Was wurde eigentlich aus woot.com?

woot Vor kurzem bin ich dank @jkrisch über eine Forendiskussion gestoßen, in der es um die enttäuschende Entwicklung des Woot Geschäftsmodells ging.

@therealjrn: Now that w00t is destroyed, what is your new deals hang-out place? @gmwhit: to me, the most telling signs are that the top community deal yesterday got 28 votes and the top sponsored deal had 5. That’s just sad.

Die urspüngliche Idee von woot.com wurde scheinbar aufgegeben. Statt jeden Tag ein attraktives Produkt anzubieten und die mio. Menschen umfassenden Community einzubinden mit witzigen Kommentaren und lustigen Votings, ist woot.com heute nur noch eine langweilige Restpostenplattform. Sogar mein geliebtes Shirt Woot (eines der woot.com Verticals)  ist dazu übergegangen die Shirts permanent anzubieten. Bisher war es so, dass man die Shirts nur am Tag des Angebots kaufen konnte und danach nicht wieder. Das versprach wiederkehrende Kunden (nichts verpassen) und ein gutes Produktgefühl (Exklusivität).

Passend dazu auch ein Artikel bei Techcrunch aus dem Mai 2013:

Woot, the daily deals site that Amazon bought in 2010 for $110 million, built a reputation for its “pile ‘em high, sell ‘em cheap” business model for shifting goods. Now, the company is facing up to a shift of a different kind: that of its own talent. In the last week, TechCrunch has learned that five six key employees are parting ways with the company.

[…]

The site, founded in 2004 by Matt Rutledge when it was first incubated inside Rutledge’s preexisting company Synapse Micro, was one of the pioneers of the “daily deal” model of selling goods online. It did so in an irreverent way aimed at disrupting the relationship between buyer and seller by making it far less formal. The original concept was to sell one “crap” item at a time that was at the end of its line (consumer electronics was a mainstay) at a competition-busting price, and then to launch another product at midnight each day.

 

Woot.com war eines der Social Commerce Idole

Woot.com war die Mutter aller dealorientierten Social Commerce Ansätze. Die Plattform hat Maßstäbe gesetzt bei der Ansprache von Nutzern, durch den Verzicht auf E-Mailwerbung, durch den Bag of Crap und durch viele weitere Ideen. So konnte Woot organisch auf über 100 Mio Euro US$ Umsatz wachsen, in nur drei Jahren seit der Gründung. Es gab unzählige Copy Cats. In Deutschland war u.a. guut.de eine zeitlang stärker in den Medien, europaweit konnte sich ibood.de ein wenig durchsetzen, aber keiner hat auch nur annähernd an die Strahlkraft von woot,com herangereicht. Wahrscheinlich kommt in Deutschland am ehesten mydealz.de an das Modell von woot.com heran, auch wenn mydealz selber nicht als Händler auftritt. Für mich war woot.com lange ein Begleiter in Gesprächen und Workshops – als Beispiel für einen Weg aus der E-Commerce Falle heraus. Endlich ein Modell, dass nicht auf die Zuführung von Traffic aus Google oder Facebook angewiesen war. Nein, die Kunden kamen jeden Tag von selbst und hatten noch nicht mal eine Kaufabsicht und sind dann trotzdem mit einem Gadget im Warenkorb nach Hause gegangen. Waren das Zeiten!

kaufprozess-woot

Ein Blick zurück in einen Excitingcommerce Artikel von 2005 verrät mehr über die damalige Faszination.

Interessanterweise kamen im November alle aktionsgetriebenen Verkaufselemente zum Tragen, mit denen Woot! auch sonst für Furore sorgt: die Bag O´Crap (am 4. Nov.), die Launch Rakete (am 11. Nov.) und das Woot-Off Abverkaufs-Feuerwerk (am 18. Nov.). Nur die geheimnisvolle Mystery Brand gabs in diesem Monat nicht.

 

Woot.com wurde ein Opfer des Wettbewerbs & der Amazon Optimierung

In jedem skalierenden Geschäftsmodell gibt es wahrscheinlich Momente in denen man sich von liebgewonnenen Dingen verabschieden muss, weil man nicht mehr alle Kunden individuell behandeln kann. Der Gründer Matt Rutledge selbst führt die gestiegene Wettbewerbssituation als Argument an, warum Woot.com sein Geschäftsmodell neu ausrichten musste.

He said that while Groupon, LivingSocial, and others appeared on the scene and copied the general marketing idea — offer a set of deals once a day — what they were doing was different than Woot’s core strength, which was sourcing items (primarily electronics) for its daily sales. While the explosion of daily deals sites certainly helped Woot to find a buyer in Amazon, Rutledge says looking back he might have liked to stay independent and compete in that fast-growing market.

