jet.com und die ganz ganz große Vision

Burning dollarEs fühlt sich gerade wieder so an wie 2008/2009, als jede Woche ein neues E-Commerce Konzept das Licht der Welt erblickt hat und man regelmäßig über neue Shoppingclubs und möchtegern Shoppingclubs (fab.com) schreiben konnte. In dieser Woche gesellt sich jet.com in diesen illustren Kreis und beweist eine sensationelle PR Arbeit. Die Medien sehnen den nächsten Amazon Herausforderer geradezu herbei, und nachdem ich mir die letzten Stunden die gängigen Artikel dazu durchgelesen habe, bleiben bei mir ehrlich gesagt mehr Fragezeichen als Euphorie. Vielleicht bin ich schon zu sehr abgestumpft durch die Vielzahl an Konzepten die versuchen über bessere Preise Kunden zu gewinnen und zu binden, oder ich verstehe das Konzept noch nicht richtig. In der Internetworld wird das Modell heute kurz erklärt. Jet.com ist eine Art Marktplatz mit Eintrittsgebühr (50$ im Jahr) der auf jegliche Handelsspanne verzichten will und alle Kickback Einnahmen (Affiliate Guthaben….) direkt den Kunden zuschreibt. Ok, ich schreibe hier mal “laut” mit:

Jet.com gewinnt Kunden mit dem Versprechen, dass man dort Produkte zum niedrigsten Preis kaufen kann und presst bei weiterem Wachstum so viel Handelsmarge wie möglich aus dem System, so dass strategisch weder für Hersteller, noch für Händler Sinn macht Produkte an/über Jet.com zu liefern. Für Kunden macht der Kauf solange Sinn wie das enorme Funding der Plattform in die Subventionierung des Angebotes gesteckt werden. Eine echte Kundenbindung gibt es nicht. (Die Jahresgebühr bindet mE nicht). Gut, eine ähnliche Strategie hatte Amazon auch – aber die haben das schon vor 20 Jahren gemacht und hatten keine bösartigen Wettbewerber, wie z.B. Amazon :-). Gedankliches Zwischenfazit: WTF

Vielleicht habe ich ja etwas übersehen. Ein erster Preischeck hat auf jeden Fall nicht zu meiner Beruhigung beigetragen. Die Produkte die ich mit Amazon.com verglichen habe, waren nicht spürbar günstiger, aber ggf. muss man da mehr Zeit investieren.

jet-kamera

Vergleichsprodukt bei Amazon: Samsung EDC-WB350F. Was übersehe ich also? Hat der Gründer vielleicht eine größere Vision. Auf seinem Blog schreibt Marc Lore:

We believe that there is big opportunity to deliver meaningful value to mass consumers by optimizing the underlying economics of online shopping and unbundling the embedded retail costs that drive up price. We’ve seen wholesale clubs innovate around price by re-imagining traditional retail economics before. Leveraging a membership model, they found ways to take costs out of the system, including placing stores in less desired areas, selling a very limited assortment, focusing on bulk-buying, and leaving products on palettes. In doing so, they unlocked significant savings for members and transformed how people shop; today over 80 million Americans are wholesale club members. At Jet, we see the opportunity to leverage technology and bring price innovation to an unlimited product selection by working collaboratively with our retail partners. We don’t compete with our partners; rather, we empower them with pricing tools that enable them to set different rules based on their business goals and profit targets.

Aha – es soll eine Art Costco 2.0 werden. So hat es auch Jochen Krisch schon vor einem halben Jahr gesehen. Costco ist allerdings ein sehr stationär gedachtes Modell und es hat seine ganz eigenen Probleme. Immer dann wenn in diesen Zeiten Onlineunternehmen Vorbilder aus stationären Umfeldern nennen, läuten bei mir die Alarmglocken. Die erfolgreichen E-Commerce Themen haben kein Äquivalent im stationären Handel. Amazon ist ja nicht etwa eine Art Karstadt 2.0, zumindest genauso viel oder wenig wie ein aktueller Mercedes eine Pferdekutsche 2.0 ist.

