Wie funktioniert der Handel mit Craftbeer? Lars Müller & Frank Dahlmann

In dieser Folge spreche ich mit dem Brewcomer Betreiber Lars Müller aus Kiel und dem Craftbeer Fan @craftprotz Frank Dahlmann aus Hamburg wie der Markt für individuelles Bier funktioniert. Wie war es überhaupt möglich, dass sie solche Getränke gegen die großen Brauereien durchsetzen und können wir damit auch in Deutschland über 10% Marktanteil erwarten. Warum sind die USA uns in dem Bereich so weit voraus? Passend dazu lohnen sich auch die ersten 20 Minuten des Oetker CEO Podcast bei OMR in denen er über den Biermarkt aus seiner Sicht spricht. Sagen wir mal so; die Sicht des Oetker Konzerns passt wenig bis gar nicht auf das was Frank und Lars erzählen. „Vielfalt“ im Biermarkt unterliegt also einer sehr subjektiven Wahrnehmung. Prost 🙂

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Craft-Beer-Handel mit Lars Müller, Betreiber von Brewcomer, und Frank Dahlmann, Brand Eins

Wie ist es den kleinen Herstellern von Craft-Beer gelungen, in einem stark konsolidierten Markt wie Deutschland Marktanteil von den großen Konzernen zu erstreiten? Warum sind die USA dem traditionellen Brauerland Deutschland hierbei so weit voraus? Und ab wann ist ein Craft-Beer keines mehr? Alex sucht Antworten – und macht im Kieler Craft-Beer-Laden Brewcomer mit seinen zwei Gesprächspartnern mehrere Fässer auf…

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„Wo in Deutschland zehn Reihen Holsten stehen, haben die Dänen zehn einzelne Sorten.“

2:50

Alex: Frank, wie haben uns 2016 kennengelernt, als du mich für Brand Eins interviewt hast. Erst später habe ich rausgefunden, dass du Influencer in der Craft-Beer-Szene bist! Lars, stelle dich bitte mal vor.

Lars: Ich bin Gründer und ‚Chief Beer Officer‘ von Brewcomer. Das ist allerdings mein Nebenberuf. Hauptberuflich tätig bin ich in einer Kieler Digitalagentur. Angefangen habe ich mit Bier als Blogger und habe relativ schnell gemerkt, dass da was passiert. So kam das eine zum anderen und ich hatte dann Bock, Bier zu verkaufen: Dieser Laden war frei und ich habe ihn angemietet. Das ist alles rund fünf Jahre her.

Alex: Lebst du denn vom Bierverkauf?

Lars: Nein, von der Digitalagentur. Der Laden ist ein Tochterunternehmen, das sich zwar trägt, aber eigentlich als schöner Showcase fungiert.

Alex: Bevor wir in die Verkostung gehen, vielleicht sollten wir erst einmal definieren, was Craft-Beer überhaupt ist. Wann ist denn ein Bier ein Craft-Beer?

Lars: Das ist ein sehr schwer zu beantwortende Frage, weil die Kriterien nicht klar definiert sind. Es ist immer ein bisschen Ansichtssache. Wichtig sind: Qualität, Vielfalt, Unabhängigkeit. Es geht um kreatives Brauen. An der Menge, an bestimmten Braustile, an spezifischen Produktionsbedingungen lässt es sich nicht unbedingt festmachen. Das Ergebnis muss irgendwie ungewöhnlich sein.

Alex: Das gehen wir mal anders herum an die Frage ran: Wie groß ist denn der Biermarkt in Deutschland – und welcher Anteil haben denn diese ‚ungewöhnlichen‘ Biere?

Lars: Wie groß genau, kann ich nicht sagen. Streng genommen macht Craft-Beer lediglich rund 1% davon aus.

Alex: Aber ein Trend dahin ist vernehmbar. Woher kommt er?

Lars: Ein Treiber ist, dass sich in den letzten Jahre die ‚normalen‘ Biere immer ähnlicher geworden sind. Das sagen zumindest viele ältere Trinker, die der Ansicht sind, dass die Biere früher unterscheidbarer waren und sich mittlerweile einem Mainstream-Massengeschmack angenähert haben. Ein anderer Treiber ist sicherlich die Entwicklung in den Staaten und in den Ländern um uns herum, wo Craft-Beer schon länger ein Thema ist. Und ich glaube, dass es einfach alle paar Jahre ein Trendgetränk braucht…

Alex: Craft-Beer als neuer Gin, also?

