Was können Banken vom Omnichannel lernen?

Frau mit GeldsackScheinbar machen Banken die gleichen Erfahrungen wie die omnichannel geplagten Händler. In dieser Podcast Ausgabe drehen wir den Spieß um. Bankenexperte und IT-Finanzmagazin Autor Rudolf Linsenbarth ist treuer Leser von Kassenzone.de und hat mich zum Thema Banken und Paymentdienste befragt. Gilt das Omnichannel Dilemma des Handels auch für Banken? Können Retailbanken mit ein paar Onlineinitiativen die Kurve kriegen? Darum geht es im aktuellen Interview. Wir brauchen die ersten 10 Minuten, um warm zu werden, aber danach entwickelt sich aus meiner Sicht ein sehr spannendes Gespräch. Ich muss zugeben, dass mir viele Initiativen der Banken ein Rätsel sind und mehr nach strategischen Notlösungen aussehen, aber ich bin in dieser Folge auch nicht der Experte. So richtig aus Kundensicht sind aber sehr wenige Ansätze gedacht, die ich bisher gesehen habe. Sei es drum, vielleicht gibt es ja bald wieder Zinsen auf das angelegt Geld.

Auch in dieser Folge werden wir wieder von Concardis unterstützt, die auf jeden Fall ein unfassbar gutes Gespür für tolle Marketingkanäle haben. Das muss man ihnen lassen :-). Viel Spass beim (umgedrehten) Interview.

PODCAST & Interview Transkription – für alle Leser, die Audio & Video nicht so gerne konsumieren. Gesponsert von PAYBACK – hier mehr erfahren und App herunterladenBanken und Online-Payments: ein umgekehrtes Interview mit Payment-Experte Rudolf Linsenbarth, Senior Consultant bei der COCUS GmbH

Rudolf ist bei der COCUS GmbH für Mobile Payment, digitale Identität und NFC zuständig und ist Autor für das IT Finanzmagazin und mobile zeitgeist.

 (Alex erklärt, dass er heute ausnahmsweise interviewt wird – von Rudolf, und zwar zum Thema Banken und Online-Payments.)

Die Banken denken: „Wir brauchen so was wie PayPal“, dabei muss PayPal sich Sorgen machen

2:00

Rudolf: Du vertrittst die These, Omnichannel sei keine Lösung für den klassischen Filialhändler. Das ist interessant, denn ich sehe zwischen dem Filialhandel und Filialbanken durchaus Parallelen.

Alex: Dazu gab es einen spannenden Artikel von einem Conrad-Manager bei LinkedIn, der schrieb, dass Omnichannel dazu führt, dass man verschiedene Kanälen synchronisieren muss – Mobile, Online-First, Katalog und Stationär – was so viele Ressourcen wegnimmt, dass man sich um die einzelnen Kanäle nicht mehr adäquat kümmern kann. Und damit ist Omnichannel für Handel und auch für Zahlungsdienstleister strukturell oft klassischen Pure-Play-Unternehmen unterlegen. Pure-Play kann hier heißen: ausschließlich stationär oder ausschließlich online.

Rudolf: Gibt es denn Ausnahmen, also: erfolgreiche Omnichannel-Modelle?

Alex: Für Omnichannel-Händler gibt es aus meiner Sicht wenige erfolgreiche Modelle. Es werden als erfolgreiche Beispiele oft Neiman Marcus, die aber ein sehr spezielles Sortiment haben, und Breuninger genannt. Die Omnichannel-Verfechter schauen sich in der Regel die Kunden an, die über mehrere Kanäle einkaufen, und sagen: „Die Umsätze, die über diese Kunden erzielt werden, sind in der Regel 50% bis 200% höher als die Umsätze der Kunden, die nur über einen Kanal einkaufen.“ Das Problem ist aber, dass für die 2% bis 3% der Kunden, die diese hohen Warenkörbe erzielen,
50% der Unternehmensressourcen verbraucht werden. Und die 98% oder 97% der Kunden, die über einzelne Kanäle einkaufen, haben nichts davon. Es gibt jetzt Tausende Handelsgeschäftsmodelle und die meisten haben eine stationäre DNA oder eine Katalog-DNA. Wenn es von denen in den letzten Jahren nur zwei oder drei geschafft haben, ein erfolgreiches Omnichannel-Geschäftsmodell zu etablieren, dann ist das kein gutes Zeichen für alle Unternehmen, die noch nicht da sind.

