Die Innenstadt stirbt (mal wieder)

Der stationäre Einzelhandel hat es schon nicht leicht. Neben den undankbaren Konsumenten (wollen alles billiger und besser) erweisen ihm seine eigenen Lobbyverbände einen Bärendienst. Karstadt und Kaufhof haben in einer Art Lovro Mandac Gedächtnisaktion zur erneuten Liberalisierung der Verkaufsverbote am Sonntag aufgerufen und sich dabei selten dämlich angestellt. Und nun kommt auch noch der HDE um die Ecke und fordert die „Gesundschrumpfung“ von Einkaufsstraßen (drohender Leerstand und so). Außerdem solle nun die Politik eingreifen, um die Interessen des Handels durchzusetzen und die Chancengleichheit zwischen stationären Händler und Onlinehändlern herzustellen. Damit bezieht man sich wohl auf die ungleichen Öffnungszeiten. Immerhin fordert man keine Öffnungszeiten für Onlineshops inkl. Feiertagsregelung, aber das kann ja noch kommen. Bei hergestellter Chancengleichheit freue ich mich auch auf das unbeschränkte Rückgaberecht in der stationären Filiale. Das hätte mal was.

All diese Entwicklungen wurden sehr hübsch in einem aktuellen Welt.de Artikel zusammengefasst. „Deutschlands Innenstädte drohen zu veröden.“ Solche Artikel selbst dokumentieren nur die Hilflosigkeit aller Beteiligten, aber die welt.de hat eine sehr aktiv kommentierende Leserschaft, die insbesondere bei solchen Artikeln immer wieder für Überraschungen sorgt. Ich lese alle paar Monate einen Artikel über das Thema dort und studiere die entsprechenden Kommentare. Für mich ist das, wenn man die jeweiligen politischen Neigungen rausrechnet, eine sehr ehrliche Reflexion darüber was die Kunden eigentlich denken. In den Artikeln vor 2-3 Jahren wurde noch oft gegen den Onlinehandel geschimpft (zahlt keine Steuern, verstopft die Innenstädte…), aber das hat sich mit der Zeit gewandelt. Zum aktuellen Artikel gibt es unter den 300 Kommentaren drei typische Aussagen.

Typ 1 versteht die Diskussion gar nicht und fühlt sich in die Zeit der Kutschen zurückversetzt:

Philipp K.: Die Diskussion würde auch super ins Jahr 1910 passen: Die Lastkutschenbetreiber wünschen sich, dass der Staat ihnen beiseite springt gegen die Gefahren durch die Automobile. Vielleicht hilft ja ein staatlich bezahlter Verkehrsmanager.

Typ 2 mag die Innenstadt irgendwie, sieht aber ein, dass es im Internet alles bequemer und billiger geht.

Thomas A.: Ich kaufe seit mehreren Jahren zunehmend online ein, meistens Bücher, Filme, Bekleidung, Schuhe, Bürobedarf, Elektronik und einiges andere mehr. Die Gründe dafür sind vielfältig: größere Auswahl, oftmals günstigere Preise bzw. besserer Preisvergleich, keine nervenden und aufdringlichen Menschen um mich herum, Zeitersparnis bei der Suche. Offline kaufe ich nur noch Lebensmittel sowie dringenden Bedarf.

Typ 3 findet die Kosten für die Parkplätze unverschämt und stört sich am Klientel.

Charlotta S.: Ich fühle mich einfach unsicher in der Innenstadt. Zu viele Bettlerbanden, Gruppen von Männern die komische Blicke drauf haben, dann die Diskussion mit Dieselfahrverbot und keine Parkplätze. Seit einem Jahr ist der ÖPNV keine Alternative mehr. Es behagt mir einfach nicht, dort einzusteigen zudem zu teuer und zu viele Zugausfälle. Ich mag zwar nicht so gerne im Internet einkaufen, aber das ist einfach sicherer.

