Fred vs. Dave

In meinem E-Commerce ist doof Beitrag hatte ich schon kurz auf einen sehr lesenswerten Beitrag von Fred Wilson zur Entwicklung des Consumer Internets hingewiesen. Darauf hat der ebenso renommierte Dave McClure geantwortet und der Branche wieder Hoffnung gemacht. Zwar sind beide Autoren mit einer VC Brille unterwegs, aber die Argumente sind mE gut auf den Rest des Marktes übertragbar und lassen sich damit auch hervorragend in vielen anderen Diskussionen nutzen. Ich versuche beide Texte im folgenden Abschnitt kurz zusammenzufassen:

Fred Wilson sagt:

avcDas Internet ist erwachsen geworden. Viele große Plattformen wie eBay, Amazon, Facebook & Co. haben eine sehr starke Marktpositionierung aufgebaut und prägen damit das Kundeverhalten. Diese Megaplattformen gehören so zunehmen zum Relevant Set der Kunden und sind schwer zu verdrängen. Es wird deshalb auch zunehmend schwerer für die besetzen Nischen (Commerce, Network…) schnell eine große Zielgruppe aufzubauen. Zudem verlagert sich das Geschäft in Richtung mobiler Anwendungen die ein ganz eigenes Wettbewerbsumfeld darstellen. In diesem Umfeld ist es aufgrund verschiedenen Einflussfaktoren (Auffindbarkeit, Entwicklungskosten…) deutlich schwerer zu bestehen. Venture Capital richtet sich immer nach seinen Exit Optionen. Aktuell werden an der Börse/strategische Käufer…. keine Consumer Internet Modelle mehr nachgefragt. Daher will/kann es VC sich nicht leisten in diese Bereiche zu investieren. Das führt nun sogar dazu, dass bisherige Top Startups (Portfolio Stars) mehr Schwierigkeiten in Finanzierungsrunden bekommen. Wie soll es dann erst für die durchschnittlichen Startups weitergehen? Die Welle hat sich also weiterbewegt von B2C hin zu B2B, aber Fred erwartet in den nächsten 7-8 Jahren wieder eine Bewegung in die B2C Richtung.

Dave McClure antwortet:

daveDer VC Markt mag sich ggf. vom Consumer Internet wegbewegen, aber das ist ein Riesenfehler. Es gab nie eine bessere Zeit als heute, um schnell wachsende, skalierbare und profitable Online Unternehmen zu bauen. Die VCs mit einer entsprechenden Nischenexpertise werden weiterhin in dem Markt aktiv bleiben. Es kann aber durchaus sein, dass große Fonds nicht mehr in der Seed Investment Liga wie YC oder 500startups investieren wollen/können. Jeder nur denkbare digitale Kanal hat mehr Nutzer als je zuvor. Die Behauptung, dass es im B2C Umfeld schwerer wäre als anderswo ist falsch. Alle großen Online Erfolge der letzten Zeit (Zynga, Groupon…) sind im B2C Bereich verortet. VC wurde bisher vor allem dazu benutzt entweder a) Produkte zu bauen oder b) Kunden zu akquirieren. Beides ist durch das Internet unfassbar günstig geworden. Eine tolle Zeit für Online Unternehmer. Kapital wird im Vergleich zu Nischen Know How zunehmend unwichtiger. Große VC Funds passen teilweise nicht mehr zu den Finanzierungsansprüchen von Online Startups, weil sie ab einem bestimmten Zeitpunkt aus dem eigenen Cash Flow heraus wachsen können. Die Profitabilität vieler Startups entwickelt sich zudem positiv und Exits kommen vergleichsweise früh. Verschiedenen Entwicklungen, auch in neuen Märkten, führen zudem dazu, dass große Investmentsummen kaum noch notwendig sind, weil sich die B2C Startups direkt über die Endkunden finanzieren können.

 

Alex schaut in die Glaskugel:

orakel Dave widerspricht nicht, er stellt nur Thesen auf die seinen Support für die B2C Online Unternehmen untermauern. Fakt ist: VCs investieren zunehmend weniger in den Bereich B2C. Dieser Entwicklung stimmen beide Autoren grundsätzlich zu. Die Thesen von Dave sind schwerer belegbar. Es widerspricht fast allen mir vorliegenden Daten zu Online Geschäftsmodellen im B2C, dass diese Modelle nun auf einmal besser/einfacher/schneller profitabler werden sollen. Die genannten Online Erfolgsmodelle (z.B. Groupon) könnten für andere Texte auch leicht als Mißerfolge verwendet werden. Die Thesen von Fred Wilson zum schwierigen Markteintritt aufgrund der Mobile First Strategien klingen zwar schlüssig, aber mE sind die meisten Modelle doch noch recht stark webbasiert und mobile ist zwar schon sehr stark, aber weiterhin ein Nischenmarkt im Vergleich zum Rest. Dabei spielt es mE keine Rolle, ob viele Shopping Clubs oder sonstigen Commerce Modelle schon 20%+ Umsatzvolumen über mobile generieren. In diesem Fall ist mobile „nur“ Bestell- und ggf. Inspirationskanal. Die Kundengewinnung findet dann doch klassisch statt. Die Learnings daraus muss jeder Marktteilnehmer für sich ziehen. Würde ich einem Kunden eher empfehlen sein B2c Modell online zu erweitern, oder sollte er lieber nach B2B Ansätzen in seiner Wertschöpfungskette suchen? Wahrscheinlich letzteres. Würde ich als Unternehmer ein neues Online Startup eher im B2C oder B2B Bereich aufbauen? Wahrscheinlich würde ich im B2C Umfeld suchen, weil B2C aus einer Mikroperspektive heraus noch immer bessere Rendite Optionen bringt als B2B. Ist E-Commerce doof? Auf jeden Fall.