Same Day Delivery und die Verwirrung danach

Same Day Delivery (SDD) ist die neueste Sau, die durchs Handelsdorf getrieben wird. Die einen sagen, dass SDD das E-Commerce-Wachstum anheizen wird, weil es nun auch die letzten noch nicht erschlossenen Sortimente (Lebensmittel,…) online verfügbar macht. Die anderen meinen, dass damit dem stationären Handel gedient sein wird, der als flexible Logistikzentrale seine Läden als Lager umfunktionieren kann und so am E-Commerce-Boom verdient. Ich halte es da mit Peter Höschl, der die Entwicklungen in diesem Bereich für Irrsinn hält und wenig Mehrwerte für den Endkunden sieht. Er fasst es schön zusammen mit dem Satz: „Der Kunde will nicht [zahlen], und der Händler kann nicht. Die einzigen Gewinner in diesem Spiel könnten die Transportdienstleister sein. Nun hat mich in dieser Woche der B2B SDD Logistiker time:matters zu einer Expertenrunde nach Frankfurt eingeladen, um über genau diesen Widerspruch zu diskutieren. Die Runde hat gezeigt, dass noch niemand so richtig weiß wohin die Reise mit SDD gehen kann, wobei meine Anmerkungen zum fehlgeleiteten Serviceverständnis im E-Commerce (Service ist kein stabiler USP) durchaus kontrovers aufgenommen wurde. In der Tat bin ich nun etwas verwirrter als vorher. Ein Teilnehmer vertrat die irrige Annahme, dass unsere Innenstädte bald gar nicht mehr zurechtkommen werden mit dem Ansturm der Lieferfahrzeuge, während ein anderer Teilnehmer feststellte, dass es sehr viele SDD Formen gäbe und die Kunden gar nicht wissen was da der Unterschied sei. Außerdem gab es SDD doch schon vor 50 Jahren beim Tante Emma Laden, der Bestellungen nach Hause gebracht hat. Der time:matters CEO stand mir nach der Runde für ein Interview zur Verfügung, in dem er recht nüchtern mit den aktuellen Vorurteilen aufräumt.

17 Gedanken zu “Same Day Delivery und die Verwirrung danach

  1. Ich stimme Ihnen zu – nicht nur das Same-Day-Delivery wirtschaftlich unsinnig ist, es ist auch ökologisch äußerst fragwürdig. Gerade Pure Player müssen noch mehr rumfahren und rumtransportieren: Welchen Sinn macht es wirtschaftlich und ökologisch eine Ware, die sich mit höchster Sicherheit schon vielfach vor Ort befindet nochmals in Einzelpaketen vom Hersteller/Grossisten zum Kunden zu transportieren? Das ist sowieso eine der Kernfragen des E-Commerce, auf die nur wenige Online-Händler eine Antwort suchen.
    Ja, mit intelligenten Vernetzungen kann SDD neue Chancenund Funktionen für den Einzelhandel bringen: als Mikrologistiker sozusagen. Aber dazu müssten Brücken zwischen dem verängstigten Einzelhandel und Online geschlagen, neue Bündnisse (Hersteller, Transporteure, Händler, Onliner) geschmiedet werden und nochmal intensiv darüber nachgedacht werden, wie wir in Zukunft Verbraucher mit Waren versorgen wollen – ohne die Natur so stark zu belasten wie jetzt. Und: Ohne Menschen in ungesunden, schlechtest bezahlten Arbeitsverhältnissen zu verheizen. neben der Natur leidet doch beim SDD vor allem der schlecht bezahlte Paketbote …..

  2. Interessantes Interview. Wie schätzt Du hier den Faktor Google ein: In den USA sind die ja mächtig umtriebig damit, die lokale Verfügbarkeit abzubilden. Google hat ja viel Produktsuche-Volumen an Amazon verloren. In Deiner letzten Frage ging es ja darum, ob Technologie ein Treiber ist. Wäre also allein die erstmals vorhandene bequeme (!) lokale Sichtbarkeit ein Treiber, um auch SDD dem Kunden überhaupt nahezulegen? Und könnte Google – wie sie es in den USA ja schon machen – künftig aus der Produktsuche heraus auch die lokale Lieferung inkl. Payment und Organisation der Zustellung organisieren?

