Der stationäre Handel schlägt zurück | Paul Verfechter

PaulDie ist ein Gastbeitrag vom kritischen Starautor Paul Verfechter

Ich finde es empörend wie die E-Commerce Verfechter in letzter Zeit auftreten. Ich habe in diesem Blog bereits vor zwei Jahren festgestellt, dass E-Commerce nichts anderes als eine große Geldvernichtungsmaschine ist, ganz abgesehen von den sozialen und städtebaulichen Folgen dieser Entwicklung. Nun hat ein höchst renommiertes Institut (laut welt.de)  ganz klar die Wachstumsgrenzen des E-Commerce aufgezeigt und die sogenannten „Experten“ wettern dagegen wie alte Waschweiber. Der Krisch unterstellt fehlende Marktkenntnis, der Lang vergleicht die Aussage mit albernen Internetzitaten aus der Vergangenheit und der Kolbrück bezeichnet den renommierten Autor, der als Berater stationärer Händler arbeitet, als Troll. Das geht deutlich zu weit finde ich, und ich möchte an dieser Stelle den Autor für seine visionäre Sichtweise loben. Er verwendet vollkommen zurecht das bekannte Diffusionsmodell, um herzuleiten, warum der E-Commerce aktuell an seine Grenzen kommt. Das ihm zur Verfügung stehende Zahlenmaterial konnte diese Aussage nicht belegen, weshalb der Rückgriff auf ein solch bekanntes Modell nur sinnvoll erscheint. In der Summe kommt er zu der Erkenntnis, dass 2/3 der deutschen Internetnutzer bereits einmal ein Buch im Internet gekauft haben und damit nur das verbleibende Drittel als Wachstumspotential im E-Commerce verbleibt. Wenn alle Nutzer sich recht stabil in ihrem Kaufverhalten entwickeln, dann steigt der Bücherkonsum über E-Commerce maximal noch 50%, während Lebensmittel durch die geringe gegenwärtige Onlinepenetration in Zukunft der stärkste Online Wachstumstreiber sein werden. Das leuchtet ein. Sogar der VDK (Verein Deutscher Kutscher) und die FDCT (Freunde des C-Netz Telefons) bestätigen den Erfolg des Modells in ihren Analysen. Hype-Trend

 

Nur vereinzelt wird in diesen Studien auch ein Zusammenhang mit dem Rielplschen Gesetz hergestellt, das die Unverwüstlichkeit alter Kommunikationsformen herleitet, die eben nicht durch neue Kommunikationsformen 1:1 ersetzt werden. „Mit der Einführung des Hörfunk starb die Tageszeitung nicht aus, sondern sie spezialisierte sich auf stärkere Hintergrundberichterstattung und lokale Ereignisse.“ So verhält es sich auch mit dem Onlinehandel. Menschen werden ihre Produkte in Zukunft über alle Kanäle kaufen, wie es in der Multichannel Theorie schon oft vorausgesagt wurde.

Die Erklärungsansätze von Gerald Doplbauer, dem Autor, leuchten daher ein.

  • Sättigungstendenzen bei Online-Sortimenten der ersten Stunde
  • Anpassungsmaßnahmen stationärer Händler (Erhöhung des Einkaufserlebnisses)
  • Fehlende haptische und emotionale Aspekte im Onlinehandel
  • Lange oder undurchsichtige Kaufprozesse (Verfügbarkeit, Zahlarten)
  • Mindere oder fragliche Produktqualität (Frische Waren…)
  • Unterschiedliche Konsumententypen (TV Verweigerer)

Olaf Kolbrück hat sich bezüglich dieser Argumente weit aus dem Fenster gelehnt und diese als lächerlich abgetan. Dabei steckt darin doch viel Wahrheit. Welche Onlinehändler wachsen denn heute schon noch? Das ist doch nur noch Amazon. Und wenn die erst einmal anfangen müssen Steuern zu zahlen, dann ist der Ofen doch schnell aus. Der stationäre Handel schläft auch nicht. Mein Fischladen nebenan hat vor kurzem eine Liste ausgelegt, damit man seine E-Mail Adressen eintragen kann. Geht doch! Mir kann auch keiner erzählen, dass man Schuhe gut online kaufen kann. Erst letzten hatte ich wieder ein schönes Erlebnis im Laden. Tolle Schuhe, zwar nicht im meiner Größe und Farbe, aber die Verkäuferin war wirklich nett. 2006 habe ich bei eBay auch mal ein Perserteppich gekauft, dessen Qualität im Nachgang nicht ausreichend war. Zwar konnte ich den umtauschen, aber so etwas wäre mir bei „Müller Teppiche“ in Eutin nicht passiert. Und ganz ehrlich; wer braucht in Zeiten von Netflix schon einen Fernseher? Die Gruppe der TV Verweigerer wächst doch gerade massiv. Klare Indizien für die Stabilität des stationären Handeln.