Ich habe ca. 200 Kommentare ausgewertet und fast niemand spricht dort von zu kurzen Öffnungszeiten (fünf dafür, zwei dagegen). Im Gegenteil, erstaunlich viele Kommentatoren fühlen sich in der Innenstadt zunehmend unwohl. Wie stark die Diskussion von der aktuellen Berichterstattung über Flüchtlinge beeinflusst ist, kann ich schwer sagen. Aber auch wenn man das ausrechnet ist die Tendenz klar. Sogar große stationäre Fans wenden sich kopfschüttelnd von der Innenstadt ab. Die meisten tendieren Richtung Onlinenhandel, aber ein großer Teil fühlt sich auch von den parkplatzfreundlichen & bettlerarmen Einkaufszentren auf der grünen Wiese angezogen. Die allermeisten Kommentatoren können zu die HDE Argumente nur den Kopf schütteln. Ich habe für ersten ca. 150-200 Kommentare ausgewertet, was aus deren Sicht falsch läuft mit der Innenstadt (Mehrfachnennung möglich).

Die wichtigsten beiden Negativargumente sind das falsche Klientel in der Innenstadt (Bettler, Jugendbanden, Ausländeranteil…) und die Parkplatzkosten (teuer, selten, schlechter Zustand, Politessen…). Die Faktoren „Service“, „Auswahl“ und „Preis“, klassische Stärken des Onlinehandels, sind zwar sehr wichtig, aber bei weitem nicht so stark wie vermutet.

Die Erhebung ist statistisch natürlich sehr wackelig, aber die Kommentare sind eindeutig. Sicherlich ist der Onlinehandel keine Hilfe für die Performance des stationären Handels, aber die aktuelle Krise ist hausgemacht. Hanebüchene kommunale Gewerbepolitik, gepaart mit einer enormen Behäbigkeit der stationären Händler bzw. Handelsstrukturen haben verlässlich dafür gesorgt die Innenstadt als Einkaufsort überflüssig zu machen. Dass in den hier betrachteten Kommentaren die bisher kommunizierte Stärke des stationären Handels „Sozialer Mittelpunkt“, „Kontakt mit Menschen“ als Schwäche, und zwar als allerschlimmste Schwäche aufgezeigt wird, sollte zu denken geben.

Um sich von dieser Entwicklung ein eigenes Bild zu machen, empfehle ich die Kommentare einfach mal zu lesen, in diesem welt.de Artikel oder in hunderten anderen jüngeren und älteren Artikeln in überregionalen und regionalen Medien. Die Tendenzen sind recht klar. Unter den Kassenzone.de Lesern sind ja sicherlich ein paar stationäre Händler. Seht ihr das ähnlich wie die Kommentierenden bei welt.de, oder läuft es bei euch ganz anders. Wenn ja, wie? Was würde euch helfen?

Alexander Graf, 35, E-Commerce Unternehmer & Autor, Gelernt und erste M&A-Tätigkeit bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Shop Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

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18 Antworten

  1. Frank Rehme sagt:

    Mannomann, da hätte ich mir nun doch von dir mehr Qualität statt einen Klickbait-Titel erwartet. Du willst doch nicht allen Ernstes eine Statistik als Fakt darstellen, die auf den Aussagen vorn irgendwelchen Menschen, die unter einen Artikel eines Springer Formates geschrieben haben, basiert? Stell dir mal vor, man würde die Foreneinträge von geprellten Online-Käufern in einer vergleichbaren Statistik zusammenfassen, was käme da wohl raus? Wahrscheinlich eine noch reißerische Überschrift, die erste einmal für Aufmerksamkeit sorgt. Sicherlich ist der Friedhof der Händler groß, aber vergiss bitte nicht, dass der Friedhof der gescheiterten Onlineformate gigantisch ist.
    BTW: Bei allem Hype, schau mal auf die Statistik der reichsten Deutschen: Unter den Top 5 sind 4 Händler…Was will ich damit sagen? Handel jammert immer!