Lars: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Und ich hoffe, das hält länger an.

Frank: Die Mechanismen dahinter sind ähnlich. Kurz noch zur Definition übrigens: Ich finde, Craft-Beer soll was Handwerkliches haben und darf sich nicht so sehr auf das Reinheitsgebot beschränken. Wir sollten vielmehr ein Natürlichkeitsgebot haben: Mit richtigen Hopfen arbeiten statt mit Hopfenextrakten!

(Alex fragt Einzelheiten zu den gesetzlichen Bestimmungen nach. Danach geht es in die Details, wie in verschiedenen Bundesländern Ausnahmegenehmigungen für nichtreinheitsgebotskonformes Brauen erteilt werden. Bayern etwa lege das Reinheitsgebot sehr streng aus.)

7:45

Alex: Angenommen, ich bin eine Brauerei und vor zehn Jahren merkte ich, dass der Konsum von meinen Standardbiersorten geht zurück. Eigentlich wäre ich in der Lage gewesen, andere Biere zu brauen – und hätte das auch tun müssen. Warum haben Großbrauereien nicht auf den Trend reagiert? Und wie fing es mit dem Craft-Beer in Deutschland an?

Frank: Die großen Brauereien reagieren jetzt, haben aber das Problem, dass sie auf Masse produzieren – was mit speziellen Sorten nicht funktioniert. So versuchen sie jetzt, mit eigenen kleinen Brauereien einzusteigen: Astra/Holsten macht das jetzt zum Beispiel (mit meiner Meinung nach sehr bescheidenen Ergebnissen…). Leicht ist das aber nicht. Und da sich der Markt ja noch um die 1% bewegt, tut es denen noch nicht weh.

Alex: Aber sie müssen jetzt viel Werbung machen, weil der Coolness-Faktor mittlerweile beim Craft-Beer liegt.

Lars: Viele familiengeführte Brauereien haben allerdings schon umgestellt. Mittelständler wie Schneider-Weisse oder Maisel etwa haben die Richtung früh erkannt und ihre Produktionskapazitäten dazu benutzt, kreative Biere zu machen. Aber das sind totale Ausnahmen.

(Daraufhin geht es um das Idealbild des Craft-Beer-Brauers, der ja häufig gar keine eigene Brauerei hat und Kleinstmengen woanders produzieren lässt. Bei größeren Brauereien könne man sich einmieten; Produktionsmengen um die 10 Hektolitern bzw. 3.000 Flaschen pro Sud seien üblich. Davon könnten zwei bis drei Leute leben. Preislich rede man dann, so Frank, über 5,99€ pro Dose. Daraufhin will Alex wissen, was die teuerste Flasche kostet, die Lars gerade vorrätig hat. Rund 25 Euro für eine 0,75l-Flasche aus Belgien.)

11:15

Alex: Sprechen wir bei Craft-Beer von einem zusätzlichen Konsum, oder nimmt das Standardbieren oder anderen Getränken wie Wein schon Marktanteile weg?

Frank: Ich glaube beides. Das sieht man bei Essen auch: Es geht um Vielfältigkeit. Man will speziellere Sachen haben und trinkt jetzt nicht deswegen Bier, weil man eben Bier trinkt, sondern ein gewisses Erlebnis haben will – und sich das leisten kann. Ein Wohlstandseffekt ist das, weshalb das auch nicht nach einem halben Jahr wieder verschwinden wird. Die Leute werden weiterhin nach Handwerklichem und guter Qualität suchen.

Alex: Was schätzt du, wie viele Craft-Brauer ist gerade in Hamburg gibt?

Frank: An die 10 Stück werden es wohl sein.

Alex: Nicht 50 oder 60?

Lars: Also 10 wirkliche Braustätten, keine Hobbybrauer. Von Letzterem gibt es dann schätzungsweise zwei Dutzend, die mal was rausgebracht haben.