Rein technisch dürfte es auch zunehmend schwieriger gewesen sein wirklich sensationelle Restpostendeals zu sourcen, die zur Kaufbereitschaft von einigen Millionen Interessenten gepasst hat. So sind die von mir beobachteten Deals in den letzten Jahren auch nicht mehr vergleichbar mit den Angeboten aus den Jahren 2007/2008 als ich mich intensiver mit woot.com auseinandergesetzt habe.

Was ich allerdings bemerkenswert finde, ist die Tatsache, dass woot.com nach der Amazon Übernahme 2010 aufgehört hat sein Geschäftsmodell zu entwickeln, sondern nur noch optimiert hat. Und es gab viele Optimierungsbereiche:

  • Die Einführung von E-Mailmarketing
  • Die teils. groteske Expansion in neue woot Verticals (z.b: tech & home)
  • Die Aufgabe der Community (wenig Feedback, Automatisierung…)
  • Mangelnde Transparenz (Anzahl verkaufter Produkte…)
  • Aufgabe des Bag of Crap
  • Die Einführung wirklich schlechter Deals (kaum Preisvorteile….)
  • usw.

Amazon scheint sich mit woot.com einen billigen Restpostengehilfen für den US Markt gekauft zu haben. Die faszinierenden Elemente an dem Geschäftsmodell wurden fast alle eingestellt. Außer bunte Bilder, einer gestellt coolen Artikelbeschreibung und möglichst vielen Streichpreisen ist vom alten woot.com kaum etwas übrig geblieben. Schade. Vielleicht wäre es interessant für einige der großen Postenhändler so ein Geschäftsmodell wieder aufleben zu lassen – ohne Businesscase, mit ehrlicher Kundenansprache und nur mit guten Angeboten.

 

3 Gedanken zu “Was wurde eigentlich aus woot.com?

  1. schön von denen mal wieder zu hören – auch wir waren von dem modell von einigen jahren sehr angetan..

    die weiterentwicklung ist wie ja richtig gesagt, nicht nur bei woot stehengeblieben, auch ein ibood kam bis auf 2-3 pseudoverticals nicht voran. dito die shoppingclubs, wenn sie nicht zwischenzeitlich schon geschlossen haben. die entwicklung in down-under ist mir leider auch nicht präsent. gerne denke ich auch an die zeiten zurück in den z.b. ein pearl mit seinen wöchentlichen newslettern zehntausende von produkten bewegt hat, heute muß er auf vertriebspartner wie groupon/dailydeal zurückgreifen.

    groupon & Co haben sich mit ihrer agressivität und zunehmender professionaliät auch einen gehörigen anteil aus dem verfügbaren „produktkuchen“ herausgeschnitten und scheinen sich auf stabilem niveau zu halten.

    wir stellen uns permanent die frage, welches format als nächstes zum erfolg kommt. ich hoffte auf anregungen während der k5, bin aber bei erster durchsicht des programmes nicht mehr so optimistisch – leider!!

  2. Das Problem ist das Produktsourcing und es genau wie Du es beobachtet hast. Ein Woot.com braucht wahrscheinlich Stückzahlen größer 10k und das sind dann einfach keine Restposten mehr. Die Hersteller, Distris und andere Händler finden es aber nicht toll, wenn die Preismarke mal eben für 10-30k Produkte komplett zerrissen wird und nie wieder hoch kann. Auch ist man nach 5-6 Jahren Liveshopping einfach gelangweilt. Man hat alles, kennt alles und so entsteht auch irgendwie kein Kauf-Impuls mehr.

    Potential gibt es dagegen in den Hidden Champions, die niemand auf der Uhr hat und einfach geniale Produkte – unabhängig vom Preis – sind. Diese kombiniert mit einem guten Angebot und es läuft. Das Problem ist, dass es a) nicht soviele solche Produkte gibt und b) es super aufwendig ist solche rauszufinden.

    Hier mal ein paar Beispiele – Media-Player (die besten Media-Player kommen nicht von großen Marken und haben praktisch kein Marketing Budget), Android-Sticks, Wireless-Audio (auch hier wird der Markt von recht kleinen Marken dominiert), Luxus-Hersteller (LOEWE, B&O, B&W, BOSE – die Marge ist riesig und damit kann man geniale Preise machen), Wearables (Fitness-Armbänder, smart-watches, etc. pp), „Alltagsdinge“ mit „Kniff“ (geniale Geldbeutel, Schlüsselanhänger und andere Lifehacks).

    Für mich ist Kickstarter.com das neue/alte Woot.com. Es geht dann weniger um den Preis, sondern eher darum neue Produkte zu sehen, die man auf einmal meint besitzen zu müssen 🙂

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