Der stationäre Handel – ein Überblick der letzten Meinungen

konkursIn den letzten Wochen sind die Nachrufe auf den stationären Handel immer lauter geworden. Auch bei Kassenzone ist kaum noch Optimismus zu spüren. Da fällt es fast schon schwer den Überblick zu behalten. Insgesamt mehren sich die kritischen und fragenden Stimmen was denn wohl aus den stationären Anbietern wird. Sogar bisher recht optimistische Journalisten haben Schwierigkeiten die Zukunft optimistisch zu beschreiben. Und wenn sogar ECE seine Zukunft von Roland Berger Beratern offiziell geschönt sehen möchte, dann sollte auch der letzte Ladenbetreiber in B & C Lage genau hinhören. Die „Studie“ von Roland Berger ist, neben ein paar Zitaten aus der aktuellen Wirtschaftswoche, ein neuer Höhepunkt im letzten Schönreden der (alten) stationären Handelskonzepte. Wenn man schon Menschen in Einkaufszentren befragt, ob sie sich ihre zukünftigen Einkäufe in einem Einkaufszentrum vorstellen können, und daraus eine Zukunftsfähigkeit für den klassischen stationären Handel ableitet, dann muss man die Leser schon für ziemlich blöd halten.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch mal ganz klar sagen, dass ich die aktuelle Entwicklung fast schon bedauere. Ich wünsche mir tatsächlich passende Lösungen für kleine stationäre Händler, weil sie so eine zentrale Rolle in den städtischen Ökosystemen spielen, aber ich sehe kaum Lösungsszenarien dafür. Stationärer Handel in der bekannten Form ist einfach weitestgehend überholt, ineffizient und unnötig in Zeiten des Online Handels. Dagegen finden bisher nur sehr schwache Argumente. Das bezieht sich vor allem auf reine Handelskonzepte, also Unternehmen die ihr Geld mit der Bündelung, Verfügbarmachung und Zurschaustellung von fremden Produkten ihr Geld verdienen. Und wenn ich die Berichte der letzten Wochen/Monate richtig interpretiere, dann stehe ich mit meiner Sicht der Dinge nicht komplett alleine da.

03/2013: In einer Sonderausgabe der Wirtschaftswoche wird eine insgesamt durchwachsende Bilanz gezogen:

Mancher Laden und manche Kette werden den Umbruch nicht überleben. „Sie verschwinden, weil die Generation mit dem mobilen Internet in der Hosentasche sie in ihrer Funktion als Lagerraum und Ort des Verkaufs nicht mehr braucht“, sagt Franziska von Lewinski, Geschäftsführerin der BBDO-Tochter Interone in München, einer Agentur für Multikanal-Kommunikation: Kein Laden – ob on- oder offline – werde mehr für die Ewigkeit gebaut.

03/2013: Oliver Samwer sagt 80% aller stationären Händler den Tod voraus. Seine Argumentation ist nicht ganz uneigennützig und in dieser Form sicherlich extrem.

„Die absolut professionellen Offline-Händler werden überleben, aber 80% werden es nicht schaffen″, prophezeite der Unternehmer an diesem Freitag bei einer E-Commerce-Veranstaltung, zu der Tengelmann-Gesellschafter Karl-Erivan Haub eine hochkarätige Manager- und Unternehmerschar aus Handel und Industrie nach Mülheim geladen hatte.

03/2013: Das Manager Magazin freut sich über ein paar stationäre Sondereffekte.

Der Einzelhandel in Deutschland ist mit glänzenden Geschäften ins neue Jahr gestartet. Bereinigt um Kalender- und Saisoneffekte stiegen die Umsätze im Januar so stark wie seit mehr als sechs Jahren nicht mehr, berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag.

02/2013: Der Handel berichtet von der drohenden Verödung insbesondere kleinerer Städte

„Das Internet wirkt wie ein Brandbeschleuniger im Strukturwandel des Handels“, fasste Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, ihre Eindrücke zusammen. „Die Frequenzen im Weihnachtsgeschäft waren vielerorts schlecht – insbesondere im Modehandel“, wusste Hagmann zu berichten.

02/2013: Jochen zeigt mit seinen Zahlen recht deutlich, dass der Handel sich gerade rasend schnell verändert:

Der Handel, und hier speziell die Katalogversender, litt also schon damals extrem. Doch so sehr er auch litt: Wer hätte Anfang 2008 allen Ernstes für möglich gehalten, dass sich binnen fünf Jahren sowohl Quelle als auch Neckermann (komplett!) in Luft auflösen oder dass auch ein Schlecker komplett von der Bildfläche verschwindet?

12/2012: Bei der Zeit finden sich nachdenkliche Stimmen

Der Handel müsse sich auf grundlegende Veränderungen einstellen, sagte Barthel. «Der Offline-Handel ist nicht tot, aber er muss sich darauf vorbereiten, künftig viel mehr auf verschiedene Verkaufskanäle (Multichannel) über das Internet und auf Smartphone zu setzen.» Die Läden würden sich zunehmend ändern.