Je weiter man sich mit den verfügbaren Daten beschäftigt, desto klarer wird die Qualität der GFK Studie. Der renommierte Statistiker Tyler Vigen hat beeindruckende Zahlen über die negativen Auswirkungen des Onlinewachstums aufbereitet. Zum Beispiel ist durch das Onlinewachstum Florida eine deutlich höhere Scheidungsrate zu verzeichnen.

http://tylervigen.com/view_correlation?id=35680

divorce-rate-in-florida_online-revenue-on-thanksgiving

Der Grund für diesen Zusammenhang wird klar, wenn man der stationären Legende Lovro Mandac (Ex Kaufhof CEO) zuhört. In seiner Begründung zur Lockerung der Öffnungszeitenregelung am Sonntag führt er regelmäßig (Berlin Immobilienkongress 2014) an, dass dadurch mehr Leute auf der Straße sind und sich nicht zu Hause auf die Nerven gehen. Die hohe Scheidungsrate ist da nur die Spitze des Eisberges.

Vor kurzem war ich am Samstag 16:00 Uhr in der Innenstadt einkaufen. Es war ein Traum. 1:1 Betreuung in den Geschäften und genug Parkplätze mitten in der Stadt. Wenn mir da noch mal einer was von der bitteren Zukunft des stationären Handels erzählen will, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Sollen die Leute doch das E-Commerce Buch vom Graf kaufen, wenn sie glauben dass der E-Commerce erst am Anfang steht.

Potential

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Studien von Paul Verfechter. Permanenter Link des Eintrags.

Über Paul Verfechter

Paul Verfechter hat über 25 Jahre Kunden- und Industrieerfahrung gesammelt. Er setzt sich regelmäßig mit neuen Trends und Entwicklungen auseinander und beobachtet diese mit einem gewissen Abstand, weil er neue Dinge schon zu oft hat scheitern sehen. Er verfechtet daher gerne bestehende Branchen, Modelle und Ideen und hilft den Lesern von Kassenzone eine positive Sicht auf die Dinge zu bekommen. Sein Profil https://about.me/verfechter

19 Gedanken zu “Der stationäre Handel schlägt zurück | Paul Verfechter

  1. Gedundbeten hilft dem stationären EH nicht. Er wird durch die Integration digitaler Verkaufs- und Ladenkonzepte selbst zu einem hybriden Format und Omnichannel-Intermediär werden. Rein stationär wird (in der Gesamtschau) nicht die Zukunft gehören, aber reinen Internet-Playern wohl auch nicht. Wenn aber die Digitalisierung das allseits prägende Geschäftsprinzip werden wird, kann man vielleicht das Ende des Wachstums für reine Internet-Händler verkünden, aber nicht das Ende des E-Commerce. Im Gegenteil: die Digitalisierung des stationären EH steht erst bevor. Das aber wird den Strukturwandel im stationären EH dramatisch forcieren. Die Fronten verschieben sich, der stationäre EH ist dann weniger durch den Online-EH bedroht als vielmehr aus sich selbst heraus. Genau diese Weiterentwicklung wird von Ihnen und der GfK übersehen. Wenn Sie mir Ihre Mail-ID zukommen lassen, schicke ich Ihnen dazu einen kleinen Beitrag.
    Beste Grüße
    Rainer Lademann

    • Ohnehin finde ich die Vorstellung, dass Online Offline substituieren könnte amüsant, weil für mich zu wenig aus Kundensicht gedacht: Ist es denn so, dass der Verbraucher überhaupt online einkaufen will? Für mich: Nein. Und fffline? Auch nicht.
      Der Verbraucher, resp. der Kunde, hat ein Bedürfnis, das er befriedigen möchte. Nicht mehr und nicht weniger.
      Bleibt nur noch die Frage, welcher Anbieter es schafft, eben dieses Bedürfnis besser zu befriedigen.

