Online Strategien für stationäre Händler – expert.de

Vor zwei Wochen ist der der neue Online Auftritt von Expert.de gelauncht worden. Das ist nun keine große Nachricht für den Online Markt, aber ich finde es sehr interessant wie sich die Mediamarkt Wettbewerber online aufstellen wollen/werden, nachdem MSH mit seinen Online Auftritten von den selbstgesteckten Zielen weit entfernt sein dürfte. Wir haben bei Kassenzone.de das Thema Mediamarkt online bereits mehrfach beleuchtet und haben dabei in einem Artikel vom 17.04.2010 folgendes empfohlen:

Wenn man sich das Setup anschaut, dann kommt man schnell zu dem Schluss, dass es Mediamarkt nicht zwingend mit einem Onlineshop versuchen sollte, um im Konzert der erfolgreichen Online Elektronikhändler mitzuspielen. Es  gibt meines Erachtens diverse Online Konzepte die zu Mediamarkt passen, ohne dass sich der Konzern verbiegen muss. Vom Liveshopping bis zur Groupon Adaption ist da einiges möglich, aber davon ist bisher bei mediamarkt nichts zu sehen. Ich würde sogar noch weiter gehen. Ich halte es für strategisch falsch das erfolgreich aufgebaute Preisimage des Stationärhändlers durch ein Onlinekonzept zu gefährden.

Expert.de hat sich in seinem Online Auftritt gegen einen “normalen” Shop entschlossen und bewusst für ein System entschieden, dass vor allem mehr Kunden zu den lokalen Händlern führt. Zum Background: Expert ist gemessen am Außenumsatz die Nr. 2 in Deutschland hinter Mediamarkt und noch dezentraler organisiert als sein Hauptkonkurrent, was zentrale Online Konzepte ähnlich schwierig macht wie bei Mediamarkt. Der Vorstand Stefan Müller sagt in einem Interview mit der ecommerce-vision dazu:

Wieso startet ihr neues Shop-Konzept nur mit einem Produkt. Wie sieht die Strategie dahinter aus – kurz- und mittelfristig? Seit Beginn der Überlegungen zur Erschließung des Online-Kanals wurde bei expert größten Wert auf die Interessen der Gesellschafter gelegt. Der Verkauf ist nicht das Hauptziel, es geht vielmehr um einen Online-Auftritt, der das lokale Geschäft in den Vordergrund stellt. Der Verkauf der Jubel-Angebote bietet hierfür die Basis und gewährleistet im ersten Schritt den Gleichklang von stationärem Fachhandel und Online-Geschäft. Nach und nach werden dann weitere Produktgruppen online verfügbar sein.

Das hört sich doch erst einmal sehr nachvollziehbar an. Im Ergebnis hat expert nun einen “Shop” online gestellt, der nur ein Produkt pro Woche mit einem sehr niedrigem Preis bewirbt und den Händlersuche in den Vordergrund stellt. Je nachdem wo der zentrale Bilderslider steht, ist das Produkt aber nicht jederzeit im Blick. Eine Lösung also, die sehr weit entfernt ist von einem normalen Onlineshop von dem ich in dem o.g. Zitat auch abgeraten habe. Aber ist die Expert Lösung besser?

  • Mit der aktuellen Seite gefährdet Expert zumindest nicht die stationären Umsätze und begibt sich nicht in einen Wettbewerb der Online Technik Shops den es nicht gewinnen kann. Grundsätzlich ist das schon einmal besser als der Mediamarkt Ansatz, weil es a) viel weniger Geld kostet und b) zu den Unternehmens USPs passt.
  • Nicht gelöst ist aber die Herausforderung das riesige bestehende Kaufinteresse online in irgendeiner Art und Weise strukturiert für die Expert Läden zu nutzen. Expert konvertiert “nur” den Traffic auf seiner bestehenden Seite etwas besser richtig offline, aber hat keine Mechanismen, um transaktionsorientierten Online Traffic auf seine Läden zu führen.
  • Außerdem ist das Konzept ein Produkt pro Woche mit einem niedrigen Preis viel zu wenig, um wiederkehrende Besucher (organisch) in ausreichender Menge zu generieren. Um das zu erreichen, müssen viel stärker Liveshopping artige Mechanismen oder sogar Game Mechanismen genutzt werden wie man sie z.B. bei woot.com sieht. Woot.com hat sich allerdings außer ein paar Nischenablegern leider seit 3 Jahren nicht weiterentwickelt. Es bleibt aber für Expert noch viel Luft nach oben.
  • Nicht zuletzt ist die technische Umsetzung bzw. die Usability aus E-Commerce Sicht sehr schlecht. Wenn das Produkt der Woche unsinnigerweise “weggeblättert” wird, könnte man die Expert.de Seite mit der Landingpage der Unternehmenskommunikation verwechseln. (Filialsuche, News, Newsletter, Serviceliste, Hauspostille…). Das ist für mich nicht nachvollziehbar an dieser Stelle platziert und könnte deutliche besser gelöst werden. Stichwort CTA!

Experts Lösung ist konzeptionell aus meiner Sicht dem klassischen Shopansatz überlegen, aber die aktuelle Umsetzung ist mau. Da fehlt noch der richtige Input und ein wenig Test & Learn. Mal schauen was da noch kommt.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Handel von Alexander Graf. Permanenter Link des Eintrags.

Über Alexander Graf

Alexander Graf ist Herausgeber von Kassenzone.de, Speaker auf E-Commerce und Digitalkonferenzen, Autor diverser Fachbeiträge und -bücher für digitale Geschäftsmodelle. Er ist Gründer und Geschäftsführer des E-Commerce Frameworks (Shopsystems) CRYLLO, das u.a. für viele Rocket Internet Beteiligungen wie Dafiti und Westwing bzw. bei Project A u.a. in den Ventures Tirendo, NU3 und Contorion zum Einsatz kommt. Als eTribes Gründungspartner ist er zudem als Berater für Geschäftsführer, Gesellschafter und Aufsichtsräte in diversen E-Business Projekten aktiv. Fragen zu neuen Handelsmodellen, Amazon & Wettbewerbsstrategien sind für ihn besonders spannend. alexander.graf@etribes.de Tel: +49 (40) 3289 29690

4 Gedanken zu “Online Strategien für stationäre Händler – expert.de

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  3. Scheint mir eine sinnvolle Grundidee. Könnte man das nicht einen Schritt weiter drehen? Warum muss es überhaupt ein Produkt sein – warum könnte Expert nicht einen “Service”-Shop machen? Die sind überall vor Ort, können die Lücke schließen, die andere margenschwache Onlinehändler lassen, die Marge besser bestimmen (da weniger Wettbewerb), das ganze hyperlocal targeten…

    Für mich ist Web-Exzellenz im Handel nicht immer eine Frage vom besten Produktverkauf, sondern von der besten Kundenwert-Ausschöpfung. Service ist ein schöner (weil vom Kunden nicht so leicht ausgooglebarer) Umsatzbringer. Die Kunden haben kein Gespür dafür, was es kosten darf. Sie sparen am Produkt, aber sie wollen die Sicherheit, dass nachher alles richtig gemacht wird.

    Gerade ein Expert könnte doch so etwas als ganz eigenes Geschäftskonzept für seine Stores aufsetzen. Oder?

  4. Pingback: Warum eigentlich immer Produkte verkaufen? » shopbetreiber-blog.de

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