Im WSJ wird beschrieben, dass Jet.com clevere Strategien verwendet, um Kunden mehr Ersparnis zu bringen. Da wird u.a. erklärt, dass Kunden ggf. Affiliate Erlöse gutgeschrieben werden.

To save money, when Jet’s staff manually place orders on other websites on behalf of customers, they sometimes travel to the other sites via links that enable them to earn a back-end commission on the sale, according to Marc Lore, Jet’s chief executive. So-called affiliate programs are the key. Online merchants establish such programs to encourage websites to send them customers, giving them a link to paste on their site and paying them a commission if one of their users clicks through and buys a product.

jet-cash

Das heißt also, dass die das sogar mit Partnern machen die diesem Verfahren nicht zugestimmt haben. Das widerspricht wahrscheinlich allen Partner AGBs und ist in etwas so clever wie Cookie Dropping moralisch vertretbar wäre. Ich halte es für eher bescheuert ein Geschäftsmodell auf so einem System zu gründen. Aber wie begründet denn dann der Investor ein 220m US$ Investment in so eine Firma? Bei re/code sagt Scott Friend:

So as I sat there way back when we invested $5 million in the first round, it was rooted in the idea that commerce has not been innovated on in a long, long time. Amazon has a disproportionate share of the market and many, many others continue to grow. But we haven’t seen a real type of disruptive innovation in e-commerce after 20 years of massive growth that started when Amazon started. The best analog we can think of was when Walmart appeared to be eating the world of retail and here comes this little company called Costco with the club format … there was enough market for both of them. We definitely think there’s a similar opportunity here.

Er sagt auch noch ein paar andere interessante Sachen, aber auch er wiederholt die Fabel von Offline Stories die sich im Online Handel wiederholen werden. Das halte ich für sehr schwer belegbar und in diesem Fall ist es für mich ein Paradebeispiel einer linearen Denkweise, die in einem exponentiellen Markt fehl am Platz ist. Aber ok, er muss ja selber wissen was er mit seinem Geld macht. Gehen wir mal davon aus, dass die ersten 200m sinnvoll eingesetzt werden. Was dann? Jochen hat schon darauf hingewiesen, dass Jet.com in Millarden denkt und nicht in Millionen. Das ist ambitioniert. In einem Artikel in Business Insider sagt Marc Lore sogar, dass das Unternehmen erst ab 20 Mrd. US$ Umsatz Geld verdient.

He says Jet’s business model doesn’t work and it won’t start making money until the company reaches a big enough scale. Lore defines that „to scale“ landmark as when it sells $20 billion in products per year and has 15 million paying customers. Lore says the site should hit that scale and become profitable by 2020.

Ok, das wären dann 1.333 US$ Umsatz pro Mitglied. Das ist, wenn man mal auf die Umsätze bei Amazon schaut, nicht abwegig. Bis es soweit ist, lenkt Marc Lore mit ein paar  PR Nebelbomben von den wesentlichen Fragestellungen ab. Die wären für mich:

  • Woher sollen die 20 Mrd. Investment kommen, um die 20 Mrd. Umsatz zu erreichen. Billiger wird es meines Erachtens nicht?
  • Wie wird der Zielkonflikt zwischen den Interessen von jet.com und den zu gewinnenden Händlern/Herstellern gelöst? Das ist ja quasi ein Gefangenendilemma mit Ansage.
  • Wo liegt der Vorteil ggü. Amazon, die mit Amazon Prime ein jetzt schon besseres Angebot haben und an den meisten Produkten auch kaum noch Geld verdienen?
  • Warum verflixt werden solche Sachen denn nicht in den hunderten Artikel zu jet.com in der Presse hinterfragt?