(Rudolf fragt, ob engelbert strauss durch seine Outlet-Stores und Kundenkarten ein erfolgreiches Beispiel für Omnichannel sei. Alex sagt, dass engelbert strauss eine stationäre DNA hat und für ihn daher kein Beispiel für ein erfolgreiches Omnichannel-Modell ist. Zumal Outlets wegen ihrer Ansiedlung im unteren Preisbereich nur als sekundärer Kanal sinnvoll sind.

Decathlon sei zwar ein erfolgreiches Modell, es handle sich dabei aber nicht um einen Händler, sondern um einen vertikalisierten Hersteller wie Zara und H&M. Decathlon hat fast 90 % Eigenmarken auf der Fläche, was man nicht mit Omnichannel-Händlern vergleichen kann, die 70 % bis 80 % Fremdmarken ankaufen. Rudolf sagt, dass Apple damit auch kein gutes Beispiel sei, da es sich dabei auch um einen vertikalisierten Händler handelt.)

8:15

Rudolf: Vertikalisierter Hersteller-Händler zu sein, erleichtert es also, im Omnichannel-Modell erfolgreich zu sein.

Alex: Die Kassenzone-These ist ja, dass das klassische Händler-Geschäftsmodell, das darauf basiert, dass ich über den An- und Verkauf von Ware Rohmarge erziele, in der digitalen Welt nicht mehr stabil ist. Das stimmt sogar bei großen Plattformen wie Amazon und Zalando, die zunehmend ihre Erträge durch die Vermietung von Reichweite auf ihren Plattformen erwirtschaften. Dann haben natürlich alle Modelle, die auf Handel basieren, wie z. B. Peek & Cloppenburg oder Karstadt, ein Problem, egal, ob sie über mehrere Kanäle verkaufen oder nicht.

Rudolf: Dann wird mir auch klarer, warum die Sparkassen im Augenblick so ein Problem haben. Bei klassischen Händlern und Filialbanken ist der Knackpunkt ja immer die Preistransparenz und Kannibalisierung  der Kanäle untereinander. Wenn man nämlich ein Produkt auf einem Online-Kanal günstiger anbietet als auf einem klassischen Kanal, verstrickt man sich in der Preistrennung der einzelnen Kanäle. Die Sparkassen z. B. müssen bei Online-Konten ihre Dienstleistungen extrem einschränken, und trotzdem kannibalisieren sie ihren Retail-Bereich durch den Online-Channel signifikant.

10:25

Alex: Sind die Banken hart betroffen vom Online-Handel, weil jetzt alle über PayPal bezahlen? Oder gibt es neue Banken auf dem Markt, die Neukunden wegschnappen? Warum denken die überhaupt über Online-Payment nach?

Rudolf: Im Retail-Banking, also im Bereich Endkunden-Produkte, kann eine Bank folgendermaßen Geld verdienen: Indem sie ihr Girokonto bepreist, durch Händlerentgelte im Zahlungsverfahren, durch den Spread zwischen eingelegtem Geld und herausgegebenen Krediten und indem sie Finanzprodukte verkauft. Die langjährige Strategie, insbesondere der Online-Banken, war, das Kernprodukt Girokonto zu verschenken und den Kunden über die anderen Möglichkeiten zu monetarisieren. Legt der Kunde nur Geld ein, kann es zu einem höheren Preis verliehen werden, führt er nur Zahlungen durch, erhält die Bank Kartengebühren usw. Vor dem Platzen der ersten Dotcom-Blase und der Finanzkrise konnte man auch gut Finanzprodukte verkaufen.

Alle singulären Erlösströme erodieren zurzeit jedoch sehr stark. Das kostenlose Girokonto ist dann wie ein Klotz am Bein. Besonders sind die Banken betroffen, die auch noch eine teure Infrastruktur betreiben, um Bankengeschäfte zu tätigen. Besonders hart treffen sie die Negativzinsen, die sie auf die Einlagen der Kunden bezahlen müssen, während aber keine Erlöse erzielt werden.

Es gibt ja die reinen Onlinebanken, also comdirect, DKB und ING-DiBa. Und dann gibt es die Filialbanken mit dem Drei-Säulen-Modell Privatbanken, Volks- und Raiffeisenbanken und Sparkassen. Und Sparkassen und Volksbanken sind besonders hart getroffen, weil sie viele Filialen haben. Auch die drei großen Banken Hypo-Vereinsbank, Commerzbank und Deutsche Bank reduzieren gerade die Anzahl der Filialen.