    • Reißerisch wäre eine Überschrift á la „Migranten sind am Tod der Innenstadt schuld“. Aber das ist natürlich Quatsch und ich erwarte von den Lesern durchaus, dass sie einschätzen können wie neutral die welt.de Kommentare sind. Natürlich hetzt die Welt, genauso wie die Bildzeitung und das dürfte auch die Kommentare beeinflussen. ABER: darum geht es doch gar nicht. Es geht darum, das der Handel und die Innenstadt viele Probleme haben und der Onlinehandel ist sicherlich nicht das größte. Du kannst dir ja mal die Mühe machen die Kommentare der alten Artikel durchzulesen. Was hilft es außerdem, dass die bisherigen reichen Deutschen aus Handelsfamilien kommen. Wie man in den USA schon sieht wird die Liste sicherlich nicht mehr lange so aussehen, aber was hat der Innenstadthändler davon? Du schreibst doch regelmäßig in deinem Blog „DieZukunftdesEinkaufens“ über die tollen Konzepte, die den kleinen Händler helfen sollen (Citymanager, VR, Showrooming, Digital Signage, lokale Events….). Zeig mir doch mal einen Händler aus der Einkaufsstraße in Bochum oder Neumünster oder Schwerin, dem damit geholfen ist. Jedes Konzept für sich ist sicherlich spannend, aber die grundsätzlichen Probleme sind damit nicht weg.

      • Frank Rehme sagt:

        Hallo Alex,
        yeah, genau das ist ja das was wir tun. Wir schreiben ja nicht nur in unserem Blog über Lösungen und Möglichkeiten, sondern haben auch ein Projekt ins Leben gerufen, wo wir diese Lösungen ausprobieren: http://www.futurecitylangenfeld.org. Mit der Stadt Langenfeld sind wir eine Partnerschaft eingegangen, in der wir genau diese Konzepte mt vielen Partnern auch ausprobieren. Ziel: Praktisch erprobte Lösungen für genau die Probleme und Fragen zu finden, die immer wieder beklagt werden, mittlerweile auch mit Unterstützung des Landes NRW.
        Generell hat der stationäre Handel die größte Herausforderung seit seinem Bestehen zu meistern: Er muss mehr Freizeitangebot werden statt Versorger, und das ist eine große Aufgabe.

        Aber jetzt nochmal was zu den Kommentaren der Welt: Natürlich sind die total braun gefärbt, für die Klientel ist ist eh alles „Pack“. Das empfiehlt sich nicht unbedingt als Basis für eine Analyse.

        Aber ich habe eine Idee: Wir haben doch beide einen Podcast, lass uns doch mal über genau dieses Thema eine gegenseitige Episode aufnehmen!

        • Hi Frank, ich versuche die Interviews maximal praxisnah zu führen. Wenn du mir einen Händler nennst, der das aus seiner Sicht beschreiben kann (meinetwegen auch aus Langenfeld), dann interviewe ich den sehr gerne. Wenn wir beide sprechen, dann tauschen wir ja nur eine abstrakte Marktsicht aus. Es zählt aber nur die Meinung der Kunden und auch der betroffenen Händler.

        • Aleksander Fedejko sagt:

          Sehr geehrter Herr Rehme, es spricht sehr viel über Ihr Gedankengut aus wenn Sie die Leser der Welt (m.M. nach die einzig lesbare Tageszeitung in DE neben der FAZ) als braune Leser bezeichnen. Und denken Sie bitte immer daran – Herr Gabriel hat in SPD Manier das Volk als Pack bezeichnet – nicht anders herum – nachdem Sie ja dieses Wort gewählt haben. Und das Leserklientel ist wenn dann konservativ. Was unserem Land ja nicht wirklich geschadet hat wenn Sie mal sich in Europa mal umschauen.
          Aber jetzt zum Thema, Ihre Anstrengungen mit tollem Namen „futurecity“ sind lobenswert aber gehen am Thema komplett vorbei. Erprobte Lösungen auf Probleme und Fragen gehen bei nicht florierenden Innenstädten komplett ins Leere. Und genau das was oben beschrieben wird, wenn Sie sich in den Innenstädten nicht mehr wohl fühlen (aus verschiedenen Gründen) erreicht das die Konzepte ins Leere laufen. Das Angebot wird kleiner, und damit im Teufelskreis auch immer weniger Kunden. Innenstädte müssen sich ehrlich beantworten was noch gebraucht wird (Nahversorger mit ausgewählten günstigen Sortiment), Schmanckerlecken und Kino. Das wars aber wohl leider schon. Die Zeit geht weiter….und wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit…..und an Alexander Graf, ich bedanke mich für die Auswahl des Artikels den ich als Welt Leser habe ich diesen übersehen und gern wie die Ihren Artikel gelesen und verfolgt.
          Und jetzt noch ein Wort zur Welt.de – mein Unternehmen (Großhändler mit über 1 Millarde Umsatz und 3500 Mitarbeiter) hat genau drei Zeitungen abonniert = Handelsblatt, Wirtschaftswoche und die Welt.