Update Beim HBR gibt es einen passenden, eher kritischen Artikel zu jet.com. Dort wird der Einkauf bei jet.com empfohlen solange es jet.com noch gibt :-)

Consumers should take advantage of the three-month free membership trial and enjoy the discounts while they last. As an example of the absurdity of Jet’s pricing model, a Wall Street Journal shopper recently purchased 22 items from Jet.com. As it turns out, Jet didn’t actually stock 12 out of the 22 items — so it ordered the products directly from retailers like Wal-Mart and J.C. Penney to be shipped directly to the shopper. The Journal paid $275.55 for these 12 products, but Jet in turn paid rivals $518.46 to fulfill the orders. This resulted in a $242.91 loss for Jet.com on that order alone.

Beim Start des Beitrags habe ich mir noch gesagt: Finde das positive Momentum? Finde den strategischen Anker, um Amazon zu schlagen? Sei positiv, sei weniger Kassenzone….? Das hat leider nicht geklappt, sorry. Ich lasse mich aber von den bestens informierten Lesern gerne umstimmen! Wer mal ein paar Minuten Zeit für einen Preisvergleich jet.com vs. amazon.com hat, und seine Ergebnisse hier postet, erhält ein kostenloses Jahresabo Kassenzone.de.

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Über Alexander Graf

Alexander Graf ist Geschäftsführer von Spryker Systems, einem Joint Venture, das er im November 2014 zusammen mit Nils Seebach und Project A Ventures gegründet hat. Er verantwortet das Business Development und die Strategie des Technologie-Anbieters mit Sitz in Hamburg. Er ist zudem Gründer des größten europäischen Netzwerkes für digitale Unternehmer eTribes. Sein neues E-Commerce Buch wurde schon über 2.000x verkauft. Auf über 300 Seiten erklären Alexander Graf und Holger Schneider darin alle wichtigen Zusammenhänge zu Marktanalysen, Geschäftsmodellen und Strategien im E-Commerce. Er kann als Speaker und/oder Pausenclown gebucht werden. alexander.graf@etribes.de || Tel: +49 (40) 3289 29690

15 Gedanken zu “jet.com und die ganz ganz große Vision

  1. Hallo Alexander,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich habe mir bei all dem PR Tamtam in den letzten Tagen auch genau die gleichen Fragen wie du gestellt und bei der Recherche dann doch gewundert, dass jet.com mit diesem Geschäftmodell ohne jegliche Kritik als der Amazon-Rivale Nr. 1 betitelt wird.

    Nach Anschauen des 5 (!) minütigen Erklärvideos (https://www.youtube.com/watch?v=TlrSKnMrI10) ist mir ein Gedanke gekommen, auf den bislang noch nicht eingegangen worden ist: Versucht jet.com vielleicht mit Hilfe der „Dingdingdingding“ Smart Cart Bonuses einen Gamification Ansatz ins Shopping zu übertragen? Look & Feel der kleinen „Coins“ und auch die musikalische Untermalung im Video erinnern doch stark an bekannte & erfolgreiche Casual Games. Und legt man einen Smart Cart Artikel in den Warenkorb, sieht man anschließend schön visuell animiert die Preise der restlichen Artikel fallen. Das erinnert mich persönlich doch stark an bekannte Spiele-Ansätze: Sammeln von Bonus-Coins & „Unlocking“ von weiteren Leveln.

    Diesen Ansatz allerdings als das jet.com – „Killer“-Feature zu bezeichnen, so weit würde ich mich dann doch nicht aus dem Fenster lehnen. Zumal es erst einmal eine Einstiegshürde darstellt (nochmal: 5 Minuten Erklärvideo!) und dann genauso frustrieren kann, wenn nämlich genau die gewünschten Artikel eben nicht kombinierbar sind. Aber zumindest ist es ein neuer Ansatz, den ich in dieser Form noch bei keinem anderen Shop gefunden habe. Aber lasse mich hier gerne eines besseren belehren 😉

    • Ja, das kann schon sein. Die Nutzer sollen ja animiert werden mehr als einen Artikel in den Warenkorb zu legen. Je mehr – desto billiger. Das erinnert mich an swoopo und E-Commerce entwickelt sich ja eher so, dass man sogar Produkte für 2€ Warenwert ad hoc bestellt, weil sie kostenlos versendet werden. Der Use Case ist also eher anachronistisch.

