Wie kann man Wein online verkaufen? | Wine In Black Gründer Christian Hoya

xirazIn Deutschland wird pro Jahre Wein für fast 10 Mrd. Euro verkauft. Der Onlineanteil liegt noch bei bescheidenen 3-6% und die Handelsstrukturen sind noch sehr sehr traditionell. Bei Wein handelt es sich um ein ein Produkt was aufgrund seiner Eigenschaften für den Onlinehandel nicht einfach greifbar war. Die Produkte sind schwer vergleichbar, nicht einfach zu verschicken und generell kommt der Lebensmittelbereich online erst jetzt so richtig in Fahrt. Umso spannender ist es auf die Lernkurve von Wine In Black (WIB) zu schauen, die in diesen Markt durchaus als Onlinepioniere gelten dürften.

Platzhirsch Hawesko weist zwar auch beachtliche Onlineumsätze aus, aber diese sind wohl eher durch deren klassische Offline- und Katalogaktivitäten zu erklären. Wine in Black hat sich vor kurzem im Rahmen eines Spryker Relaunches (disclosure) von einem geschlossenen Clubmodell  zu einem offenen (kuratierten) Shop entwickelt und verkauft eine siebenstellige Anzahl Weinflaschen pro Jahr. Aus über 50% aller WIB Neukunden werden Wiederbesteller und auch bei der Entwicklung der Eigenmarken hat WIB beachtliche Fortschritte gemacht.

Die Branche ist für mich aus vielerlei Hinsicht spannend. Der Markt ist für die Kunden sehr intransparent und (noch) sehr kleinteilig. Die allermeisten Beteiligten Produzenten haben beim Thema Digitalisierung aufgrund ihrer geringen Größe kaum eine Chance und auch sonst schreit der Markt gerade nach neuen Verkaufskonzepten. Am stärksten dürfte die Tatsache wiegen, dass die erste Digital Natives Generation nun in ein Alter kommt, in der sie bereit ist für Weine mehr als 10€ auszugeben und dafür nicht mehr zum Weinhändler um die Ecke gehen möchte. Über diese Punkte spreche ich mit Christian Hoya, einem der Wine In Black Gründer, im Interview. Viel Spass!

Die Kassenzone Interviews sind verfügbar bei:
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PODCAST & Interview Transkription – für alle Leser, die Audio & Video nicht so gerne konsumieren.

Wein im Online-Handel mit Christian Hoya, Geschäftsführer von Wine in Black.

Wine in Black ist ein kuratierter Online-Shop für Premium-Wein, der 2011 in Deutschland gestartet und mittlerweile in fünf europäischen Ländern aktiv ist.

Was helfen mir Hunderte von Riesling-Weinen, wenn ich nur den einen suche?

02:00

Alex: Ihr seid zu einer Zeit gestartet, als der Markt mitten in so einem typischen E-Commerce-Vertikalisierungs- und Shopping-Club-Hype war. Ihr wart ja auch bis vor kurzem ja so eine Art Limango oder Westwing für Wein. Jetzt habt ihr aber ein etwas anderes Geschäftsmodell…

Christian: Ja, bisher hatten wir einen „geschlossenen Vorhang“: Man musste sich registrieren, bevor man die Angebote sehen konnte. Dieses Jahr sind wir in Zusammenhang mit einer größeren IT-Migration zu einem offenen Shop gewechselt. Dabei haben wir zwar jetzt Produkte in den Bestand genommen, das Angebot ist aber nach wie vor größtenteils mengenmäßig und temporär begrenzt. Wir bleiben daher im Kern ein kuratierter Online-Shop.

Das ist auch unsere Idee. Denn Kunden stehen im Weinladen vor dem Regal und sind schnell überfordert. Sie finden sich im Dschungel von Appellationen, Rebsorten und Regionen nur bedingt zurecht. Sie sind in einer Situation, in denen es ihnen schwerfällt, eine selbstbewusste Kaufentscheidung zu treffen.

Im Endeffekt geht es bei Wine in Black darum, dem Grundsatz „Klasse statt Masse“ zu folgen – nicht Tausende Produkte, sondern ein sorgfältig ausgewähltes Angebot von gut 100 Weinen, bei denen die Produktqualität pro Kategorie sehr hoch ist. Das, was unsere Weinexperten tagtäglich tun, ist beste Weine aus jedweder Region weltweit vorzuselektieren. Davon werden dann nach Probe nur die allerbesten ins Sortiment aufgenommen.

