Schmuck & Uhren online – Schlecht für Juweliere, gut für Rolex?

UhrwerkEs gibt kaum eine Branche die mich nicht interessiert, und in dieser Woche hatte ich die Möglichkeit die Rubrik Branchenanalysen bei Kassenzone um das Thema „Schmuck und Uhren zu erweitern.“ Wie immer geht es bei dieser Art der Analyse um die Frage, wie genau der Onlinehandel die Branche beeinflusst und welche Strategien die einzelnen Akteure (Händler, Hersteller, Verbände….) dazu entwickeln. Es gibt bei kaum einer Branche Zweifel daran, dass das Internet die bestehenden Strukturen komplett umwirft und ehemals profitable Geschäftsmodelle in kurzer Zeit vom Markt verschwinden. Die Frage ist eigentlich „nur“, wann das passiert und wie man darauf reagieren kann. Im Schmuck- und Uhrenmarkt kann man die Frage nach dem „wann“ getrost mit „Jetzt“ beantworten.

Der Schmuck- und Uhrenmarkt in Deutschland steht für ca. 6 Mrd. Umsatz pro Jahr, wobei der Onlineanteil laut meines Interviewpartners Marius Schafelner (Betreiber juweliere.de) ca. 10% ausmachen dürfte. Nur 10% von den 6 Mrd. sind zudem dem Premiumbereich (Ware über 5-10k Euro pro Stück) zuzurechnen und über den Markt verteilt wird der Umsatz zu 60% von Uhren getrieben und der restliche Umsatz wird durch Schmuck gemacht. Ein wichtiges Detail hier ist sicherlich, dass Schmuck deutlich weniger markengetrieben ist und damit traditionell eher schwerer online verfügbar gemacht werden kann. Ganz um Gegenteil dazu stehen die Uhren, bei denen fast alles klassischen Marken wie Rolex, Breitling & Co. zuzurechnen ist. Die Hälfte des Umsatzes läuft heute noch über Juweliere, die ca. 9.000 Verkaufsstellen in Deutschland betreiben, was zu einem Durchschnittsumsatz von 300-400k Euro pro Juwelier führt. Es gibt aber auch deutlich umsatzstärkere Juweliere (5 Mio, 50 Mio…), so dass es auch nicht an Juwelieren mangeln dürfte, die gerade mal 100-200k Euro pro Jahr Umsatz machen. Den restlichen Umsatz teilen sich Filialisten (z.B. Christ), Warenhäuser und andere Formate. Im Onlinehandel extrem präsent ist chrono24.com, die als Marktplatz für Wiederverkäufer (auch Privatkunden fungieren) und in Teilen auch Chronext.de aus Köln. Der Handelsumsatz für Gebrauchsuhren ist laut ebay/chrono24 ca. eine Milliarde pro Jahr groß und in Summe sollen weltweit 50 Mrd. pro Jahr in diesem Segment umgesetzt werden. Hilfreich dazu ist der Noah Pitch vom Chrono24 Gründer Tim Stracke auf der Noah Konferenz im Juni in Berlin. Im Chart findet ihr die Umsatzsituation in Deutschland zusammengefasst. Im Kern befassen wir uns mit der kleinen hellblauen Fläche oben links.

uhrenmarkt

Grundsätzlich macht die Vermischung von Schmuck/Uhren und Premium vs. Massenprodukt die Analyse des Marktes nicht ganz einfach, aber die Herausforderungen für Rolex, Tissot und Co. sind immens, weil ein bisher eher intransparenter Markt mit lokalen Nachfrage- und Angebotsmechanismen aufgebrochen wird. Wie in der Fashionindustrie können das die echten Luxusmarken wie Rolex & Breitling bisher besser managen als die Marken der 2. und 3. Reihe (z.b. Chronoswiss). Das führt zu sehr vielen Fragen bei den betroffenen Juwelieren und zu noch mehr Fragen bei den vielen Herstellern in der Schweiz.

Ich selbst trage keine Uhr mehr und frage mich natürlich auch, ob diese Branche nicht durch die Entwicklung von Smartphones und Co. noch viel stärker bedroht ist als durch den Onlinehandel. Bisher lässt sich dieser Effekt im Luxusuhrensegment nicht nachweisen und wahrscheinlich tritt er (wenn überhaupt) erst in 10-15 Jahren auf, wenn die nächste Käufergeneration ausbleibt, für die Uhren nur noch ein nettes Schmuckstück sind. Der Briefmarkenhandel lässt grüßen. Und jetzt viel Spass beim Gespräch mit dem äußerst kompetenten Marius, der auch erklärt, warum eine zentrale Plattform wie juweliere.de gerade jetzt ein sehr sinnvolles Konzept ist.

Alexander Graf, 35, E-Commerce Unternehmer & Autor, Gelernt und erste M&A-Tätigkeit bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Shop Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

Neue Beiträge abonnieren

1 Antwort

  1. Mark sagt:

    Heutzutage werden mehr „Smart Watches“ verkauft, als „Schweizer Uhren“ : https://www.youtube.com/watch?v=vHaIo8MUR5o&t=14m49s