Die drei Großbanken hatten ein Filialnetz von 500 bis 600 Banken für ganz Deutschland und reduzieren nun. Aber die TARGOBANK hatte ca. 300 Filialen und hat ein paar hinzugebaut. Im Bereich von 300 bis 400 Filialen ist das Omnichannel-Modell also wirtschaftlich darstellbar.

14:00

Alex: Was hat sich denn durch den Onlinehandel und die stärkere Digitalisierung getan? Gibt es neue Online-Wettbewerber? Banken wie Number26 sind ja eher zu vernachlässigen.

Rudolf: Man wechselt ja sein Konto nicht, weil das eine Menge Aufwand ist. Das Beharrungsvermögen ist sehr groß. Es gibt aber neue Digitaltechniken, mit denen ich einen Online-Kontowechsel machen kann. Ich kann online eine Video-Ident-Authentifizierung machen. Und ich kann meine Daten über mein Onlinebanking direkt an die neue Bank übergeben. Der Wechsel aller meiner Zahlungsströme wird dann übernommen. Die Hemmschwelle, zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln, wird also immer niedriger. Und das spüren die Sparkassen.

Number26 sehe ich nur als Fortführung der klassischen drei großen Onlinebanken. Was jetzt im Sparkassenbereich besonders spannend wird, ist ihr neues Produkt Yomo. Da haben sich zehn große Sparkassen zusammengetan, um genauso ein Konto anzubieten wie Number26. Die Frage ist natürlich: Kannibalisieren die ihren eigenen Markt oder schaffen sie es signifikant, Kunden von anderen Banken rüberzuholen? Geldautomaten sind ja auch immer ein Riesenthema und die bieten sie auch mit an.

16:00

Alex: Was bedeutet Omnichannel für Banken?

(Rudolf erklärt, dass er früher bei der TARGOBANK gearbeitet hat, die das Omnichannel-Modell sehr stark lebt. Das heißt, dass Kunden über Filialbesuche, Automaten, Telefon- und Internetbanking sowie mobile Kundenberater alle Dienstleistungen in Anspruch nehmen können und überall gleich gut bedient werden.)

Alex: Sind Omnichannel-Banken online fühlbar schlechter als ein Online-Pure-Player wie die comdirect bank?

(Rudolf verneint das und legt dar, dass die Unterschiede lediglich darin liegen, wie schnell z. B. Video-Ident oder Banking-Apps von Filialbanken umgesetzt werden. Das Problem liege hier lediglich in der unterschiedlichen Bepreisung der Kanäle, wobei die TARGOBANK beispielsweise hierauf verzichten kann, da sie mit ihren Verbraucherkrediten über ein sehr profitables Kernmodell verfügt und mit wenigen Filialen arbeitet.)

19:20

Alex: Haben die TARGOBANK, die comdirect bank oder die Sparkasse eher Angst vor einer weiteren Direktbank oder vor PayPal?

Rudolf: Ich denke, alle Banken sehen, dass ihnen über PayPal und ähnliche Player die Erlösströme wegbrechen. Was andere Onlinebanken angeht, war man schon überrascht, wie schnell Number26 gewachsen ist. Ich war auch sehr skeptisch, ob das nachhaltig genug ist, weil Number26 noch kein Erlösmodell hat. Das einzige Produkt, mit dem sie Geld verdienen können, ist eine Kreditkarte. Und da sind die Transaktionsgebühren von ca. 1,6 % gerade auf 0,3 % gesunken. Das heißt, man braucht mindestens den fünffachen Umsatz pro Kunde, um denselben Erlös zu bekommen. Und selbst bei
1,6 % war der Business Case schon grenzwertig.

21:00

Alex: Bedeutet Omnichannel, dass die TARGOBANK oder comdirect darüber nachdenkt, wie man über Pop-up-Stores Kontakt mit den Kunden herstellen kann? Oder wollen die lieber ein Produkt schaffen, das mit PayPal konkurrenzfähig ist?

Rudolf: Das PayPal-Konkurrenzprodukt bauen ja alle Banken gemeinsam mit paydirekt. Das Problem an PayPal ist ja, dass es Kunden von der Kreditkarte zur Lastschrift zieht. Die Lastschrift bietet aber keine Erlöse, darum hat man paydirekt gegründet.