          Alles gute weiterhin und viel Erfolg!
          Aleksander Fedejko

    • Lennart sagt:

      Eine Statistik, erhoben aus einem Forum für geprellte Online-Käufer wäre mit Sicherheit sehr sinnvoll. Aber auch nur dann, wenn man die Gründe und das Verhalten dieser Kohorte analysieren möchte. Ich könnte die Kritik an der Objektivität verstehen, würde es sich um die ausgewerteten Kommentare eines Artikels des „Fuck-You-Offline-Magazins“ handeln. Die Kommentarspalte der Welt halte ich für einen guten Gesamtdurchschnitt der deutschen Mittelschicht.

  2. Martin sagt:

    Frank, ich verstehe deine Aufregung nicht. Erstens ist dies keine reißerische Überschrift und zum anderen sind das keine Fake-Kommentare bei der Welt, so dass man sich wirklich ein interessantes Bild über die Sichtweise der Leser machen kann.
    Ich mache das ähnlich wie Alexander – ich lese mir gerne die Kommentare der Leser z.B. bei Facebook durch, wenn Spiegel, Focus & Co. etwas berichten und posten – wobei man hier sagen muss, dass Focus Online nicht weit weg vom Bild-Niveau ist 🙂

    Was ich grundsätzlich schade finde: Wie der Gesetzgeber immer wieder versucht in den Markt einzugreifen, wenn es nicht nach (deren) Plan läuft, statt durch Innovation veraltete Strukturen zu verbessern. Gut, jetzt ist das zunächst nur ein Vorschlag der Grünen – eher ein gefundenes Fressen für die FDP-Kampagne die jetzt wahrscheinlich schadenfroh ist.

    Wie auch immer, statt Frust und Gejammer sollten sich die stationären Händler eher mal zusammenraufen und die Probleme und Ärger der Kunden zu Herzen nehmen und bestimmte Dinge verbessern. Ich selber war gestern wieder in Köln in der Breiten Straße unterwegs um mir ein paar Adidas Schuhe zu kaufen. Da ich nicht unbedingt jeden Cent 2 mal umdrehe, habe ich mir die Schuhe direkt bei Snipes mitgenommen ohne einen Online-Preisvergleich im Laden zu starten. Gut, die 20 Euro Differenz sind ok, zumal ich von dem Verkäufer gut beraten wurde. In der Regel entscheide ich mich aber auch innerhalb von 2 oder 5 min und benötige nicht 30 min für einen Sportschuh-Kauf.

    Mein Gesamteindruck des Offline-Kaufs war aber Folgender:
    – 10 min Parkplatzsuche (Breite Str. Köln ist die Hauptfußgängerzone)
    – 2 Euro Parkgebühr ist ok, wehe Du kommst ein paar min zu spät – die Politessen sind dort fit
    – 3 Läden, insgesamt ca. 30 min „Suche“
    – 1 Paar anprobiert und direkt mitgenommen, aber:
    – an der Kasse ca. 10 min Wartezeit weil nur eine Kasse ON war
    – nicht jeder Verkäufer lächelt oder macht seinen Job wirklich gern, bei mir war es der Kassierer
    – wie auch die anderen bei dem Welt-Artikel beschreiben: Genervte Kunden vor und hinter dir
    – ja, man fühlt sich einfach gestresster, obwohl es nur ein Dienstag und kein Samstag war

    Interessant: die Werbung die Schuhe kostenlos zuschicken zu lassen war klasse – wtf bin ich dann dort im Laden? 🙂