      • Stimme dir zu, bei heute meist null Euro Versandkosten geht der Trend zu immer kleineren Ad-hoc-Bestellungen. Und schon fällt mir direkt wieder Amazon ein mit den „Dash“-Buttons: Vorrat alle, Button drücken, Ware bestellt.

        Swoopo hatte mit Artikel-Auktionen und Bids auch einen starken spielerischen (um nicht zu sagen glücks-spielerischen) Ansatz – allerdings ging der meines Wissens nicht über den jeweiligen Artikel hinaus, womit kein Upselling erreicht werden konnte.

        Jet.com setzt ja genau auf dieses Upselling, ist also nochmal ein anderer Ansatz. Wobei sie sich da auch selbst wiedersprechen: „Bulk“-Bestellungen mit großen Packungsgrößen werden im Video zu Anfang regelrecht lächerlich gemacht; bei jet.com soll der liebe Kunde aber bitte so viele einzelne kleine Produkte in einer Bestellung unterbringen wie möglich – also eine „Bulk“-Bestellung machen.

        Irgendwie habe ich so beim Kauf ständig das Gefühl, eben *nicht* den günstigsten Preis zu bekommen, wenn ich nicht gerade eine Familien-Sammelbestellung aufgebe.

  2. Pingback: Jet.com: Das nächste Amazon oder das nächste Fab.com? | Exciting Commerce

  3. Vielen Dank, Herr Graf – ich fühlte mich schon unangenehm einsam, weil ich mich die ganze Zeit schon Frage, was bitteschön das wahnsinnig tolle an Jet.com sein soll, außer dass die Gründer die Chuzpe haben, sich selbst zum Amazon-Nachfolger hochzustilisieren. Aber wie Sie richtig schreiben: PR- und Marketing-seitig kann man sicher einiges von Jet.com lernen.

  4. Gut, das es zumindest wieder einen ambitionierten Versuch gibt. Auch wenn das kein rationales Argument ist, denke ich , daß doch nicht alle potentiellen Onlinehändler dem Beinahe-Monopol von Amazon tatenlos zusehen können. Die Konsumenten mögen eine überschaubare Auswahl an Anbietern, und ev. schafft es ein Marktplatz/Händler sich mit einem guten Konzept als Alternative zu Amazon zu positionieren. Wir wissen doch ohnehin nicht, wie (r)etail in 10 jahren funktioniert, vielleicht kann sich jet.com oder ein anderer Mitbewerber besser auf die dann herrschenden Rahmenbedingungen einstellen oder reagieren( siehe Microsoft vs. Apple). Was passiert, wenn Amazon mal ein paar Jahre richtigen Gegenwind verspürt und dort oder da ein paar Prozentpunkte wegbrechen? Was passiert, wenn die >konsumenten erwachen und sich Amazons trojaner nicht mehr willfährig ins haus liefern lassen?(Sondern lieber welche von neuen Anbietern) Schon aus diesen Gründen bin ich überzeugt, daß die angesprochene Chuzpe auch irgendwann mal belohnt wird. Ob das bei jet.com der fall sein wird, sei dahingestellt. Aber wenn es keiner probiert,…
    Der Vergleich mit Costco ist insofern zulässig, als daß noch Platz für einen anderen Mega-Händler vorhanden ist , wenn er mit einem schlauen Konzept agiert. Was die Verkaufsmethodik angeht, lassen sich keine Analogien schließen.
    Costco ist, wie Alex schon meinte, ein stark auf Kostenoptimierung ausgelegtes Stationärmodell, das im wesentlichen von seinen Mitgliedsbeiträgen lebt und die Operating Costs durch minimales Handling und kleinstmögliche Produktauswahl sogar mit dem Mini -Aufschlag von durchschnittlich 11% hebt. Da im e-commerce jedes paket leider doch einzeln bewegt werden muss und online die auswahl so unglaublich wichtig ist, fallen diese potentiellen skaleneffekte alle weg.
    ( zumal bulk buying ja im video als „weird“ bezeichnet wird.)
    Bleiben für jet.com ein paar nette ansätze übrig, wie den direkten preisvergleich mit amazon und das live „sparen“ direkt wenn ein artikel in den warenkorb gelegt wird oder der Kunde auf „free returns“ z.B verzichten kann. Die Coins sind dann noch ein netter Extra-Bonus – ich denke schon, daß hier so mancher Spieltrieb geweckt werden kann. Die Coin- Geräusche haben mich ehrlich gesagt stark an Las Vegas erinnert und ich hatte mittelalterliche Frauen und Männer vor den Augen die schon lange kein Sonnenlicht mehr gesehen hatten, dafür aber Münze um Münze aus ihrem „coin cup“ in die slot machine werfen. Gut vorstellbar, daß es auch auf jet.com menschen geben wird, die am ende des tages einen 300 € warenkorb bestellen und sich darüber freuen, ihn während der letzten 8 stunden um „dingdingdingding“ 70 € ( im vergleich zu was eigentlich ? ) optimiert zu haben.

