Wir haben den Online Trend verschlafen

Sonntag, 14. April 2013 14:07 | Autor:

“Wir haben den Online Trend verschlafen”. So oder ähnlich klingt es in den letzten beiden Jahren in vielen Meldungen etablierter Handelsunternehmen. (via @jkrisch) Ein nüchternen Blick auf die Umsatzentwicklung der jeweils beteiligten Unternehmen bestätigt diese Aussage auch im ersten Augenblick. Mediamarkt/Promarkt schrumpfen, Amazon wächst. Die Online Fashionshops der großen Ketten dümpeln bei zweistelligen Mio. Beträgen vor sich hin, Zalando knackt die Milliarde. Quelle/Neckermann sind pleite, andere haben überlebt. Bei dieser Marktlage kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass die Spätstarter etwas falsch gemacht haben. Diese Diskussion schwingt auch am Rande der Stationär vs. Online Debatte (Das letzte Zucken) mit, bei der in den letzten Tagen in diesem Blog viele weitere lesenswerte Kommentare hinzugefügt worden sind. Das erinnert mich alles etwas an eine Dienstmädchenhausse. Spätestens dann, wenn Vorstände über unvermeidliche Trends, Tatsachen und Entwicklungen reden, ist es Zeit für die Kassenzone diese Dinge genauer zu betrachten.

Den meisten Lesern hier ist klar, dass es sich beim Thema Online/Internet nicht um einen Trend handelt, sondern um eine radikale Verschiebung des Marktes. Insofern erspare ich mir die Detailbetrachtung der vielen frühen Online Fehlversuche von C&A, Mediamarkt und Co. Viele große Handelsunternehmen haben auch schon zwischen 1995 und 2005, also dem Internetsteinzeitalter, durchaus große Anstrengungen unternommen und mussten dann doch Amazon das Feld überlassen. Die “Gewinner” sehen aber bei genauer Betrachtung gar nicht so aus wie richtige Gewinner. Bei den Umsätzen und Marktanteilen teilen sich wenige große Unternehmen zwar das Feld auf, aber die Renditen sind in Summe doch sehr überschaubar. Bei globaler Betrachtung dürfte es nie im Interesse eines Handelsunternehmens gewesen sein, sein stationäres Geschäft mit Renditen zwischen 5-15% gegen ein Onlinegeschäft mit Renditen zwischen 0-5% einzutauschen. Dieses Argument ist zwar etwas träge, weil die Unternehmen mit den 0-5% Rendite auch den Unternehmen mit 5-15% zerstören, aber herbeigesehnt bzw. verschlafen hat das mE niemand.

Wir müssen so sein wie Amazon.” bzw. “Wir müssen das so machen wie Amazon.”. Diese Aussagen dürfen wirklich in keinem Online Workshop fehlen, weil Amazon als vermeintlicher Gewinner in diesem großen Neuverteilungsspiel dasteht. Stimmt das denn? Bis dato lässt sich dagegen kaum etwas sagen, weil Amazon aktuell das Handelsmodell mit der größtmöglichen Effizienz betreibt und in einem transparenten Markt gewinnt dieses Modell theoretisch. Um das Amazon Modell zu erklären, nutze ich in der Regel das sehr bekannte Amazon Napkin Diagramm:

amazon napkin

In Kürze: Große Auswahl führt zu toller Customer Experience und damit zu wiederkehrenden Kunden (Traffic). An diesem Traffic wollen mehr Verkäufer partizipieren, was wiederum zu mehr Auswahl führt. Beschleunigt wird das Wachstum noch durch Skaleneffekte (Lower Cost Structure), die wieder in den Preis investiert werden. Bam – so muss also ein superduper Onlinehandelsmodell aussehen.

