Lebensmitteleinzelhandel & das Web 0.0

In der aktuellen Ausgabe von „Der Handel“ wirft Prof. Gerrit Heinemann die Frage nach dem Verbleib des Online Engagements im deutschen Lebensmitteleinzelhandel auf.

Kurz und knapp: Es gibt kein Engagement. Die im Artikel genannten Gründe dafür  sind erstaunlich, zeigen sie doch, dass wir in diesem Bereich in den nächsten Jahren nicht viel erwarten zu haben.

Ein Multimilliarden-Euro Markt, hohe bestehende Nachfrage (vgl. Keywordtool) und ein paar Markteintrittsbarrieren die vom Klonen abhalten. Das klingt eigentlich nach einem attraktiven Markt. Die Businessoptionen reichen von einfachen Serviceanwendungen („Prospekt Online“) über Mehrwertdienste („Aldi Talk Konto online“) bis hin zu vollintegrierten Einkaufsberatern („Gurke online“). Und trotzdem wird dieser Markt bedient als wäre er nicht da. Die Startseiten der einzelnen Händler sprechen ihre eigene Web 0.0 Sprache:

Aldi.de Startseite Penny.de Startseit
famila.de Startseite rewe.de startseite

Bei Aldi.de begrüßt uns eine Weltkarte, bei familia.de begrüßt uns eine Deutschlandkarte, bei penny.de muss man einen Jodler ertragen und wird fündig, wenn man seine Immobilie verkaufen will und bei rewe.de muss man noch ein wenig Geduld mitbringen, um die Inhalte zu sehen.

Sensationell, dass es das so noch gibt. Es scheint so, dass die Unternehmen das Thema „Website Strategie & Umsetzung“ von ihren jeweiligen IT Abteilungen mitbetreuen lassen. Meine These für 2010 für diese Branche: Da passiert nix spannendes online.

18 Gedanken zu “Lebensmitteleinzelhandel & das Web 0.0

  1. Wenn ich da an Otto-Supermarkt zurückdenke… Es gibt so viele gescheiterte Versuche, ob mit dezentraler Lieferung oder zentraler, mit Spezialisierung oder ohne… Jetzt versucht man es von der technischen Seite bzw. der Zielgruppen-Seite, wie z.B. jatuso.de mit dem Scanner für Senioren.

    Ob das UI spröde aussieht, spielt vielleicht nicht mal die Rolle. Lebensmittel sind laut Nick Lansley von Tesco absolute low-involvement-Produkte, es muss in erster Linie schnell und verlässlich gehen.

    Wir haben in Deutschland ein anderes Problem: Das Preisniveau und die Lieferkosten samt Liefer-Sicherheit. Deshalb müssten Biomärkt (siehe Hagens Twitter-Reply) besser funktionieren. Wie ja auch die Delikatessen-Händler.

  2. @Martin: Das muss ich deutlich widersprechen.Ein Verlagerung des Lebensmitteleinzelhandels-Geschäfts auf den Onbline Kanal sehe ich auch weniger. Aber eine Ausweitung/Ergänzung des Geschäfts bietet sich doch an.

    Ich könnte mich doch über die Produkte von Aldi auf aldi.de informieren (Herstellung, Fair Trade…) und dann immernoch die Gurke im Laden kaufen. Das Low Involvement ist mE fixe Marktkomponente. Ich bin mir sicher, dass ein famila mit einer guten Couponingstrategie online inkl. Cross Selling eine deutlich höhere Kundenbindung erzielen kann.

    @Michael: Diese Seiten (z.B. auch citti24.de) richten sich nicht an die Masse bzw. ignorieren weitestgehend das von Martin angesprochene Kaufverhalten. Aber das ist immer noch besser als die Performance der im Artikel genannten Seiten.