Alex: Und wenn ich meine eigene Sorte brauen will, muss ich zu einer Brauerei oder kann ich das bei mir machen (wie manche es mit der Schnaps-Destille tun…)

Lars: Theoretisch kannst du es bei dir machen. Du musst deine Anlage nur abnehmen lassen, wenn du das Erzeugnis verkaufen willst.

(Es geht um Einzelheiten: Was kostet so eine Prüfung? Welche hygienische Auflagen gelten? Ab wann muss man es beim Zoll anmelden? Lars erzählt anekdotisch, wie so etwas gehe – und scheitere.)

14:10

Alex: Angenommen, ich lass mein eigenes Bier im Auftrag produzieren. Wie komme ich denn an meine Kunden? In Kneipen? Verticke ich das über Instagram oder meinen Blog?

Lars: In Gastronomie geht am Allerwenigsten, weil Kneipen häufig vertraglich verbunden sind und bestimmte Biere ausschenken müssen (und bestimmt andere nicht ausschenken dürfen). Vieles geht über den kleinen Fachhandel – wie Brewcomer, wovon es inzwischen viele gibt. Auch Online kann man verkaufen.

Alex: Habt ihr denn ganztägig geöffnet?

Lars: Ab 12 Uhr, was im Grunde genommen ganztägig ist insofern, als wir uns nicht an Leute richten, die morgens um neun das erste Bier kaufen.

Alex: Gibt es denn so eine Art von Laden mittlerweile in jeder mittleren Stadt? Wie ist es, wenn ich etwa nach Rendsburg weiterfahre?

Lars: In Schleswig-Holstein gibt es in Neumünster und Lübeck Fachhändler. Dann Hamburg. Deutschlandweit aber haben viele Studentenstädte und natürlich Metropolen zahlreiche Händler.

(Deutschland sei ja Nachzügler, sagt Alex, und fragt, wie der Markt in anderen Ländern aussieht. Die USA seien mit 14% des Umsatzes Vorreiter: Dort kauften mittlerweile Großbrauereien die Craft-Beer-Brauer auf, um ihre Marktanteile zu sichern und so gebe es dort mittlerweile Ausstoßobergrenzen, um den Begriff Craft-Beer zu schützen. In Europa seien UK und Skandinavien am weitesten entwickelt, wobei auch Frankreich, Spanien und Italien jetzt auch im Kommen seien.

Gefragt, ob es Umstände gab, die zur Vorreiterstellung der USA führte, antwortet Lars umgehend: Die Legalisierung des Heimbrauens unter Präsident Jimmy Carter. Noch in den 80er-Jahren gab es im gesamten amerikanischen Markt nur 80 Brauereien; mittlerweile gebe es dort rund 3.500.)

19:30

Alex: Verkaufen denn Craft-Beer-Brauereien viel online? Etwa über Amazon oder Topify?

Lars: Es versuchen zwar viele, online zu verkaufen, aber der Online-Handel mit Bier ist nicht gerade einfach – allein von der Verpackung und vom Versand her.

Frank: Geh mal in Dänemark in einen Supermarkt. Wo in Deutschland zehn Reihen Holsten stehen, haben sie dort zehn einzelne Sorten von verschiedenen Brauereien – und nicht nur dänische! Die Auswahl ist einfach riesig groß. Bei uns geht es erst gerade los, das REWE und Edeka anfangen, kleinere Biere überhaupt zu listen.

Alex: So, wir haben jetzt hier paar Biere bereitgestellt. Wenn wir jetzt…

Lars: Ich dachte, er fragt nie!

Alex: „Saure Weisse , Mirabelle und Zwetschge“. Das Etikett hat auf jeden Fall Luft nach oben in der Druckqualität. Du, Frank, als Influencer: Wenn dir das zugeschickt wird, was sagst du dazu?