  5. Die „echte“ Konkurrenz von Amazon wird wohl eher bei den etablierten traditionellen Einzelhändlern zu finden sein.

    Die großen amerikanischen Einzelhändler besinnen sich gerade langsam auf ihre Wurzeln und beginnen zu verstehen, was E-Commerce für sie bedeutet und welche Innovationskraft diesem innewohnt. Dieser Transformationsprozess, der im Übrigen auf allen gesellschaftlichen Ebenen stattfindet, ist keine Einbahnstraße und schon gar nicht einfach zu bewältigen.

    Bezos hat während einer Produktpräsentation einmal sinngemäß gesagt: „Wir sind so erfolgreich, weil wir sehr schwierige und komplizierte Dinge nicht nur einmal gut machen, sondern immer und immer und immer wieder.“

    Im Bezug auf die traditionellen Einzelhändler kann es im Rahmen eines Transformationsprozesses nicht darum gehen, das Alte zu verteufeln oder gar einzumotten und sich nur noch auf das tolle, hippe und shiny Neue zu stürzen.

    Macys, Target, Walmart und wie sie alle heißen, haben sich gerade auf den Weg gemacht, zu erkennen, was E-Commerce für sie bedeutet. Aus dieser Erkenntnis kann eine Balance zwischen Altem und Neuem entstehen, aus der etwas (vielleicht nicht ganz) völlig Anderes emergieren kann. Vielleicht lernt das irgendwann sogar auch der deutsche Buchhandel noch.

  6. Erinnert mich an letsbuyit.com aus den 90ern… Die hatten Ameisen in ihren Werbespots und dadurch, dass der Händler so wenig kalkuliert und sich alle Konsumenten mit Sammelbestellungen zusammentun, kommt ein guter Preis raus.

    Kein Plan ist so gut, das er die erste Begegnung mit dem Feind überlebt!

    Im Handel entscheiden die pure Größe, Leistungsfähigkeit, Kundenfreundlichkeit, Verfügbarkeit und Preis – Punkt.

    Alle theoretisch positiven Systeme nutzen einem Anbieter nichts, wenn er selbst mit Sammelbestellungen und tollen Versprechen weniger Volumen auf die Straße bekommt, als ein vorhandener Wettbewerber im regulären Geschäftsbetrieb.

    Weiterhin – was soll zum Teufel positiv oder gut daran sein, wenn ein Händler auf Marge mehr oder weniger komplett verzichtet? Die Marge an sich ist ja nichts negatives, es geht doch um deren Verwendung. Wenn die Marge wie in etablierten deutschen Warenhäusern bei der begrenzt innovationsfreudigen Chefetage und den Investoren versickert, dann bestraft ein solches Vorgehen irgendwann der Markt – wenn die Marge für einen echten und kontinuierlichen Verbesserungsprozess verwendet wird – dann ist das gut für den Kunden und befeuert das Wachstum.