Dabei bereiten wir die Produktpräsentation gut verständlich und so auf, dass wir sowohl Kunden, die am Anfang ihrer Weinkarriere stehen, als auch gestandene Kenner abholen.

04:45

Alex: Es geht bei euch nicht wie bei einem Zalando, Amazon, oder Otto um Angebot, Preis und Verfügbarkeit oder um den Versuch, besser zu sein als der Wettbewerb. Sondern es geht darum, wie ihr mit euren Kenntnissen und eurer Selektion einem Kunden wie mich – der im Supermarkt vor dem Weinregal steht und sich etwa einfach den Riesling aussucht, der trocken ist und dem das Etikette am besten gefällt – zu einem Wein verhelft, der ihm besser passt.

Christian: Der erste Schritt ist und bleibt eben die sorgfältige Auswahl der Produkte. Wenn ich die Weine kuratiere, bin ich dann  in der Lage, diese viel detaillierter darzustellen und sehr viel genauer zu betexten – dafür haben wir eine eigene Weinredaktion sowie In-House-Fotografie…

06:40

Alex: Aber wie hilft mir das mit meinem Problem? Im Weinbereich habe ich keine hohe Markenaffinität. Ich kenne nur Torres, vielleicht paar andere. Ich würde Wein blind kaufen, solange er mir und meiner Frau gut schmeckt. Der Text auf der Etikette interessiert mich nicht so sehr. Aber ich habe sehr wohl ein Preisgefühl, eine Grenze, die nicht überschritten werden darf.

Kann man dabei diese ganzen diffusen Sachen wie Hanglage usw. so runterbrechen, dass sie zugänglich sind für klassische Konsumenten wie mich, die sagen: „Bitte süffig/nicht zu süffig“? Und kann man Empfehlungen für einzelne Kunden generieren nach den Entscheidungen von anderen mit einem ähnlichen Kaufverhalten? Oder sind diese gefühlt Hunderte von Attributen bei Wein einfach zu speziell?

Christian: Das ist das Grundproblem: Was helfen mir Tausende von Produkten und Hunderte von Riesling-Weinen, wenn ich nur den einen suche? Dafür habe ich keine Zeit. Sortimentsseitig können wir schon diese Komplexität reduzieren. Im zweiten Aspekt wird es interessant: Wie geht man mit Produktattributen um? Die klassischen im E-Commerce zur Verfügung stehenden Attribute sind bei einem Produkt, das persönlichen Geschmack und letztendlich ein Erlebnis betrifft, nur bedingt hilfreich. Wenn ich einen Rotwein aus einer bestimmten Region sehr gerne trinke, heißt das lange noch nicht, dass mir auch ein komplett anderes Produkt von dort schmeckt.

09:25

Alex: Gibt es nicht so eine Skala? Könnt ihr nicht so etwas erfinden wie von 0 bis 100 Punkten, bei dem 99 Punkte übersetzt heißt: „Dieser Wein schmeckte in Blindtests den meisten“?

Christian: Genau dieses Recherchearbeit müssen wir leisten. Wenn ein Wein einen Preis gewonnen hat, möchte man diese Information den Kunden zur Verfügung stellen – aber nicht ausschließlich. Vielmehr versuchen wir die Weine so zu beschreiben, als ob der Kunde die im Glas hätte.

10:10

Alex: Das ist genau die Information, die ich haben möchte. Erst im zweiten Schritt brauche ich vielleicht Storytelling darüber, ob das besonders nachhaltig ist, wie der Winzer sein Schloss renoviert hat, und und und: irgendetwas, was man abends erzählen kann, wenn man den Wein präsentiert abends. Aber in erster Linie: Schmeckt er, oder schmeckt er mir nicht?

Haben andere Leute das Problem, oder kaufen sie beim Wein erstmal die Geschichte?

Christian: Im Premium-Bereich ist es erstmal ziemlich wahrscheinlich, dass der auch gut schmeckt: Premium geht ab 7 Euro los und bei uns liegt der durchschnittliche Flaschenpreis bei 15 Euro.

11:20

Alex: Heißt aber nicht, dass er mir schmeckt.