Frank: Ich habe tatsächlich was von der Marke gekauft. Es ist ein sehr besonderes Bier, weil es anders gebraut wird – nämlich mit einer Spontanvergärung…

(Es klingen die Kronkorken auf der Tischplatte, während Frank die Spontangärung und die Vorgehensweise des hinter dem betreffenden Gerstenerzeugnis stehenden Craft-Beer-Brauers Carsten Jespen erklärt. Alex, der von sich sagt, noch nie ein Craft-Beer getrunken zu haben, bereitet sich mild skeptisch auf das neue Geschmackserlebnis vor. Lars und Frank bringen ihm das Verkosten bei: Erst einmal riechen, dann sich die Farbe ansehen. Danach heißt es „Prost!“ Alex ist angetan. Die drei werten dann detailliert die Einzelheiten des sauren Geschmacks aus.)

23:25

Alex: Wo liegen wir denn hier eigentlich preislich – und wie steht das im Verhältnis zu einer Flasche Jever im Supermarkt?

Lars: Das kostet 5,99€ plus Pfand. Jever findet man für unter einem Euro im Angebot im Verbrauchermarkt. Im Super-Sonderangebot sieht man schon man den einen oder anderen 25-er-Kiste für 10 Euro plus Pfand.

Alex: Verdient damit die Brauerei noch Geld?

Lars: Keine Ahnung, aber kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Frank: Ich hoffe es für sie, weiß es aber nicht.

Alex: Wenn ihr euch als Craft-Beer-Konsumenten „Wünsch dir was!“ spielen könnten: Was fehlt euch im Markt? Und wie ist es mit der Experimentierfreude? Im Gin-Markt hat es in den letzten Jahren ja die dollsten Dinge gegeben…

Lars: Da gibt es mittlerweile richtig krasse Sachen.

Frank: Ich habe letztens im Fernsehen was mit Bernstein gegeben, wobei ich nicht glaube, dass Bernstein Geschmack abgibt. Es gibt auch Sachen mit Marzipan. Da kommen teure Aromen rein. Insofern: Mir fehlt nichts; ich bin einfach gespannt, was da kommt! Ich bin da auch ganz offen und alles an Experimenten finde ich erstmal toll. Nicht alles gelingt, aber…

Alex: Ist das aber nicht der Weg in Richtung Alcopops? Und das kann doch alles schnell beliebig wirken, oder nicht?

Lars: Das mit dem Marzipan hat auch für Diskussionen gesorgt – und für Absatz! Die Sachen waren ruckzuck weg.

Frank: Und es ist ja auch nicht so, dass man da ein stinknormales Pils nimmt und da Marzipan reinkippt, sondern es ging um ein Stout – ein dickes, schwarzes Bier, das für den Winter konzipiert ist. Das passt dann schon.

(Daraufhin will Alex wissen, wie Frank und Lars ihren Bierkonsum den Jahreszeiten anpasst und wie er Bier und Essen kombiniert.)

27:00

Alex: Warum kleben denn die Craft-Beer-Brauer doch nicht ein schickeres Label auf ihren Erzeugnissen und drücken es über Edeka und REWE in den Markt? Ist der Geschmack nicht massentauglich?

Lars: Die fangen ja auch schon mal an, das zu tun.

Frank: Obwohl es mit dem Etikett schon einmal losgeht. Wer sich in die Fänge der Lebensmitteleinzelhandelsketten begibt, der ist nicht mehr in der Preisgestaltung frei. Man wird ja gebunden und muss häufig zu Preisen verkaufen, die sich nicht mehr wirklich rechnen. Es geht dann auch so weit, dass ein Edeka sagt: „Macht ein anderes Label drauf! Dein Wiedererkennungswert ist nicht hoch genug…“ Da kann ich es gut verstehen, dass manche Craft-Beer-Brauer das nicht wollen.

Alex: Und wie groß ist denn die Branta-Brauerei, die hinter dem Sauren Weissen steckt, das wir jetzt trinken?

Frank: Streng genommen ist das eine Großküche! (Was mit der Genehmigung zu tun hat…) Die kommt aus Niebüll und ist noch sehr, sehr klein.

Lars: So 500 Liter pro Sud. Rund 1000 Flaschen.

Frank: Und dann geht es darum, wo man Erzeugnisse einer so kleinen Brauerei listet. Hier in Kiel bei Brewcomer, in Hamburg bei BeyondBier: Das ist schon ein Qualitätssiegel, dass man es kaufen kann.