    • Ich bin mit der Frage zwar nicht gemeint, gebe aber trotzdem einmal meinen Senf dazu. 😉

      Ein großer Vorteil des E-Commerce ist doch, dass ich am Ende immer finde was ich suche. Ganz anders als beim stationären Handel. Da muss ich erst einmal einen Laden suchen, der das gesuchte Produkt führen könnte, nur um dann festzustellen dass es gerade mein Produkt nicht auf Lager hat oder ich im falschen Laden bin. So hetze ich von Laden zu Laden um irgendwann resigniert aufzugeben.

      Wenn ich aber weiß wo in der Stadt ich das gesuchte Produkt finde und ich auch weiß, dass er es gerade auf Lager hat, dann steigt die Wahrscheinlichkeit dass ich mich ins Auto schwinge und dort hinfahre. Dann brauche ich auch kein SDD. Dann brauche ich LBS (location based services).

      Ich bemühe mal eine These, welche ich bereits vor 4-5 Jahren getroffen habe: Wenn ich in der Stadt eine Hose finde die mir gefällt, aber leider nicht passt oder mir passt aber die Farbe nicht gefällt, möchte ich mein Handy zücken und dieses zeigt mir an wo ich genau die gesuchte Hose in der passenden Größe in meiner Nähe finde. Und am Besten noch, wo ich gerade einen Gutschein bzw. Rabatt dazu nutzen kann.

      Ist zwar ein noch ein langer Weg, aber in diese Richtung geht doch die technische Entwicklung bereits. Der stationäre Handel muss nur endlich aufwachen und die vorhandenen Möglichkeiten des Internets nutzen.

      Lange Rede, kurzer Sinn: SDD wird es nicht werden, sondern LBS. Und dann bekommt Google auch sein Suchvolumen von Amazon zurück. Deshalb investiert Google ja schlauerweise intensiv in LBS und den stationären Handel. Würde er wahrscheinlich nicht machen, wenn er davon ausginge dass der stationäre Handel eh bald ausstirbt, oder?

      • — „Ich bemühe mal eine These, welche ich bereits vor 4-5 Jahren getroffen habe: Wenn ich in der Stadt eine Hose finde die mir gefällt, aber leider nicht passt oder mir passt aber die Farbe nicht gefällt, möchte ich mein Handy zücken und dieses zeigt mir an wo ich genau die gesuchte Hose in der passenden Größe in meiner Nähe finde. Und am Besten noch, wo ich gerade einen Gutschein bzw. Rabatt dazu nutzen kann.“ —
        — „Lange Rede, kurzer Sinn: SDD wird es nicht werden, sondern LBS.“ —

        Hallo Peter,,
        mit dieser Ansicht stimme ich nicht ganz überein. Gerade beim Beispiel „Hose“ geht es wahrscheinlich nicht um eine x-beliebige Hose, sondern um ein Exemplar das ich entweder sehr dringend für einen Anlass benötige (Hochzeit, Lieblingshose gerissen, …) oder das irgendwie selten oder einzigartig ist (also von einem lokalen Hersteller oder zeitlich / in der Stückzahl begrenzt.). Das betrifft mE aber nur einen recht geringen Anteil an Hosen. Ich glaube, dass solche quasi erzwungenen Initialikäufe immer den Drang auslösen, totale Sicherheit haben zu wollen und das Produkt (die Hose) in den eigenen Händen zu halten.
        Sich einfach mal wieder eine neue Hose zu kaufen und sie entweder heute noch oder erst (über)morgen zu haben, ist etwas anderes. Ich glaube, dass SDD ein Bedürfnis anspricht, dass mehr auf dem Wunsch basiert, das Produkt sofort zu haben, als dem Bedürfnis. Darum würde ich auch die Apothekenbringdienste und klassische Handels SDDs nicht in einen Topf werfen. Medikamente bedienen kein „want“ Bedürfnis, sondern ein „need“.

