„Er ist kein Mensch, er ist kein Tier, er ist ein Paketkurier.“

Es gibt diverse Berufe, die ungerecht bezahlt werden. Allen voran sicherlich die Pflegeberufe, aber um die geht es in diesem Beitrag nicht. Dieser Beitrag soll an das Versagen des DHL und Hermes Managements erinnern, die es in einem seit 20 Jahren wachsenden & nun boomenden Markt fertiggebracht haben viele Verlierer, insbesondere im Zustellbereich, zu produzieren. DHL verdient damit wenigsten noch Geld (Danke Briefgeschäft), aber Hermes hat sich nun doch tatsächlich in eine kaum lösbare Sackgasse manövriert, in der Otto nach einem strategischen Mehrheitspartner sucht. Übersetzt bedeutet das: „Scheiße, Hermes verbrennt so viel Geld + wir haben keinen Zukunftsplan, hoffentlich übernimmt jemand den Kram ohne viel nachzufragen.“ Jan Böhmermann weist in seiner neusten Sendung darauf hin und produziert ein sensationelles „Kampflied“.

Danke Jan Böhermann für das Wachrütteln. Den vollständigen Neo Magazon Royale Beitrag findet ihr hier. Klar, das Problem ist sehr komplex, es gibt nicht den einen Schuldigen und die Konsumenten haben ihren Teil dazu beigetragen. Dass es mit dem Versandservice mit Amazon besser läuft, ist nicht zu erwarten. Die bestehenden Anbieter können (Legacy) nichts ändern, was die Türen weit öffnet für neue Logistikkonzepte. Picnic gehört aus meiner Sicht dazu.

Das Thema hatten wir vor kurzem auch in einem Cross Over Podcast besprochen:

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Alexander Graf, 38, E-Commerce Unternehmer & Analyst, Gelernt bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Commerce Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: [email protected] || Tel: +49 (40) 3289 29690

5 Antworten

  1. Udo sagt:

    Ja, die Paketzusteller tun mir so leid! Hab jedes Mal nen Euro daliegen, wenn der Hermes-Mann vorbei gesprintet kommt, um unser Paket abzugeben. Und diese Freude im Gesicht, wenn er den Euro bekommt, ist einfach unbezahlbar.

    Viele Grüße

    Udo

  2. Alex sagt:

    Bei allen Diskussionen um die Zukunft des E-Commerce wird seit 20 Jahren konsequent ignoriert, dass das nicht vom Schreibtisch aus gemacht wird. Echte Menschen pflegen die Lager, stellen Bestellungen zusammen, verpacken sie, transportieren sie und übergeben sie schließlich an den Endkunden. Und nur in dieser Logistikkette zieht sich wie ein Faden die durchgehend prekäre Beschäftigung durch. Und auch in den Seitenaspekten, Stichwort 1st level support und Callcenter, wird Raubbau an den Beschäftigten betrieben.

    Wem das egomanisch aus rein moralischer Sicht egal ist, der muss trotzdem bedenken, dass wir in eine gigantische Knappheit an Arbeitskräften steuern. Die Digitalisierung und fortschreitende Automatisierung lindert das Problem lediglich. Aber es wird immer schwerer noch Leute zu finden, die sich diese oft monotonen Tätigkeiten antun, ein Versandlager erinnert an frühindustrielle Arbeitsbedingungen (monoton, stumpf, seriell, nach Stechuhr, am Fließband). Und alle Automatisierung der Welt kann lediglich Personalbedarf reduzieren, nicht beseitigen.

    Um es nochmals klar zu sagen:

    keine Branche behandelt die Arbeitnehmer im Mittel schlechter, als Distanzhandel (E-Commerce ist dazu der Vertrieb) und KEP Dienste, zumindest in der Bundesrepublik. Monotone, anstrengende Maloche unter ständigem Zeitdruck, für wenig Geld.

    Schon jetzt gibt’s nicht genug Bewerber, selbst wenn auf die Minimalanforderung „spricht und versteht deutsch“ verzichtet, wie auch die Endkunden zunehmend merken.

    Dieses Geschäftsmodell, was auf reinem Dumping beruht, wurde in den letzten Jahren perfektioniert und war erfolgreich, aber es ist nicht dauerhaft durchzuhalten. Einerseits durch die Demografie, andererseits weil der politische Druck steigt.

