usw.?

René: Das Unternehmen ist wirklich ein Phänomen: Es wächst weiter. Zum einen liegt das daran, dass das Fahrrad als Produkt überall in Europa politisch und kulturell positiv konnotiert ist. Zum anderen verkaufen wir online. Sowohl das Fahrradgeschäft als auch der Online-Markt wachsen insgesamt. Zusammengenommen legt der Online-Fahrrad-Markt zweistellig zu.

Darüber hinaus arbeiten wir mit einem unheimlich langjährigen, beständigen Team. Beim Mehrheitsverkauf an Signa Retail verließ kein einziger Manager das Unternehmen (bis auf mich, der ich ja meinen CEO-Posten abgab, aber weiterhin im Board tätig bin).

Alex: Was für einen Anteil hältst du weiterhin?

René: 10% halte ich. Ich habe alleine gegründet und bin dann bei sukzessiven Verkaufen auf 80% und 51% runter. Ich habe also zwar im Vergleich zum Anfang deutlich reduziert, glaube aber noch klar ans Unternehmen. Es bleibt ein großartiges Investment, auch für mich.

Zurück zur vorigen Frage: Wir sind letztes Jahr um 23% gewachsen. Dieses Jahr werden wir auch zweistellig wachsen – und das Wachstum kommt sowohl aus dem deutschen als auch aus dem ausländischen Markt. Es ist eine Mischung aus organischem Wachstum und Akquisitionen.

(René beschreibt auf Anfrage, wie Fahrrad.de in verschiedenen Auslandsmärkten aufgestellt ist.)

22:35

Alex: Und könnte man eure Laufbahn im Fahrradhandel heute wiederholen – mit einer Nische, sagen wir mal: E-Bikes?

René: Es ist durchaus möglich, so etwas wieder zu gründen. Es ist allerdings zu befürchten, dass es nicht mehr mit demselben Erfolg einhergeht, wie wir den hatten. Oder man nimmt unfassbar viel Geld in die Hand, was sich wiederum wahrscheinlich nicht mehr rechnet. Im Prinzip kann man in neue Länder, in denen es noch nicht so weit ist, oder neue Nischen gehen: Aber man kann die Rechnung nicht ohne die Industrie machen. Und im Fahrrad-Geschäft bleibt die sehr schwierig. Die meisten Hersteller könnte man für ein neues, reines E-Commerce-Konzept ohne den stationären Hintergrund, die wir anfangs hatten, nicht gewinnen. Die Denkweise ist rückständig und sie hemmt uns – wir kriegen viele Marken nicht, die wir gern hätten – aber so ist das.

Alex: Stichwort stationären Handel: Du fingst ja über das Geschäft von deinen Eltern an. Hast du seitdem neue Läden aufgemacht?

René: Ich bin im stationären Einzelhandel aufgewachsen. Da komme ich her. Ich habe da alles gelernt, dort gearbeitet und meine Ausbildung gemacht – vier Jahre lang. So kenne ich und schätze ich das Ladengeschäft. Allerdings verfolgte ich jahrelang eine reine Online-Strategie: Und ich glaube, das war auch richtig und wichtig. Mein Vater ist 2008 verstorben, was für uns Anlass war, seinen Laden zu übernehmen. Den haben wir sehr erfolgreich mit Wachstum betreiben – und es war auch wirklich, wie man sich das vorstellt. Der Laden ist durch Traffic aus dem Internet gewachsen und die Conversions waren im Einzugsgebiet durch das Vertrauen und den angebotenen Service höher.

Es war allerdings so, dass wir weder die Kapazitäten noch die Ressourcen hatten, diesen Erfolg bundesweit oder europaweit auszurollen. So blieb es ein Stuttgarter Sondereffekt. Der Laden trug rund 1% zum Umsatz bei, aber wir haben uns entschlossen, den zu schließen. Schließlich hätten wir sonst einen in Berlin, einen in Paris, einen in Stockholm etc. gebraucht. An dessen Stelle konzentrierten wir uns auf internationale Expansion und neue Sortimente, z. B. Outdoor. 2013 sind dann durch die Übernahme von Addnature drei stationäre Flächen für Outdoor in Stockholm dazugekommen. Hier haben wir mit verschiedenen Konzepten experimentiert und noch einen großen Laden mit Bike und Outdoor dort eröffnet.