Ich habe das auf jeden Fall sehr lange geglaubt, bis mir ein Baustoffhändler gesagt hat, dass ihn das System doch sehr an die Handelsmechanik eines Großmarktes erinnert. Da hat er leider recht. Amazon ist also vielleicht gar nicht so ein fancy Online Geschäftsmodell, sondern nur die Übertragung des Großmarktprinzips auf den Endkunden. Je nach Betrachter, könnte man auch klassische stationäre Marktplätze, Supermärkte oder sonstige Märkte als Vergleich heranziehen. Zentral zu erkennen ist mE nur, dass Amazon aktuell das effizienteste Handelsgeschäftsmodell betreibt und die Wechselkosten (für Anbieter) bereits jetzt sehr hoch sind. Vor diesem Hintergrund verlieren Aussagen wie “desire to impress customers” deutlich an Wert. Das soll keineswegs die Leistung von Amazon schmälern, aber sie dient kaum als Maßstab.

Interessant wird es nun, wenn man herausfinden will was nach Amazon kommt. Wenn man den Aussagen vom Rakuten Gründer Hiroshi Mikitani glaubt, dann dürfte es vor allem um Themen wie Personalisierung und Big Data gehen. Diese Argumentation erschließt sich mir zumindest noch nicht vollkommen. Das sind zwar durchaus relevante Entwicklungen, aber ich glaube kaum, dass dadurch noch einmal so eine evolutionäre Entwicklung wie die vom Tante Emma Laden über den Großmarkt bis hin zu Amazon möglich ist. An Spezialanbieter glaube ich auch zunehmend weniger. Wenn Händler nur noch Transaktionsstätten sind, ist Kundenbindung nahezu unmöglich. Und Kundenbindung über spezialisierte Sortimente/Beratung/Service ist das einzig echte Argument der Spezialanbieter wie z.B. mytoys.

Dieses Argument gilt allerdings genauso für Amazon und Zalando. Sollte der Kunde das gewünschte Angebot an anderer Stelle zu einem besseren Preis bei vergleichbaren Hygiene Konditionen (Shop, Zahlungsarten, Versand….) bekommen, kauft er dort. Kann das denn passieren, wenn Amazon schon heute scheinbar uneinholbar vorne liegt? Wer kann da schon etwas ausrichten? Trommelwirbel, Trommelwirbel, Trommelwirbel, Trommelwirbel, geheimnisvollen Pfeifen….. Es muss ein Unternehmen sein, dass entweder selber als Hersteller agiert oder aber extrem viele Hersteller nahezu exklusiv unter Vertrag hat. Die meisten Hersteller der Konsumgüter die wir bei Amazon/ebay kaufen, sitzen heute in China. Zu den europäischen Händler gelangt die Ware in der Regel über den klassischen Handel (100 Container Strandkörbe) oder kleine Zwischenhändler, die Dinge direkt in China einkaufen. Diese kleinen Zwischenhändler kaufen in der Regel nicht in der Fabrik, sondern bei großen Marktplätzen wie http://www.aliexpress.com/, einem Endkundensystem von http://www.alibaba.com/. Die Alibaba Group liegt bereits jetzt schon bei über 3 Mrd. Euro Umsatz und schickt sich an dem E-Commerce Geschäft der Tencent Holding Konkurrenz zu machen, die mit einer Marktkapitalisierung von 45 Mrd. Euro immerhin schon 50% der Börsengröße von Amazon erreicht hat.

Update: Hinweis von Jochen Krisch zum lesenswerten Portrait zu Alibaba:

Analysts predict that the IPO will value the company (Anm: Alibaba) somewhere between $55 billion and more than $120 billion. Tencent, a Chinese gaming and social-media firm now getting into e-commerce, has a market capitalisation of $62 billion, just shy of Facebook’s current valuation. Mark Natkin of Marbridge, a Beijing-based technology consultancy, thinks Alibaba could easily be worth more than Tencent, given that “there is so much room to grow its businesses in China”.