  3. Ich glaube nicht, dass es der Coupon sein muss – was m.E. schon wegen der Margen schwer zu vermitteln ist. Und mal ehrlich: Wie viele Leute wollen mehr über Herstellung und FairTrade erfahren, als Aldi, Lidl & Co in den Prospekten und auf Tafeln im Markt zeigen?

    Ich hätte ’ne bessere Idee: Meiner Frau und mir gehen irgendwann die Ideen aus, was man noch an tollen Dingen für die Familie kochen kann. Andererseits gab es mal die tollen Bücher Aldidente und Aldipiccoli. Wenn ich da jede Woche einfach einen Rezeptplan machen könnte und daraus eine Einkaufsliste entsteht – das wäre was für mich.

    Und wenn dann andere Käufer noch ihre Rezepte vorstellen/eingeben könnten und mit Coupons belohnt werden, akzeptiere ich auch diesen weiteren Schnitt in die Marge 🙂

    Das ist auch deshalb so clever, weil Lego das beim „Creator“-Programm ja auch macht. Man kann seine Modelle virtuell erstellen. Dann braucht man vielleicht 20 blaue Steine, aber den Beutel gibt es nur als 50er. Lego verkauft also mehr. Wenn die schlau sind, empfehlen sie noch dazu, was man aus den Restmengen bauen könnte, wenn man nur bei den Steinen x und y die nächstgrößere Einheit wählt. Und so fort.

    Ich lasse mich in meinem Blog ja gerne über die Apps der Zukunft aus. Das wären genau solche Mikro-Anwendungen, die funktionieren könnten.

  4. Das sehe ich ähnlich wie du. Über das konkrete Modell müssen wir wohl nicht diskutieren, aber es besteht schon noch ein enormes Potenzial. Insbesondere dann, wenn der Markt ingesamt noch schläft und man als einer von wenigen Anbietern in diesem Bereich ein wenig Druck macht.

  5. @Martin Gross-Albenhausen:
    Das Preisniveau und die Lieferkosten im Onlineshop sind gerade für Lebensmitteleinzelhändler eine schwere Entscheidung. Aus ihrer Sicht bekommen die Kunden die selbe Ware wie im Laden, jedoch ohne den üblichen Aufwand (Anfahrt/Abfahrt, Einkauf, Transport). Dieser Aufwand entsteht dafür auf Händlerseite und bindet Ressourcen, was Kosten verursacht.

    Was die „Liefer-Sicherheit“ betrifft, so geht es hier vor allem um die Versandunternehmen, die mit dem Transport beauftragt werden. Hier sind noch deutliche Schwierigkeiten zu sehen, besonders was den Umgang mit dem Transportgut und die Dauer der Zwischenlagerung betrifft – was aus Hagens Twitter-Reply zu sehen ist.

  6. Was Innovationen im Lebensmittelhandel angeht, ist bei uns noch einiges drin:
    Als begeisterter „Ex-Wahlholländer“ schaue ich mir oft die Angebote jenseits der Grenze zum Vergleich an.
    Es zeigt sich mal wieder, dass unsere westlichen Nachbarn uns beim Thema Innovation oft um längen voraus sind:

    Beispiel Marktführer Albert Heijn – http://www.ah.nl
    Die Seite bietet einige innovative Ideen und Anwendungen:
    z. Bsp.:

    IPone App – “Appie” – http://www.ah.nl/appie
    Dort kann man (siehe Video) neben dem Standardfeature, wie z.Bsp. der“ Laden Suche“ eine ganze Reihe von pfiffigen Erweiterungen sehen. Einkaufslisten lassen sich einfach erstellen und entsprechende Rezepte (die Datenbank umfasst 8000 Rezepte der unterschiedlichsten Kategorien) werden auf Wunsch empfohlen. Die Rezepte sind dann mit Fotos etc. zum nachkochen verfügbar. Außerdem werden die neusten Angebote („Bonusaanbiedingen“) aus dem Markt in dem man sich befindet angezeigt…

    Webshop – http://webwinkel.ah.nl/
    Man kann im Internet das komplette Sortiment inklusive der Aktuellen Sonderangebote bestellen (zu den selben Preisen wie im Laden) und sich auf Wunsch nach Hause liefern lassen.