Christian: Und deswegen müssen wir den Wein auf seiner Produktdetailseite so vorstellen, dass du dir dazu eine Meinung bilden kannst. Wir arbeiten da mit mehreren Quellen: Mit unserer Verkostungsnotiz sowie den Notizen von Weinkritikern im Sinne objektiver Drittmeinungen, mit den Produktattributen, Hintergrundinformation zum Weingut und zur Erzeugung des Weins. Wein ist ein authentisches, handwerklich gefertigtes Produkt: So wollen wir ihn auf der Webseite präsentieren.

12:25

Alex: Seid ihr da Händler oder Dropshipper?

Christian: Wir sind Händler: Wir kaufen alle Ware auf Lager. Sind wir doch im Premium-Bereich unterwegs und hat doch der Kunde Erwartungen nicht nur am Produkt, sondern auch am Service, sobald er auf „Bestellung abschicken“ geklickt hat. Wir können die gesamte Wertschöpfungskette zum Kunden hin nur dann kontrollieren, wenn wir alles auf Lager haben.

13:40

Alex: Von der Einkaufsmenge her: Seid ihr interessant für größere Güter wie – sagen wir mal – Torres? Oder sind solche Massenproduzenten überhaupt interessant für euch?

Christian: Es kommt immer auf das Weingut an. Torres oder La Rioja Alta haben zum Beispiel tolle Produkte, die wir auch bei uns in den Katalog aufnehmen, weil unsere Kunden es letzten Endes erwarten. Im Premiumbereich muss man halt bestimmte Produkte im Sortiment führen können. Aber wir sind auch immer dabei, neue Produkte zu entdecken und von Gütern, die in Deutschland vielleicht gänzlich unbekannt sind, zu beziehen. So verleihen wir unserem Sortiment einen gewissen Entdeckungs- und Inspirationscharakter.

14:45

Alex: Bevor wir weitergehen, kannst du uns ein Paar Zahlen und Eckdaten nennen? Sortimentsgröße, verkaufte und verkostete Flaschen etc.?

Christian: Pro Jahr verkaufen wir eine siebenstellige Zahl an Flaschen – und verkosten dabei mehrere Tausend. Mittlerweile haben wir fast 10 Weinexperten, die auch unseren Content schreiben – was ich glaube der Schlüssel zum Erfolg ist: Einkauf und Contenterstellung zusammenführen. Bei der Probe kann man die Merkmale des Weins sehr gut erfassen und entsprechend vertexten.

15:60

Alex: Gibt es viele Wine-in-Black-ähnliche Anbieter im Netz oder läuft vieles über Amazon? eBay? Kommt etwa aus Frankreich was relevantes?

Christian: Amazon ist auch im Wein-Bereich tätig, aber mit einem anderen Ansatz – ohne die auf Wein zugeschnittene Kuration und die Präsentation, die wir anbieten. Und in dieser Form haben wir bislang wenig anderes in Deutschland gesehen, auch nicht aus dem Ausland. Es scheint in jedem Land einen nationalen Player zu geben, der aber nicht international mitmischt. Ich glaube, wir waren die ersten, die auf dem Segment internationalisiert haben. Jetzt springen andere auf den Zug mit auf.

17:30

Alex: Wie groß ist in Deutschland der Markt? Wie viel Wein wird pro Jahr gehandelt?

Christian: In Deutschland liegt bei Wein das Marktvolumen bei rund 9 Milliarden jährlich. Ganz Europa macht 60 Milliarden. Dabei entfällt hierzulande knapp 50% des Umsatzes auf den Fachhandel. Davon ist der Online-Anteil im Vergleich zu anderen Branchen gering – je nach Land zwischen drei und sechs Prozent. Das ist nicht enorm groß, es ist aber kontinuierlich sehr stark wachsend (so zweistellig pro Jahr). Dabei ist der Weinmarkt insgesamt recht konstant.

Das Online-Wachstum wird durch zwei Dinge getrieben: Mehr und mehr Leute in der Digital-Nativ-Kohorte kommen ins Weintrink-Alter. Vor zehn Jahren kauften sie online Bücher, jetzt möchten sie sich im Internet Wein holen. Das ist – und hier kommt der zweite Punkt – einfach und bequem. Eine Zwölferkiste wiegt knapp über 18 Kilo: Das musst du auch erstmal nach Hause bringen…

(Interessanter Blitz-Exkurs von Alex zu seinem eigenen Wein-Kaufverhalten.)