(Alex fragt, ob die Sortimentszusammenstellung wie im Modesegment sei – also, dass sich Läden mit verschiedenen Schwerpunkten profilierten. Frank bejaht: Craft-Beer-Läden orientierten sich an bestimmten Brauereien, weil die Erzeugnisse schwer zu bekommen seien und gute Handelsbeziehungen wichtig seien. Brauereien, die besondere Raritäten haben und diese zu 11-12 Euro verkauft sehen wollen, hätten weder das kommerzielle Interesse noch die Produktionsmengen, um mit Supermärkten zusammenzuarbeiten.

Daraufhin will Alex wissen, wie Lars sein Sortiment zusammenstellt. Teils aus Proben, teils durch eigenes Scouting, antwortet er. Händler – und Konsumenten – müssten den Markt ständig in Beobachtung halten, um nichts zu verpassen.)

32:40

Alex: Veranstaltest du denn regelmäßig Bierverkostungen, Lars?

Lars: Ja, da nehmen nach voriger Anmeldung bis zu 12 Leuten daran teil.

Alex: Und du hoffst, dass sie im Anschluss eine Kiste mitnehmen?

Lars: Das kommt selten am Ende eines Abends vor, weil das ja getragen werden muss. Aber die Leute kommen ja irgendwann mal wieder. Für uns ist das aber vor allem Konsumentenbildung. Deswegen funktioniert Craft-Beer im Supermarkt schlechter, weil du als Kunde Vorkenntnisse und Beratung brauchst, um das richtige Bier für dich auszuwählen. Das bringen wir den Leuten bei.

Sonst kann das voll nach hinten losgehen! Ich habe Leute gesehen, die so ein Sauerbier halbwarm aufmachen und dann direkt aus der Flasche trinken: „Schmeckt Scheiße!“ Natürlich! Da muss dir jemand erklären, was es soll, wie es geht, wozu es passt.

Alex: Muss man diese Biere hier in der Regel kalt trinken?

Frank: Kommt darauf an. Sauerbier ja, Stout eher warm. Und viele trinken IPA zu stark gekühlt: Bei 10°C entfaltet es ja eigentlich die meisten Aromen.

(Frank erzählt, wie ihn von Ahnungslosen verfassten Rezensionen online manchmal zum Lachen bringen – beispielsweise Berlin-Touristen, die nicht wissen, dass ein Weißbier sauer schmeckt –, bevor er Lars fragt, wie gut sich der Laden trägt und was man außer Verkauf und Verkostungen noch veranstalten könne. Denn man müsse sich vom europaweit größte Online-Shop für Craft-Beer, Mikkeller aus Kopenhagen, irgendwie absetzen.

Lars spricht von Potenzial: Das Sortiment könne noch erweitert werden, mehr Leute müssten in den Shop gelockt werden, und der Online-Shop biete die Möglichkeit, zu wachsen. Vor allem mit dem Members‘ Club sei Luft nach oben.)

36:20

Alex: Wie funktioniert denn der Members‘ Club?

Lars: Du trittst bei und zahlst dann dafür, dass wir dir drei oder sechs Monate lang Neuzugänge zuschicken (du kannst sie auch bei uns im Laden abholen). Garantiert ist, dass sie sonst nicht verkauft werden – weder hier im Regal, noch im Online-Shop.

Alex: So fingen die Shopping Clubs online an.

Lars: Andere Erlösquelle haben wir durch Merchandise – Kapuzenpullis zum Beispiel, vielleicht bald auch eigene Gläser. Braukurse bieten wir nicht an, da Lille in Kiel welche veranstaltet und unsere Ladenfläche nicht dafür geeignet ist. Aber eine Überlegung für später ist es, eine eigene Marke rauszubringen. Haben wir im Team doch gute Hobbybrauer, die Spezialitäten wie das Kieler Weisse zu brauen wissen. Und ein anderer Gedanke ist es, vielleicht mit der Marke Brewcomer in andere Städte zu gehen.

Frank: Wie groß ist denn euer Einzugsgebiet? Beschränkt sich das auf Kiel?

Lars: Die Leute kommen aus Flensburg zu uns. Bis zur Westküste erstreckt sich das und Teile von Ostholstein, bis das irgendwann in Richtung Lübeck kippt.