Wir sind heute an einem Punkt angelangt, wo wir sicherlich mit stationärer Präsenz einen großen Vorteil erreichen würden: Erstens fehlen nach wie vor Marken, die wir nicht kriegen, solange wir kein stationäres Konzept haben. Wenn wir diese Marken hätten, würden wir noch einen richtigen Sprung machen. Zweitens – und noch wichtiger – könnten wir unseren Kunden einen Ort anbieten, wo sie mit Servicefragen hingehen könnten. Zwar haben wir das Thema derzeit grandios gelöst: Du kannst als Kunde zum Fahrradladen deiner Wahl gehen und wir übernehmen dann die Rechnung; wir empfehlen dir auch auf Anfrage welche. Auch holen wir das Rad hab, setzen es wieder in Gang und schicken es zurück. Trotzdem ist es für Kunden besser, wenn sie sich genau vorstellen können, wo sie das Rad gegebenenfalls hinnehmen könnten. Zumal die unglaubliche Erfolgsgeschichte von E-Bikes ohne Läden nicht denkbar wäre: Wenn ein Laden nicht spezialisiert ist, haben dort E-Bikes schon einen Umsatzanteil von 25%. Bei spezialisierten Händlern sind es eher 50%. Diese Geschichte ist am Online-Handel komplett vorbeigegangen. So ist der Erfolg von Internetstores eigentlich umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass wir von der Entwicklung bei E-Bikes bislang kaum profitieren konnten. Um in diesem Segment voranzukommen, brauchen wir ein stationäres Konzept, das zu uns passt.

(René plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen über eine laufende Kooperation mit Karstadt Sport, die über den Anteilseigner Sigma eingefädelt worden ist.)

30:15

Alex: Wäre es für euch nicht sinnvoll, eure ganzen Eigenmarken auch bei Amazon, auf eBay, in Asien auf Tmall & Co. anzubieten, um noch mehr Wachstum mitzunehmen?

René: Grundsätzlich bieten uns unsere Eigenmarken enorme Vorteil an: Beim gleichen Preispunkt kann man damit einen besseren Spezifikationsumfang anbieten, oder beim selben Umfang ist der Preis für den Kunden attraktiver als die „echten“ Marken. (Dabei sind auch wir mittlerweile echt…) Und diese Produkte verkaufen wir schon über Amazon, Otto und vielleicht sogar teilweise bei eBay. In Asien sind wir noch nicht vertreten, weil wir da keine Strukturen haben und für uns ruht ein Geschäft mit Vertriebspartnern immer in erster Linie auf bestehendem Eigengeschäft. Aber in den Ländern, in denen wir ohnehin vertreten sind, verkaufen wir über anderen Plattformen – nicht zuletzt um zu testen, wie sie laufen und herauszufinden, wo sie stehen und wie die Nachfrage ist.

Alex: Andere größere Online-Shops, die in Nischen erfolgreich sind wie MyToys oder Conrad verfolgen jetzt Plattformen werden. Denn sie haben viel Traffic und für sie ergibt es Sinn, ihn anderen Händlern anzubieten. Wäre das eine relevante Vorgehensweise für euch? So würdet ihr das Sortiment erweitern und an der Provision verdienen, ohne ins Handelsrisiko zu gehen…

René: Amazon macht ja vor, wie so etwas erfolgreich umzusetzen ist. Andere haben da bestimmt weniger Erfolg…

Alex: Ja: Alle anderen.

René: Bisher haben wir uns da zurückgehalten, weil wir wahnsinnig stark auf den Aufbau unserer Kernmärkte fokussiert waren. Da hatten wir alle Hände voll zu tun. Aber wenn man sich die Gesamtstrategie von der Signa Sports Group überlegt, zu der ja auch Karstadt, Outfitter, Tennispoint, und Internetstores mit allen Beteiligungen zählt, muss man sich schon die Frage stellen, wie man das alles optimal miteinander verknüpft und wie man es schafft, Inventar und Traffic zu vernetzen. Sprich: Es gibt schon erhebliche Synergien zwischen den Unternehmen, den Zielgruppen, und den Prozessen. So ist das ein Thema über das wir sicherlich in der Zukunft mehr nachdenken werden, als wir es in der Vergangenheit getan haben. Nicht weil sich das klassische Geschäft verschlechtert, aber als On-Top. Da stehen wir aber am Anfang der Entwicklung.