Nahezu jedes Konsumprodukt findet man auf diesen Marktplätzen zu Preisabschlägen zwischen 30-90% im Vergleich zu Amazon bzw. eBay. Die Zahlungs- und Versandmodalitäten haben mittlerweile einen hohen Standard erreicht, wenn ich den verschiedenen Gesprächen mit Chinaimporteuren aus den letzten Wochen glauben kann. Das mag für den Kauf einer Kaffeekanne oder einer Tischlampe egal sein, weil die Transportkosten die Einsparungen übersteigen, aber wenn man wie ich z.B. einen TV Stick kaufen will, dann lohnt sich der Kauf dort bereits heute.

Muss sich Amazon nun vor Aliexpress & Co. fürchten? Kurzfristig natürlich nicht, aber wenn zukünftig solche Marktplätze erlauben direkt von der Fabrik/vom Hersteller zu kaufen, dann kann Amazon einen großen Teil seiner Handelsmarge streichen. Amazon könnte das natürlich auch selber machen, aber das wird mE schwer, weil die Fabriken natürlich auch heute schon entsprechende Wechselkosten haben.

Was können die hiesigen Händler  daraus lernen? Meines Erachtens ist es nicht sinnvoll dem Vorbild von Amazon zu folgen. Die klassischen Handelswertschöpfungsstufen werden mE noch stärker als heute kannibalisiert. Händler scheinen für bestimmte Produktkategorien sogar komplett aus der Handelskette zu verschwinden. Vielleicht bereue ich diese Aussage aber auch, wenn der TV Stick in drei Wochen defekt ist und ich keinen Ansprechpartner finde mit dem ich einen Austausch vereinbaren kann. Egal – für den Preisvorteil kann ich mir auch 2 Stück kaufen.

aliexpress

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Diskussion zum Beitrag “Das letzte Zucken”

Donnerstag, 11. April 2013 8:52 | Autor:

Abriss-swZu meinem Beitrag “Das letzte Zucken” hat sich eine sehr spannende Diskussion in den Kommentaren ergeben. Darin finden sich viele Pro & Contra Positionen wieder, allerdings werden diese nun mit sehr schönen Beispielen aus der realen Welt hinterlegt. Es lohnt sich den Kommentarbereich durchzulesen, auch wenn das eine Menge Text ist. Die folgenden Personen/Positionen treten in der Diskussion auf:

  • Alex (kassenzone.de): Nachdenklicher Pessimist
  • Hagen (regital.de): Optimist mit spannenden Szenarien
  • Bartek: Ein nachdenklicher Kunde, der auch nicht mehr an den stationären Handel in der heutigen Form glaubt
  • Christian: Pessimist mit leiser Hoffnung
  • Markus: Hoffnungsvoller Kunde
  • Alex (Ladenbesitzer): Betreiber eines Computergeschäftes
  • Dorothea: Optimistische Beraterin

Insbesondere die Beiträge von Alex dem Ladenbesitzer finde ich sehr lesenswert. Zum Artikel.

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5 Jahre Kassenzone – Dankeschön!

Freitag, 5. April 2013 9:28 | Autor:

Wir haben fast unbemerkt unseren fünften Geburtstag bei Kassenzone gefeiert. Obwohl ich das Blog nur unregelmäßig mit Texten füttere, kommen jeden Monat über 10.000 Besucher, lesen über 3.000 Menschen Kassenzone per RSS Reader, bekommt jeder halbwegs sinnvolle Beitrag 5-20 Kommentare und jede Woche entstehen darüber für mich neue spannende Kontakte mit Menschen die sich mit mir über die manchmal sehr provokativen Thesen streiten austauschen möchten. Vielen Dank dafür! So macht bloggen wirklich Spass. Die Themen werden 2013/2014 wahrscheinlich noch spannender, weil sich durch die Beratungsprojekte in “no digital” Branchen bei eTribes, den Agenturen & Startups die wir parallel aufbauen und mit so manchem spannenden anderen Projekt so viele neue Perspektiven ergeben, dass ich kaum mit der Verarbeitung bei Kassenzone hinterherkomme. Dabei kann ich die meisten Themen aufgrund von vertraulichen Informationen noch nicht mal hier reflektieren.