22:00

Alex: Wer sind denn so eure Kunden? Ältere, die sich Verkostungen & Co. freitagabends leisten können, oder doch eher jüngere Kohorten?

Christian: Auf der einen Seite sprechen wir natürlich Digital-Natives an: Wir holen viele am Anfang ihrer Weinkarriere ab. Sie finden sich sofort im Sortiment zurecht und können einen guten Wein entdecken. Daher kommen wir her. Das ist aber wiederum das, was auch Leute mit mehr Weintrink-Erfahrung anspricht: Ob Weinliebhaber, -experte, oder einfach regelmäßige Weintrinker. Da schließen wir niemanden aus, der sehr guten Wein kaufen möchte.

Es steht das Entdecken, die Inspiration im Vordergrund. Das sehen wir bei unseren Newslettern: Wir haben teilweise Öffnungsraten von bis zu 30 Prozent, was im E-Commerce sehr hoch ist. Diese gehen täglich raus, jeweils an verschiedene Kundensegmente.

(…)

24:35

Alex: Wie findet ihr diese Kunden? Welche Marketingkanäle funktionieren in eurem Bereich? Paketbeileger? Seid ihr aktionsgetrieben? Wirbt ihr mit Marken, mit exklusiven Deals?

Christian: Wir haben von der Kuration einen großen Vorteil: Jeden Tag können wir neuen Unique Content ausspielen – auch zur Neukundengewinnung. So machen für uns Feed-basierten Kanäle einen deutlichen Sinn: Bei Facebook kannst du jeden Tag neue Produkte zeigen, sowohl für Neu- als auch für Bestandskunden.

Alex: Habt ihr schon mit Influencern Erfahrung gesammelt. Man sieht sie ja auf Instagram: Bilder mit Wein am Strand, im Hotelzimmer, vorm Eiffel-Turm…

Christian: Ja. Instagram ist ja ein interessanter Faktor für uns – auch, um Kooperation aufzubauen. Es finden Kunden zwar auch über Search zu uns. Aber alles, wo wir unseren Curated Content zeigen können, ist für uns wichtig. Und dafür sind Kanäle wie AdWords nicht originär gemacht. Letztendlich wollen wir über Qualität überzeugen und persönliche Empfehlungen generieren. Wenn Kunden überzeugt sind, bleiben sie lange treu.

28:00

Alex: Wenn ein Kunde zufrieden ist, wie lange bleibt er euch denn treu? Wie oft kommt er wieder? Und wie groß ist so ein durchschnittlicher Warenkorb bei euch?

Christian: Für uns ist es eine wichtige Kennzahl: Wie viele Kunden kommen wieder und landen dann im Bestandskundenstamm? Hier liegen wir bei deutlich über 50 Prozent. Es geht darum, bei der ersten Bestellung Vertrauen zu gewinnen. Danach können wir eine durchaus interaktive Beziehung zum Kunden aufbauen. Bei den Aktiven liegen wir dann im Bereich drei bis vier Bestellungen pro Jahr, mit Warenkorbwerten deutlich über 100 Euro: Da können Bestandskunden viel Umsatz machen. So ist es uns wichtig, sie optimal zu segmentieren und zielgenau auf das Angebot anzusprechen.

Wir wollen auch die Möglichkeiten zur Interaktion bestens einbeziehen und Kunden wirklich nach ihrer Meinung zu fragen. So haben wir bei unserer IT-Migration dieses Jahr die Kunden gefragt, welche Funktionalitäten sie sich noch so wünschen und starkes Feedback bekommen. Unsere Entscheidung, den Log-in fallen zu lassen, war auch darauf zurückzuführen. Wir haben auch Anregungen bekommen, wie wir bessere Filter und Suchen aufbauen.

(…)

30:50

Alex: Seid ihr denn preislich gut aufgestellt? Habe ich als Kunde das Gefühl, einen guten Deal zu machen? Ist das überhaupt wichtig?

Christian: Preis ist ein Kriterium – und da sind wir gut aufgestellt – aber das Entscheidende ist am Ende die Produktqualität. Auch das kommt ziemlich deutlich bei Kundenumfragen heraus. Das ist das, was ich als Weinhändler dem Kunden verspreche.

(Darauf lässt sich Alex über die Verbreitung von Eigenmarken im Weinhandel informieren.)