    Lieferservice – http://www.albert.nl/
    Der Lieferservice „Albert“ (unter der Woche von 8:00-21:00) von Albert Heijn ist in Holland sehr beliebt. Die Internetbestellungen werden umgehend geliefert, dabei richten sich die Lieferpreise nach der gewünschten Lieferzeit (z.Bsp: Montagmorgen 8-10h: 11 Euro, Dienstagmorgen 8-10h: 6,95 Euro, Donnerstagmittag: 12-14h, 4,95 Euro)

    „Prijspeil“ – Preispegel – http://www.ah.nl/prijspeil/historie
    Albert Heijn gilt als eher teurer Supermarkt und versucht dem Image mit dem Prijspeil entgegen zu wirken. Der Preis für ein Produkt wird dann direkt mit den Preisen der Konkurrenz verglichen und entsprechend eingeordnet…

    Fazit: Mit innovativen e-Commerce Ansätzen sollte es auch in Deutschland möglich sein sich vom Web 0.0 im lebensmittel Einzelhandel langsam in Richtung Web 2.0 zu bewegen. Dann sollten auch die Webseiten von edeka 24 & Co. populärer werden….
    Bsp. laut Google AdPlanner: Unique Visitors auf Edeka24.de: 29.000 bei ca. 80 Millionen Einwohnern in Deutschland vs. 560.000 Unique Visitors auf Albert Heijn, bei ca. 16 Millionen Niederländern…..

  7. froodies macht in der Tat einen guten Eindruck, danke für den Tipp!

    So etwas in Hamburg, um die Möglichkeiten der regionalen Lieferung nutzen zu können wäre natürlich ein Traum… 🙂

  8. Hallo zusammen,

    mit großem Interesse habe ich den Artikel von Prof. Heinemann und die anschließende Diskussion verfolgt.

    Vorneweg: Wir von froodies glauben fest an die Zukunft des Online-Lebensmittelhandels. Trotz der negativen Erfahrungfen in der Vergangenheit (Stichwort Otto-Supermarkt) und trotz aller Unkenrufe im Hinblick auf die Preissensibilität der deutschen Verbrauchern und die hohen Logistikkosten.

    Es ist nicht von der Hand zu weisen, Deutschland ist sicherlich ein schwieriger Markt, wir sind dennoch überzeugt, mit einem darauf abgestimmten Geschäftsmodell (das an dieser Stelle zu erläutern zu weit führen würde) auf Dauer erfolgreich agieren zu können.

    Grundvoraussetzung ist ein überzeugender Onlineauftritt, der
    a) ein Vollsortiment mit gleicher Qualität und gleichen Preisen wie im Supermarkt beinhaltet
    b)einen schnellen und einfachen Einkauf ermöglicht (denn Zeitersparnis ist einer der Kernbenefits!
    c)den Usern gleichzeitig aber auch ein besonderes Einkaufserlebnis bietet

    Ich möchte beispielhaft den Rezeptegedanken von Martin aufgreifen und noch weiter führen. Wir haben eine Rezeptefunktionalität entwickelt und werden diese voraussichtlich noch in diesem Quartal live stellen, die es Usern ermöglicht, von den entsprechende Rezeptportalen in unseren Shop verlinkt und Rezeptezutaten mit einem Klick in den Einkaufswagen zu legen.

    In der Diskussion zu diesem Thema überwiegen aktuell eindeutig die Skeptiker. Wir arbeiten täglich daran, neue Kunden für unseren Online Shop und die klaren Vorteile zu begeistern und zu beweisen, dass der Online-Lebensmittelhandel auch in Deutschland eines der interessantesten Zukunftsthemen im E-Commerce ist.