Seit 6 Monaten bieten wir zudem an, alle neuen Beiträge per Mail zu abonnieren. Gefühlt hat sich RSS in der Masse nie wirklich durchgesetzt, und trotz aller Produktivitätstools ist der Posteingang wahrscheinlich noch bei über 90% aller Menschen der Arbeitsmittelpunkt. Die Beiträge werden bei Abo im Volltext (inkl. Bilder) in die Inbox gesendet. Der Besuch bei kassenzone.de ist dann nur noch notwendig, wenn man die Kommentare zu den einzelnen Artikeln lesen will. Bevor also der Google Reader abgestellt wird, empfehlen wir den Eintrag der Mailadresse bei uns in der Sidebar (siehe Screenshot).

 

Mail-Abo

Zeit für einen Blick zurück zu meinem ersten Beitrag im März 2008. “Die Grenzen von Liveshopping.” Zu der Zeit waren Florian & ich noch Projektmanager bei Otto und hatten Angst vor einer Schelte der PR Abteilung. Das Gegenteil war allerdings der Fall. Herr Voigt (PR Chef) fand Kassenzone sehr lobenswert.

Kurzer Exkurs: Wer wäre für mich als Live Shopping Anbieter ein Traumkunde? Jemand der täglich auf meine Seite kommt, zufrieden ist dass er nur jedes 40ste mal ein Produkt für sich entdeckt und ggf. noch einen Kommentar abgibt und sich dort zu Hause fühlt. Geht es auch ohne diesen Kunden? Ist dieser Kundentyp im E-Commerce der Zukunft überhaupt noch vertreten?

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Das letzte Zucken

Dienstag, 2. April 2013 14:06 | Autor:

Abriss UpdateIn meinen letzten Beiträgen habe ich deutlich die Position vertreten, dass der stationäre Handel in seiner klassischen Form keine Zukunftschancen mehr hat. Dies betrifft insbesondere reine Händler (Weiterverkäufer). Bei vertikal integrierten Händlern wie z. B. Butlers scheint sich aber durchaus ein sinnvolles stationäres Szenario zu etablieren, das auch in Zeiten des Online-Handels überleben kann. Ich frage mich zwar, wann in den nächsten beiden Jahren die Debatte zu dem Thema wirklich in Fahrt kommt, aber bis dahin sollten auch noch einmal die Optimisten zu Wort kommen. In einer aktuellen Studie der Credit Suisse (Schweizer Immobilienmarkt via jkrisch) heißt es u. a.:

Überall dort, wo Einkaufen mit Emotionen und Erlebnissen verbunden ist, kann und muss der stationäre Handel seine Vorteile ausspielen. Deshalb werden in diversen Detailhandelssparten auch in Zukunft erkaufsflächen eine Daseinsberechtigung behalten. Diese Faktoren spielen zum Beispiel im Handel mit Bekleidung und Schuhen eine große Rolle. Auf diese Karte muss der stationäre Handel setzen, denn der Vorteil der Qualitätskontrolle beim Einkaufen vor Ort ist kein sakrosankter. Wie das Beispiel Zalando zeigt, haben die ersten Online-Händler bereits zum Angriff auf diesen verbleibenden komparativen Vorteil des stationären Handels geblasen.

Ähnlich hoffnungsvolle  optimistische Reaktionen finden sich auch regelmäßig hier im Blog oder in vielen ähnlichen Medien. Deren Meinung nach muss der stationäre Handel nur Folgendes tun, um erfolgreich zu sein:

  • Stationäre Sonderleistungen: Vermessung, Produkttests, Verleihservices …
  • Logistikleistungen: Bringservice, Same Day Delivery, Same Hour Delivery…
  • Service/Erlebnis: Mehr Spass, schmecken, riechen, fühlen …
  • Vermarktung: Social Media, Groupon, Personalisierung …
  • Bestellkanäle: Multichannel, Omnichannel, Ultrachannel …

Leider führen die Kommentatoren nicht genau aus, was diese Dinge denn genau für die Händler bedeuten. Deshalb versuche ich das mal zu interpretieren und zu bewerten. Wichtig ist mE die Unterscheidung zwischen verschiedenen stationären Händlertypen, weil die Optionen für einige Händler sinnvoll sein können und für andere wiederum nicht.