        Gerade im Fashion-Markt geht es darum, die Experience des Kunden möglichst stringent und frei von Unterbrechungen zu durchlaufen. Erste Impression, Auseinandersetzung mit Produktportfolio/Brand, konkrete Produktentscheidung, Kauf, Erhalt des Produktes.
        Schritt 1-3 passieren innerhalb von 5-30(?) Minuten, Schritt benötigt 2-X Werktage. Es ist nur verständlich, dass der Online-Handel versucht, die Kauf Experience des Kunden (und damit auch die Overall Band / Shopping Experience) möglichst nah an den stationären Handel zu bringen. Ich habe mich gerade dafür entschieden, ein Produkt zu kaufen, weil es mir gefällt (nicht weil ich es unbedingt brauche) – ich will es auch jetzt haben. Früher: Ich gehe in den Laden, ich suche aus, probiere an, kaufe und nehme mit.

        Ich glaube an eine Zukunft von SDD. Auch wenn es erst einmal so aussieht, als würden nur die Logistiker davon profitieren. Letztlich wird der Kunde entscheiden. Zum Glück 🙂

  3. Ist man krank zuhause oder ein Medikament ist am Vormittag in der Apotheke nicht vorrätig?
    Fast alle Apotheken liefern die Arzneimittel kostenfrei am gleichen Tag aus.
    Nur nennt das niemand SDD.

  4. Dann argumentiere ich mal spaßeshalber aus Sicht eines in derlei Debatten gerne vernachlässigten Online-Händlers (aka Amazon), der zumindest die Option anbieten kann, die gewünschten Produkte jederzeit sehr schnell und zuverlässig nach Hause liefern zu lassen, und zwar ohne dass sich der Kunde ins Auto schwingen muss. Nicht ohne Grund positioniert Amazon seine Distributionszentren strategisch günstig über das ganze Bundesgebiet.

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  6. Jemand muss für SDD-Logistik bezahlen, entweder der Handel oder der Kunde.
    Der Kunde? Da muss das Verlangen schon wahnsinnig gross sein, dass er es gerade JETZT will und dafür bereit ist, die Extrakosten dafür aufzuwerfen.
    Der Handel? Da wird die Marge bald negativ und damit er trotzdem überlebt kosten die SDD Produkte halt mehr.
    SDD wird – wenn überhaupt – eine Nische bleiben.

  7. Seh ich aehnlich. Einer wird dafuer zahlen muessen. Das erinnert mich an meine Kunden wenn es um lebenswichtige Datenrettung geht und man dann mit sauteurer Software dran macht..etwas retten kann und dann sagt kost 100 euro. Wie ? Aehm ja so wichtig ists jetzt dann auch net…. Den interessanteren und viel wichtig eren Aspekt bzw Grund sehe ich woanders: Die Nahversorgung mit gewissen Produkten wird teils massiv schlechter. Praxisbeispiel: Verbliebene Geschäfte vor allem in kleinstädten legen sich immer mehr nur sog. Schnelldreher mainstream ware her. Mind einmal im monat ruft z.b. hier irgendein techniker an der von weit her angefahren kommt und in meiner kleinstadt keine halbwegs gaengige schnittstellenkarte in de drei bis zu 4000qm grossen elektro Märkten findet. Sein tagessatz is astronomisch und oft gehts um wichtige terminsache … Dann steht der Techniker dumm dar weil ihm ne 20 euro schnittstellenkarte fuer seinen server fehlt und er auch nich 300 km zur zentrale zurück fahren kann. Und glaubt mir…ich mach das jetzt seit 1999.. Das ist nicht so dahergesagt..das merkt man massiv..obwohl ich nur eine kleine firma bin und sicher nich alles da hab..aber eben mal gern halbwegs spezielles wie 24 port gigabit switch..sagen die kunden immer oefter …..ihr seid meine letzte rettung..bin schon im ganzen landkreis rumgefahren

    • @ Alex,

      Du rettest Daten für 100 Euro? – dann bitte her mit Deiner Mailadresse, sowas kann man immer mal brauchen!

      Zurück zum Thema: Ja sicher gibt es eilige Fälle. Aber wie oft kommt das prozentual vor?

      BTW: Existiert irgendwo die Info, wie hoch aktuell der Prozentsatz an Expresslieferungen vs. Normalversand ist?

