Meh.com: Super emphatisch, oder nur blöd?

meh-statsVor ein paar Wochen habe ich hier das (mittlerweile) sehr populäre Video von Prof. Peter Kruse verlinkt, der erklärt, dass durch das Internet alles zu schnell geworden ist für klassische Planungsmechanismen. Geschäftsmodelle von der Stange können demnach nicht mehr funktionieren. Er glaubt, dass man als Unternehmen oder Arbeitgeber besonders emphatisch sein muss, um Kundenbedürfnisse zu erkennen und zu bedienen. Emphatie ist der Feind des Heinemannkegels – was nicht messbar ist, lässt sich nicht optimieren. Aus diesem Grund finden sich mE kaum noch überraschende Geschäftsmodelle im E-Commerce. Woot.com war mal so ein emphatisches Geschäftsmodell. Jeden Tag gab es dort eine neue Überraschung, bis Amazon das Modell gekauft hat und nun zu Tode optimiert.

Amazon scheint sich mit woot.com einen billigen Restpostengehilfen für den US Markt gekauft zu haben. Die faszinierenden Elemente an dem Geschäftsmodell wurden fast alle eingestellt. Außer bunte Bilder, einer gestellt coolen Artikelbeschreibung und möglichst vielen Streichpreisen ist vom alten woot.com kaum etwas übrig geblieben.

Seit ein paar Wochen lebt die alte Idee von woot.com wieder, weil der Gründer nun die dreijährige Phase des Wettbewerb Verbotes hinter sich hat und neu anfangen darf. Nicht nur wir sind ganz begeistert von der Umsetzung des neuen Woot – mit den Namen meh.com. Meh.com bietet jeden Tag ein Produkt an mit dem Ziel das Lager leerzuverkaufen (Clear Out Price) und missachtet so ziemlich jede E-Commerce Regel: Keine Kundenbindungsmechanismen (Mailings, RSS), kein SEO, kein KPI Fokus….. Genau das macht sie erfolgreich. Im Grunde genommen ist meh.com kein E-Commerce Modell, sondern ein Contentmodell – Verlage sollten also ganz genau hinschauen. Gerade heute werden Batterien angeboten, nachdem der Laptop Rucksack gestern (8$ statt 60$) direkt ausverkauft wurde. Alleine wegen der Beschreibungstexte besuche ich die Seite regelmäßig, weil sie extrem unterhaltsam versuchen das Produkt schlecht zu machen:

Just buy the maximum quantity of 9 packages of these batteries and forget about it. Four packs of AA and five of AAA adds up to 240 of each battery. Unless you’re still rocking a cassette Walkman or something, that should last you a decade or so (which is how long these batteries are guaranteed to work).

There’s no question rechargeables are the more responsible choice: less waste, fewer toxic chemicals leaking into the environment, and probably more cost-effective for the consumer. You might feel the occasional pang of justified guilt over it. But that’s a small price to pay for freeing your mind from worrying about batteries all the freaking time.


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Ein großes Lob verdienen die täglichen Umfragen. In der gestrigen Umfrage wurde nach einem Namen für den riesigen Wandsticker in der Lobby gefragt, der die Form eine Ratte hat. Fast hätte der Vorschlag „Rat Muttledge“ gewonnen. Da oute ich mich auch gerne öffentlich als Fan.

Von außen betrachtet sieht das alles sehr simpel aus. Nun könnte sich ein langweiliges E-Commerce Unternehmen fragen, ob man diese Kreativität nicht auch irgendwie aufbringen könnte und entsprechend einen Texter beauftragen sich alberne Umfragen auszudenken. Was dann rauskommt, kann man im sehr lesenswerten Beitrag des dmagazine über woot & meh nachlesen. Darin wird erklärt warum woot.com damals gegründet wurde, warum es heute nicht mehr funktioniert und warum meh.com noch mit Abstand der seriöseste Ansatz von Matt Rutledge ist, wenn man sich die Idee rund um „crapwithfriends“ genauer anschaut.