Die nächste Frage, die sich Banken stellen müssen, ist die des Mobile-Payments. Ich gehe davon aus, dass dieses Jahr Apple Pay auf den Markt kommt. Dann gibt es neue Kontaktpunkte, weil der Kunde nicht mehr die Kreditkarte sieht, sondern nur noch Apple Pay. Das ist zwar nichts anderes als eine kontaktlose Kreditkartenzahlung im Store, aber die Kunden nehmen das als neues Sub-Verfahren wahr.

22:55

(Alex legt dar, dass das Einlagengeschäft der Banken nicht mehr attraktiv ist und es schwer ist, den Kunden Produkte zu verkaufen, denn die wollen einfach nur risikofrei mit ihrem Konto bezahlen. Alex erzählt, dass er zum Beispiel gern mit PayPal einkauft, weil dort ein Treuhandsystem angeboten wird. Er beschreibt, dass Plattformen wie Apple, Amazon und Alibaba, das mit Alipay geschickt bei WeChat in Erscheinung tritt, Payment anbieten, ohne mit den Zahlungen Geld erwirtschaften zu müssen. Sie vergrößern lediglich ihr Ökosystem. PayPal-Konkurrenten wie Yomo von den Sparkassen gehen damit falsch an eine Problemlösung heran.)

Rudolf: Bei paydirekt fehlt für den Endkunden außerdem der Mehrwert. Man spricht nur von „deutscher Sicherheit“. Die bieten zwar auch den Käuferschutz an, aber da PayPal das auch tut, ist das kein Anreiz. Es fehlen die Aspekte, die den Einkauf angenehmer machen. TRIGEMA ist zum Beispiel an paydirekt angeschlossen, aber ich nutze dort Amazon Payments, denn dann muss ich bei TRIGEMA kein Konto eröffnen. So etwas wird erst langsam bei paydirekt integriert. Aber wenn man dem Handel keinen Mehrwert liefert, sind Preisdiskussionen hinfällig. Den Handel interessiert nicht, ob ein Bezahlverfahren 0,1 % oder 0,2 % teurer ist, wenn es ihm neue Kunden bringt.

Alex: Man muss trennen zwischen den PSP-Layern und den Anbietern wie Kreditkarten oder PayPal. Den Handel interessiert natürlich schon, ob er 2,3 % oder 2,7 % bei jeder Transaktion zahlt, besonders in Produktbereichen mit geringer Marge.

Wir kommen ja aus einer Welt, die seit 2006, 2007 propagiert: „Binde so viele Zahlungsmittel an wie möglich. Das wird deine Conversion im Onlineshop steigern.“ Und diese Kausalkette bricht mit der Zeit, weil die Kunden sich verändert haben. Es gibt eine starke Verschiebung Richtung Amazon Payments und PayPal. Darum spielen andere Zahlarten gar keine so große Rolle mehr. Und Kunden, die jetzt neu in den Markt einsteigen und noch kein Vertrauen in E-Commerce haben, bleiben sowieso bei klassischen Zahlverfahren wie Lastschrift oder SOFORT Überweisung. Wenn ich Händler wäre, würde ich mich also erst mal fragen, ob ich mehr Umsatz erziele, wenn ich etwas Neues einbinde. Ich habe ja auf jeden Fall mehr Aufwand, denn ich muss einen Vertrag schließen und etwas programmieren lassen. Und für Lösungen wie paydirekt kann man diese Frage nicht mehr positiv beantworten.

29:50

(Alex und Rudolf unterhalten sich darüber, dass bei paydirekt als einzige große Bank die DKB nicht beteiligt ist. Für Händlerakquise und Programmierung sind angeblich 100 Millionen Euro in das Projekt hineingeflossen, und es konnten 25 Top-100-Händler und 950.000 registrierte Kunden gewonnen werden. Paydirekt ist seit einem guten Jahr live, wobei die Sparkassen erst seit einem Dreivierteljahr dabei sind. Laut Rudolf kann man paydirekt einfach im Online-Banking aktivieren. Als Alex feststellt, dass das in seinem Online-Konto nicht geht, hält Rudolf das für unwahrscheinlich.)

32:15

Rudolf: Im nächsten Jahr greift eine Europa-Regulierung. Die sogenannte Revised Directive on Payment Services oder PSD2. Damit wird reguliert, was SOFORT Überweisung bisher piratenmäßig gemacht hat. Man spricht von sogenannten Zahlungsauslösediensten. Und die Banken werden demnächst verpflichtet, Schnittstellen für diese sogenannten dritten Zahlungsdienstleister zur Verfügung zu stellen. Da ist sicher einige Bewegung im Markt zu erwarten.