  2. Vielen Dank Herr Verfechter,
    (ich dachte bei diesem Nachnamen kurz an einen Joke)

    ich kann Ihrem Artikel nur zustimmen. Und genau aus den geschilderten Aspekten, versenden wir bei der Ottogroup weiterhin unsere Kataloge, damit wir wenigstens den Nachteil

    „Fehlende haptische und emotionale Aspekte im Onlinehandel“

    ausgleichen können.

    Ich würde mich freuen, wenn hier zukünftig noch mehr kritische (Gast-)Kommentare abgebildet werden.

    • War heute morgen wohl noch etwas zu früh, nach dem ersten Kaffee liest sich der Artikel besser. 😉

  3. Erstmal möchte ich geklärt wissen, ob der Autor (siehe seine about.me Seite: https://about.me/verfechter), den Vorschlagswesenpreis bei der aRcandor AG (die es 1995 noch nicht gab) oder bei der Acandor AG (die es nie gab?) gewonnen hat.

  4. Vielen Dank für diesen erfrischenden Artikel. Endlich spricht es jemand aus: Das mit dem E-Commerce ist einfach bloß so eine Phase, die wieder vorübergehen wird. So wie auch andere Phasen wieder abgeebbt sind. Hatten uns nicht „Experten“ einst den Siegeszug des CD-Spielers vorausgesagt? Und was ist tatsächlich passiert? Nach einer gewissen Boom-Phase sind die CD-Verkäufe stark eingebrochen – und Vinylplatten und Plattenspieler gewinnen heute wieder Marktanteile. Oder man denke an mechanische Armbanduhren: Nach 20-jähriger Schwächephase in den 80ern und 90ern kamen sie zu neuer Blüte und verkaufen sich heute gut wie nie.

    Man soll also den stationären Handel tatsächlich nicht abschreiben. Er hat weiterhin gute Aussichten – vor allem auch, wenn es endlich zur „Waffengleichheit“ bei den Öffnungszeiten kommt, die Lovro Mandac in dem verlinkten Artikel einfordert: Er will die Freigabe der Öffnungszeiten und eine Sonntagsöffnung im Handel erreichen. So wird es leider nicht kommen. Dafür ist die Lösung noch einfacher: Die Einzelhandelslobby und die Gewerkschaft Ver.di mögen sich bitte gemeinsam dafür einsetzen, dass das Ladenschlussgesetz endlich auch auf Onlineshops angewendet wird. Also: Kein Onlineverkauf mehr in der Zeit von 20 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Und natürlich auch kein Onlineverkauf mehr an Sonntagen. Hier werden gewiss auch die Kirchen zustimmen und sich der Bewegung anschließen: Statt sonntags am iPad zu shoppen, sollten die Leute lieber wieder in den Gottesdienst gehen. Damit das Ladenschlussgesetz nicht von findigen Kunden und Händlern durch Auslandsbestellungen umgangen werden kann, muss es natürlich weltweit gelten. Maßgeblich für die Schließungszeiten sollte die deutsche Zeitzone sein. Außenminister Steinmeier möge bitte bei der UNO einen entsprechenden Resolutionsvorschlag zur Abstimmung stellen, den die Regierungen aller Länder in nationales Recht umsetzen müssen.

    Eine weitere Gefahr des Onlinehandels wurde bisher noch nie ausreichend diskutiert: Wer nur am Rechner oder Tablett-PC bestellt und nicht mehr zum Einkaufen vor die Tür geht, leidet an Bewegungsarmut. Adipositas und Herz-Kreislauf-Insuffizienz sind reale Gefahren, die durch das Onlineshopping entstehen können. Einige Gesundheitsverbände werden demnächst in einer großen Kampagne Alarm schlagen: „Tue etwas für Deine Gesundheit, laufe mehr durch die Fußgängerzone“. Große Krankenkassen wie die Barmer und die Techniker planen, diese Aktion durch die Ausgabe von Einkaufsgutscheinen für den stationären Handel zu unterstützen: Das stärkt die Gesundheit der Versicherten und hilft auch, den stationären Einzelhandel gesunden zu lassen.

    Eine glorreiche Zukunft im Post-E-Commerce-Zeitalter steht uns allen bevor!

  5. Lustig, Herr Verfechter, ich verfechte eine ähnliche Meinung wie Sie (vielleicht nicht so ironisch-pointiert). Aber man sollte sich auch mal die Frage stellen, warum die E-Commerce-Berater bei jeder kritischeren E-Commerce-Zahl gleich ins Handbuch der Verbalinjurien schauen, die Keule rausholen und ungemein pädagogisch drauf los hauen. Geht mit jeder negativen Aussicht zum E-Commerce eigentlich gleich deren Auftragsvolumen zurück?