 […]When a Dallas company with hundreds of robot lawn mowers in its warehouse went out of business, Rutledge snapped them up. He tried to sell the mowers on eBay but found that he reached market saturation after selling just a few dozen. People were checking the previous day’s sales prices and bidding less, a feedback loop that would eventually make the mowers worthless. With Woot, Rutledge could set a market-clearing price for the mowers and blow them out in a single day.[…]

[…]Rutledge says the top-level Amazon executives are all geniuses, but there’s a quick drop-off, and none of the politicking middle managers were capable of understanding Woot as a content company. They kept asking stupid questions about the retail side. For Woot, it didn’t make sense to talk about a standard discount the company provided consumers. It simply sold stuff at market-clearing prices. Sometimes Rutledge would sell crap so cheaply that it didn’t make sense—except that he wanted to see how quickly he could sell out.[…]

[…]Amazon’s fundamental misunderstanding of what made Woot great can be seen today on the site. It sells many items simultaneously. It’s a marketplace, not an event. The write-ups are cute, not subversively funny. Woot is no longer a bug-eyed beast with eight tentacles. It’s a pancake with two smaller pancakes for Mickey Mouse ears and a smile made of whipped cream. […]

[…]There will be no social media, no liking, no sharing, no email sign-up. He thinks email is a brand-damaging annoyance. The site should be compelling enough that people won’t need to be reminded to go to it. Repeat visitors who don’t buy stuff can click a “meh” button that will increase their prestige in the Meh community. He says, “Many people will be like, ‘But it’s a store. Why would you do that?’ That’s the fun part.”[…]

Was meh.com macht, lässt sich kaum in klassischen Charts zum Thema “Neue Geschäftsmodelle” erfassen und man kann es ohne weiteres total blöd finden. Meh.com überträgt den Verkauf von Restposten direkt aus dem LKW, gefördert von seltsamen Typen, ins Internet und lässt Amazon ziemlich alt aussehen. Alleine dafür lohnt sich doch der Aufwand schon. Nach meinen Beobachtungen macht die Seite bereits jetzt regelmäßig zwischen 1.000 € und 10.000 € Umsatz am Tag, was für ein E-Commerce Modell ohne klassische Kundenakquise, Kundenbindung und Conversionoptimierung doch ganz ordentlich ist. THANK YOU MATT!

Alexander Graf, 35, E-Commerce Unternehmer & Autor, Gelernt und erste M&A-Tätigkeit bei der Otto Group, danach über 10 Unternehmen gegründet, heute u.a. Gründer Geschäftsführer des führenden Shop Technologieanbieters Spryker Systems. Im Juni 2015 hat er das E-Commerce Buch veröffentlicht, das seitdem die E-Commerce Rankings anführt. Weitere Infos hier, oder direkt kontaktieren unter: alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

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3 Antworten

  1. Alex sagt:

    So siehts aus, nicht alles lässt sich messen.

    Das Design ist wirklich allenfalls zweckmäßig, Farbgestaltung usw eher schlecht…..aber wie Alex schon schreibt…vielleicht ist es auch das was, vor allem diese Kundengruppe, besonders schätzt. Keine aufgezwungenen VIP, Gold, sonstigen Pakete bei der Bestellung, keine Bombardierung mit Werbung usw…

    Bin gespannt wann Meh dann wieder aufgekauft wird ;).

  2. Kaufgrund nummer eins ist und bleibt bei diesen Modellen (1 Produkt je Tag, und das extrem günstig) der niedrige Kaufpreis.
    Dadurch, dass es nicht wenige von diesen Modellen gibt (z.B. ibood.de) und auch einige davon nur günstig, aber keinesfells Angebote in der Schnaeppchen-Kategorie anbieten, ist dieses Geschäftsmodell wohl etwas ausgelutscht…

    „E-Commerce Modell ohne klassische Kundenakquise“
    Kaufargument ist und bleibt der Preis. Und bei einem wirklich unschlagbaren (dieses Wort definieren ja die Kunden) Preis, läuft die Kundenaquise über Kanäle wie hukd.de wie am Schnürchen (sprich automatisch).

    Ein „unschlagbares“ Special-Offer bei Amazon funktioniert aber meines Erachtens nicht anders. Auch hier ist der unterbotene Marktpreis das wichtigste Kaufargument.

    • Das sehe ich etwas differenzierter. Meh.com würde keine/kaum Artikel verkaufen, wenn Sie es nicht schaffen würden die Preisführerschaft zu übernehmen. Sie können aber die Preisführerschaft übernehmen, weil die Kundenakquisekosten durch die clevere Ansprache fast bei „Null“ liegen (nach klassischen Standards). Meine These ist, dass man die meisten anderen Händlern erhebliche Kundenakquisekosten haben. Auch wenn du die Batterien aus der heutigen Aktion selber so günstig sourcen würdest – auf welchem Kanal kannst du sie zu diesen Konditionen verkaufen?