 

Es lassen sich noch beliebig viele weitere Berichte zu dem Thema finden. Zwar tauchen vereinzelt ein paar Multichannel Jubelszenarien auf, aber wenn man diesen Berichten auf den Grund geht, bleibt vom Jubel am Ende kaum etwas übrig. Wie auch? Aktuell verschieben sich jährlich Milliarden Euro in den Online Handel. Diese Umsätze fallen im stationären Handel für immer weg. Bei den Umsatzvolumina die sich jetzt bewegen, werden massive Bereinigungseffekte die Folge sein. Ich wage zu bezweifeln, dass nur B-Lagen und Mittelstädte die Leidtragenden sind. Eines machen die letzten Zahlen aber besonders deutlich. Die große Veränderung hat erst in den letzten 12 Monaten wirklich begonnen. Niemand weiß aktuell wohin diese Entwicklung führt und Deutschland ist in dieser Entwicklung auch ganz weit vorne dabei. Das bedeutet, dass wir nicht auf andere Märkte schauen können, um abzusehen wohin die Reise führt. Ein paar Lichtblicke erwarte ich mir in den nächsten beiden Tagen von der Exceed Konferenz in Berlin. Wer die Chance hat dabei zu sein, sollte vorbeischauen.

Foto: © Miredi – Fotolia.com

10 Gedanken zu “Der stationäre Handel – ein Überblick der letzten Meinungen

  1. Natürlich hat der stationäre Handel ein echtes Problem! Aber er hat auch eine ebenso große Chance, die es zu nutzen gilt: Er ist da! Bei all dem großen Vorteilen, die der Onlineshop bietet, hat er doch auch ein Problem: Das fehlende Shopping-Erlebnis! Für Technik Freaks und Nerds natürlich total überbewertet, ist es aber das, was uns Menschen aus neurowissenschaftlicher Sicht am meisten anspricht – mehr sogar als der Preis. Das kann man effizient nur, wenn man im multisensorischen Dialog mit dem Kunden tritt, unterstützt von persönlicher Begegnung. Das As aus dem Ärmel zu holen ist nun die Aufgabe, die es für den Offlinehandel zu lösen gilt. Damit kann man den Umsatz-Shift bis zu einem gewissen Grad bremsen, aber nicht verhindern.
    Es bleibt in jedem Fall spannend!

  2. Aber das Mehr an Kommunikation behebt ja noch nicht das strategische Problem. Den meisten Händlern ist so eine Kommunikation auch nicht zuzutrauen. Dafür müsste sich das Geschäftsmodell zu sehr ändern.

  3. Ich nehme mal an dass die meisten Leser solcher Artikel eher online-affin sind) Wenn man, wie ‚wir‘ sich die ganze Zeit (privat und beruflich) nur mit dem Thema eCom oder OmniChannel befasst, ergibt sich ganz sicher eine leichte subjektiv verschobene Wahrnehmung bzgl Online. Wenn man sich aber mal an einem sonnigen Nachmittag in die HighStreet setzt, entspannt sich diese Wahrnehmung. Das ist zumindest meine Erfahrung. Mit ‚entspannen‘ meine ich, dass es nicht zum totalen RetailSterben kommen wird. Ganz klar ist aber auch, dass es viele Läden nicht schaffen werden. Hier sehe ich aber eher die Gefahr für große Ketten als für kleine spezielle Boutiquen. Individuelle Läden bieten oft Sachen an, die man nicht so einfach auf Amazon finden kann. Es müssen aber alle stationären Anbieter von 0815 Waren aufpassen. Ein SATURN wird weiterhin gute Frequenz in seiner HiFi-Abteilung haben – (um den Sound zu testen, wird es wohl nie eine gute OnlineLösung geben) – aber gekauft wird dann woanders, wo man richtig Geld sparen kann.
    Aus persönlicher Erfahrung kann es nur der SERVICE sein, mit dem sich der stat. Handel behaupten wird können. Viele haben das noch nicht verstanden und bieten unterirdischen Service an. Das treibt dann noch mehr Kunden in die OnlineShops.
    Wer es schafft, sein Verkaufsteam auf Service zu trimmen, der wird auch noch ein paar gute Jahre vor sich haben.

  4. Ich glaube die Highstreet hat das Problem auch nicht. Ganz im Gegenteil, A Lagen werden sogar teurer. Service wird als Differenzierungskriterum wohl kaum ausreichen.

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  10. Die Lösungen sind eigentlich recht einfach, nur viele Händler tun sich bei der Umsetzung sehr schwer. Viele Strukturen sind einfach zu alt und verkrustet. Händler vor Ort können folgende Dinge anbieten: Erlebnisshopping (Showroom, Produkte testen vor Ort, Fußvermessung durch Mifitto.com), Same Day Delivery (z.B Tiramizoo.com) und Lokales Social Media. Online und Retail müssen ineinander verschmelzen und ergeben dadurch eine Symbiose. Als Händler darf man nicht immer denken, das Internet ist böse. Das wäre der falsche Ansatz.

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