    • Uh Frau Vieser, sowas dürfen Sie hier doch nicht fragen, zumindest nicht ungestraft. Häme über Sie.

      Hier wissen wir alle, dass wir spätestens 2025 mind. 99% E-Commerce-Anteil am gesamten Einzelhandel haben werden. Nur das Brot werden wir noch beim stationären Bäcker kaufen.

    • Es ist auch etwas ermüdend immer wieder das Gleiche stereotype Bild zu strapazieren…

      Neu gegen Alt… Ein undifferenziertes Selbstbildnis bei dem sich innovativer darstellt als man ist, kann auch nach hinten losgehen, vor allem wenn man PHP Frameworks für innovativ hält …

  6. Klappern gehört zum Handwerk!
    Besonders laut und stark hauen die Dienstleister rund um das E-Commerce auf die Trommeln.
    Inklusive der Wellenbrecher….die verbreiter digitalen Wissens…so mancher Online Verlag.
    Man hat den Eindruck, wenn du da nicht aus vollen Rohren mitfeuerst, bist du in 2 Jahren unter der Erde.
    Die müssen das tun, das Zeitfenster ist klein, um damit Geld zu verdienen.
    Wenn in 2 Jahren die Zinsen steigen, so mancher Invest ins straucheln kommt, Investoren auch mal Kasse machen wollen, die Realität jedoch dann doch nicht so blumig erscheint…..heißt es anschnallen (die Achterbahn rast rückwärts) oder aber, Frauen und Kinder zuerst, rette sich wer kann. 🙂

  7. Macht es eigentlich ueberhaupt noch irgendeinen Sinn sich mit dem stationären Handel auseinanderzusetzen?

    Wer jetzt immer noch nicht verstanden hat wie Technologie so ziemlich alles transformiert, der wird es auch nicht mehr verstehen.

    Der Prozess der Transformation startete vor über 20 Jahren… Und innovativ ist es vielleicht für Leute die die letzten 15 Jahre in einer Hoehle verbracht haben.

  8. Auch ich kann nur sagen, dass der stationäre Handel absolut und relativ immer die führende Kraft in der Konsumwelt behalten wird. So wollte ich doch neulich glatt einen Reiseführer in einer stationären Buchhandlung kaufen. Auf freundliche Nachfrage sagte mir die Einzelhandels-Verkaufsberaterin, dass es den von mir gesuchten „Tel Aviv“ Reiseführer nicht gibt und dass auch eine Bestellung im Großhandel aussichtslos sei. Glücklich und froh über meine gesparten 17,95 € verließ ich daraufhin das Geschäft und frage mich bis heute: W-T-F?

  9. Leider leidet die eComm Branche (Speziell die „Experten“) an einem tiefgreifenden Problem: Sie meinen, dass ihr eigenes Verhalten und Vorlieben für alle Menschen gelten. Sie vergessen dabei aber folgendes: Nicht alle Menschen sind unsere Kunden, aber alle Kunden sind Menschen, die nach den gleichen Mustern ticken. Sie lieben multisensorische Ansprachen, Erlebnis und vor allem Kontakt mit anderen Menschen. Das bekommt ein 27 Zoll Bildschirm mit ein paar PC Lautsprechern nicht hin. Die derzeitige Diskussion erinnert mich an die 90er, als die Experten davon überzeugt waren, dass dem Cybersex die Zukunft gehört. Spezielle Anzüge die alles simuliert was der Fetisch wünscht. Ist leider (oder Gott sei Dank) nix draus geworden. Oder die aktuelle Diskussion über mobile Payment: Darüber gibt es mehr Präsentationen auf Kongresse als echte Zahltransaktionen. Einen entsprechenden Overhype beobachte ich gerade beim Thema Beacon. Komischerweise sieht man immer die gleichen Typen, die von Hype zu Hype hüpfen. Gestern noch Social Media Berater, heute schon Experte für Geofencing!

    Eines muss den Experten endlich mal klar werden: Die Theoretisierung des Handels (Channel, Customer Value, Targeting um nur ein paar budgetlockernde Buzzwords zu nennen) hat nichts mit dem echten Leben zu tun. Kunden denken nicht in Kanälen, sonder erleben begeisternde Handelskonzepte.