  3. FritzIv sagt:

    „Hausgemacht“ ist mindestens teilweise richtig. Denn bevor die Innenstädte verödeten, wurden sie öde wie Shopping-Malls (die in den USA gerade massenhaft dicht machen können). Ein Punkt, den man nicht übersehen darf, ist der Kostenfaktor „Miete“. In den Großstädten sind 1A-Lagen so astronomisch hoch, dass zum ersten sich dort nur Ketten niederlassen zu können, zum zweiten die Verkaufspreise so stark belastet werden, dass der relative Kostenvorsprung vor dem Online-Handel (der ja ökonomisch auch nicht ganz einfach zu kalkulieren ist) sich in Nichts auflöst.
    Es gibt sicherlich viele Ursachen für die Krisenschmerzen des stationären Handels („Attraktivitätserosion“ habe ich neulich irgendwo gelesen) und die Entstehung einer ganz neuen Sorte von Konkurrenten ist vermutlich der entscheidende Antagonist des ehemals leichten Händlerlebens. Die Lösung kann aber nur hausgemacht werden. Die Politik kann städtebaulich ein paar Details verbessern, aber die Konzepte müssen dem Handel selbst einfallen.
    Gerade gestern kam die Pressemitteilung des „Zukunftsinstituts“ zur Veröffentlichung ihres „Retailreports 2018“, wo es unter anderem heißt: „Human Retail: Der Mensch rückt wieder in den Mittelpunkt. / Erfolgreich sind künftig die Unternehmen, die technologische Errungenschaften in den Dienst der Menschen stellen. In einer digitalisierten Welt der Zukunft werden Händler zu Vermittlern menschlicher Sehnsüchte, Handelsorte zu kreativen Lebensräumen, die sinnliche und persönliche Erlebnisse bieten.“ Das schreibt sich so dahin, aber irgendwo und irgendwie weisen die Begriffe in die Richtung, in die man sich aufmachen sollte. Interessanterweise haben es Restaurants immer viel besser verstanden, an ihren Zielgruppen dran zu bleiben und sich über Konzepte die Existenz bewahrt. Der Handel ist da immer noch hauptsächlich mit dem Auffüllen der Regale beschäftigt. Eventuell wachsen die neuen Konzepte mal wieder aus dem „kreativen Underground“ der Randlagen heraus – dann würden die besten Lagen erst veröden und dann im Preis sinken, während in den B-Lagen ganz neue Geschäftskulturen entstehen, die dann später wieder in die Zentren dringen. Ich könnte mir sogar Brick-and-mortar“-Plattformen vorstellen (Galerien/Passagen sind ja eigentlich eine Art „Verkaufsplattform“, das ließe sich aber stringenter konzipieren) …

  4. Michael sagt:

    „Hausgemacht“ finde ich dennoch sehr treffend, die Kommentare finde ich absolut ausreichend und eine gute Chance um Kunden zu verstehen.

    Am Samstag war ich ebenfalls in Stuttgart, Parkhäuser (trotz 3,60 Euro ) besetzt, überall Menschenmengen etc… und die meisten Einzelhändler bieten noch weniger Service als ein Baumarkt in den 80er Jahren. Wichtig für den Handel sind scheinbar enge Gänge, viel Ware auf kleinem Raum usw….
    @Frank ich denke wenn man sich die Bewertungen von geprellten Onlinekunden anschauen würde, könnte man anhand dessen nachvollziehen wie das perfekte Onlineeinkaufserlebniss ausschauen müsste.

    Kennen Sie

  5. Jonas sagt:

    Ich sehe darin auch Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels, die wohl eher noch zunehmen werden:

    – demografischer Wandel: Deutschland altert. Das beeinflusst (a) das Sicherheitsempfinden – die Bettler, die mich früher kalt gelassen haben, empfinde ich jetzt als potentiell bedrohlich und gehe entsprechenden Situationen lieber aus dem Weg. Und (b) werde ich, zumal als tendenziell finanziell gut ausgestatteter Baby-Boomer oder Best-Ager mit evtl eingeschränkter körperlicher Mobilität darauf achten, ob ich meinen neuen Tiguan in der Innenstadt eine Ecke vom Lieblingsladen geparkt bekomme, oder ewig nach Parkplätzen suche und dann 3km laufen darf. Diese Klientel scheint das Internet ja zumindest mit seinen Kommentarspalten schon entdeckt zu haben; wenn jetzt Zalando fleißig auf welt.de wirbt, schließt sich der Kreis und Opa bestellt sich das nächste Paar Schuhe selbst statt in die Innenstadt zu fahren oder die Tochter zu fragen.

