Corporate Twitter in Deutschland

Ist Twitter ein relevantes Tool zur Unternehmenskommunikation in Deutschland? Nein, ist es (noch) nicht! Dafür ist hier die Masse der Twitter-Nutzer zu klein. Ein Blick über den großen Teich zeigt aber, dass die Plattform für Unternehmen durchaus interessant sein kann. Was können deutsche Unternehmen von Zappos, Jetblue & Co. lernen?

In Twitter schreiben Nutzer in Kurznachrichten (Tweets), was sie gerade tun, und lesen dort, was andere gerade tun. Nachrichten sind auf 140 Zeichen beschränkt. Anders als bei der SMS (one-to-one), erlaubt es Twitter gleichzeitig mit dem gesamten virtuellen Freundeskreis zu kommunizieren (one-to-many). Der Dienst ist eine Mischung aus Microblog-Plattform, sozialem Netzwerk, Chatraum und Informationszentrale im Web 2.0. Twitter ist kurz, schnell, einfach und mobil nutzbar. Nutzer können ihre Botschaften im SMS-Format direkt über die Website twitter.com, über Clients für alle gängigen Betriebssysteme, per SMS oder Instant Mesaging versenden und empfangen.

Im März 2006 wurde der Dienst der Öffentlichkeit vorgestellt und wird seitdem in der Blogosphere kontrovers diskutiert. Die Meinungen gehen von „Größter Blödsinn aller Zeiten!„, über „Ganz nettes Tool für die Online-Kommunikation“ bis hin zu „Revolution für die Online-Kommunikation“.

Tony Hsieh, CEO von Zappos, hat sich (wahrscheinlich) der Meinung „Ganz nettes Tool zur Online-Kommunikation“ angeschlossen. In seinen Tweets schreibt der Chef über inkompetente Behörden, über sein Treffen mit Bill Gates, über die kleinen Probleme des Alltags … und über Zappos und seine Produkte. 10.850 Follower lesen freudig mit. Er geht noch weiter und animiert seine Mitarbeiter selber zu twittern. Unter twitter.zappos.com kann jeder Kunde die gesammelten Tweets der Belegschaft lesen.

Die hohe Zahl an Followern zeigt, dass sich die Twitter-Community durchaus für Unternehmensinformationen interessiert – wenn sie denn interessant sind oder/und einen Mehrwert bieten. Neben Zappos gibt es noch weitere US-Unternehmen, die Twitter sinnvoll nutzen und damit fast durchweg positives Feedback aus Presse und Blogosphere erhalten, z.B. Comcast, Jetblue, Southwest Airlines und Dell.

Das amerikanische Telekommunikations-Unternehmen Comcast (3182 Follower) hat für seine Twitter-Aktivitäten in der amerikanischen Blogosphere viel Lob erhalten. Mitarbeiter Frank Eliasen beantwortet in inzwischen mehr als 10.000 Updates sämtliche Fragen rund um Comcast: von Kunden, von Interessenten und von jedem der in seinem Tweet das Wort „Comcast“ verwendet. Besonders gut gefällt mir die Interaktivität. Frank geht auf die Fragen und Bedürfnisse jedes einzelnen ein und adressiert die Antwort direkt an den Fragenden. Franks Feed hat sich bei Twitter-Nutzern inzwischen als Alternative zur Comcast-Hotline etabliert.

Die amerikanische Fluggesellschaft JetBlue informiert ihre Follower per Twitter über Verspätungen, Wetternachrichten und geht individuell auf Fragen rund um Gepäck, Check-In etc. ein. 3630 Twitterer lesen mit …

Was haben diese erfolgreichen Tweets gemeinsam? Alle drei Unternehmen haben Twitter als interaktives Medium verstanden und nutzen Twitter für Dialoge mit den Followern/Kunden. Alle drei Unternehmen schreiben authentisch. Tony Hsieh schreibt über Gott und die Welt. Aber seine Nachrichten sind bestimmt nicht durch die PR-Abteilung von Zappos gegangen. Alle Unternehmen schreiben regelmäßig. Niemand interessiert sich für Tweets, die das letzte mal vor 5 Monaten aktualisiert wurden. Twitter ist ein schnelles Medium vergleichbar mit Email oder Instant Messaging.