  10. Meiner Meinung nach wird beides immer parallel und auch verknüpft miteinander existieren.
    Wobei ich aber auch feststellen muss, dass häufig nicht bedacht wird, dass auch viele Leute, die aktuell online kaufen wieder zu Offline-Käufern werden.

    Das sehe ich besonders stark im Fashionbereich. Ich kenne so viele Leute, mich eingeschlossen, die beim Kleidungskauf wieder zurück zum Einzelhandeln wandern, weil die gekauften Klamotten nie passig sind und sie keine Lust auf das Ständige hin- und herschicken der Ware haben. Dieser für den E-Commerce negative Effekt wird meiner Meinung nach kaum bedacht/erwähnt.

  11. Hier ein paar Eindrücke zum Thema aus der mittelbadischen Provinz, die bei näherem Hinsehen gar nicht so provinziell ist: Würde man am Bahnhof Baden-Baden eine großen Zirkel in den Boden rammen und einen Kreis mit 15 km Radius zeichnen, würde er Baden-Baden, Rastatt, Gaggenau, Gernsbach, Kuppenheim, Sinzheim, Bühl, Iffezheim, Hügelsheim umfassen – und damit ca. 210.000 Einwohner. Man könnte also meinen, dass einiges Potenzial für den stationären Handel vorhanden sein sollte. Doch in quasi jedem Ort stehen in bester Innenstadtlage Flächen leer.

    Der stationäre Handel bei uns ist aus Kundenperspektive wenig sexy. Die Händler leiden unter dem Sortiments-Dilemma, das aus meiner Sicht in der ganzen Handelsdiskussion bisher viel zu kurz gekommen ist: Im Vergleich zur riesigen Warenauswahl aus dem Onlinehandel hat der typische stationäre Einzelhändler nur eine beschränkte Sortiments-Auswahl vorrätig. In großen Städten wie Hamburg, Berlin oder München ist das kein Problem. Dort findet der Käufer für die meisten Handelssegmente (Sport, Schuhe, Bekleidung, Elektro etc.) mehrere konkurrierende Händler, die sich mit ihrem jeweiligen Teilausschnitt so ergänzen, so dass der Käufer in der Summe wieder die gesamte Auswahl zur Verfügung hat. In der Provinz gibt es manchmal jedoch nur einen einzigen Händler, der ein Segment „beackert“. Beim Kunden setzt sich dann der Eindruck fest: „Ein Besuch beim örtlichen Fachhändler lohnt sich nicht. Der hat keine Auswahl.“

    Ich wüsste auch nicht, wie ein stationärer Händler dem Sortiments-Dilemma entkommen könnte: Vielfach sind nämlich die Handelsflächen im Stationärhandel einfach zu klein, um ein größeres Sortiment zu präsentieren. Dazu kommen die hohen Mietkosten pro Quadratmeter, die ebenfalls gegen eine Flächenausdehnung sprechen. Und dann ist es für einen rein lokal agierenden Stationärhändler natürlich eine Herausforderung, ein vergrößertes Sortiment an den Mann zu bekommen.

    Der Onlinehandel ermöglicht auch der Bevölkerung außerhalb der Metropolen den Zugang zu großen, bunten, weiten Welt der Waren, wie sie bisher nur den Bewohner großer Städte zur Verfügung stand. Ich bin fest überzeugt, dass wir aktuell auch den Wandel des Kaufverhaltens sehen, wie er bei Kassenzone schon öfter beschrieben wurde. Aus meiner Sicht greift das „Online-Kaufmodell“ immer weiter um sich und wird dauerhaft zum neuen Standard werden: Im ersten Schritt wählt der Käufer die gewünschten Ware aus und erst danach sucht er sich einen passenden Händler dafür. Und hier schlägt das Sortiments-Dilemma wieder zu: Der potenzielle Käufer recherchiert im Internet, entscheidet sich für einen bestimmten Artikel – und findet keinen stationären Händler in seiner Gegend, von dem er ihn beziehen kann. Was liegt also näher, als gleich online zu bestellen? Aus meiner Sicht wird der stationäre Handel in kleineren Städten neben dem Preiskampf auch am Sortimentsdilemma scheitern. Zumindest ist es der Hauptgrund, warum ich immer mehr online kaufe.