    – gesellschaftlicher Wandel: eine alternde Gesellschaft schaltet um in die Bestandssicherung. Diesel-Fahrverbote, Denkmalschutz & Co. sind die Folge und schränken die Entwicklungsrichtungen der Innenstädte weiter ein. Das Logistikzentrum im Industriegebiet macht sich da leichter in der Planung, zumal die dafür nötigen großen Millionenfinanzierungen in der aktuellen Niedrigzins-Phase für etablierte Ecommerce-Unternehmen anscheinend schnell zustandekommen.

    – Lohnkosten: neulich festgestellt, dass die Arbeitszeit für den Einbau einer Motorradbatterie mittlerweile fast mehr kostet als die Batterie selbst. Die Entwicklung wird im Einzelhandel ähnlich verlaufen sein und Verkäufer (plus Finanzamt plus Kranken- und Pflegekassen) wollen bezahlt werden – da spare ich mir als Eigentümer vllt den dritten Verkäufer und mache eine Kasse dicht, auch wenn die Kunden dann länger warten und mehr bezahlen. Will ich das als Kunde nicht mitmachen, bestelle ich online und habe Amazon und DHL bei den Gehaltsverhandlungen zum Logistik-Tariflohn (ob gewollt oder nicht) auf meiner Seite.

    – Lohnkosten 2: die Lohnentwicklung in Deutschland ist dennoch für Arbeitnehmer unbefriedigend und ich halte die Höhe der Ausbildungsgehälter tendenziell für eine Frechheit. Dementsprechend kann ich es z.T. verstehen, wenn die Bereitschaft und Motivation junger Leute (sofern es sie denn noch gibt, siehe Demografie) niedrig ist, sich in unsicheren Zeiten und mit der Perspektive befristeter Beschäftigung nahe am Mindestlohn z.B. zum Verkäufer ausbilden zu lassen.

    Keine dieser Entwicklungen verläuft so, dass man allzu viel Hoffnung für die Innenstädte schöpfen könnte, im Gegenteil.

  6. Lennart sagt:

    Die Grünen in Niedersachsen wollen sehr wohl den Onlinehandel mit Öffnungszeiten versehen. #WTF
    http://m.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/gruene-wollen-online-handel-am-sonntag-einschraenken-15050114.html

    • michael sagt:

      Von Öffnungszeiten lese ich da nichts: ‚Online-Kunden sollen demnach künftig zwar weiterhin am Sonntag Bestellungen aufgeben können. „Es ist aber ausreichend, wenn die Bearbeitung der Bestellung am Montag passiert. Die Mitarbeiter müssen nicht das ganze Wochenende bereitstehen“‘

  7. Andreas sagt:

    Ich kommentiere das mal aus zwei Perspektiven, einmal aus (ehemaliger) Händlersicht und aus heutiger Kundensicht.

    Ehemalige Händlersicht:

    Ich habe von 2011 bis 2012 exakt ein Jahr ein stationäres Geschäft (Premium-LEH & Gastro) in einer Stadt mit ca. 43.000 Einwohnern in RLP betrieben. Das eine Jahr hat mir gereicht. Es ist nicht so, dass wir mit dieser Filiale keine Gewinne erzielt hätten, das haben wir von Anfang an. Aber die Umstände unter denen wir das getan haben, passten (für mich) einfach betriebswirtschaftlich nicht zusammen. Es hat schon beim Umbau der Immobilie angefangen: Genehmigungs- und Umnutzungszirkus, der damit verbundene Zeit- und Kapitalverlust und zwangsläufig darauf zurückzuführende Änderungen im ursprünglichen Konzept. Mal abgesehen von dem üblichen Gedöns wie: Außenbestuhlung und die damit verbundenen horrenden Kosten, Außenwerbung usw. und so fort.

    Amüsante Anekdote am Rande: Ein Jahr (!) nachdem wir das Geschäft wieder geschlossen und uns wieder auf unser Kerngeschäft (Liefern und mobiler Verkauf) konzentriert haben, kam ein Schreiben vom Stadtplanungsamt, man hätte festgestellt, dass eine Umnutzung vorliegt und wir müssten dafür eine Genehmigung beantragen. Zu diesem Zeitpunkt war die Immobilie schon lange weitervermietet! Das war für mich dann die Bestätigung, mit der Schließung alles richtig gemacht zu haben.
    Ich denke es ist so: Stationärer EH ist ein „altes“ Gewerbe. Die Behörden und ihr Regelwerk kommen da voll zum Tragen. Jedes kleine Detail bedarf einer zeit- und kostenraubenden Genehmigung. Das alles muss ich ja betriebswirtschaftlich berücksichtigen. An der Stelle hört es dann für mich auf.