    Ganz ehrlich, warum soll irgendein Hersteller oder eine Marke eine kleine Menge seines Artikels „A“ an Jet liefern und sich damit den Marktpreis ruinieren, wenn die ganze Branche schon über die Preispolitik bei Amazon stöhnt, da aber wenigstens hohe Volumen dahinter stehen?

    Also aus Sicht des Großhandels und der Hersteller sehe ich keinerlei Lock-Effekt an Jet.com zu liefern. Da würde ich – weil die ja mit Ansage so knapp kalkulieren wollen, doch keinesfalls mit dem besten Preis dran gehen, der wird ja ansonsten durchgereicht und macht mir den Markt kaputt.

    Jet müsste hier über bestimmte Eckartikel einkaufsseitig richtig ins Bestandsrisiko gehen und so fette Mengen disponieren, dass sich Hersteller diese Aufträge nicht entgehen lassen wollen. Für mich sieht es aber eher so aus, als würde die Kraft in die Breite des Sortiments gelegt, das kann aber nicht funktionieren, so lange die Volumen nicht stimmen.

    Erinnert mich eher an einen Dropshipper der denkt, wenn er zig tausend Artikel die er nicht am Lager hat in den Shop lädt, dann hat er auf einmal Erfolg. Nein – VOR dem Verkauf stehen die Beschaffung und Bevorratung! Beschaffung funktioniert aber nicht mit Versprechungen und schönen Worten, sondern mit garantierten Abnahmen und Absatzmengen, denn irgendwer muss ja die Presse anwerfen, aus der all die Fernseher, Mixer, Digitalkameras und Wäscheständer fallen, die da verkauft werden sollen.

    Aber die PR war gut…. :-)

  7. Pingback: Ist Jet.com ein erfolgversprechender Amazon-Herausforderer?

  8. Nun ja, alles kommt wohl irgendwann wieder. Auch Geschäftsmodelle.

    Das dachte ich mir übrigens auch bei Collins, ich sag nur „Yalook“. Hattest du da kein Déjà-vu-Erlebnis?

    • Ich finde jet.com als Geschäfsmodell schon innovativ, aber es ist mE nicht gut. Yalook und Collins sind für mich zwei Welten. Sowohl vom Setup (Team, Ziele, Orga) als auch vom Modell (Ökosystem vs. exklusive Boutique)

      • Ich meinte das „alte“ Yalook, bevor Otto es eingestampft hat (vor ca. 5 Jahren). Was man jetzt unter Yalook.de findet hat damit natürlich nichts mehr zu tun.

  9. Pingback: Wo die wirklichen Potenziale von Jet.com & Co. liegen | 10 Jahre Exciting Commerce

  10. Sehr interessanter Artikel!

    Bzgl. der Anmerkung einmal Preise zu vergleichen habe ich etwas auf internetworld gefunden. Um 16000 SKUs selbst zu vergleichen fehlte mir leider Zeit und Muße, daher hier über die Sekundär-Quelle… Also auf geht’s für Jet.com in Richtung Milliardenumsatz mit Tierbesitzern. Zooplus aufgepasst. :)

    „Neun Prozent niedriger als bei Amazon und sechs Prozent niedriger als bei Walmart waren die Preise von 16.028 SKUs, die der Pricing-Spezialist Profitero nach dem Start von Jet.com bei dem neuen Amazon-Herausforderer analysierte. Vor allem für Tierbesitzer scheint Jet.com echte Schnäppchen parat zu halten. Im Bereich Lebensmittel war das Startup allerdings teurer als Walmart, aber immer noch günstiger als Amazon.“

    http://www.internetworld.de/e-commerce/e-commerce-trends/ebay-beerdigt-ebay-now-979134.html

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