    In größeren Städten sehen ich dagegen das Bequemlichkeits-Dilemma als Feind des stationären Handels: Theoretisch könnte ein Kunde alle gewünschten Artikel in seiner Stadt bei lokalen Händlern kaufen. In der Praxis hat er aber keine Lust, um sich in Auto oder U-Bahn zu setzen und 15-30 Minuten zu Händler zu fahren. Für ihn ist es viel zeitsparender und bequemer, sich die Ware nach Hause (oder an den Arbeitsplatz) schicken zu lassen. Diesen Käufertyp erlebe ich immer häufiger in meinem Berufsalltag als Onlinehändler.

    Warum hat eigentlich in den größeren Städten noch kein stationärer Händler versucht, den Onlinehandel mit seinen eigenen Waffen zu schlagen? Mit niedrigen Preise durch eine Optimierung der Kostenstruktur. Warum gibt es noch keinen Händler, der das Ryanair-Modell auf den Handel adaptiert hat: den „No Frills“-Handel zu niedrigsten Kosten ohne schmucke Geschäftsräume, ohne kostenfreie Beratung. Dafür ein Verkauf in einer Lagerhalle direkt von der Palette herunter. Wer Kundenberatung wünscht, könnte die Hilfe eines Verkäufers in Anspruch nehmen, muss aber dafür pro Minute Beratungsgespräch einen Obolus entrichten. Es wäre wie bei einem Ryanair-Flug: Wer es besonders billig haben möchte, verzichtet auf jegliche Extras. Wer es gerne etwas komfortabler haben möchte, muss für Zusatzservices wie Beratung Geld investieren. Primark geht ansatzweise in diese Richtung: Günstige Ware in bestenfalls zweckmäßig gestalteter Einkaufsatmosphäre mit geringstmöglichem Personaleinsatz. Aber eine richtig konsequente Umsetzung des No-Frills-Prinzips ist auch Primark nicht.

    Aus meiner Sicht wird früher oder später eine Zweiteilung des stationären Handels einsetzen: Am oberen Ende wird der Erlebniseinkauf in schmuck gestalteten Einkaufwelten (Premium-Ambiente, Premium-Beratung, Premium-Preise), am unteren Ende der Einkauf in kostenoptimierten No-Frills-Läden. Das mittlere Segment, das nichts richtig bietet (mittelgroßes Sortiment, mittelmäßiges Ambiente, mittelmäßige Beratung, mittelmäßige Preise), wird unter die Räder geraten. Ich sehe also durchaus Chancen für den Stationärhandel. Aber eines ist gewiss: Der Einzelhandel der Zukunft wir ein anderer sein als bisher.

  12. Ist man ein durchschnittlicher Kaufmann so setze man auf den eCommerce Herdentrieb.

    Herausragende Leute mit herausragenden Ideen können es auch und gerade stationär, wo man sich besonders markant und unmittelbar aus der Masse hervor heben kann, nach wie vor ordentlich was reißen.

    Was halt nicht mehr geht, das ist mit Schema F und missmutiger Routiniertheit Kunden, die eh keine Wahl haben, Waren hinzuschieben und dafür den „UVP“ verlangen und bequem wirtschaften zu können.

    Es wird extremer. Ganz viel Mehrwert, Premium, Service, das geht besser denn je, gerade stationär, es entwickelt sich fast schon zu Prestige Waren nicht als Schnapper aus dem Netz und dem braunen Pappkarton zu haben sondern sich persönlichen Service geleistet zu haben (in einem Sketch würde man es schon eher auf Lacher abgesehen haben, wenn aufgetakelte Society Damen einander neue Kleidung vorführen und auf die Frage „Schätzchen woher hast du das denn, ganz bezaubernd!“ die andere nur „Von Verkäufer Supagoldkram auf ebay natürlich!“ – man geht natürlich in Boutiquen, d. h. stationär).

    Ansonsten, schöne Satire.

  13. Pingback: Die Customer Journey wie sie Paul Verfechter nicht sehen mag | Kassenzone

  14. Glaubt man den Statistiken (z. B. de.statista.com) liegt der Anteil der Schattenwirtschaft bei derzeit niedrigen 12% des BIP.

    Der Handwerker, der ein Badezimmer in Schwarzarbeit fliest, kann nicht online bestellen, sondern muß immer zum Barzahlen in den Baumarkt.

    Hochpreisige Konsumgüter werden oft mit Schwarzgeld gekauft.

    Solange es noch Bargeld gibt bleibt dem stationärem Handel zumindest ein fester Sockel.
    Zumindest Designer-Läden und Baumärkte genießen noch einen Artenschutz.

    Alexander Fuchs

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