    Da „Online“ relativ neu ist (aus Behörden und Verwaltungsperspektive) gibt es dort noch kein so umfassendes und alles erstickendes Regelwerk. Vieles ist noch unreguliert. Das heißt ich kann schneller und aggressiver im Markt agieren, auch mal einfach „auf gut Glück“ los legen, ohne gleich eine Behörde im Nacken zu haben. Das ist meine eigene Erfahrung!

    Die heutige Situation im EH ist meiner Meinung nach das Ergebnis von oben beschriebenem. Nicht ausschließlich aber auch.

    Aus Kundenperspektive:

    Ich gehe kaum noch bei uns in die Innenstadt, außer es lässt sich vermeiden. Gefühlt die Hälfte aller Straßen sind bei uns Einbahnstraßen, die andere Hälfte autofrei. Parkplätze sind entweder Einwohnern vorbehalten oder ich zahle für 10 Minuten parken 25 Cent. Die Geschäfte in der Innenstadt sind alle Mainstream, Billigläden oder haben irgendwas mit Smartphones zu tun. Ich kann dort nichts von dem kaufen, was ich brauche. „Shoppen“ gehe ich nicht, ich brauche entweder etwas oder nicht. Aber mich stundenlang mit anderen Menschen durch die Straßen zu quälen, gehört sicher nicht zu meiner liebsten Freizeitbeschäftigung und Zeit habe ich dafür auch keine. Sogar mein Zahnarzt hat mittlerweile zwei Filialen: eine in der Innenstadt, eine außerhalb in einem Gewerbegebiet. Ich gehe wenn, dann nur zu der im Gewerbegebiet. Es gibt große, in ausreichender Anzahl vorhandene, kostenfreie Parkplätze und mir vermackt keiner die Karre.

    Bahnhof ist auch noch so ein Thema, wie in den Kommentaren des Zeitungsartikels oft angesprochen. Ab und zu kaufe ich dort Zeitschriften. Schnell rein, schnell raus – denn auf dem Vorplatz ist der städtische Alki- und wasweißichnochalles-Treff. Brauche ich auch nicht.
    Natürlich jammern jetzt die Immobilienbesitzer (die sich lange Jahre eine goldene Nase mit EH-Flächen verdient haben) über die neue Situation.

    Ich erinnere mich an einen recht gut formulierten Artikel zum Thema Stadtplanung. Dort hat man verschiedene Szenarien ausgemalt, was mit den zukünftigen Leerstandflächen in den Städten alles passieren kann: z.B. Umnutzung in Büroflächen, Dienstleister oder Wohnraum. Vielleicht sollten sich die Besitzer der Immobilien eher mit dieser Fragestellung und deren Lösung beschäftigen als rumzujammern und die Politik zu bemühen. Ich an deren Stelle würde jetzt handeln, wo der Cashflow noch da ist, in ein paar Jahren ist es nämlich zu spät.

  8. Alex sagt:

    In meiner Kleinstadt mit gut 70.000 Einwohnern kann ich das „Klientel-Problem“ nicht bestätigen. Ein Kollege aus NRW meidet allerdings schon länger die Innenstadt u.a. wegen dem Klientel, der fehlenden Vielfalt und nur noch den typischen Läden (Spielotheken, Handyläden usw ….).

    Ich denke dass auch langsam der Faktor „das krieg ich eh nicht im Laden, ich versuch es mittlerweile gar nicht erst“ immer weiter durchschlägt. u.a. weil auch in meiner Kleinstadt die Parkgebühren vor 2 Monaten wieder deutlich erhöht wurden…

    Zudem betreibe ich selbst ein Geschäft und durfte mich schon wegen irrster Sachen mit dem Bauamt rumstreiten…so dass die Sichtbarkeit eingeschränkt ist und sich die Stadt nicht wundern braucht. Man wird so habe ich das Gefühl nicht als Partner gesehen sondern nur als Melkkuh (Gewerbesteuer bitte zahlen aber ansonsten „Klappe halten“). Nachdem hier vor wenigen Tagen ein alt eingesessener Buchladen dicht machen musste wird es sicherlich so weitergehen…der überschaubare Marktplatz wird an den Rändern abnehmen bzw beherbergt bereits die typischen Handybuden, Dönerläden, Spielotheken usw…

    Wie schon vor Jahren hier geschrieben erlebe ich bei den kleinen inhabergeführten Läden (aus eigenen Erfahrungen) dass die Betreiber wie z.B. ein Fotogeschäft eines Kollegen schon über 60 sind und dies nur noch machen weil Ihnen u.a. das Haus in 1b Lage in der Innenstadt gehört.