  1. Kleine Händler mit einer reinen Handelsfunktion. (Spielzeuggeschäft)
  2. Größere Händler mit einer oder mehreren Filialen, ohne relevante Eigenmarken (Buchketten, Technikketten)
  3. Größeren Händler mit schwer vergleichbaren Sortimenten bzw. einen signifikanten Anteil an Eigenmarken (Möbel z.B. Kabs, Fashion z.B. Engelhorn)
  4. Vertikal integrierte Händler verschiedener Größen (Butlers, Kare Design)

Neben der Betrachtung des Händlertyps ist es auch wichtig die Ziele der einzelnen Optionen besser einzugrenzen. Während ein Multichannelauftritt dazu geeignet sein kann mehr Zusatzumsatz zu machen, zahlt ein Bringservice wahrscheinlich mehr auf das Thema Kundenbindung bzw. Bestandskundenoptimierung ein.

  • a)      Mehr Frequenz stationär
  • b)      Mehr Zusatzumsatz gesamt
  • c)       Bessere Ausschöpfung Bestandskunden

Aus diesen beiden Kategorien lässt sich eine schöne kleine Tabelle bauen, die dabei hilft die stationären Optionen zu bewerten. Allerdings ist die Bewertung selbst auch nicht ganz einfach und konfliktfrei. Grundsätzlich sollten die einzelnen Optionen aus Kundensicht Sinn machen, betriebswirtschaftlich sinnvoll sein und im besten Fall auch noch langfristig funktionieren. Insbesondere die Anforderung der „Langfristigkeit“ ist aus Sicht des Händlers schwer zu beantworten, weil sich der Markt so stark verändert. Noch nicht einmal die vielen verfügbaren Studien helfen bei der Beantwortung, denn die Befragung von Kunden zu deren Kanal- und Serviceprioritäten ist nicht zielführend. Hätte OTTO 1995 seine Kunden befragt, ob Sie sich vorstellen können im Katalog zu blättern und dann online/per BTX zu bestellen, hätten viele Kunden „ja“ gesagt. Daraus könnte man ableiten, dass eine Katalog/Online-Strategie sinnvoll ist. Dabei wäre rückblickend eine viel stärkere Online-Ausrichtung sinnvoll gewesen. Nur konnten die Kunden das nicht beantworten. Genauso verhält es sich heute mit den Multichannel-Befragungen.

Händleroptionen

Für jedes Tabellenfeld müssen alle Optionen einmal geprüft werden. Nach meinen Notizen ergeben sich viele sinnvolle Optionen für die Felder A3, A4, B4, C3, C4 und wenige Optionen für die Felder A1 bis C2. Warum ist das so? Schauen wir uns doch mal die relativ einfache Option „Bringservice“ an.

Ich verstehe „Bringservice“ als Angebot des Händlers meine stationär gekaufte Ware zur mir nach Hause bringen zu lassen, z. B. abends am Tag des Einkaufs. So ein Angebot erzeugt zweifelsohne einen Zusatznutzen für den Kunden, allerdings werden selbst die kühnsten Optimisten nach der Analyse verschiedener Kurierdienste/Logistikdienste erkennen, dass sich die Kosten des Angebotes nicht komplett auf den Kunden umwälzen lassen. Es schmälert also die Marge und führt langfristig nicht zwingend zu einer höheren Ausschöpfung des Kunden, wenn so ein Angebot selbstverständlich werden sollte.