Frank: Und wie ist das mit Online? Das unterscheidet sich doch wohl stark vom Ladengeschäft – allein durch die Logistik.

Lars: Ja, sowie die Produkte. Es ist witzig, mal das, was online nachgefragt wird, mit dem zu vergleichen, was hier mit etwas Beratung an den Mann gebracht werden kann. Online ist der Kunde stringent: „Ich will genau das haben!“ Das passiert im Laden selten. Und dann ist die Logistik tatsächlich nicht einfach: Das haben wir jetzt ausgelagert und liefern denen nur noch die fertigkommissionierten Warensendungen, die hier einmal am Tag von einem Fahrradkurier abgeholt werden. Was aber heißt: Das Lager ist hier! Das ist nicht gerade einfach – etwa wenn nur noch drei Flaschen im Regal stehen, drei Leute die bestellt haben, und gerade in dem Moment Kunden durch die Tür kommen … Das ist ein Konflikt.

(Frank erfragt nähere Details zum Members Club und vergleicht das mit anderen solchen, die er so kennt: Viele seien ja zu reinen Restrampen verkommen. Lars sagt, das Angebot sei gut, werde aber beim Preisschild von 99 Euro für drei Monate selbst von Craft-Beer-Fans als hochpreisig wahrgenommen. Es entspinnt sich daraufhin am Beispiel Netflix eine Diskussion über das gefühlte Preis-Leistungsverhältnis von Abo-Modellen, bevor Alex Frank bittet, sein Craft-Beer-Konsumentenverhalten darzustellen. Er kaufe mal im Laden, mal online. Und auf Reisen gucke er sich immer lokale Läden und Brauereien an.)

43:30

Alex: Was ich mich frage: Ein Markt, in dem es früher um die Flasche Jever für 50 Cent ging und Leute mittlerweile 5 Euro für ein Bier ausgeben, schreit nach Arbitrage. Gibt es Leute, die billig kaufen und umetikettieren, um teuer wiederzuverkaufen?

Lars: Was auf jeden Fall gerade passiert: Fast jede große Brauerei versucht, ein Pale Ale oder so was rauszubringen. Das ist nicht ernst zu nehmen. Einige gehen aber mit komplett neuen Marken an den Start: Am bekanntesten ist dabei Craftwerk von Bitburger.

Alex: Was ist übrigens Pale Ale?

Lars: Das ist ein obergäriges, helles Bier.

Alex: Es geht ja Richtung Ende des Podcasts…

Lars: Lasst mich mal gucken. Eigentlich können wir direkt zum Imperial Brut IPA rübergehen.

(Alex ist vom klangvollen Namen beeindruckt, Frank hat keine Einwände – und so wird es gemacht. Lars stellt den von zwei zusammenarbeitenden französischen Brauereien hergestellten Trunk in der Alkoholstärke 10% vor und er wird beim einem Schwenk über kundenseitige Preiserwartungen verkostet. Diskussionen seien weniger geworden, so Lars: Vor allem stationäre Kunden wüssten mittlerweile, was realistische Preise seien. Bis fünf Euro werde gar nicht gemeckert – und regionale Biere unter zwei Euro gebe es ja auch. Danach widmen sich die Gesprächspartner ganz dem ihnen zuteilwerdenden Geschmackserlebnis.)

50:00

Alex: Wie viel verkaufst du, wenn du so etwas sehr Spezielles anbietest: Fünf Kisten? Zehn?

Lars: Nee, viel weniger. Und manchmal vertue ich mich eben. Im Mainstream ist Craft-Beer relativ gut prognostizierbar, aber an den Rändern ist es schwierig. Ich hatte zum Beispiel das Gefühl, das Sauerbier früher durchschlägt: Es passierte dann viel später – und ebbt mittlerweile schon wieder ab. Es ist sehr volatil und deswegen kaufen wir von manchen Bieren nur eine Kiste.

Alex: Dann nehmen wir mal die Lille-Brauerei aus Kiel. Sie waren jetzt bei NDR und sind bekannt. Steigt dadurch bei dir die Nachfrage danach oder sind die mittlerweile so populär, dass die Leute die auch im Edeka um die Ecke erwarten?