33:05

Alex: Wie wichtig sind Eigenmarken für euch?

Christian: Sie sind für uns ein wichtiges Thema, das wir mit unseren Partner-Winzern weiter ausbauen wollen. Der Erfolg von Eigeneditionen hängt von dieser Zusammenarbeit ab. Dafür ist unser Xiraz ein sehr gutes Beispiel für ein Produkt von unserer Marke.

(Alex bekommt eine kleine Sortimentsführung durch die Wine in Black-Eigenmarke und die spannende Geschichte des Syrah-Shiraz Weins Xiraz erzählt. Alex lässt sich ebenfalls die Herstellung von Sekt und die vergleichsweise hohe Markendichte auf diesem Segment schildern.)

40:55

Alex: Sind Winzer eigentlich sehr abhängig vom Handel, von zwei oder drei Einkäufern? Ist das wie mit anderen Lebensmitteln, bei denen über ein Oligopol von Lidl, Rewe & Co. geklagt wird?

Christian: Im Premium-Wein-Bereich haben Winzer langjährige Beziehungen zu zahlreichen Fachhändlern – eben auch zu Händlern wie uns – und sind weniger abhängig. Es ist also sehr wichtig, dass man das ganze partnerschaftlich lebt. Im Lebensmitteleinzelhandel unterhalb von fünf Euro pro Flasche geht es stärker über die Menge. In unserem Segment ist das aber nicht so.

Alex: Sie sind also nicht abhängig von Hawesko oder anderen?

Christian: Bewusst nicht. Und wir können so Projekte wir unseren Xiraz nur dann entwickelt, wenn wir langfristig und partnerschaftlich mit Winzern arbeiten.

42:45

Alex: Euer Modell ist quasi ein Eins-zu-Eins-Äquivalent zum stationären Handel: Macht es für euch Sinn, Flagship-Stores zu haben? Oder Shop-in-Shop-Konzepte? Wine in Black-Kühlschränke in Supermärkten…?

Christian: Fakt ist, dass der Großteil des Weinmarktes immer noch offline stattfindet. Relevant ist das ganze also sicherlich von der Idee her. Wenn ein stationärer Händler einen technologischen Twist hätte und wir könnten das, was wir online sehr gut tun, offline erlebbar machen – und wenn wir das so mit dem Faktor Convenience verbinden könnten, das man nicht unbedingt im Laden kaufen müsste, sondern dann online bestellen und sich das nach Hause liefern lassen könnte…

(Alex listet die Probleme auf, die Heritage-Händler typischerweise mit Kundensegmentierung und
-ansprache im Online-Marketing haben und überlegt, ob der Weinmarkt irgendwann von Online-Konzepten dominiert werden könnte.
)

45:30

Alex: Wie seid ihr aufgestellt? Wie viele Leute seid ihr, wie viele Leute machen was?

Christian: Ein Drittel unserer Kollegen ist im IT/Produkt-Team: Sie sind von der DNA sehr technisch aufgestellt. Wir glauben nämlich, dass Technik das ist, was uns im Markt differenziert. Neben dem Produkt ist das für uns als Online-Unternehmen der absolute Kern. So versuchen wir immer wieder zum aktuellen Stand der Usability aufzuschließen oder den eben bei uns im Markt vorzugeben.

Alex: Also bessere Filter,- Suche- und Empfehlungsmöglichkeiten statt – wie bei Hawesko oder einem Winzer – weniger kaputte Flaschen oder weggespritzter Wein…

Christian: Ja, bei uns heißt Technologie: Das Web-Produkt, die Applikation, Usability…

46:50

Alex: War der Black Friday für euch relevant?

Christian: Und ob! Da hatten wir einen wahnsinnigen Ansturm auf die Plattform. Aber da wir ja dieses Jahr vom alten System zu Spryker migriert waren, konnten wir performanceseitig durchatmen, weil das Shop-System unter der Last überhaupt nicht litt. Da ist auch Potential für deutlich mehr…

Alex: Das war die ursprüngliche Idee von Spryker, dass man auch ein paar Millionen Besucher aushalten muss.

Aber was genau macht ihr besser mit Technologie? Das eine ist ja die Usability und andere Hygiene-Sachen. Arbeitet ihr aber auch an besseren Empfehlungen, die sich beispielsweise aus Suchanfragen oder Kohortenabgleichen unter euren Kunden generieren lassen könnten?