    @Florian: Du kannst natürlich auch als Hamburger unseren Dienst nutzen. Wir versenden deutschlandweit!

  9. Ich werde Froodies meiner Frau vorschlagen. Mit doit24.de ist sie nicht klar gekommen. Was nicht schlecht wäre: Ein Bio-Sortiment auch „separat“, es gibt ja viele Bio-Produkte.

    Was macht Froodies eigentlich, wenn der Kunde bei der Lieferung nicht da ist? Der Lieferpreis mit 6,90 ist ja sehr akzeptabel.

  10. Bio-Kategorie wird demnächst eingestellt. Da wir außerhalb Dortmunds mit einem Logistikdienstleister arbeiten (DPD/DHL) gibt es folgende Möglichkeiten: Vor der Wohnungstür abstellen (wenn die Mitbewohner vertraulich sind), beim Nachbarn abgeben lassen oder zur Not an eine Packstation in der Nähe liefern. Falls Kunde nicht anzutreffen ist und auch die Alternativen nicht möglich sind, kann mit dem Kurier ein weiterer Liefertermin vereinbart werden.

  11. Hallo in die Runde,
    ein wichtiger Faktor für die Online-Umsetzung von „Innovationen“ im LEH ist mE die Unterhemensstruktur und ggfs. -Grösse. Dabei würde ich weder eine zentrale noch eine dezentrale noch eine Misch-Organisationsstruktur als innovationsfördernd bezeichnen. Entscheidend ist dabei der Einfluss und/oder Anteil von unternehmenseigenen Gatekeepern, die auch über operatives web 2.0-Know-How verfügen.
    Professor Heinemann schreibt, dass den kundenbindungsgetriebenen „Markenherstellern überforderte Händler“ gegenüberstehen, dies kann man pauschal natürlich gelten lassen. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass viele Hersteller (eher ohne eigene Verkaufspräsenz) wenig Input liefern könnten wenn es darum ginge den Kunden web-2-nullige Features anbieten zu können sowie das Kundenfeedback richtig zu erfassen und einzusetzen.
    Ich stimme aber zu, dass das Potenzial im Online-Lebensmittelhandel nicht annähernd ausgeschöpft ist, man denke nur was zukünftig möglich/notwendig wäre wenn der Kühlschrank „selbständig“ die zu Ende neigenden Lebensmittel bestellt und ein Gang in die Filiale entfällt .
    Meines Erachtens sind regionale Anbieter wie citti24, edeka24, eworld24.de operativ + strategisch nicht darauf ausgerichtet bundesweit aktiv zu werden, was völlig unverständlich ist. Im Fall Aldi und Co sehe ich fehlendes Verständnis des Online-Kanals sowie Mangel an echter Konkurrenz (Kompliment an froodies.de) als Ursache für Online-Inaktivität – warum sich online engagieren wenn die Kunden von allein in die Filialen vor Ort kommen.

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  14. Ich verfolge schon seit einigen Tagen die Kommentare hier und kann euch nur sagen dass wir bei unseren Gesprächen mit Einzelhändlern sehr wohl immer offene Türen einrennen.
    Das Problem mit dem nahezu alle zu kämpfen haben ist die Differenzierung dem Kunden gegenüber. Sie besteht derzeit fast ausschließlich über den Preis. Daran sind die Einzelhändler bzw. die großen Ketten allerdings selbst schuld.

    Wir sehen sehr wohl ein großes Kundenpotenzial, dass wir z.B. in Karlsruhe auch schon aufgebaut haben. Diese Menschen sind durchaus bereit erheblich mehr für die Leistung der Lebensmittelversorgung zu bezahlen, wenn sie verlässlich und in guter Qualität beliefert werden.

    Wir sind gespannt auf die Dinge die da kommen und hoffen mit Froodies einen kompetenten Partner im dortmunder Gebiet gefunden zu haben.

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