    Der Hauptfaktor der Verschiebungen zwischen stationär und E-Commerce ist der Kostenfaktor. Der Laden nimmt die UVP, Amazon macht vor die UVP ein dickes Minus und reibt es dem Kunden bei jeder Gelegenheit unter die Nase. Alles andere, was sich die Branche einredet, ist Unsinn. Es gibt keine Kundentreue oder dergleichen, es gibt nur Nutzenmaximierung. Und da der Verbraucher keinen Ort und kein Gesicht mit dem Webshop verbindet presst er gnadenlos jeden Cent aus dem Deckungsbeitrag raus. Die Jäger von heute sind die Gejagten von morgen, kein Ende in Sicht. Das ist prinzipiell das rat race. Aber beziehe ich die Bemerkungen von weiter oben mit ein, dann läuft das nicht mehr lange so. Und was dann kommt, nachdem die Branche mit Tunnelblick seit 20 Jahren nur noch mit Dumping beschäftigt ist, das ist die große Frage. Das wäre doch jetzt die Stunde für Consultants, die sich das überlegen und für ihre Expertise bezahlen lassen.

  3. Oliver sagt:

    Sicherlich ist es so das Zusteller in der aktuellen Situation nicht besonders gut bezahlt worden, dieses Schicksal teilen sie dann mit einer Vielzahl anderer Berufszweige, in denen es der Gesellschaft auch egal zu sein scheint. Trotzdem macht es das natürlich für den einzelnen nicht besser.
    Was ich allerdings absolut ablehne, ist die Verurteilung des Kunden als Bösen in der Kette, genau so wie eine Beschuldigung des Online Handels. Es hätte schon vor 10 Jahren mal jemand darüber nachdenken dürfen, ob es gut ist das an einem Tag 4 Paketzusteller an der gleichen Tür klopft. Genau so hätte eine Flächendeckende Lösung für Paketstationen den Aufwand deutlich reduziert. Doch anstatt sich den offensichtlichen Themen zu nähern wurden die Weichen gestellt, in der die aktuelle Situation einfach nur eine Konsequenz von miss Management ist.

    Warum wir jetzt also jemandem die Schuld geben, der eigentlich nur eine Dienstleistung gesucht hat, ist für mich einfach nicht zu verstehen.

    Auch dem Argument, das der günstigste gewinnt, kann ich nicht folgen. Durch die Optimierung von Prozessen und wegfallen von unnötigen Kosten können heute Waren zu Kundengruppen gelangen, die vorher sich diese anders nicht hätten leisten können. Welchen tieferen Sinn hat es denn für die Gesellschaft, wenn man als Anbieter einer Matratze Hunderttausende Euro in Ware stecken muss, um in der Fläche sichtbar zu sein? Warum soll es denn besser sein dezentral an hunderten Standorten den gleichen Prozess machen zu müssen anstatt aus zentralen Lagern und Produktionen vernünftig zu verteilen?

    Wir können uns alle entweder aufgeschlossen den neuen Möglichkeiten öffnen, darauf setzen das gewisse Regulationen noch nachgezogen werden und als Gesellschaft weiter nach vorne gucken und die Vorteile genießen. Oder wir beschäftigen uns primär damit wie man die bestehenden Strukturen retten kann und verlieren dabei den Anschluss und senden das deutliche Signal: Macht einfach alle so weiter wir retten euch!

    Für mich wäre die schlimmste Entwicklung, wenn wir nun in eine Richtung gehen, bei dem die Unternehmen bestraft werden, die versuchen eine für alle Beteiligten bessere Lösung zu finden. Auf dem Weg dorthin wird es weiterhin Ungerechtigkeiten gegenüber Menschen geben, allerdings ist das weder neu, noch dem digitalen Handel anzukreiden.

    • Sab sagt:

      Sorry aber du relativierst („Aber die anderen auch..“) und redest um den heißen Brei herum.

      Es ist nun einmal auffällig, dass durchweg keine Branche insgesamt so prekär mit ihren Beschäftigten umgeht wie der E-Commerce. Das fängt beim Startup an, wo naive Berufseinsteiger durch ihre Chefs ausgebeutet werden (Arbeitszeitgesetz ist doch spießig, hier stellen wir euch einen Kickertisch ins Büro..) und geht über die stupide Tätigkeit im Versandlager, das erst die Waren der bunten Websites und Apps von Ort und Stelle bringt, bis hin zum gesetzten Subsub Paketbote aus Osteuropa. Wer behauptet, er habe damit nichts zu tun, obwohl er bei den Preisverhandlungen mit seinem Paketdienst Preise raushandelt die mit ordentlichen Arbeitsbedingungen nicht einmal kostendeckend sein können, der lügt sich in die Tasche.

    • Sab sagt:

      Achja, die Geschichte mit den günstigen Preisen – der Verbraucher überlebt es, sich in Summe etwas weniger Kram leisten zu können. Das irgendwie als soziale Errungenschaft des E-Commerce zu feiern ist verdammt zynisch. Dann ist ja auch Kinderarbeit in Fernost kein Problem, macht sie doch die Waren billiger, und sch* aber Tierschutz oder Umweltschutz.. selten hat mich ein Kommentar so fassungslos gemacht wie deiner.

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