Nutzerzahlen wie Zappos&Co. werden deutsche Unternehmen in absehbarer Zeit niemals erreichen. Der deutsche Twittermarkt ist winzig verglichen mit den USA. Laut Google Trends liegt Deutschland mit täglich 6.000 Zugriffen weltweit nur auf dem achten Rang bzgl. Traffic. Auch wenn diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind, da sie Traffic über die API nicht berücksichtigen, geben sie doch Aufschluß darauf, welche Bedeutung Twitter in Deutschland hat. Nämlich kaum eine! So ist Sascha Lobo “schon“ mit 2.583 Followern die deutsche Twitter-King.

Dementsprechend schwer haben es deutsche Unternehmen über Twitter relevante Reichweiten zu generieren. Die Bahn bietet einen Feed vergleichbar Jetblue an und informiert über Verspätungen. Nur 165 Leute lesen mit. Fazit: anderes als in den USA kann in Deutschland keine breite Masse angesprochen werden. Dementsprechend sind deutsche Großunternehmen bei der Nutzung von Twitter sehr zurückhaltend. Von den 30 DAX Unternehmen hat sich lediglich Daimler seinen Account gesichert, nutzt diesen aber nicht. (vgl. adplace.com)

Aber … wenn Reichweite gar nicht im Vordergrund steht und sich ein Startup gerne mit seiner kleinen, aber feinen internet-affinen Zielgruppe austauschen möchte, dann kann Twitter durchaus ein Mittel der Wahl sein. Beispiele sind die Feeds MyMüsli und Sonntagmorgen. Beide tauschen sich recht aktiv mit ihren Followern aus und gehen direkt auf Fragen und Anmerkungen der Leser ein. Es wird regelmäßig, authentisch und im Dialog geschrieben.

Zurück zur Anfangsfrage: Was können deutsche Unternehmen von Zappos, Jetblue & Co. lernen? Sie können lernen, dass Dialoge, Authenzität und Aktualiät wichtige Kriterien für den Erfolg eines Twitter-Feeds sind. Allerdings werden deutsche Unternehmen auch mit dem besten Twitter-Feed in naher Zukunft kein breites Publikum erreicht können. Wen das nicht stört und wer einen engen Draht zu seinen Kunden halten will, der kann sich Twitter durchaus einmal anschauen.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben von Gastautor Dennis Kallerhoff (Xing)

10 Gedanken zu „Corporate Twitter in Deutschland

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  5. Wenn ich diesen Beitrag über Twitter lese, muss ich unwillkürlich an die Anfänge des Corporate Blogging denken. Im Grunde ist es ja nicht wesentlich anderes, nur eben schneller zu befüllen und schneller zu lesen. Gerade aber deshalb denke ich auch nicht, dass Twittern die neue Web2.0-Entdeckung für Unternehmen sein wird. Denn genau wie das Blogging, wird sich auch das Twittern vor allem auf die Unternehmen beschränken, die eine kleine aber feine Zielgruppe ansprechen; entweder, weil sie eine coole Marke haben, die begeistern kann oder weil sie so ein kleines Unternehmen sind, dass ein enger persönlicher Bezug zwischen Unternehmern und Kunden besteht.
    Für große Unternehmen mit vielleicht sehr heterogener Zielgruppe sehe ich auch bei Twitter die Schwierigkeit, wirklich Interessantes und für den Nutzer Relevantes zu posten und ihn damit dauerhaft bei der Stange zu halten. Ich würde behaupten, ähnliches konnten wir beim Blogging bereits beobachten…

  6. @Inga: Ich glaube auch, dass es einige Parallelen zwischen Corporate Blogs und Corporate Twitter gibt. So werden beide Medien werden nie ein Massenpublikum ansprechen können. Und beide sind eher für kleine & coole Unternehmen geeignet, die eine kleine aber feine Zielgruppe haben.

    Allerdings ist Twitter im Vergleich zu Blogs persönlicher. Als Nutzer wäre ich eher geneigt mir die Tweets eines Unternehmens durchzulesen -wenn sie denn interessant sind- als ein Corporate Blog. Beim Blog sehe ich eher die Gefahr, dass die Posts durch die PR-Abteilung gegangen sind. Bei Twitter wird das wahrscheinlich kaum eine PR-Abteilung machen.

    Was die Anwendungsmöglichkeiten angeht, sehe ich auch für große Unternehmen Möglichkeiten. So haben Comcast und Jetblue wahrscheinlich auch heterogene Zielgruppen, haben aber trotzdem Themen gefunden, die die Community interessieren. Und viele andere Unternehmen können das wahrscheinlich auch.

    Aber es bleibt interessant zu sehen, wie sich Corporate Twitter entwickelt … 🙂

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