Das andere, was durch die EU getrieben wird, sind die Instant Payments. Es soll in Zukunft Überweisungen geben, die innerhalb von zehn Sekunden autorisiert und gutgeschrieben werden. Das Settlement läuft dann mit zwei Tagen Verspätung, aber du hast als Händler das Geld innerhalb von zehn Sekunden auf dem Konto.

Alex: Also wie Kreditkarte, nur mit einem anderen Clearance-Verfahren?

Rudolf: Und mit einem anderen Bepreisungsmuster, das wahrscheinlich nicht mal volumenabhängig sein wird. Dadurch müssen Erlösströme ausgeglichen werden. Man wird sehen, wie das den Markt verändert.

(Alex weist darauf hin, dass man mit PayPal.Me ja auch schon direkt Überweisen kann. Er vermutet, dass diese P2P-Zahlungen dasselbe wie Instant Payments für Händler sind, was Rudolf bestätigt.)

35:00

Rudolf: Hat ein Kunde von Spryker mal gesagt, er müsse paydirekt einbinden?

Alex: Die meisten Spryker-Kunden fragen erst mal nach den populären PSPs, also nach Ogone, Adyen und PAYONE. Und was die wiederum anbieten, brauchen die auch in ihrem Onlineshop. Und in zweiter Linie wird nach Amazon Payments, PayPal und Co. gefragt. Und die dritte Reihe wie paydirekt usw. kommt erst danach, weil der Endkunde das nicht im Kopf hat. Der denkt nur an PayPal-Zahlung, Kreditkartenzahlung, Lastschrift, SOFORT Überweisung oder Vorkasse. Und das fertigt er über die PSPs ab.

(Alex erzählt, dass es zwischen fünf und 50 Tage dauert, diese Zahlungsmöglichkeiten zu integrieren, je nach Aufbau der APIs und je nach der Anzahl der Zahlungsmittel, die die PSPs anbieten.)

Rudolf: Paydirekt ist erst im zweiten Schritt über die PSPs gegangen. Zuerst hat man sich an die großen Händler gewandt. Und erst danach ist die große Anzahl von 500 Shops entstanden.

Alex: Und die PSPs müssen sich Sorgen machen, dass PayPal oder Amazon Payments auch in Richtung Vorkasse usw. vertikalisiert. Wenn du bei TRIGEMA bestellst, ist Amazon Payments ja sehr praktisch für dich. Deine Lieferadresse ist schon eingetragen, dein Kauf steht in der Bestellhistorie auf Amazon und du hast einen Treuhandservice über Amazon.

(Alex vermutet, dass andere Shops Amazon Payments nicht anbieten, da der Konkurrenzgedanke oder die Sorge um die eigenen Daten zu groß ist. Er weist darauf hin, dass direkte Services wie paydirekt es zunehmend schwerer haben, da Händler lieber mit PSPs arbeiten. Allerdings hat die Sparkasse gerade PAYONE gekauft.)

39:10

Rudolf: Es ist damit zu rechnen, dass es demnächst relevante Bankingplattformen gibt. Möglicherweise wird Google die Plattform für den ersten Kontakt sein. Wir haben ja im Energiemarkt Portale wie Verivox, wo ich mir meinen Energielieferanten aussuche. Die Gefahr besteht, dass ich bald auch meine Bankprodukte modular über eine Plattform zusammenstelle. Ein Girokonto bei Bank A, eine Kreditkarte bei Bank B, eine Hausfinanzierung bei Bank C und meine Finanzinvestments bei Bank D. Das ist aber noch im Entstehen. Noch gibt es kein Amazon der Finanzbranche.

Was hätte der Handel vor 15, 20 Jahren anders machen können, um selbst am Plattformgedanken zu partizipieren?

Alex: Darüber nachzudenken, ob es ein Google oder Facebook für Banken gibt, ist falsch. Wir sehen an der Plattform-Ökonomie, dass der direkte Endkundenzugang in der digitalen Welt von wenigen Playern kontrolliert wird. Im Westen von Amazon, Apple, Facebook und Google. In Asien von Tencent, Alibaba und in Japan noch von Rakuten. Und in diesen Plattformen gibt es Vertikalisierungsbemühungen. Google versucht das im Homebereich über Nest oder Google Home. Amazon versucht das auch. Jedes Device, über das ich mit der digitalen Welt interagiere, sei es über Stimme, über Kamera oder übers Anfassen, wird durch Plattformen kontrolliert. Und für die ist der Aufbau eines Zahlungssystems total normal geworden.