Lars: Wir und Lille sind fast zeitgleich an den Start gegangen. Es hat uns geholfen, dass es ein regionales Bier gab – und ihnen geholfen, dass sie in uns einen ersten Absatzkanal hatten. Inzwischen spielt es bei uns nicht so eine große Rolle: Wir bräuchten vielleicht da etwas mehr Sortenvielfalt. Und die Exklusivität ist tatsächlich nicht mehr gegeben, weil sie bei REWE, Sky & Co. im Regal stehen. Das ist für uns ein Problem, weil wir preislich nicht mithalten können.

Alex: Und fallen sie dadurch aus der Kategorie „Craft Beer“ raus?

Frank: Nein, das ist weiterhin Craft Beer. Aber ich habe es einmal probiert und damit ist es für mich abgehakt. Das einzige, was man sich natürlich fragt: Wenn es sehr viel billiger wird, wie können sie noch wirtschaftlich produzieren?

(Lars erzählt von einem weiteren Kieler-Craft-Beer-Macher, der noch nicht so sehr zur breiten Masse gefunden hat: Czernys Küstenbrauerei. Frank fragt Lars, ob ihm bei Craft-Beer Regionalität oder Exklusivität im Vordergrund stehe. Es sei zweigleisig, antwortet er. Raritäten aus aller Welt mischten sich bei ihm mit Lokalem: Einige Kunden wollten es solide und regional, andere seien auf der Suchen nach dem „letzten heißen Scheiß“ aus Belgien oder Amerika.

Danach erzählt Frank vom Trend, dass kleinere Brauereien eigene Bars aufmachten, um die Markenbindung in der Gastronomie zu umschiffen – und Lars spricht von seinem mittlerweile wieder ruhenden „halblegalen“ Ausschank. Die Auflagen seien einfach abschreckend gewesen. Eine sehr gute Möglichkeit, neuen Kunden in den Laden zu bringen, sei aber die Präsenz auf den Kieler Craft-Beer-Days. Auch nicht zu vernachlässigen in Kiel: Die Norweger und Schweden, die auf Ein-Tags-Einkaufstour mit den täglichen Fähren ankommen. Lars habe die Öffnungszeiten angepasst, damit sie es schaffen. Denn vor allem für Norweger lohne es sich allemal.)

1:00:00

Alex: Listest du denn mal als exklusiver Händler Biere online aus, die bei Amazon oder so ähnlich landen, weil du dich damit nicht mehr differenzieren kannst?

Lars: Das passiert bei mir, aber nicht nur online. Nehmen wir das Beispiel Brewdog: Sie sind stark in den deutschen Markt rein – stehen im Supermarktregal, sind online vertreten. So sinken die Preise und die Nachfrage bei uns auch. Dann haben wir begrenzten Platz und so fallen sie bei der nächsten Bestellung zugunsten von Neuem raus.

Wir listen also nicht dauerhaft und nach bestimmten Kriterien aus, aber immer wieder gibt es was Spannenderes. Das kann sich auch wieder ändern: Manchmal legt sich der Hype oder die Supermärkte merken, dass es sich gar nicht toll verkauft. Dann kommen wir wieder. Wir sind da antizyklisch unterwegs.

(Alex fragt nach den Aussichten für 2019: Gibt es großartige neue Biere, worauf sich die beiden sehr freuen? Oder bestimmte Veranstaltungen? Frank nennt die Mikkeller Beer Days in Kopenhagen und fragt Lars dann abschließend, ob es das Buch vom Brewdog-Gründer James Watt gelesen habe. Der Ansatz sei lobenswert: Nicht möglichst viel vom Kuchen selber abbekommen zu wollen, sondern daran zu arbeiten, dass der Kuchen insgesamt größer wird. Lars sagt, sein Antrieb sei ganz einfach: Das Bier vor Ort verfügbar zu machen, das er geil finde – und beschildert das zum Schluss mit einer kleinen Anekdote.)

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1 Antwort

  1. Avatar Thomas sagt:

    Coole Folge Alex und aufgrund diesen Podcasts habe ich mal ein 3 Monatsabo abgeschlossen als Geschenk für einen Freund.