Was macht eigentlich Joost?

Video hat das Netz erobert – knapp 35% der deutschen Onliner nutzen bereits Videoportale im Internet. Die Angebote reichen von selfmate 10-Sekunden-Clips bis zum Hollywood-Blockbuster, der als Video-on-Demand zum kostenpflichtigen Download bereitsteht. Aufgrund der Verbreitung von DSL-Anschlüssen, stellt die Übertragung der Inhalte keine Hürde mehr da.

Schon seit längerem ist eine Verschiebung in der Mediennutzung zu beobachten. So stellte Media Control kürzlich fest, dass sich die durchschnittliche TV-Sehdauer der 14- bis 29-jährigen Deutschen von 140 auf 133 Minuten täglich verringert habe. Die Befragten sind allerdings nicht weniger an Videoinhalten interessiert, sondern nutzen für ihren Konsum zunehmend andere Zugangswege.

Zu den neuen Zugangswegen gehören neben den Webportalen wie YouTube, MyVideo, Clipfish auch lokal installierte Software zum Streamen von Videoinhalten. Interessant ist hierbei, dass die gesamten „Medienzeitbudgets“ wachsen. D.h. es wird in Summe mehr Zeit mit Medien wie Zeitschriften, DVDs, TV etc. verbracht. Eine Ursache ist hierfür die zunehmende parallele Nutzung verschiedener Medien.

Je nach Quelle wird angenommen, dass bis 2010 zwischen 1 Mio. und 2,8 Mio. Haushalte Fernsehen über das Internet (IPTV) empfangen werden. Grund genug, einmal einen Blick auf das bereits länger aktive Joost-Projekt zu werfen.

Das Joost-Projekt wurde bereits Ende 2006 gestartet und ist ein Nachfolgeprojekt der Skype- und Kazaa-Gründer Niklas Zennström und Janus Friis. Für eine entsprechende Aufmerksamkeit war dementsprechend von Beginn an gesorgt.

Inzwischen haben sich neben Joost zahlreiche alternative Projekte etabliert. Die bekanntesten Vertreter sind: Miro, blinkx, Zattoo, Babelgum und VeohTV.

Zurück zu Joost

Die Software ist 11 MB groß und schnell heruntergeladen. Bevor es nach der Installation richtig losgehen kann, ist eine kostenlose Registrierung notwendig. Zum Glück können die Logindaten gespeichert werden, so entfällt die Anmeldeprozedur bei den späteren Programmstarts.

Nach dem Hinweis „Connecting“ geht es auch schon gleich los – das erste Video startet. Warum als erstes ein Musikvideo von dem mir unbekannten Musiker Samim gezeigt wird ist mir unbekannt. Egal – erstmal schauen, was Joost an Inhalten zu bieten hat. Also Pause und ins „Explore“-Menü.

Laut joost.com werden derzeit über 20.000 TV Shows und mehr als 400 Kanäle angeboten. Bei diesem Umfang ist „normales“ Zappen kaum noch möglich und es werden intelligente Such- und Empfehlungsmechanismen benötigt. Joost versucht dieses Problem über bekannte Kategorien wie z.B. Cartoons, Entertainment, News und Sports. Wie man an dieser Stelle bereits merkt, gibt es leider noch keine lokalisierte Version, Menüs und Hilfen sind also in englisch. Zum Thema Lokalisierung später noch mehr.

Mal schauen, ob ich in den über 20.000 Shows etwas Interessantes finde… Nach ein paar Klicks durch die schön und flüssig animierten Menüs lande ich bei Dokumentationen. Mhm, knapp 30 Channels zur Auswahl, von denen mir eigentlich nur CNN etwas sagt. Bei jedem Channel hat man nun die Option direkt zu starten oder eine einzelne Sendung des Channels zu wählen.

Ich starte einfach mal CNN und nach 3 Sekunden Wartezeit geht es mit einer Reportage aus Cuba los. Bild und Ton ist überaschend gut. Die Übertragung der Inhalte findet per P2P statt. D.h. die von mir geladenen Videos stelle ich gleichzeitig auch anderen Nutzern zur Verfügung, die wiederum u.a. von mir die Inhalten runterladen. Dies reduziert die notwendige Infrastruktur zur Bereitstellung der Inhalte seitens Joost ernorm. Jedoch hat dieses Verfahren auch einen entscheidenden Nachteil: Aktualität der Inhalte. Die Videos müssen nämlich erst in das P2P-Netzwerk distribuiert werden, bevor sie allen Nutzer zur Verfügung stehen. Inzwischen experimentiert Joost allerdings auch mit Liveübertragungen.

Die P2P-Eigenschafen der Software zeigen sich auch beim vermeintlichen beenden des Programms. Joost geht zunächst in den Standby-Modus und bleibt hierbei in der Taskleiste aktiv. Erst Rechtsklick, „Exit“ schließt Joost vollständig. Der Grund hierfür ist, dass die Software im Hintergrund möglichst weiterhin die heruntergeladenen Videos an andere P2P-Clients verteilen soll.