Ein kleiner Händler (z.B. Spielzeuggeschäft) bekommt also weder Zusatzumsatz noch Frequenz, sondern kann ggf. nur seine ohnehin vorhandenen Kunden etwas besser bedienen (Ausschöpfung). Für einen großen Händler (m/o Eigenmarken) ergibt sich eine andere Rechnung, weil er bei ausreichend vielen Kunden den Logistikpartner so beauftragen kann, dass sich zumindest die Kosten decken. Er kann darüber hinaus aber ggf. nur kurzfristig einen Mehrwert beim Kunden schaffen bis der relevante Wettbewerb nachgezogen hat. Das ist aber egal, solange er mit dem Thema keinen Verlust macht und er ggf. sogar 1-3 Jahre diesen Service als einer von wenigen Händlern anbietet.

So oder ähnlich muss jeder Händler alle Optionen für sich bewerten. Bei genauer Betrachtung verlieren viele der interessanten Optionen allerdings ihren Glanz. Das führt zwar oft zur Sinnfrage, hilft allerdings auch dabei den Kegel zu verlassen.

Ich würde gerne positivere Szenarien beschreiben, aber momentan sehe ich keine. Meine ehrliche Empfehlung für die vielen stationären Händler der Kategorien 1) und 2) ist: Verkaufen Sie den Laden! Die Händler der Kategorie 3) sollten sich sehr genau überlegen was sie wann und wie tun. In diesem Feld werden mE viele Händler Schwierigkeiten bekommen, weil sie unsinnige Strategien zum Schutz ihres Bestandsumsatzes verfolgen. Welche Dominoeffekte hinter einem E-Commerce-Wachstum von 20-50 Milliarden Euro in den nächsten 3-7 Jahren zu erwarten sind, ist den meisten Beteiligten gar nicht klar. So eine starke und schnelle Veränderung von gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten gab es noch nie. Dagegen war der Einfluss des Internets auf unsere Wirtschaft von 1995-2010 noch recht klein.

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Sinnliche Produkte online verkaufen

Donnerstag, 21. März 2013 15:07 | Autor:

we-vibeAuf Gründerszene und Deutsche Startups wurde zwar bereits über Amorelie berichtet, aber die Einschätzungen dort und auch die entsprechenden Kommentare werden dem Modell meines Erachtens nicht gerecht. Daher habe ich Sebastian und Lea gebeten noch mal etwas konkreter Stellung zu ihrem Projekt zu nehmen. Auf den ersten Blick  könnte man meinen, das Modell ist langweilig, weil es ja “nur” eine weitere Online Shop Nische (Erotik) abdeckt. Das stimmt aus meiner Sicht aber nicht, weil die von Amorelie angebotenen Produkte wahrscheinlich nicht im klassischen Kaufprozess erworben werden. Außerdem, und das war mir vor der Kurzrecherche überhaupt nicht klar, präsentieren sich viele andere Anbieter am Markt  ihren Endkunden erstaunlich angestaubt.

 

Ihr habt beide schon außergewöhnlich hochwertige Karrieren bei Top Beratungen, VCs und Inkubatoren hinter euch. Das bedeutet auch, dass ihr bereits viele Ideen & Projekte live gesehen habt bzw. mit aufbauen konntet. Warum habt ihr euch für ein klassisches E-Commerce Modell im Erotikbereich für eure erste Gründung entschieden?

Wir haben Amorelie gegründet, da uns das Thema “Sinnlichkeit und Leidenschaft” begeistert und wir vom Marktpotential absolut überzeugt sind. Die Ausrichtung der traditionellen Player im Markt spricht eher eine männliche Zielgruppe an und die Atmosphäre wirkt irgendwie beklemmend mit einem faden Beigeschmack. Diese Ansprache ist nicht mehr zeitgemäß und lässt Raum für die Gründung unseres innovativen Konzeptes. Wir positionieren uns anspruchsvoll, modern, inspirierend, selbstbewusst und trotzdem zugänglich mit einem stilvollen Ambiente, ausgewählten qualitativ hochwertigen Produkten, toller Funktionalität und vor allen Dingen auch einem ansprechenden Design (sowohl der Shop, die Versandpakete etc., als auch die Produkte selbst).