  8. P.S sorry fuer die gross kleinschreibung.. Hier am smartphone nicht immer so leicht hehe

  9. Ich bin mir sicher, dass es ein riesen Zukunfstmarkt ist.
    Wobei es diesen Markt schon längst gibt – Kurierdienste.

    Jedoch ist das im Verlgeich zu den üblichen Versandarten sehr sehr teuer. Und da liegt der Hund begraben. Wenn auf den Einkaufspreis noch ein Aufschlag von (vorsichtig geschätzt) 10,- EUR kommen, wird vermutlich die Überlegung in die nächste Innenstadt zu fahren, doch näher liegen…

  10. @ Peter 😉 Ja schön wärs immer….das war jetzt ein Beispiel das durchaus vorkommt. Es bleibt natürlich nicht immer bei den 100,00€…aber viele Kunden stellen sich sowas gar für nen zwanni vor 😉

    Prozentual lässt sich das schwer sagen. Es fällt zumal in jedem Falle vermehrt auf dass die Kunden teilweise gar nicht mehr damit rechnen bzw häufig nur noch als „letzter“ Notnagel sich dann hier im kleineren Geschäft melden.

    Heisst die Erwartungshaltung grundsätzlich hat sich von „Warum habt ihr das nicht da????“ ( von ca. 2006 bis 2010) in “ das teil werde ich bei euch auch nicht lagernd kriegen oder?“ geändert.

    Der genannte Fall mit dem Servicetechniker kommt würde ich sagen 1 x im Monat vor ( nicht jeder Kunde erzählt ja die Story dahinter, aber sehr oft Frage ich nach etc.)

    Wiegsagt, ich wollte damit sagen, nicht immer ist nur der Preis entscheidend…sehr oft geht’s einfach nur um die Verfügbarkeit eines Artikels. Etwas überspitzt formuliert nützt es ja auch nichts die Aspirin erst morgen zu bekommen, wenn ich heute Kopfschmerzen habe.

    • Ja, genau – sehr oft geht es um die Verfügbarkeit. Damit wäre ich wieder bei meinem Szenario. Wenn ich Dank LBS weiß, in welchem Laden das Teil verfügbar ist, kann ich mich entscheiden:

      a) ich schwinge mich in die Hufen und fahre im Laden vorbei. Dort kann ich es mir vor Kauf nochmal ansehen und dem Verkäufer noch etwas fragen. Ggf. rufe ich kurz vorher im Laden an und lasse es auf die Seite legen.

      b) ich bestelle in einem Onlineshop und zahle Aufpreis für SDD, kann zwar auch vorher noch Beratung abholen, aber zumindest ansehen kann ich es vorher nicht. Und wenn ich es doch zurückschicke habe ich zusätzlich Aufwand und evtl. Kosten.

      Aber egal – SDD hat schon seine Berechtigung, nur halt nicht in dem Ausmaß wie es uns momentan teilweise verkauft wird.

  11. Und ja, man mag sich gar nicht vorstellen wie mancher PC Freak durchdrehen könnte wenn seine gerade im Internet bestellte 600,00€ Grafikkarte keine sog. 8pin Adapter beiliegen hat damit diese Grafikkarte Strom erhält. Dann fährt jeder Internetkunde wie verrückt nen halben Tag durch den Landkreis damit er Abends seine Spiele spielen kann…..

    ….und muss hier dann immer öfters feststellen dass vor allem kleinere Bauteile usw schwer zu kriegen sind.

    Gut zu erkennen an den wegsterbenden Elektroläden die in 70er und 80er Jahren Ihre besten Zeiten hatten. Mal eben ein Kondesator, mal eben ein Schrumpfschlauch etc…..wer sowas fix benötigt kann in Kleinstädten mit +/- 100.000 Einwohnern bereits schnell an seine Grenzen stoßen und merkt die Veränderungen zwischen 2005 und 2013 ganz massiv.

  12. Was ich aber, by the way…eher glaube, dass der Warenversand, auch aufgrund seiner Masse….auf Sonntags vermehrt aufgeteilt wird. Hier sind viele Leute zuhause und trotz höherer Personalkosten könnte sowas für 1,2€ Aufschlag sich deutlich mehr verbreiten….zumal bei Amazon die Arbeit ja nicht stillsteht.

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