Die Inhalte sind derzeit fast ausschließlich auf englisch. Es soll eine Lokalisierung geben, die in Europa manche amerikanischen Videos aus lizenzgründen jedoch nicht anzeigt. Vielleicht finden sich aus gleichem Grund französische Videos in meiner Auswahl. Schade, dass ich keine deutschen Videos gefunden habe.

In den USA werden die vielen Werbeunterbrechungen kritisiert. Zu Beginn meiner Joost-Erfahrungen (vor ca. einem Jahr) hatte ich auch Werbeunterbrechungen erhalten. Diese bleiben, vermutlich auch aus Lokalisierungsgründen, inzwischen aus. Schade, hätte ich aus Commerce-Sicht interessant gefunden.

Nun bleibt für mich noch die Frage der Nutzungssituation(en), in denen Joost zum Einsatz kommen kann. Diese Betrachtung ist natürlich vor Hintergrund einer sog. Kanibalisierung der Medien interessant. Vielleicht ist Joost ja aber auch eine Ergänzung zu bestehenden Formaten?

Ich habe Joost auf meinem Laptop und über den Fernseher getestet. Auf einem PC oder Laptop bietet sich Joost nur als alleiniges Medium an. Wenn es läuft, benötigt es die volle Aufmerksamkeit. Nebenbei im Internet surfen geht nur sehr mühsam. Den Browser und Joost kann man nicht auf Vollbild haben und muss sie irgendwie nebeneinander arrangieren – nicht sehr angenehm. TV schauen neben bei geht auch nicht, so bekommt man von beidem nichts mit. Zwei Dokus parallel sind zu viel 😉 Letztlich kann man Joost „nur“ als TV-Ersatz verwenden und parallel damit leider der Rechner blockieren.

Fazit

Für einen wirklichen TV-Ersatz hat Joost jedoch noch zu wenig und zu wenig aktuelle Inhalte zu bieten. Insb. Kinofilme wären hierfür ideal, allerdings aufgrund derzeitiger Lizenzprobleme sind gerade diese utopisch.
Dann bleibt noch das Problem des „blockierten“ Rechners, welches aus meiner Sicht nicht zu unterschätzen ist. Ich surfe eigentlich immer parallel zum Fernsehen, gerade bei längeren Sendungen/Filmen, wie sie z.B. Joost anbietet. Bei 30 Sek.-Clips á la YouTube ist dies hingegen nicht von Relevanz. Commerce-Relevant ist Joost derzeit noch nicht. Werbeclips und deren mögliche Interaktivität wären der naheliegenste Ansatz, allerdings sind diese insb. in Europa derzeit noch weit entfernt. Interessant bleibt eine Beobachtung der IPTV/WebTV-Entwicklung jedoch allemal, Warner hat gerade zum nächste Schlag ausgeholt und bietet zukünftig Videos zeitgleich als Verleih-DVD und als VoD an.

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Über Florian Hermsdorf

Florian Hermsdorf beschäftigt sich seit 10 Jahren intensiv mit allen Themen im Bereich Mobile Commerce. Er verantwortete die M-Commerce Aktivitäten (inkl. Betrieb, Marketing, Produktmanagement) von otto.de. Anschließend war er mehrere Jahre im Otto Group Konzern in den Bereichen Business Development und Corporate Development E-Commerce tätig. Dort beschäftigte er sich mit strategischen Themen und der Planung sowie Bewertung von M-Commerce und E-Commerce Geschäftsmodellen. Er gründete und leitete 2,5 Jahre für die Otto Group als Geschäftsführer das Startup VitaBote. Darüber hinaus hält er Fachvorträge im M-Commerce Umfeld und als Gastdozent an der FH Wedel die M-Commerce Vorlesung. (Xing)

0 Gedanken zu „Was macht eigentlich Joost?

  1. Content is king! Genau hier sehe ich auch das Problem: Joost bietet zwar die beste Qualität und die beste technische Plattform, ist aber derart mit 2-5 min Clips verseucht, dass man die wenigen „Perlen“ nicht findet. Das ganze ist meilenweit vom „Fernsehen der Zukunft“ entfernt! Näher am TV-Ersatz ist IMHO hulu.com. wo – leider nur für US-Nutzer – die aktuellste Folgen bekannter Serien wenige Tage nach der Erstausstrahlung im TV gratis als Stream auf der Plattform angeboten werden. Finanziert wird hulu.com durch kurze Werbeeinspielungen.

    PS: Das von dir genannte Problem mit der Verbreitung aktueller Inhalte über P2P-Netzwerke umgeht Joost damit, dass die Anfragen anfangs von den Joost-Servern und nicht aus dem P2P-Netz bedient werden.