(Alex beschreibt, dass vor ca. fünf Jahren davon ausgegangen wurde, dass es nie ein Amazon oder Google für Banken geben würde, weil die BaFin-Freigabe zu aufwändig sei. Inzwischen stimmt das aber nicht mehr. Er weist außerdem darauf hin, dass Geld bei PayPal oder Amazon zu parken sehr praktisch ist, da die meisten Transaktionen sowieso über diese Plattformen stattfinden. Das Thema Zahlung wird also innerhalb der Plattformökonomie einfach mitgelöst. Er beschreibt, wie Portemonnaies mit vielen Karten gar nicht mehr zeitgemäß sind, weil sie vom Handy mit Fingerabdrucksensor abgelöst werden. Alex vermutet, dass die Unternehmen, die Bezahlvorgänge aus Kundensicht bequem lösen, ohne Post-Ident-Verfahren etc., das meiste Geldvolumen in ihrem Ökosystem anhäufen und so Vorteile bei zukünftigen Services und Diensten haben. )

44:45

Alex: Ich sehe bei den Banken und Sparkassen gar nicht die Ambition, das zu durchbrechen. Die denken mit Scheuklappen: „Wir brauchen so was wie PayPal“, dabei muss PayPal sich jetzt Sorgen machen, wie sie an Amazon, Google und Co. dranbleiben. PayPal muss auch zu einem Ökosystem wachsen. Und diese eingeschränkte Denkweise, dass man nur einen Zugang auf dem Handy der Kunden braucht, versperrt die Sicht auf die echten Herausforderungen. Und dabei ist noch nicht einmal die Rede von Bitcoin.

46:55

Rudolf: Meinst du, dass das Thema digitale Identität für die Banken eine Chance wäre? Zurzeit habe ich als Kunde ja den Pain Point, dass ich mich bei jedem Shop und Portal neu anmelden muss. Die Banken könnten da eine digitale Identität zur Verfügung stellen. Sie haben ja alles dafür.

Alex: Überzeugt davon bin ich nicht, weil ich und die anderen Kunden das eher nicht als Problem wahrnehmen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das in Deutschland klappt, weil es hier diese Ängstlichkeit gegenüber der Plattformökonomie gibt. Die Herausforderung ist, dass man so was mit einer enormen Wucht bauen und Amazon, eBay und Zalando gewinnen muss. Das geht nicht mit dem zahmen Geschäftsgebaren der Banken. Ich könnte mir vorstellen, dass es funktioniert, wenn die Visibility gut ist, es tatsächlich ein Problem löst und man sich einfach über seine Handykamera im zweistufigen Verifikationsverfahren identifiziert. Aber das muss an den richtigen Stellen wie Amazon, eBay und idealerweise auch im Supermarkt implementiert sein. Daraus ein Ökosystem zu machen, das ausreichend Eigendynamik aufbaut, sodass viele Partner hinzuströmen, das bekommen diese Kooperationsansätze der Konsortien nicht hin. Das wird eher von einem neuen Player gelöst, weil er sich nicht um die TARGOBANK oder Sparkasse kümmern muss.

(Rudolf weist darauf hin, dass Google den Universal Second Factor, den U2F, und die FIDO-Allianz vorantreibt und dass er seine Gmail-Konten über eine Zwei-Faktor-Authentifizierung mit einem YubiKey-Token sichert. Rudolf und Alex besprechen daraufhin Passwortsicherheit, wonach Alex abschließend anmerkt, dass er enttäuscht ist von der mangelnden Innovation und Risikobereitschaft der Konsortien. Er sieht die besten Chancen für PayPal und Amazon Payments.)

 

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2 Gedanken zu „Was können Banken vom Omnichannel lernen?

  1. Habt ihr gut gemacht – ich war zu unrecht skeptisch, ob ihr bei den unterschiedlichen Branchenhintergründen in tiefere Analysen einsteigt.

    Weil’s mir im Podcast auch kurz aufgefallen war: http://scheinbaranscheinend.de/ – mein innerer Rain Main meldet sich da immer 😉

  2. > mein innerer Rain Main meldet sich da immer
    Weltklasse :)))

    Wahrscheinlich ist höchstwahrscheinlich genauso unwahrscheinlich wie wahrscheinlich.

    © Wolfgang J. Reus
    (1959 – 2006), deutscher Journalist, Satiriker, Aphoristiker und Lyriker

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