    Dies wird meiner Meinung nach einen sehr großen Anteil ausmachen an Läden die in den nächsten Jahren schliessen…da ein Generationenwechsel ansteht und in diesem Falle der Sohn das Geschäft gar nicht weiterführen möchte. Er sieht wie schwierig es die letzten Jahre geworden ist und zieht seinen gut bezahlten Job der Selbstständigkeit vor…vielliecht 2,3 oder 4 Jahre noch und auch dieses Geschäft ist dann nach 50 Jahren Geschichte…

    Ich gehe, hier wäre es mal interessant zu wissen ob es eine Statistik gibt, stark davon aus dass sehr viele Läden aus Altersgründen und weil Sie keinen Nachfolger finden schliessen werden… ich würde selbst niemanden raten das Risiko einzugehen sondern sich möglichst zeitlich und örtlich flexibel aufzustellen um z.B. im Zweifel auch den örtlichen Behörden sagen zu können „lec*t mich, ich zieh dorthin wo man meine Gewerbesteuereinnahmen zu schätzen weiss“. Und dies geht nunmal als kleiner Händler am besten Online und mit einer passenden Nische.

    Ich seh es abschliessend wie Alexander Graf der vor einigen Jahren schon einen Bericht bzw Statistik postete dass dies nicht ewig so linear weiterlaufen kann. Irgendwann wird das „Massensterben“ einsetzen da man stetige 2-3% Rückgänge an Umsatz nicht ewig abfedern kann…

    • Andreas sagt:

      Vor allem die genannten Gründe in Absatz 4+5, treffen sehr oft zu. Das sind die kleinen, feinen Details, die oft nur sieht, wer hinter die Kulissen schaut! Das tun halt die wenigsten. Nach vorne sagt man dann: was habt ihr denn, der Laden läuft doch…

      Ich kenne einige Ladeninhaber hier in der Stadt, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht besser schon vor Jahren hätten schließen sollen. Da wird dann der Umsatzrückgang über die nicht zu zahlende Miete „schöngerechnet“. Man macht halt noch die letzten paar Jahre, um das ganze sauber zu Ende zu bringen.

      Für alle die natürlich ein neues Geschäft eröffnen, sieht die Rechnung natürlich anders aus, denn da muss die Miete bezahlt werden.

      Lokalpolitiker laufen dann samstags um 10 Uhr in der vollen Innenstadt rum und sagen: passt doch alles, weiter so.

  9. Rolf Lader sagt:

    Andreas, Alex und Andreas, eure Situationsbeschreibung teile ich. Euer Fazit jedoch nicht, Denkaufgaben hier wirken die Marktmechanismen.

    (1) Die Ladenbesitzer finden zu ihren Preisvorstellungen kein Nachmieter mehr -> Dadurch sinken die Einnahmen und die Gewerbesteuereinnahmen brechen der Stadt weg

    (2) Die Ladenmieten sinken auf ein gesundes Maß und die Stadtentwicklung überlegt sich schnell und plötzlich sehr effizient, wie die Innenstädte attraktiver werden können

    Das Ergebnis wird sein, dass der stationäre Handel wieder konkurrenzfähiger wird und seinen Anteil teilweise zurück erobern wird.

    Danke, ECommerce, dass du das möglich machen wirst

    Viele Grüße, Rolf

  1. 20. Juni 2017

    […] der sogar Amazon Paroli bieten kann. Ein kleines stationäres Einhorn also in Zeiten in denen der stationäre Handel an allen Ecken einstecken muss. Das qualifiziert auf jeden Fall für eine Kassenzone Analyse. Das Material für die Analyse wird […]

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