Wenn man sich die Wettbewerberseiten anschaut, scheint es tatsächlich an der Zeit zu sein, eine hochwertige Alternative zu gründen. Sind die Kunden von dildoking.de,eis.de & Co. überhaupt eure Kunden oder erschließt ihr einen neuen Markt?

Unsere Zielgruppe sind selbstbewusste, moderne Frauen und Paare mit einer ständigen Neugier dem Leben – auch dem Liebesleben – gegenüber. Wir sind überzeugt, dass wir mit unserer hochwertigen, stilvollen Positionierung ganz neue Zielgruppen erschließen werden, die wir inspirieren, informieren und unterhalten möchten. Uns geht es nicht nur darum Produkte zu verkaufen, sondern wir wünschen uns, dass wir etwas zum lockereren Umgang mit dem Thema beitragen können und dass sich Singles und Paare gleichermaßen wieder mehr mit sich/dem anderen beschäftigen und sich Zeit für Sinnlichkeit und Leidenschaft in ihrem Leben nehmen. Somit sehen wir eine unserer Aufgaben auch darin, dass wir neue Kundengruppen erschließen und sie mit dem Thema vertrauter machen – auf eine zugängliche, inspirierende, stilvolle Art und Weise.

Könnt ihr ein wenig mehr über die Anbieterstruktur bei euren Produkten erzählen? Muss man sich das so vorstellen wie im Fashionbereich mit einigen hochwertigen Marken und vielen Eigenmarken? Wie reagieren die Hersteller auf euer Angebot?

Genau, bei unseren Produkten gibt es wie im Fahionbereich hochwertige Marken mit denen wir jetzt auch schon zusammenarbeiten. Die Hersteller und Marken stehen unserem Konzept sehr aufgeschlossen und positiv gegenüber. Auch sie verstehen unsere Zielsetzung und sehen, dass es im Markt einen Bedarf nach unserem Konzept gibt. Durch eine Zusammenarbeit erschließen sich auch für unsere Hersteller neue Zielgruppen und ein neues Potential für die eigene Marke.

Schritt 2 eines jeden neuen E-Commerce Konzepts ist, nach erfolgreichem Reichweitenaufbau, der Aufbau von Eigenmarken. Plant ihr das auch langfristig? Gibt es besondere Hürden bei der Produktion von Eigenmarken in eurem Segment?

Aktuell konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Skalierung unseres Konzepts. Die Entwicklung von Eigenmarken ist natürlich angedacht, aber aktuell noch kein konkretes Thema.

Wie waren die ersten Kunden- und PR Reaktionen auf euer Konzept?

Amorelie wird sowohl von Kunden als auch der Presse sehr positiv angenommen – das freut uns sehr. Unsere Kunden verstehen unser Konzept und den Unterschied zu alternativen Online-Shops, dafür spricht auch die hohe Anzahl an Kunden in Beziehungen, die bei uns kaufen. Leider können wir derzeit aber keine genauen Zahlen preisgeben.

Wann ist für euch der richtige Zeitpunkt auch internationale Shops zu launchen bzw. wann würdet ihr sagen können, dass euer Konzept nicht „skaliert“?

Unser aktueller Fokus ist auf der deutschsprachigen Region, allerdings haben wir auch schon konkrete Pläne und führen Kooperationsgespräche für eine internationale Skalierung unseres Konzepts in weitere Länder.

Welche Investoren stecken hinter Amorelie?

Sowohl größere Venture Capital Funds als auch einige sehr gute Business Angels unterstützen uns tatkräftig bei der erfolgreichen Umsetzung unserer Vision.

Was wünscht ihr euch jetzt?

Wir sind immer auf der Suche nach Partnern und Mitarbeitern, die am Aufbau von Amorelie teilhaben wollen. Wir haben schon jetzt ein tolles Team und freuen uns über weitere talentierte Köpfe, die Spaß an einem außergewöhnlichen Job haben. Bewerbungen und Ideen für Partnerschaften können direkt an info@amorelie.com geschickt werden.

 

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