Christian: Uns war es dieses Jahr erstmal wichtig, dass der Shop – auch im Bereich mobile Applikationen – zum Kunden hin bestens aufgestellt ist. Andererseits ist es uns schon seit Gründung ein Anliegen, auch mit BI und datengetrieben zu arbeiten. Mittlerweile sind wir auf eine deutliche stärkere Version unserer ursprüngliche Projekt-A-Datawarehouse-Lösung umgestiegen und haben sie proprietär weiterentwickelt.

(Alex ordnet dieses Vorgehen in BI- und Daten-Best-Practice ein.)

So haben wir jetzt die konkrete, eigenständig entwickelte Funktionalität, sehr genau gucken zu können, welche Produkte für welche Kundensegmente relevant sein könnten. Die üblichen Empfehlungsmaschinen arbeiten mit Ähnlichkeiten, die nicht unbedingt für unsere Bereich greifen. Dort haben wir gesagt: Das machen wir selbst. Das ist für uns als Händler ein Alleinstellungsmerkmal: Zu welchem Kundentyp kann welches Produkt passen? Wem können wir welches Produkt empfehlen? Da sind wir gut aufgestellt.

50:15

Alex: Könntet ihr mit diesen Daten auch in das B2B-Geschäft einsteigen? Könntet ihr damit Winzer mit passenden Großabnehmern vernetzen? Oder sogar einen eigenen Media-Service aufmachen wie Amazon oder Zalando?

Christian: Wir nutzen unser Wissen über Kunden aktuell sehr stark, um Produkte zu entwickeln. Beispielsweise unseren Xiraz: Das kam aus einem Kundenbedürfnis heraus. Das, was du ansprichst, könnte interessant sein für später, aber zum aktuellen Zeitpunkt machen wir es noch nicht.

(…)

51:40

Alex: Dabei seid ihr wahrscheinlich die einzigen in Deutschland, die diese Qualität und Anzahl von Daten überhaupt haben?

Christian: Sicher. Was daran liegt, das wir von der Gründung an sehr stark darauf Wert gelegt haben, aus Daten sinnvolle Informationen zu generieren, die dem Kunden einen entsprechenden Mehrwert bieten können.

(Alex legt Christian nahe, diese Fähigkeiten im Sinne des Plattform-Gedanken weiterzuentwickeln und auf B2B auszudehnen, da kein anderer Händler sie so besitzt – und fragt, was sonst 2017 geplant ist.)

Alexander Graf, 35, E-Commerce Unternehmer & Autor, Gelernt und erste M&A-Tätigkeit bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Shop Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

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3 Antworten

  1. Kai sagt:

    Wie kommt man bei 12 Weinflaschen auf über 18 Kilo Gewicht ?
    Meine Rechnung wäre: 12 x 0,7 l = 8,4 kg
    Dazu noch das Gewicht der Glasflaschen + ein wenig Pappe.
    Aber Glas + Pappe können schwerlich 10 kg ausmachen, oder ?

  2. Markus Kleine sagt:

    Najaa, wollen wir die Kirche mal im Dorf lassen, „führender Anbieter von Online-Wein in Deutschland“ ist da vielleicht ein bisschen zu weit gesprungen.Der Online-Wein-Markt ist ja im Vergleich zur Größe der Kategorie ein ziemliches Schlachtfeld kleiner Winzanbieter.

    Nichts gegen die unbestreitbaren Errungenschaften der WIB-Macher – chapeau! – aber es gibt da Wettbewerber in D, die größer (Hawesko), schneller wachsend (Vicampo), datenreicher (Vivino) oder mit einem Multichannel-Backbone versehen sind (REWE weinfreunde,de oder Lidl). Diese Kategorie ist längst nicht ausgefochten.

    Insbesondere bleibt ja hier die wirklich spannende Ausgangsfrage unbeantwortet: kriegt man es hin, echt datenbasiert für einen einzelnen (!) Kunden dessen individuellen Geschmacks-, Preis-, Herkunftprofile zu erkennen und ihm genau denjenigen unbekannten nächsten Wein zu empfehlen, der ihm super schmeckt. Das wäre ja mal der echte Mehrwert, und in diesem Bereich scheint mir Stand heute die Vivino-App wohl uneinholbar.

    VG,
    M. Kleine