35:00

Alex: Abschließend jetzt zum Thema Fahrrad.de: Ihr wart einer der ersten, die offen damit umgegangen seid, dass Affiliate-Marketing für euch gar nicht läuft. Welche Werbemaßnahmen sind denn für euch zielführend: Fernsehwerbespots vor „Saisonstart“ im Frühling?

René: Richtig, wir haben als quasi die ersten Affiliate-Marketing abgestellt. Erst lachte man uns aus; später konnten viele andere nachvollziehen, warum wir das gemacht haben. Die Kosten für echte Mehrumsätze dadurch waren einfach enorm hoch. Bei unseren Bekanntheitsgrad in der Zielgruppe hatte das einfach keinen Sinn mehr.

Was für uns die wesentlichste Erkenntnis der vergangenen Jahre darstellt, ist dass wir das Thema Bestandskunden und CRM gar nicht hoch genug hängen können. Im Jahr 2012 war unser Stammkundenanteil unter 20% und im Marketing-Mix verzeichneten wir Gesamtkosten von rund 11% des Umsatzes. Da wollten wir die Profitabilität steigern – und uns wurde klar, dass der Stammkundenanteil auf 50% raufmusste, weil dieser mit einem Kostenanteil von 1-2% reinkommen. 3-4% schaffen wir ja von den Ausgaben her nicht, weil wir keine Maßnahmen mehr unternehmen können: Wir tun schon alles, was wir tun können. Jetzt haben wir die 50% erreicht, mehr geht nicht, aber den Anteil gibt es fast umsonst.

Im Mix für Neukunden ist natürlich Online-Performance-Marketing über alle Kanäle dabei und auch das Thema TV. Bei letzterem haben wir eine steile Lernkurve hinter uns: Viele wundern sich, warum wir keine Prime-Time-Slots buchen, warum man uns so wenig sieht. Die Antwort darauf ist einfach: Weil wir nur das machen, was sich rechnet. Nicht mehr, und nicht weniger. Denn was sich für uns rechnet sind Sender, Zeitschienen, und Formate die genau zu unserer Zielgruppe passen: So ist für uns Fernsehwerbung ein profitables Element im Mix – worauf wir sehr stolz sind, weil nur die allerwenigsten das hinkriegen.

So sieht unser Mix aus. Wir sind ebenfalls darauf stolz, dass wir auf 20% Wachstum kommen und dabei in der Bilanz eine Marketingquote von unter 8% ausweisen.

(Alex will zum Schluss dieses Themas wissen, wie groß der Bike- & Outdoor-Markt in Europa überhaupt ausfällt: 20 Milliarden Euro antwortet René. Daraufhin geht es darum, ob und wie Fahrrad.de noch wachsen könnte und bis auf wieviel Prozent des Gesamtmarkts. René unterstreicht, wie sehr das Erfolg des Unternehmens mit einer bedachten Strategie und anhaltendem Fleiß einhergeht. Danach geht es dezent schadenfroh um die in Schwierigkeiten geratene Konkurrenz…)

42:45

Alex: Was ich dich jetzt im zweiten Teil fragen möchte: Nach dem Verkauf deiner Anteile, was machst du jetzt hauptsächlich?

René: Bei aller Liebe zum Fahrrad, zu dem ich ja durch meine Eltern gekommen bin: Ich habe mich bereits in den letzten Jahren breiter aufgestellt und habe diverse Investitionen getätigt – in Private Equity, in Tech-Werte, auch in Immobilien. Aber worauf ich richtig Lust hatte, war: Erstens Internetstores an das Management zu übergeben, das es so lange geführt hat und überall daran Anteile halten. Signa war schlau genug, diese Beteiligungen fortzuführen. So konnte ich Internetstores in Hände begeben, die das Unternehmen sehr erfolgreich weiterführen werden. Zumal das, was Signa gerade an Sport-Konzepten zusammenführt, schwer kopierbar ist: Denn keiner im Sporthandel ist finanziell aufgestellt, solche Übernahmen zu stemmen – und auch nicht wild genug. Private Equities können es auch nicht machen, weil das zu viel Sektor-Risiko in einem einzelnen Fonds darstellen würde. So hätte außer der Signa Sports Gruppe keiner die Nummer Eins im deutschen Sporthandel mit über €650 Millionen Umsatz zusammenbauen können. Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gebracht, dort mitzumachen.

Was ich da konkret mache: Ich sitze im Vorstand der Sigma Sports Gruppe und habe auch investiert, was sich alles erst nach dem Verkauf ergeben hat. Ich mache das also freiwillig und aus eigener Überzeugung. Ich unterstütze strategisch bei Akquisitionen und bei der Vernetzung der Unternehmen. Ich bin auch bei Internetstores noch Chairman und unterstütze dort das Management.

Was ich für mich selbst mache: Ich investiere in Unternehmen. Dealflow finde ich total interessant und ich habe einiges gemacht im Bereich E-Commerce. Hier paar Beispiele: Online-Vertrieb von Produkten für Senioren mit Sitz in Augsburg; ein Online-Handelsunternehmen in Schweden, das sich mit Jagen und Angeln beschäftigt. Da unterstütze ich die Gründer, habe aber keine offizielle Rolle.

(Daraufhin fragt Alex René zu seinem Stuttgarter Inkubator aus: Was sind die Muster, nach denen René Investitionsentscheidungen trifft? Da er es mit eigenem Geld mache und im Bereich eine-bis-zehn Million investiert, führt René aus, müssten Projekte realistische Aussichten auf Erfolg haben, über ein überzeugendes Team verfügen, und vor allem ihn begeistern können. Zudem sei ihm patente Profitabilität wichtig.

Danach erzählt er von der schnellen Firmengründung und vom ersten gemeinsamen Projekt mit Spryker: JetApp, eine Buchungsplattform für Privatflüge. Alex will wissen, um welche Beträge es bei Privatflugzeugen geht und wie der Ablauf ist. René erklärt Alex die Struktur der Industrie und zeigt das Potential für einen disruptiven Mobile-Online-Ansatz detailliert auf. Danach wird übers Privatfliegen gefachsimpelt und den Podcast mit der Frage nach etwaigen Personalbedarf bei René abgeschlossen: Da die Resonanz auf den Standort Stuttgart bislang begrenzt ausgefallen ist, hat René tatsächlich noch einige Posten zu vergeben. Interessierte Podcast-Hörer mögen sich über die KOEHLER.Group-Website melden!)

Alexander Graf, 35, E-Commerce Unternehmer & Autor, Gelernt und erste M&A-Tätigkeit bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Shop Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

Neue Beiträge abonnieren

3 Antworten

  1. Uwe sagt:

    Interessant ist der kleine Abschnitt zum Affiliate Marketing. Konnte dieser Marketingkanal übersprungen werden, weil sofort genug Geld für die TV Werbung zur Verfügung stand? Viele Shops nutzen diesen Marketingkanal in frühen Phasen gerne und behalten diesen oftmals auch in späteren Wachstumsphasen noch bei.

    • Geld für TV Werbung gab es erst sehr spät. Fahrrad.de hat viel im Bereich Affiliate getestet und für sich herausgefunden, dass der Großteil des darüber generierten Traffics Fraud ist, also auch genauso ohne Affilitate hätte generiert werden können. Und der positive Traffic hat aus Sicht von Fahrrad.de nicht die Aufwände für das Fraud Management gerechtfertigt.

  2. David sagt:

    Hallo Uwe & Alex,

    ich meine mich zu erinnern, dass neben Fraud (und dem damit verbundenen Aufwand) auch der (nicht vorhandene) Mehrwert von Cashback / Gutscheinseiten Thema war. Unter’m Strick dann zu viel Ressourcen für zu wenig Uplift. Kann ich sehr gut nachvollziehen. 😀